Ein Kurzinterview mit der Autorin Regina Denk über ihren „Heimatroman Noir“, DER FÄHRMANN, und seinen Vorgänger DIE SCHWARZGEHERIN
Wer will entscheiden, ob ein Roman nun „U“ oder „E“ ist, also „Unterhaltung“ oder „ernsthafte Literatur“? Ich falle regelmäßig in die Falle, diese Unterscheidung vorzunehmen – nicht, um ein Qualitätsurteil zu fällen, sondern um im Meer der Bücher, das mich umgibt, eine Ordnung zu finden. Zum Glück gibt es immer wieder Texte, die mir vor Augen führen, dass eine Geschichte und ihre Erzählweise beides sein kann, populär und anspruchsvoll, breitenwirksam und doch speziell, unaufdringlich literarisch und von der Süffigkeit, die einen Pageturner auszeichnet.
Zu diesen Büchern gehören eindeutig DIE SCHWARZGEHERIN und DER FÄHRMANN, mit denen Regina Denk das Genre des „Heimatromans Noir“ erfunden hat. Es gibt viele Gründe, diese Werke zu preisen … und wie ich aus persönlicher Erfahrung sagen kann: noch mehr, um der Autorin jedes Treppchen und Siegerinnenpodest zu bauen! Deswegen freue ich mich, dass sie sich trotz der Herausforderungen ihres modernen Fünfkampfs (Autorin, Verlagsfrau, Mutter, Leserin, Gesamtkunstwerk) Zeit genommen hat, mir drei neugierige Fragen zu beantworten.
Liebe Regina, mit DIE SCHWARZGEHERIN und DER FÄHRMANN hast Du den „Heimatroman Noir“ erfunden – düster, brutal, so realistisch, dass uns die Schicksale Deiner Figuren unter die Haut kriechen. Was reizt Dich an diesen Geschichten?
Regina Denk: „Unser heutiges Leben besteht eigentlich fast nur noch aus Ablenkung. Die großen Themen, die uns als Mensch ausmachen, verschwinden hinter Kleinkram-Konfetti, wir schieben es auf, schieben es weg, schieben anderes drüber.
In den Settings meiner beiden Romane ist das eben nicht der Fall. Hier ist alles maximal reduziert, angefangen bei den Figuren und der Zeit bis hin deren Lebensmöglichkeiten. Unter diesem Brennglas kann man unsere heute noch geltenden Haupttreiber viel einfacher verhandeln und deutlicher zeigen: Wir wollen leben, überleben, lieben, anderen gefallen oder eben nicht, dazugehören oder frei sein. In den Welten, die ich gemalt habe, gibt es keine Ausflüchte, diese Figuren müssen konkret handeln – und uns fällt das Zuschauen leichter, denn es ist ja historisch. Dabei sind die Hauptthemen natürlich sehr aktuell.“

Du schreibst in einem Kunstdialekt, dem man sich nur schwer entziehen kann, der so viel Zeit- und Lokalkolorit vermittelt – aber Deine Romane möglicherweise auch weniger massentauglich machen. Wäre es nicht reizvoll, mit einer gängigeren Sprache eine breitere Leserschaft zu erreichen?
Regina Denk: „Die einfache Antwort ist: Ich kann mir gar nicht aussuchen, wie eine Geschichte aus mir heraus aufs Papier kommt. Die Ideen sind vom Anfang an sehr eigenständig und willensstark. Die Sprache passt sich meinem Gefühl, meiner Vision an – und ist dabei ein elementares Tool, um die Gesamtbotschaft zu vermitteln. In diesen beiden Romanen ist sie ein wichtiger Kontrast zur Einfachheit des Settings.
Aber natürlich haben das Lektorat und ich, über die Leseprobe gebeugt, die Sprache diskutiert. Ich bin sehr dankbar, dass man sie mir nicht ausgebügelt hat, obwohl mir auch die Herausforderung bewusst war, Lesende zu erreichen. Aber all diese Figuren in den Romanen sind echt, tragen Herz und Seele meiner Heimat in sich, und sie würden enorm an Kontur verlieren, wenn sie nicht in dieser Sprache leben könnten.“

Annemarie und Elisabeth, die beiden weiblichen Hauptfiguren in DER FÄHRMANN, sind jede für sich unvergesslich; mein Herz schlägt ein wenig mehr für Annemarie. Wie ist das für Dich als Autorin, die beiden gleichermaßen durch die Hölle treibt?
Regina Denk: „Natürlich lieben wir Annemarie ein bisschen mehr. How could we not? Sie ist wunderbar. Für sie ist das aber leider gar nicht gut, denn meine liebsten Figuren haben immer den härtesten Weg vor sich. Müssen sie, denn nur so kann ihre unfassbare Stärke sichtbar werden. Beide Romane sind feministische Texte, die, bedingt durch Setting und Zeit, deutlicher zeigen, wie ausweglos das Leben als Frau ist – bewusst IST, denn sehr viel weiter sind wir in der Entwicklung noch nicht gekommen. Annemarie und Elisabeth sind Stellvertreterfiguren, Leser*innen sollen mit ihnen leiden, aber auch mit ihnen stark werden, und so geht es mir beim Schreiben auch. Ich leide sehr, aber wachse auch und wandere, irgendwie kathartisch, mit durchs Feuer. Dabei habe ich den Leser*innen gar nicht viel voraus, denn während ich schreibe, weiß ich selbst noch nicht genau, was passiert, und zittere den düsteren Vorahnungen entgegen.“
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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.
Regina Denk: DER FÄHRMANN. Droemer, 2026




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