Bewegend, traurig, zum Nachdenken anregend: Der nicht-sprechende, autistische US-Autor Woody Brown legt mit EIN GANZ NORMALES WUNDER ein bemerkenswertes Debüt vor
„Es ist ein komisches Gefühl, mit jemandem zu sprechen, der nicht antworten kann, sich die Finger in die Ohren steckt und komische Geräusche macht. Keinen Blickkontakt herstellt. Das mit dem Blickkontakt ist für manche Therapeuten eine richtig große Sache, so als würde ich, wenn ich dieses ferne Ziel erreichen würde, Freunde finden und mich in die Gesellschaft der Nicht-Behinderten integrieren. Wie wir Nicht-Sprecher gern sagen (der Widerspruch ist Absicht): Ich kann dich entweder ansehen oder dir zuhören. Entscheide dich. Deine Gesichtszüge in Bewegung sind so lebhaft, so anregend, so laut und schön, dass es meine Sinne überwältigt. Ich muss wegschauen, um mich auf das zu konzentrieren, was du sagst. Nicht-behinderte Menschen verstehen das immer falsch. Darum sind Mom und ich es gewohnt, am Rand einer Menschenmenge zu stehen.“
Walter ist schlau. Und sensibel. Und ein bisschen in Darla verliebt. Vor allem aber ist er ein guter Mensch: Als er sieht, wie sein Freund Jorge sich in Schwierigkeiten bringt, folgt er ihm, um Schlimmeres zu verhindern. Dadurch wird es allerdings unangenehm für beide. Denn Walter und Jorge dürfen sich nicht von ihrer Gruppe im „Upward Bound“ entfernen – sie sind in der Tagespflege für kognitiv Eingeschränkte mehr Insassen als Patienten. Aber was bedeutet das überhaupt, „eingeschränkt“? Walter ist doch eigentlich das Gegenteil, seine Sinne sind maximal erweitert:
„Der Autismus an meinem Ende des Spektrums ist wie ADHS mal tausend. Es ist für mich so gut wie unmöglich, die vielen Kanäle in meinem Gehirn so zu entwirren, dass ich auf einem bestimmten Sender bleiben kann. Es ist, als würde man vor einer Monitorwand sitzen, und jeder einzelne Monitor zeigt etwas anderes, aber alle laufen auf voller Lautstärke.“
„Upward Bound“ soll ein sicherer Hafen für Menschen sein, die keine Möglichkeit haben, ohne Komplikationen im normalen Alltag zu bestehen – und doch werden sie hier eher verwahrt als betreut. Auch, weil die wenigsten Mitarbeitenden ein Gefühl dafür haben, was in den Menschen vorgeht, die ihnen von überforderten Eltern anvertraut werden:
„Die Mitarbeiter verspürten nicht den Drang, unsere nächste Aktivität vorzubereiten. Man merkte, dass ihnen nicht einmal der Gedanke kam, dass uns das Warten etwas ausmachen könnte. Als wäre die Zeit für die, die nichts als Zeit haben, bedeutungslos. Ich glaube ja, es ist andersherum. Mit unserer Zeit wird so verschwenderisch umgegangen, dass wir sie für das wertschätzen, was sie sein könnte, und nicht für ihre Leere.“
Ein Kaleidoskop aus Perspektiven und Eindrücken
Die Umstände, unter denen Walter seine Tage verbringen muss, sind hart, da er sich theoretisch mitteilen könnte – schließlich hat er durch die intensive Begleitung seiner Mutter einen Volkshochschul-Abschluss machen können und davon geträumt, Schriftsteller zu werden. Aber dann stirbt sein Vater, seine Mutter muss wieder ganztags arbeiten, und weil es für einen Erwachsenen wie ihn keine andere Form der Unterstützung gibt, heißt die Endstation „Upward Bound“. Nach oben strebend? Was für eine Ironie.
Dabei geht es Walter sogar besser als Tom, der seiner True Crime liebenden Mutter nicht einmal mitteilen kann, dass er lieber „Golden Girls“ schauen würde:
„Eine kleine Armee von Pflegern geht ihm hier und da zur Hand. Sie kommen und gehen in Schichten. Überhaupt kommen und gehen sie. Tom glaubt, es gäbe weniger Fluktuation, wenn er mit ihnen plaudern und eine Beziehung zu ihnen herstellen könnte. Die Zerebralparese, die seine Muskeln und Gelenke hart wie Beton macht, lässt auch sein Gesicht und seinen Mund erstarren. Er kann nicht ein Wort sagen und keine Gefühle zum Ausdruck bringen. Er hat welche, weiß Gott, das hat er, aber er verbirgt selbst die liebevollsten Gefühle in seinem Inneren wie ein wohlgehütetes Geheimnis.“
Toms Geschichte hat mich besonders berührt, weil sein Sehnen nach Kommunikation so intensiv wie aussichtslos ist … und wir trotzdem mit ihm Hoffnung schöpfen, als eine neue Betreuerin anfängt, mit ihm zu scherzen und auf ihn einzugehen. Aber wird Ann verstehen, dass er durch Blinzeln Ja-Nein-Fragen beantworten kann?
