Nach ihrem bewegenden autofiktionalen Bestseller DAS LIEBEN DANACH widmet sich Helene Bracht in IRMA TANZT, ihrem zweiten literarischen Essay, ihrer Mutter
„Ich stellte fest, dass man gleichzeitig analytisch denken und verworren fühlen kann. Oder andersherum: dass man selbst mit wüsten Emotionen noch bei klarem Verstand sein kann.“
Ein Leben wie viele andere? Lenes Mutter, geboren 1911, hat zwei Weltkriege erlebt, sie hat viel gearbeitet (und noch mehr gehofft), war dankbar für den Mann, der sie heiratete, obwohl sie da schon schockierende Vierzig war; sie hat mit dem kriegsversehrten Heimkehrer ein Geschäft aufgebaut, bekommt spät ein Kind, könnte es sich in dem bequem machen, was man Gutbürgerlichkeit nennt. Passt alles zusammen. Aber dass Irma so wenig auf sich achtet, sich nicht dem neuen Wohlstand entsprechend kleidet, die Menschen zu fest umarmt, überhaupt zu laut ist, sich in Schwärmereien verliert – wie gehört das ins Gesamtbild?
(Obwohl IRMA TANZT von Helene Bracht wie sein Vorgänger DAS LIEBEN DANACH kein Roman ist – der Verlag spricht von einem literarischen Essay –, sei darauf hingewiesen, dass meine Gedankensammlung Spoiler enthält, insbesondere für das erste Buch. Und bei Interesse: Meine Rezension zu DAS LIEBEN DANACH findet sich HIER.)
All das ist ein ganzes Leben her: Lene, die Tochter, ist längst erwachsen, Irmas Mann nach jahrelangem emotionalem Stellungsgefecht verstorben; sie hat sich danach in Herrn Friedrich verliebt, den die Frédéric nennt. Ein besonderes Glück, zart und umso schöner, weil es spät, aber doch noch gekommen ist – bis zu dem Tag, als Irma einen Schlaganfall hat und Lene im Krankenhaus für sie da sein muss.
„Wenn ich den Körper meiner Mutter im Krankenbett unter dem dünnen OP-Hemd betrachtete, wenn ich sah, wie flatternd und schwach ihr Atem ging, wenn sie mit geschlossenen Augen ihre Hand nach mir ausstreckte, zaghaft, fragend, und ich ihre schlaffen Finger auffing, dann suchte ich unwillkürlich nach den Spuren all der jüngst in ihr Leben getretenen Sinnesfreuden. Diese pralle, überbordende Pracht, all das Blühende, Sprudelnde, Leuchtende, wo war es jetzt, wo in diesem Körper hatte es sich niedergelassen. Wie konnte es sein, dass das alles so rückstandslos von ihr gewichen war. Als wäre es nichts weiter als eine letzte trügerische Posse ihres vergehenden Lebens gewesen, eine Luftspiegelung, die verflog und nichts als das stumpfe, stinknormale Siechtum eines alten Körpers übrigließ.“

Emotional fordernde Bücher können ein Geschenk für uns Lesende sein – und das trifft auf IRMA TANZT in vollem Umfang zu
Nach dem fesselnden, literarischen und essayistischen Debüt DAS LIEBEN DANACH, in dem wir der Mutterfigur der Erzählerin kaum anders als mit Wut und Unverständnis begegnen konnten, widmet sich Helene Bracht in IRMA TANZT nun ganz dieser Frau voller Wiedersprüche. Durch die Augen ihrer Tochter erleben wir, wie Irma ihre ersten Lebensjahre in einem Waisenhaus verbrachte – und beginnen zu verstehen, worin ihr späterer Drang begründet ist, zu vertrauen. Lenes Spurensuche geht immer tiefer, sie erfährt vieles über das Leben der Mutter, über den Schmerz, der seine Wurzel in Zurückweisung hat. Und wir erleben das Grauen der Tochter, wenn sie den Briefwechsel zwischen ihren Eltern findet:
