Die britische Autorin Elizabeth Taylor (nein, nicht die Schauspielerin!) wurde zu Unrecht vergessen – denn ihr Roman MRS PALFREY IM CLAREMONT ist auch über 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ein großes Vergnügen!

„Während sie auf die Backpflaumen wartete, fasste Mrs Palfrey den vor ihr liegenden Tag ins Auge. Der Vormittag wäre auf recht schöne Art gefüllt; Nachmittag und Abend dagegen würden sich lange hinziehen. Ich darf mein Leben nicht fortwünschen, schalt sie sich; doch sie wusste, dass sie immer häufiger auf die Uhr schaute, je älter sie wurde, und dass es jedes Mal früher war, als sie gedacht hatte. In ihren jüngeren Jahren war es immer später gewesen.“

Mrs Palfrey weiß, was sich gehört – und noch besser, was nicht. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie lange im Ausland gelebt, wo es galt, allen Herausforderungen der Fremde (inklusive der dazugehörigen Fremden) mit „Haltung“ zu begegnen; nach seiner Pensionierung hat das Paar ein unaufgeregtes Glück gefunden in einem kleinen Haus in der britischen Countryside.

Nun, als Epilog zum Tod des Gatten, wartet ein neues Kapitel auf Mrs Palfrey, von dem angenommen werden darf, dass es das letzte ist: Sie zieht ins Claremont-Hotel, das damit wirbt, Sonderpreise für Dauergäste zu offerieren (auch wenn die Hotelleitung keinen Hehl daraus macht, dass man die alten Herrschaften gerne loswerden würde, wenn zu Messezeiten jedes Bett in der Stadt für ein Vielfaches vermietet werden könnte). Dabei passen das in die Jahre gekommene Haus und die Zukunftsperspektive der Pensionär*innen fast schon tragisch gut zusammen: „Man erlebt dort eine Form von Einsamkeit, und einen Mangel an Vorfreude.“

So gehört es unter anderem zum immergleichen Ablauf eines Tages, dass die Damen Palfrey, Post, Burton und Arbuthnot – sowie der einzige Mann in der unfreiwilligen Runde, Mr. Osmond – sich in der Halle herumtreiben, wenn die Speisekarte ausgehängt wird. Niemand würde zugeben, dass dies zu den Highlights des neuen Seins gehört; aber selbst die stets drohende Enttäuschung ob der zu erwartenden Mahlzeiten ist etwas, was die Stunden schneller vergehen lässt. Dabei ist Mrs Palfrey zu Beginn noch hoffnungsvoll:

„Ich werde beobachten können, wie der Flieder anfängt zu blühen, dachte sie. Es wird genauso sein wie im Park von Rottingdean. Die Umgebung hätte kaum verschiedener sein können, doch hinsichtlich der Fliederbäume empfand sie Entschlossenheit. Sie würden Teil ihrer Regeln werden, ihres Verhaltenskodex. Sei unabhängig; verfalle niemals der Schwermut; rühre niemals Kapital an. Und an diese Regeln hatte sie sich gehalten.“

Mrs Palfrey – die übrigens Laura mit Vornamen heißt, aber so vertraulich möchte die Autorin sie nicht ansprechen, und ich wage es auch nicht! –, hat gleich am ersten Tag einen fatalen Fehler begangen: Auf die Frage, ob sie Verwandte in London habe, hat sie ihren Enkel erwähnt … und zu spät gemerkt, dass nun ein Besuch von diesem erwarten wird. Besser ausgedrückt: Zwingend notwendig ist, damit nicht der Makel der „einsamen Alten“ an ihr klebt. Obwohl die alleingelassenen Damen (nebst Mr Osmond) im selben Boot sitzen, ist es Mrs Palfrey nicht egal, wie die anderen sie sehen – zumal dies färben würde, wie sie selbst auf sich blicken darf:

„Mrs Palfrey wünschte sich zwar sehnlich, ihren Platz zu finden und dort anerkannt zu sein, hatte aber genügend Charakter, um sich selbst eine Meinung über Mrs Burton bilden zu wollen. ‚Ich sage, was ich denke‘, hätte ihr Motto sein können, wäre sie nicht der Ansicht gewesen, dass so Bedienstete sprachen.“

Das Banner zeigt rechts den Umschlag der deutschen Ausgabe des Romans "Mrs Palfrey im Claremont" von Elizabeth Taylor und links daneben zwei Umschläge von britischen Ausgaben, mutmaßlich der aktuellen und der ersten.