Vom Blick Außenstehender zur Insiderperspektive
Nach dem Erfolg des Kinofilms RAIN MAN im Jahre 1988 war Anfang der 2000er der Roman SUPERGUTE TAGE – ODER: DIE SONDERBARE WELT DES CHRISTOPHER BOONE (in der Übersetzung von Sabine Hübner) ein internationaler Bestseller – und für viele Lesende der erste Berührungspunkt mit einem Protagonisten, der Autismus hat (No-Fun-Fact: 2022 berichtete Maria Wiesner in derFAZ, dass RAIN MAN beim Testpublikum zunächst durchfiel und Autismus kein geeignetes Spielfilmthema zu sein schien.) Ist Mark Haddon der Herausforderung gelungen, als Nicht-Betroffener über Menschen mit Spezialeffekten zu schreiben? Aus der Erinnerung (und eigenen Unwissenheit) heraus sage ich Ja – und bin nun umso mehr durchgerüttelt und weggeblasen von EIN GANZ NORMALES WUNDER.

Der US-amerikanische Autor Woody Brown weiß, wovon er schreibt (zumindest in Teilen) – denn er ist nicht-sprechender Autist, dem es trotzdem gelungen ist, an der University of California zu studieren. In seinem hinreißenden, nicht immer chronologisch erzählten Episodenroman lernen wir Walter und Tom kennen, Ann, Avery und viele andere Menschen mit und ohne Einschränkungen. So sind wir bei den Aktivitäten hinter den vermeintlich schützenden Mauern von „Upward Bound“ dabei, sehen die Gruppe, die uns schnell ans Herz wächst, aber auch durch die Augen einer Supermarkt-Mitarbeiterin:
„Es bleibt bei dem einen Schrei. Die seltsame Gruppe rückt langsam in das Geschäft vor. Es sind zehn Menschen plus zwei Begleiter. Menschen. Natürlich sind es Menschen. Nur sehen sie an den Rändern verschwommen aus, als hätten sie sich nach ihrer interplanetaren Reise noch nicht vollständig materialisiert. Avery stellt sich vor, dass der Transporter der Gruppe wie der Magic School Bus ist und jeden Freitag aus einer anderen geschichtlichen Epoche kommt. Kein Wunder, dass sie im Licht der Neonlampen so benommen aussehen.“
Was passiert, wenn Menschen, die sich nicht mitteilen können, auf solche treffen, die nicht genauer hinsehen können … oder wollen?
Und dann gibt es da auf einmal einen Moment, den wir nicht wahrhaben wollen; lange habe ich nicht mehr so gehofft, dass etwas, was ich gerade gelesen habe, vom Autor anders aufgelöst wird. Darf man sagen, dass Woody Brown keine Rücksicht auf unsere Gefühle nimmt? Vielleicht. Und das ist gut so, denn er bringt uns nah, wie die Gesellschaft (die US-amerikanische, die sich in diesem Punkt vermutlich wenig von der deutschen unterscheidet) mit Menschen umgeht, die ohne eigenes Verschulden nicht „der Norm“ entsprechen:
„Der autistische Junge kam danach nicht mehr zum Unterricht. Niemand sprach darüber, aber ich glaube, wir waren alle erleichtert, dass er weg war. Ich würde gern mit meinem heutigen Wissen in der Zeit zurückreisen. Wahrscheinlich hätte ich dem Jungen nicht helfen können, aber vielleicht wäre er nicht so aufgewühlt gewesen, wenn ihn irgendjemand freundlich behandelt hätte.“
EIN GANZ NORMALES WUNDER ist, wie könnte es anders sein, auf maximale Emotionalisierung seiner Leser*innen ausgerichtet, schult unsere Empathie – und gleichzeitig hat der Text etwas sehr Ruhiges, Introvertiertes. Kann man wütend auf Zustände sein, wenn man sich gleichzeitig in Watte gepackt fühlt? So ging es mir beim Lesen. Was vielleicht auch daran liegt, dass die Beziehung der Menschen, die sich nicht einfach miteinander austauschen können, fast etwas Magisches haben, etwas Zartes und Intuitives; etwas das uns, die wir jeden Tag in klare Worte fassen, was wir wollen, umso Besonderer vorkommen muss.