„Die Briefe, geschrieben in den ersten Jahren meiner Existenz: Das war also die Zeit des offenen Krieges in der Ehe. Roher, heftiger noch als das, was ich bewusst erlebt hatte. Nicht nur Geschlechterkampf, dachte ich grimmig, sondern auch Klassenkampf. Fast konnte ich nicht glauben, dass das tatsächlich meine Eltern gewesen waren, die so gedacht und gesprochen hatten, zwei Menschen nur eine Generation von mir entfernt. Eine Geisteswelt, die derart um die Naturgegebenheit patriarchaler Knechtung kreiste, gehörte für mich in die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, Flaubert, Fontane oder Tolstoi, aber doch nicht in die Zeitspanne meines jungen Lebens, immerhin hatten die Achtziger des zwanzigsten Jahrhunderts bald ihre Mitte erreicht.“
IRMA TANZT hat viele Qualitäten – eine davon ist, dass wir beginnen, Irma zu verstehen, das Sehnen und die Hoffnungslosigkeit einer Frau, die nicht „passt“, das aber auch nicht will. Und deren vermeintliche Rücksichtslosigkeit gegen ihre Tochter, die mich in DAS LIEBEN DANACH so gewürgt hat? Entspringt einem Blick auf die Welt, für den man Irma zwar schütteln könnte, sie aber auch behütend in den Arm nehmen möchte.
Denn: Lenes Mutter ist immer wieder Opfer sexueller Übergriffe – da waren Soldaten, die nach dem Krieg nahmen, was sie wollten, später ihr Mann, der auf den „ehelichen Pflichten“ bestand, später ein Nachbar. Aber, und das ist ebenso erschütternd wie faszinierend, Lenes Mutter hat dies nie so gesehen:
„Wo es auf der weiblichen Seite keine hoheitliche Verfügungsgewalt über den eigenen Körper gibt, kann es von männlicher Seite auch keine unrechtmäßige Inanspruchnahme geben. So empörend mir diese Wirklichkeitskonstruktion angesichts des monströsen Geschehens, das sie beschreiben wollte, erschien, sie verschaffte meiner Mutter einen wesentlichen Vorteil: Anders als viele andere vergewaltigte Frauen war sie niemals von Schuldgefühlen geplagt worden. Auch war ihr die kulturell vorgesehene Scham der Opfer fremd. Sie hatte geduldig ertragen, was, wie sie meinte, unausweichlich war. Sie schämte sich, wenn überhaupt, dann für die Männer, die sich nicht im Griff hatten, denn innerhalb ihres Weltbildes lag die Handlungsmacht ausschließlich bei den Männern.“
IRMA TANZT zündet viele solche emotionalen Bomben, und ich kann nicht anders, als diese hier weiter zu zitieren:
„Diese trugen, so das Narrativ, schwer an ihrer Bürde, ihre angeborenen Triebe zur Wahrung von Sitte und Anstand in Zaum halten zu müssen. Da wurde ihnen ein Tribut an die Zivilisation abverlangt, der sie bedauerlicherweise von der Sittsamkeit der Frauen abhängig machte. Und die weniger Belastbaren unter ihnen brauchten eben, so die Logik, gelegentlich ein Ventil.“
