Ein Kurzinterview mit Marlen Mairhofer zu ihrem hin- und mitreißenden Roman ALICE
Hin und wieder entpuppt sich ein Coverkauf als Etikettenschwindel – und mit manch anderem macht man sich selbst ein Geschenk, das man nicht missen möchte.
Beides trifft in gewisser Weise zu auf ALICE, den Roman der österreichischen Autorin Marle Mairhofer: Angelockt von den Farben und der Positionierung des Titels auf dem Bild wollte ich es nach dem ersten Zugreifen schon wieder weglegen, weil mich eine Neuinterpretation der Wunderland-Alice eigentlich nicht interessiert … und dann habe ich den schmalen Band zum Glück aufgeschlagen, reingelesen und bin sofort höchst beglückt zur Kasse gelaufen.
Braucht dieser Roman die Anlehnung an die berühmte Geschichte von Lewis Carroll? Meiner Meinung nach nicht: ALICE ist auch so ein höchst gelungenes, vielleicht sogar herausragendes Buch über das Erwachsenwerden und das Erwachsensein, sprachintensiv, gefühlsecht, manchmal zart und oft erstaunlich roh. Umso mehr freue ich mich, nachdem ich die gerade einmal 128 Seiten direkt zweimal hintereinander verschlungen habe, dass die Autorin mir drei neugierige Fragen beantwortet hat.
Liebe Marlen, in ALICE erzählst Du vom Heranwachsen eines Mädchens, das stellvertretend für viele steht, in der Realität, nicht im Wunderland. Warum hast Du Dir trotzdem die Alice von Lewis Carroll als Namensgeberin ausgesucht?
Marlen Mairhofer: „Mein Buch wäre ohne Carrolls Text nicht denkbar, denn meine Alice teilt weit mehr mit der Alice Carrolls als nur den Namen. Sie findet sich auch in Situationen wieder, die schon die originale ‚Alice im Wunderland‘ durchleben musste, eben weil sie Teil des Aufwachsens sind, egal ob im 19. Jahrhundert oder in unserer Gegenwart. An vielen Stellen weicht meine Erzählung deutlich von jener Carrolls ab – weil die Zeit nicht stehen bleibt, aber auch, weil ich kein Oxforder Mathematikprofessor bin und ‚meine‘ Alice nicht Alice Liddell, wegen der und für die Carroll seine Geschichte erfunden hat.“
Dein Roman wird vom Verlag zurecht als „virtuoses Sprachkunstwerk“ gefeiert – gleichzeitig ist es aber auch barrierefrei für eine breite Leserschaft zugänglich. Wie hast Du diesen besonderen Erzählstil gefunden oder entwickelt?
Marlen Mairhofer: „Ich denke, den richtigen Ton für einen Text findet man weder auf der Straße noch entwickelt man ihn im Labor. Er entsteht im Laufe der Arbeit, oder anders: Ein wesentlicher Teil des Schreibens ist es, herauszufinden, auf welche Weise der Text, an dem man arbeitet, geschrieben werden kann. Bei ALICE ging das sehr schnell, bei anderen Texten dauert es länger, manchmal so lange, dass einem Angst und Bang wird. Aber selbst, wenn es schnell geht, bedarf es der genauen und geduldigen Überarbeitung des Geschriebenen, bis es so stehen bleiben kann.“
Das Faszinierende an Deinem Text ist, dass wir in einem Moment bei der kindlichen Alice sind, die Königin spielt oder sich etwas Süßes wünscht – und im nächsten Moment erleben, wie sich Macht und Begehren verändert hat, wenn sie erwachsen ist. Willst Du damit auch provozieren?“
Marlen Maierhofer: „Nein – ich möchte Kontinuitäten und Brüche sichtbar machen, die uns durch alle Lebensalter begleiten. So wie Alice in Lewis Carrolls Text immer wieder größer und kleiner wird (und dann meistens erst einmal zu groß oder zu klein), bewegt sich meine Alice innerhalb mancher Kapitel durch verschiedene Lebensalter. Wenn sie dabei Lust erlebt, oder Schmerz: Ist es dieselbe Lust, derselbe Schmerz? Oder ein(e) ganz andere(r), weil der Körper ein anderer geworden ist? Ich kann nachvollziehen, dass das im ersten Moment irritierend sein kann. Mir geht es aber nie um bloße Effekte, sondern darum, was passiert, wenn man sich diesen Irritationen aussetzt und sie weiterdenkt.“
***
MEINE REZENSION ZUM ROMAN FINDET SICH HIER.

Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das selbst im unabhängigen niedergelassenen Buchhandel gekauft habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.
Marlen Mairhofer: ALICE. Jung und Jung, 2026


Schreibe einen Kommentar