„Eine halbe Stunde später sah ich Jorge mit hängendem Kopf dasitzen, und Carlos saß neben ihm, ohne irgendetwas zu sagen oder ihn auch nur direkt anzusehen. Er war einfach nur da. Dieses Bild zeigte den gesamten Umfang ihrer Beziehung. Jorge findet Trost in Carlos, und Carlos versteht Jorges Bedürfnisse ohne Worte.“
Ein schonungsloser Blick – und ein zurecht erhobener mahnender Zeigefinger
Es liegt nah, Dave – den Leiter des „Upward Bound“ – als Schurken der Geschichte auszumachen, weil Sündenböcke doch stets eine einfache Lösung sind:
„Er hat sich durch die Verwaltungsränge hochgearbeitet. Jetzt, wo er die Verantwortung trägt, wäre es peinlich, zuzugeben, dass er nicht viel über die vorherrschende Behinderung seiner Schützlinge weiß. Dank seiner Beobachtungsgabe ist er ziemlich gut darin geworden, es zu verbergen. Aber er verbringt die meiste Zeit in seinem Büro in maximaler Entfernung zu den Schützlingen.“
Und gleichzeitig begreifen wir bei der von ihm organisierten Weihnachtsfeier mit Spendenaufruf, bei der nicht alles so läuft, wie er es sich wünscht, dass auch er in einem nahezu aussichtlosen System gefangen ist:
„Wer spenden will, dem kommt nicht unbedingt eine Einrichtung wie Upward Bound in den Sinn. Die Schützlinge dort sind meist junge Erwachsene mit Autismus. Sollten einige von ihnen als Kinder einmal ganz niedlich gewesen sein – was Dave sich nur schwer vorstellen kann –, dann ist ihnen das schon vor Jahren abhandengekommen. Die Leute freuen sich erstens, dass es einen Ort wie Upward Bound gibt, damit autistische Erwachsene irgendwo hinkönnen. Und wollen zweitens eigentlich nichts darüber wissen. Darum gestaltet sich das Sammeln der Spenden so schwierig.“
EIN GANZ NORMALES WUNDER, fließend übersetzt von Stephan Kleiner, ist ein schmales Buch von 210 Seiten, das man schnell lesen kann – und das sich anbietet, darüber zu sprechen. Kein Wunder, dass Kiepenheuer & Witsch es in seiner Aktion DEUTSCHLAND LIEST EIN BUCH platziert hat, womit zwischen Amrum und Zugspitze zwar wieder ein amerikanischer Stoff in den Mittelpunkt der schlauen Leseförderung gesetzt wird, aber diesmal einer, der universell funktioniert.
Vor allem ist Woody Brown mit EIN GANZ NORMALES WUNDER etwas gelungen, was sich sein Alter Ego Walter noch wünscht:
„Es gibt keinen groß angelegten Roman, kein ‚Krieg und Frieden‘, nicht einmal ein ‚Stolz und Vorurteil‘ von jemandem oder über jemanden mit einer schweren autistischen Störung. Ich bin im Kanon nicht vertreten. Ich habe in der Literatur nicht ein einziges Vorbild gefunden. Die berühmteste autistische Schriftstellerin, die ich kenne, ist Temple Grandin, aber die schreibt Sachbücher. Ihr Hauptinteresse gilt der humanen Behandlung von Schlachtvieh, und sie schreibt darüber, dass sie die Dinge aus der Perspektive der Kühe betrachten kann. Das ist gut und auch nützlich für die Kühe, aber mir hilft es bei meiner Mission, menschlicher zu werden, kaum weiter.“
Was in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben soll: In Amerika gibt es Diskussionen darüber, ob der Roman tatsächlich von Woody Brown geschrieben wurde oder von seiner Mutter Mary, der er es laut ihrer Aussage mithilfe der auch im Buch thematisierten „rapid promting method“ diktiert haben soll. Ein Fernsehauftritt von Mutter und Sohn, bei dem Woody Brown scheinbar unzusammenhängend auf Buchstaben zeigte, wird als Gegenbeweis angeführt; andere Stimmen, darunter Rivka Galchen (Autorin von JEDER WEISS, DASS DEINE MUTTER EINE HEXE IST), die mit ihm an der Uni war, glauben ihm.
So oder so: Bücher wie EIN GANZ NORMALES WUNDER helfen. Und sie sind ein Geschenk für uns.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Woody Brown: EIN GANZ NORMALES WUNDER. Aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner. Kiepenheuer & Witsch, 2026



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