Was mich einmal mehr trifft ist, was diese Weltsicht auch bedeutet – und wenig mit der Solidarität zu tun hat, die doch eigentlich der Kern von empathischem (menschlichen!) Verhalten sein sollte:
„Frauen, die diese Schwäche angeblich ausnutzten, die das Tier im Manne lockten, wurden als Flittchen oder Schlampe geächtet oder als Femme fatale gefürchtet. Eine Sexualideologie mit langer Tradition, die bis heute als latenter Triebdeterminismus in Männlichkeitsbildern und Diskursen über sexualisierte Gewalt fortwirkt, bei weitem nicht nur in der Manosphere.“
Ein Hauch von Kritik
In gewisser Weise entziehen sich die Bücher von Helene Bracht jeder Kritik – denn die Autorin gewährt uns hier Einblicke in ihr Seelenleben, für die man ihr nichts anderes als Respekt zollen kann: „Jeder Text erzählt von der Person, die ihn geschrieben hat“, sagte sie dazu in einem Interview mit ihrem Verlag zu DAS LIEBEN DANACH. „Meine Erfahrungen und Einordnungen in all ihrer Brüchigkeit und intimen Komplexität den Menschen, die dafür offen sind, zur Verfügung zu stellen, erfüllt mich mit tiefer Freude. Die damit verbundene Schonungslosigkeit entspricht meinem Anspruch an ein solches Projekt und gehört zu dem, was ich im Text an einer Stelle als ‚Abenteuer, miteinander etwas zu teilen, das verletzlich macht‘ beschreibe.“
Was ich Leser von geringem Verstand trotzdem festhalten möchte: IRMA TANZT ist meiner Wahrnehmung nach eindeutig ein zweites Buch; ich kann mir nicht vorstellen, es mit dem gleichen Erkenntnisgewinn zu lesen, ohne den Vorgänger zu kennen. DAS LIEBEN DANACH ist in meiner Erinnerung noch nachgereift und größer geworden; gerade deswegen komme ich bei IRMA TANZT manchmal ins Stolpern.
Helene Bracht, die ich als moderne Erzählerin empfinde, die einen so klaren Blick auf die Psychologie ihrer Figuren hat, erzählt meiner Meinung nach so, dass man … wenn man das so sagen kann … ihr Alter mitliest. Natürlich ist das ein Qualitätsversprechen ihrer Bücher – weil gerade der Rückblick auf das eigene Leben und das der Mutter von einem hohen Maß an Lebenserfahrung geprägt ist; natürlich ist Brachts Intellektualität etwas, an dem man sich staunend erfreuen kann. Trotzdem habe ich IRMA TANZT sprachlich oft als zu anspruchsvoll und dadurch manchmal ermüdend empfunden. Das werden viele bejubeln, und zwar zu Recht. Gleichzeitig frage ich mich, ob dieser Text vielleicht durch eine einfachere Sprache profitiert hätte.

Einfach hat es sich der Verlag gemacht: DAS LIEBEN DANACH hatte eine Umschlagoptik, die mich immer noch begeistert, die kraftvoll, ausdrucksstark, auch ungewohnt war. Neben dieser wirken die unscharfen Tulpen, die wohl tanzen sollen wie die titelgebende Irma, schwach. Und noch ein bisschen schwächer, weil Helene Bracht gerade durch den klaren Blick auf ihre Mutter begeistert. (In deren Leben übrigens die IPHIGENIE, gemalt von Anselm Feuerbach, eine wichtige Rolle spielte; ich weiß, dass sich das Gemälde nicht als Umschlagmotiv angeboten hat, aber ach, es wäre trotzdem das bessere gewesen. Zumal die Stelle im Buch, in dem es um die persönliche Beziehung von Irma dazu geht, so groß und großartig ist.)