Wenn ein Unglück eine ungeahnte gute Seite hat

Ausgerechnet ein Sturz auf der Straße birgt einen Hoffnungsschimmer in Mrs Palfreys Leben, denn aus einer Souterrainwohnung eilt Hilfe herbei: Ludovic Myers, der bei Harrods arbeitet, allerdings nicht für das Kaufhaus, sondern nur in dessen Kassenhalle, wo er in den für Kunden gedachten Sesseln sitzend über seinem ersten Roman brütet.

Ludo erkennt seine Chance; er wird über diese alte Frau mit dem säuberlich gefalteten Doppelkinn schreiben, die einem berühmten General gleicht, der irritierenderweise Damenkleidung trägt. Dafür ist er auch bereit, über ihren Hang zum Lavendelwasser hinwegzusehen – und sie im Claremont zum Abendessen zu besuchen.

Mrs Palfrey gibt ihn hocherfreut als ihren Enkel aus. Und erstaunlicherweise stört sie seine Vulgarität („Mutter ist eine Schlampe“) weit weniger als die Ausdrucksweise ihrer Tochter, die ihr zu „volksnah“ erscheint. Sie idealisiert den jungen Mann, der dies nicht verdient, den wir aber trotzdem nicht verurteilen wollen, zumal er mit seiner eigenen Mutter geschlagen ist:

„‚Wollte nur mal kurz reinschauen, kam eh gerade vorbei‘, sagte er, als seine Mutter die Tür des Hauses in Putney öffnete. (Und er dachte, ich bezweifle, dass wir je irgendetwas Wahres zueinander gesagt haben, seit ich mit ungefähr sechs eines Besseren belehrt wurde.)“

Elizabeth Taylor ist eine Autorin, die es – so wie auch schon Barbara Pym – verdient, von jeder Generation neu entdeckt zu werden

MRS PALFREY IM CLAREMONT ist der letzte Roman, der noch zu Lebzeiten von Elizabeth Taylor (1912–1975) erschien – und stand nach seinem Erscheinen 1971 auf der Shortlist des damals jungen Booker Prize, der dann allerdings an IN EINEM FREIEN LAND von V. S. Naipaul verliehen wurde.

Taylor schrieb in ihrem Gesamtwerk aus Kurzgeschichten und Romanen über Frauen aus der oberen Mittelschicht, zu der sie selbst gehörte, und tut dies im vorliegenden Buch mit einem Humor, der sich aus der „typisch britischen“, zugewandt reservierten Grundhaltung ergibt und eine warme Farbe hat, ohne der traurigen Situation seine Schärfe zu nehmen – denn letztendlich ist MRS PALFREY IM CLAREMONT ein melancholisches Buch über Enttäuschungen und den Klammergriff der Konventionen.

Elizabeth Taylor hält sich nicht mit Perspektivtreue auf, springt immer so in die Figuren, wie es ihr gefällt, was dem Text zuweilen einen eckigen, vor allem aber sympathischen Retro-Charme verleiht, über den man fast vergessen könnte, wie modern sich der Roman auch heute noch liest. Man kann sich regelrecht zeitverwirren lassen von diesem Text, der vermutlich Anfang der 1970er Jahre spielt, auch wenn ich beim Lesen die ganze Zeit das Gefühl hatte, es wäre das Ende der 1950er …

So oder so ist spannend, wie die Autorin im Plauderton einer Geschichte, die nicht so harmlos ist, wie sie tut, viele Themen verhandelt: Die Einsamkeit des Alters und die egoistische Kratzigkeit der Jugend, das Aufeinanderprallen von dem, was früher wichtig war, und dem, was heute normal ist.

„Feel all the Feels“? Da hat man hier einiges zu tun!

