Ein Kurzinterview mit der Autorin Christine Koschmieder über ihr literarisches Essay EIN HAUS FÜR MICH.

Und da steht es also, das alte Schifferhaus, mitten in Sachsen-Anhalt gelegen und leider nicht an einem Fluss. Dafür gegenüber von einem anderen Haus, in dem die Rollläden dauerhaft runtergelassen sind, und in einem Bundesland, vor dem uns manchmal graut, wenn wir an die politische Situation denken. Damit tun wir vielen Menschen, die dort leben, Unrecht. Und das ist nur eins der vielen Themen, über die Christine Koschmieder schreibt in ihrem schlauen, manchmal vergnüglichen, immer wieder überraschenden und vor allem zum Nachdenken inspirierenden literarischen Essay EIN HAUS FÜR MICH.

Ich freue mich sehr, dass die Autorin sich Zeit genommen hat, mir drei neugierige Fragen zu beantworten.

Liebe Christine, mit Deinen literarischen Essays wie EIN HAUS FÜR MICH, bei denen man annehmen darf, dass sie autobiographisch oder autofiktional sind, machst Du Dich „nackt“ für die Öffentlichkeit. Warum?

Christine Koschmieder: „Das klingt ein bisschen, als sei Nacktheit etwas, das man unbedingt vermeiden müsste, weil sie einen angreifbar macht. Wir sind aber per se angreifbar und veranstalten oft sehr absurde Manöver, um uns weniger angreifbar oder verletzlich zu machen. Und dann stehen wir irgendwann vor dem Spiegel, erkennen uns selbst nicht mehr wieder und fragen, wie bin ich denn zu der da geworden?

Statt vor diesem Spiegelbild davonzurennen, gucke ich halt hin, wo bestimmte Deformationen herkommen. Um ihnen dann sozusagen die Kleider vom Leib zu reißen. Zum Beispiel der Erwartungshaltung, dass es bei einem Hauserwerb auf dem Lande immer um die Sehnsucht nach dem Ankommen geht. Und dann genau das nicht zu bedienen, sondern über Geld und Schulden zu schreiben, und darüber, wie wenig ein Haus mit Ankommen zu tun haben kann, sondern mit Angst und Beklemmung, wenn es kein sicheres Zuhause ist.“

Nachdem Du in DRY über den Umgang mit Alkohol geschrieben hast und in SCHAMBEREICH über Sexualität und „Sumpfgebiete unserer Seele“, geht es in EIN HAUS FÜR MICH um Verortung, um die Inbesitznahme von Räumen. Was reizt Dich an diesem Thema?

Christine Koschmieder: „Ich mag den Begriff Inbesitznahme, weil er exakt die beiden Themen beinhaltet, um die es mir geht: zum einen unsere Vorstellung von Besitz und Eigentum, die Selbstverständlichkeit, mit der wir Privateigentum viel zu wenig in Frage stellen, viel zu wenig nachfragen, wem eigentlich die Möglichkeit gegeben ist, etwas zu besitzen und wem nicht. Und dann aber eben auch die Aneignung, die Inbesitznahme von Räumen, von Vorstellungen. Davon, wie wir Räume nutzen wollen, zu welchen Bedingungen sie zur Verfügung gestellt werden, was in ihnen stattfindet. Und last not least, wer den Zugang zu ihnen kontrolliert und gewährt.“

Du benutzt das Bild des „unsichtbaren Monsters“, mit dem sich Chuck Palahniuk gegen die Vereinnahmung seines Titels „Fight Club“ durch einen Online-Troll-Trupp wehrt. Wie können Deine Leser*innen ihr „unsichtbares Monster“ finden, um sich in unser immer lauter und aggressiver werdenden Welt zu behaupten?

Christine Koschmieder: „Das ist die schwierigste Frage von allen, denn wir haben ja alle sehr unterschiedliche Ängste und Gegner und Herausforderungen zu bekämpfen, und wo für die eine die Waffe der Wahl eine Handgranate ist, ist es für die andere ein freundliches Wort. Aber wenn ich drüber nachdenke: So sehr ich mir wünschte, dass Worte weder unsichtbar sind noch als Monster daherkommen, sind freundliche Worte und freundliche Fragen (manchmal auch an das eigene Spiegelbild) oft die wirkungsvollsten ‚Monster‘, um einen unerbittlichen Gegner (auch das eigene Spiegelbild) vorübergehend zu entwaffnen.“

***

Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich selbst gekauft habe, natürlich im niedergelassenen, unabhängigen Buchhandel. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Christine Koschmieder: EIN HAUS FÜR MICH. Kanon Verlag, 2026

Das Banner zeigt die Autorin Christine Koschmieder, die auf einer Betontreppe sitzt; links von ihr sieht man den Umschlag ihres literarischen Essays "Ein Haus für mich".