Helene Bracht, Jahrgang 1955, schreibt mit einer Wucht, die sich aus Erfahrung speist – ein Vergnügen, egal ob in Moll oder Dur
„Nichts ist seltsamer als der stille Schrecken, der einen durchfährt, wenn man aus der inneren Perspektive der eigenen Jugend auf ein alterndes Elternteil blickt und dann jäh gewahr wird, nun selbst so alt zu sein.“
IRMA TANZT ist mit 189 Seiten ein dünnes Buch, und durch den bewegenden, uns oft mit eisiger Faust packenden Inhalt eins, das sich anbietet, in einem Rutsch gelesen zu werden. Ich plädiere dafür, es sich bewusst einzuteilen – denn ich glaube, dass man dann zum einen noch empfänglicher ist für die Wucht des Erzählten und zum anderen besser damit umgehen kann. Zumal der Text auch noch ungeahnte Momente bereithält, in denen sich Tragik und Schönheit die Waage halten:
„Eine Zeitlang war meine Mutter recht stabil. Zu meiner großen Freude hatte sie wieder begonnen, zu sprechen, zwar immer noch wirr und fabulierend, aber ausgesprochen flüssig, vital und initiativ. Es war ein Abenteuer, ihr zuzuhören. Sie reihte nun Satz an Satz, jeder ihrer Gedanken erzeugte einen nächsten, jenseits jeder konventionellen Semantik, immer aber mit einer eigentümlichen Logik. Erinnerungen tauchten auf, verbanden sich mit neuen Bildern, sprangen weiter, verzweigten sich. Namen von, wie es schien, beliebigen Personen aus ihrem Leben verbanden sich mit Redewendungen und Alltagssorgen, Gefühle unterschiedlichster Art wechselten sich ab, manchmal lachte sie, manchmal weinte sie. Es war, als würde ihr Inneres die Fäden des Alltags in jedem neuen Moment neu verweben. Vieles, was sie erlebt hatte, stand ihr dabei offenbar gleichzeitig zur Verfügung, und sie griff danach mit einer Selbstverständlichkeit, wie man im Halbdunkel nach vertrauten Dingen tastet.“
Und nun? Jubel, Fanfaren und Konfetti für Helene Bracht!
Aus DAS LIEBEN DANACH habe ich besonders die Erinnerung mitgenommen, dass die Mutter ihre Tochter nicht vor sexuellen Übergriffen schützt; in IRMA TANZT erleben wir nun eine andere Seite dieser komplexen Beziehung:
„Ich kenne kaum eine Person aus meiner Generation, deren Mutter so freimütig so intime Erfahrungen mit ihr geteilt hätte. Spät erst, eine ganze Weile nach ihrem Tod, begann ich zu verstehen, dass all das, was ich als Jugendliche an ihr so unerträglich gefunden hatte, als junge Erwachsene zu einem Gewinn für mich wurde: ihre Überschwänglichkeit, sei sie physisch oder ideell, ihre Spontanität und Unverfälschtheit, ihre zügellose Begeisterungsfähigkeit, ihre ebenso zügellose Verzweiflung, und allem voran das, was ich mit alltäglicher Schamfreiheit beschrieben hätte. […] Es war, so überlegte ich oft, als hätte meiner Mutter eine Haut gefehlt. Als wäre ihre Seele ohne Ummantelung gewesen, ihr sich verströmendes Gemüt ohne schützendes Gefäß. Ihr Umgang mit Grenzen, mit ihren eigenen wie mit denen der anderen, war unbeholfen, naiv, bar jedes gesunden Instinkts.“
Wer DAS LIEBEN DANACH noch nicht kennt, sollte das nachholen – der SPIEGEL-Bestseller ist zeitgleich mit dem neuen Hardcover als Taschenbuch erschienen. Es empfiehlt sich, die Lektüreeindrücke zwei, drei Wochen sacken zu lassen … und sich dann in IRMA TANZT zu werfen. Kann man das neue Buch auch zuerst lesen? Vermutlich ja. Aber gerade weil ich schon einen anderen Blick auf die Mutter kennenlernen durfte, geht mir nun im zweiten Teil von Helene Brachts literarischer Familienaufstellung manchmal besonders das Herz auf – weswegen ich mit diesem Zitat schließen möchte:
„Lachen war ihre Passion. Immer gewesen. Am liebsten laut, mit weit offenem Mund, den Kopf nach hinten werfend, bisweilen beide Arme zur Seite ausbreitend – da kam kein Knigge gegen an. Wenn sie lachte, war sie ganz und gar bei sich. Mit ihrem Lachen schuf sie sich einen Raum, den sie vollständig mit sich selbst ausfüllen konnte, ohne jede Scheu oder Zweifel: Ein dem Leben abgeluchster Moment zügelloser Glückseligkeit.“
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Helene Bracht: IRMA TANZT. Hanser, 2026



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