MRS PALFREY IM CLAREMONT ist kein wehmütiges Buch, denn das würde nicht zur Hauptfigur passen; das zeigt sich in Momentauf-nahmen wie dieser, die ich dreimal, viermal hintereinander gelesen habe, weil ich sie als so schön empfinde und als – großes Wort, ich weiß! – wahrhaftig:

„Sie sah die Hand ihres Mannes mit der Zange vor sich, eine starke, verlässliche Hand, auf der Haare wuchsen. Wenn ich damals gewusst hätte, wie glücklich ich war, sagte sie sich jetzt, hätte es bloß alles verdorben. Für mich war es das Natürlichste der Welt. Das war viel besser. Ich bereue es nicht.“

Bettina Abarbanell hat die 242 Seiten – dem sich ein Nachwort von Rainer Moritz anschließt – fließend übersetzt; so kommen wir in den Genuss einer Geschichte, die man nicht vergessen möchte, und von Gedanken, die es lohnt, sie zu notieren:

„Sie erklärte ihm nicht, wie zutiefst pessimistisch man im Grunde seines Herzens sein musste, um die Art von Optimismus aufzubringen, über die sie jetzt verfügte.“

Beim Lesen kann man zwischen Amüsement und leiser Melancholie schwanken (manchmal erlebt man beides gleichzeitig), und ist so oder so schon nach wenigen Seiten wie gefangen von einer Geschichte, in der man manche Versatzstücke erkennt – sei es Mrs Arbuthnots Galligkeit, Mrs de Salis‘ kapriziöses Spreizen, Mrs Burtons Hang zum Trinken –, die aber doch mehr als Klischees sind, sondern eine andere Wahrheit hinter der Fassade zeigen.

Der in grünes Leinen eingebundene Handschmeichler hätte ein liebevolleres Bildmotiv verdient – ist aber trotz seines hohen Preises jeden Euro wert!

In gewisser Weise könnte dieses Buch, das 1971 veröffentlicht wurde, aber davor zu spielen scheint, auch heute noch so geschrieben werden – was auch am Humor der Autorin liegt („‚Ein weiterer Sonntag fast vorbei‘, sagte Mrs Post schnell, um einen kleinen Furz zu tarnen; sie besaß Geistesgegenwart.“) … und daran, wie elegant sich ein spontaner Tempowechsel in den Text schmiegt, wenn Elizabeth Taylor eine verunglückte Party beschreibt. Der von mir hochgeschätzte Alan Bennett (der Mehrheit der hier Lesenden durch seinen Banger DIE SOUVERÄNE LESERIN bekannt), hätte vermutlich seine Freude daran. Und würde sich möglicherweise, so wie ich, in Szenen wie diesen wiederfinden:

Als sie einer nach dem anderen aufstanden, um zum Essen zu gehen, richteten sich die mittelalten [anderen Hotelgäste], die zu einer zahmen Feier zusammengekommen waren, instinktiv auf und drückten das Kreuz durch. Sie versuchten, agiler auszusehen und ihre Zukunft zu vergessen.


Mr Osmond schloss die Tür und folgte Mrs Palfrey in einigem Abstand; ihm fiel eine alte, alte Anekdote ein, risqué, die er dem Manager en passant erzählt hatte. Stille im Speisesaal, nahezu. Langsam ließen sich alle auf ihren Stühlen nieder. Mit dem Älterwerden schienen die Frauen immer mehr alten Männern zu gleichen und Mr Osmond immer mehr einer alten Frau.“

MRS PALFREY IM CLAREMONT ist kein Buch, das uns überwiegend heiter zurücklässt – oder vielleicht doch? Denn wenn man sich das Gedicht „I Wandered Lonely as a Cloud” von William Wordsworth ansieht, auf das Bezug genommen wird, dann findet man darin auch diese besondere Mischung aus dem Traurigen und dem Schönen und dem, was es zwischen diesen Polen gibt, so wie in diesen letzten Zeilen:

„For oft when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude,
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the Daffodils.“

Den Humor der Autorin mag man dagegen in diesem Zitat finden:

„‚Außerdem‘, fügte sie etwas treffender hinzu, ‚ist es so einsam, nur dazusitzen und vor sich hin zu schreiben, Tag für Tag. Es hat keinen Glamour.‘“

Ob das im Leben so ist, sei dahingestellt; ich tippe dies nun auf jeden Fall sitzend und vergnügt. Und was unbedingt wahr ist: Die Schriftstellerin Elizabeth Taylor, so dürfen wir nach der Lektüre ihres Romans annehmen, hatte einen Glamour, der dem ihrer Namensvetterin in Nichts nachstand.

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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Elizabeth Taylor: MRS PALFREY IM CLAREMONT. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Dörlemann, 2021

Die Abbildung zeigt den deutschen Umschlag des Romans "Mrs Palfrey im Claremont" von Elizabeth Taylor.