Christine Koschmieder erzählt in ihrem literarischen Essay EIN HAUS FÜR MICH von Sollbruchstellen und all dem, was man renovieren kann – eine Immobilie, sich selbst … und mit ein bisschen Glück auch die Gesellschaft?
„Wenn ich auf meinem Bett liege und auf die Kerben in meinen fast zweihundertjährigen Holzbalken starre, kann ich von jedem einzelnen der unter mir liegenden 100 Quadratmeter sagen, welches Material dort verlegt, verschraubt, gegossen, gepflastert, aufgebohrt, verfüllt, lackiert, verklebt und verstrichen wurde. Ich liege über 50 Eimern Baumarktfarbe, Spezialfarbe, Lehmputzfarbe, Speziallack, Leinölfarbe und wasserlöslichem Buntlack in Papaya, Rapsgelb und Feuerrot, Herrin über all diese Oberflächen, die ich zum Teil achtmal überstrichen habe, bis sie gestimmt hat, die Farbe, und ich weiß immer noch nicht, wie lange sie diesmal stimmt. Und wie das geht mit der Sicherheit und Geborgenheit. Ich weiß, wie ich einen Durchbruch verputze, aber ich weiß nicht, wie ich das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in mein Leben male. Ich höre allerdings nicht auf, Farbe dafür zu kaufen.“
Muss man nach diesem Zitat noch mehr sagen zu einem Buch, das ich mit großem Vergnügen, Erkenntnisgewinn und diesem besonderen „Hach“-Gefühl gelesen habe, das wir erleben, wenn wir in einen Text hineinkriechen wollen? Ich will, ich versuch’s!
Christine Koschmieder, Literaturagentin, Autorin und Heldin-wider-Willen in EIN HAUS FÜR MICH, hat eine Wohnung, die zu groß ist, nachdem ein Kind das Nest verlassen hat und das andere bald flügge wird. Also mietet sie eine kleinere – und kauft ein Haus dazu, irgendwo in Sachsen-Anhalt, wo sie mal auf dem Parkplatz des Friedhofs stand und dachte „Ja, das ist es“.
Dass sie bislang ein tief verwurzeltes Misstrauen hatte gegen Häuser, zu denen sie einen Schlüssel besaß und in denen sie sich (gefälligst!) zuhause fühlen sollte? Ist nicht vergessen, kann aber überwunden werden. Hofft Frau Koschmieder jedenfalls. Oder sollte das Kaufen, Renovieren, Wohnen, Nachdenken nur eine Übersprungshandlung und Vermeidungstaktik sein?

EIN HAUS FÜR MICH hätte eine Kruschtschublade werden können – ist aber ein essayistisches Schmuckkästchen
Die Autorin, einst die eintausendste Einwohnerin von Waldhilfsbach (aber es ist nicht sicher, ob die Zählung mit rechten Dingen zuging), schreibt in EIN HAUS FÜR MICH über Kredite und Handwerker, geliehene Kühlschränke und „Frankfurter Normendrücker“, über Feinstaub, Virginia Woolf und einen Mann, der kein eindeutiges Angebot macht (und sie auch nicht; undenkbar, wenn er ablehnen würde!). Natürlich darf das Glücksgefühl nicht fehlen, das sich daraus ergibt, Steckdosen zu besitzen. Oder die Frage, ob es manchmal die Anerkennung der Lebensleistung sein kann, auf ein * zu verzichten.
EIN HAUS FÜR MICH ist vieles – und begeistert mich darum auf unterschiedlichen Ebenen: Es ist ein Essay über Verortung, eine Wohnbiographie, eine Gegenwartsanalyse. Und natürlich ist es auch das Memoir einer Überlebenden, die Vergangenheit und Alkoholsucht hinter sich gelassen hat, wie man leichthin sagt. Aber das ist es natürlich nicht:
„Wer sich entschieden hat, den Konsum eines Suchtmittels zu beenden, beendet damit den Konsum eines Suchtmittels. Nicht die Ursachen. Die fordern dann eben unbetäubt Aufmerksamkeit ein.“

Christine Koschmieder hatte bereits zwei Romane veröffentlicht – SCHWEINESYSTEM (2014) und TRÜMMERFRAUEN. EIN HEIMATROMAN (2020), bevor sie 2022 mit dem literarischen Essay DRY auf meinem Radar und dem vieler anderer auftauchte. Echos dieses Themas finden sich nun auch in EIN HAUS FÜR MICH:
„Ich bin seit zwei Wochen zurück aus der Suchtklinik. Die Flasche Weißwein steht nicht mehr in meinem Kühlschrank, sie steht nur noch in meinem Kopf herum. Ich kann das jetzt. Über eine nicht vorhandene Flasche Wein nachdenken, über den Sog, den sie auslöst, das schmerzhafte Freundschaftsangebot, das von ihr ausgeht. Darüber, wie ich versucht habe, mit dem Trinken einen bestimmten Zustand herzustellen. Und zu halten. Ein bisschen schwermütig, ein bisschen zufrieden, ein bisschen von diesem angenehmen Ziehen im Brustkorb, von diesem Glücklichsein, diesem flüchtigen und diffusen Glückszustand. Alles, was flüchtig und diffus ist, kann ich nicht gut aushalten. Ich versuche es festzuhalten, zum Bleiben zu zwingen. Andere trinken, um sich Situationen und Gefühlen zu entziehen. Ich habe den Alkohol vor allem genutzt, um das Schöne herbeizutrinken und an mich zu binden. To make it last.“
Eine Autorin, die uns Worte gibt, die uns sonst fehlen würden
Ist das vorliegende Buch also nicht nur ein kenntnisreiches, manchmal amüsantes, immer wieder zum Nachdenken verführendes Lesevergnügen … sondern auch das Protokoll einer Selbsttherapie? Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Ausloten und dem Rausschreien; Koschmieders intellektuelles „Look at me“ lässt Verletzlichkeit zu, ohne dabei in ein „Mi, mi, mi“ abzugleiten.
Die eigenen Sollbruchstellen so zu zeigen, das zeugt von Stärke und Mut. Und obwohl natürlich jeder Satz in diesem Buch wohlkuratiert ist, vieles das Zeug zum perfekten Bühnenmonolog hat (schwarzer Hintergrund, ein Scheinwerfer, der lediglich das Gesicht einfängt), wirkt EIN HAUS FÜR MICH dabei ungemein authentisch, manchmal ein bisschen struppig und gerade deswegen so sympathisch:
„Ich bin so müde vom ewigen Aufspringen, Wegrennen, Abbrechen, Neuanfangen, Nichtzuendebringen. Kaum kommt die Angst oder die Traurigkeit, renne ich weg. In den Wald, ins Auto, zu einem neuen Studium, Mann oder Kind. Ans Telefon oder zum Renovieren. Zum Schimpfen und Schreien. Die Sonntagspanik, wenn hier schlechtes Wetter ist, alle Orte schon abgeklappert sind, kein Bus fährt und die Geschäfte geschlossen haben. Kein Entkommen. Nicht vor geschlossenen Räumen, wie ich dachte, sondern vor mir selbst. Vor mir fürchte ich mich. Daher auch der Widerwillen, es mir gemütlich zu machen, mich niederzulassen, mich einzurichten. Nicht stillsitzen zu können.“
EIN HAUS FÜR MICH erzählt vom Bauhaus (der Institution, nicht der Kette) und der richtigen Form von Lichtschaltern, Freundschaft, einem besonderen Handarbeit-Projekt, dem Flussbad Rehsumpf, dem Zusammenhang zwischen steigenden Mieten und dem trügerischen Glanz rechter Propaganda. Wer ob des Buchtitels viel Renovierungschaos erwartet, wird darauf verzichten müssen. Christine Koschmieder erinnert sich stattdessen an die Gastfreundschaft in Des Moins, USA, und Monterosso, Italien; sie zeigt uns die Narben ihrer Vergangenheit und holt dafür aus, indem sie über das wenig freudvolle Paarungsverhalten der Grasfrösche referiert. Und sie stellt sich immer wieder in Frage – Achtung, noch so ein Bühnenmonologmoment:
„Prinzessinnenträume musste mir niemand abtrainieren. Mir musste ich Verständnis für Terroristinnen abtrainieren. Die Streberin for rebel approval musste ich mir abtrainieren. Und vor allem musste ich mir etwas Entscheidendes antrainieren: Verständnis für die einengenden Kostüme, unter denen andere aufwachsen.“

Christine Koschmieder hat nach 21 Umzügen eine Immobilie gekauft – erzählt in diesem Buch aber von so viel anderem
Ein Haus hat mehr als vier Wände, EIN HAUS FÜR MICH gerade einmal 171 Seiten, aber Christine Koschmieder beherrscht die Kunst, sehr viel Leben in eher wenig Text einzufangen – diese Intensität, diese Aufforderung, mitzudenken, vielleicht auch in Opposition zu gehen zur Autorin und ihrem literarischen Alter Ego, das alles habe ich als etwas Besonderes empfunden. Und was mir auch gefällt: Wie Christine Koschmieder erklärt, was unsichtbare Monster sind, nicht im Sinn von Pixar, sondern von Chuck Palahniuk … und wir begreifen, dass wir sie unbedingt brauchen in unserem Leben, um wehrhaft zu bleibe, wenn wir gegen unseren Willen zu Spielfiguren in einem Fight Club gemacht werden sollen.
Vielleicht können Bücher unsichtbaren Monster sein, die uns helfen? EIN HAUS FÜR MICH, dieses schlaue, besondere Buch, gehört dann sicher dazu. Auch, weil die Autorin uns zwischendurch immer wieder zum Lachen bringt, denn sie nimmt ihre Themen ernst, sich selbst dagegen … nicht immer:
„Meine Neigung, die Realität ständig auf meine eigene Unentbehrlichkeit abzuklopfen, weicht der schönen Erkenntnis, dass die Sonne gut ohne mich auf- und untergehen kann. Wohingegen ich sehr froh bin, dass ich Menschen gefunden habe, die mich am anderen Teil der Geschichte teilhaben lassen.“
Wäre das nun schon das beste Zitat gewesen, um diese Gedankensammlung abzuschließen? Vermutlich schon. Aber bei Christine Koschmieder werde ich zum Klassenstreber (eine Rolle, die ich im wahren Leben wirklich niemals innehatte), schnipse mit dem Finger und rufe „Eins hab ich noch“ – denn ohne diesen Satz, mit dem die Autorin meinen Leseeindruck so gut zusammenfasst, kann ich niemanden in die nächste Buchhandlung schicken, um EIN HAUS FÜR MICH zu bestellen:
„Ich möchte Vanillezucker über diese Erinnerung streuen und sie auflöffeln.“
***
Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Christine Koschmieder: EIN HAUS FÜR MICH. Kanon Verlag, 2026



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