Caroline Wahl ist eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart. Zeigt sie in 1999 METER ÜBER DEM MEER, was sie kann?

„Der Zylinder-Mann mustert mich und mein Auto und überlegt kurz, wie er mich einordnen soll. Oldtimer-Liebhaberin oder arm?, lese ich in seinem prüfenden Blick. Balenciaga oder Altkleidersammlung? Er bleibt an meinem orangenen Haar hängen. Trendsetterin oder WAS IST DAS?, brüllt sein Gesicht, dann schwenken seine Augen zu meinen, und er lächelt ganz abrupt überaus freundlich.“

Ein Roman ist kein Wunschkonzert – und Autor*innen nicht die Erfüllungsgehilf*innen der Lesenden. Das ist gut, aber manchmal frustrierend: Wenn man eine Ahnung davon bekommt, wie großartig ein Buch sein könnte (nach den eigenen, subjektiven Maßstäben) … aber, ach, der Mensch, der es geschrieben hat, wollte nicht. Oder anders.

Auch, wenn ich gleich kritische Töne anschlage: Natürlich ist 1999 METERN ÜBER DEM MEER ein schnell zu lesender, an seinen besten Stellen grandioser Roman über eine Frau, die am Ende ihrer Heldinnenreise Gas gibt, im wahrsten Sinne des Wortes.

„Und was ist eigentlich mit mir? Welches Team bin ich? Team Mülltonnenhaus oder Team Lebenscoach-Speeddating? Keins von beiden. Ich bin unterwegs. Ich bleibe einfach in Bewegung. Ich bin Team Autobahn.“

„Karma is a bitch“, aber Vorfreude auch nicht besser

Ich war sicher, dass mich 1999 METER ÜBER DEM MEER nach dem rasanten Vorgänger DIE ASSISTENTIN zum Wahl’ianer machen würde, und Vorfreude ist eine heikle Sache. Denn für mich ergibt sich im Zusammenspiel von Wahls Erzähltalent mit der Geschichte um eine „Hochstaplerin“ kein großes Bild, sondern eine Aneinanderreihung von Pinselstrichen. (Vorwarnung: Spoilers ahead!)

Los geht’s im popliterarischen Bewusstseinsstrom auf Bali, wo Samara Urlaub macht, um ihren Eltern zu beweisen, dass das geht – dabei ist es zu warm, voller Menschen, die sich inszenieren, und dann ist da ihr komplexes Verhältnis zu Elektrorollern:

„Mein Vater ist schwer zum Lachen zu bringen. Ich würde ihm berichten von meinem Sturz, der heute wirklich spektakulär ausgesehen haben muss. Wie ich über das Lenkrad auf die Wiese katapultiert worden bin, wie so ein Stein oder ein Ball. Oder was wirft man noch? Ein Ball oder Stein rollt und dopst danach noch weiter, ich brauche eine Sache, die geworfen wird und dann regungslos liegen bleibt, um Baba zum Lachen zu bringen. Ein bei einer Hochzeit geworfener Blumenstrauß?“

Zuerst plätschert die Geschichte dahin, ein bisschen Provokation hier, etwas „Hihi, verwechselt mich bloß nicht mit meiner Hauptfigur“ da; Menschen mit größerem Literaturverständnis als meinem werden amüsiert sein, wie Wahl die Grenzen zur Romanfigur später aufweicht, da Samara sich eine Haarfarbe und Frisur zulegt, die zum Autorinnenfoto passt. Und ja, dieses Spiel mit Erwartung, Image und der Täuschung, die sowohl ein Roman als auch ein Social-Media-Posting sein kann, ist natürlich gelungen.

Vor manchen Momenten in 1999 METER ÜBER DEM MEER möchte man niederknieen

Nicht nur gelungen, sondern grandios sind meiner Meinung nach die Szenen, wenn Samara in die Welt des schönen Scheins eintaucht – als Mitarbeiterin einer Agentur für Content Creator, später als „Hochstaplerin“, die sich als berühmte Fotografin ausgibt. Wie sie sich in einem Agenturgespräch profiliert (und die unliebsame Kollegin degradiert), wie sie durch einen Dad-Fluencer genüsslich alle Vorurteile bestätigt, die wir haben wollen, das hat Schwung, ist herrlich böse. Und wie die Autorin ihr vorheriges Buch einbaut, um Samara aus ihrem Job zu befreien: herrlich! Muss man sich trauen. Aber sie ist schließlich Caroline Wahl.

Das Banner zeigt die Autorin Caroline Wahl, die auf dem Boden sitzt; rechts neben ihr sieht man den Umschlag ihres Romans "1999 Meter über dem Meer".

Das führt mich zu meinem Problem, das keins des Buchs sein muss, sondern mein persönliches ist: Ja, ich habe großes Vergnügen am „Meet Cute“ mit dem blauäugigen Love Interest – und ärgere mich gleichzeitig über die von Caroline Wahl zu offensichtlich platzierten Provokationen. Damit gehe ich der Autorin natürlich auf den Leim, aber man stelle sich mich einfach als Puck, die Stubenfliege vor.

Der Vergleich, den Wahl ihre Romanfigur zwischen sich und der im Holocaust ermordeten Autorin Irène Némirovsky ziehen lässt, ist bereits vielfach zitiert worden:

„Ich hoffe, dass die 39 Jahre von Irène erfüllt und schön waren, und bin mir fast sicher, dass es so war. Irène hatte schließlich eine Familie und das Schreiben. Ich habe noch nicht mal Datenvolumen. Nur dieses Auto habe ich, und ich hasse mich so sehr für diese Gedanken, dass ich mich am liebsten mit meinem Auto den Berg runterstürzen möchte, weil ein Mensch, der so was denkt, eigentlich nicht leben darf. Überhaupt: dass ich versucht habe, mit Irènes entsetzlichem Schicksal die Dunkelheit und das Selbstmitleid wegzudrücken!“

Zugegeben, hier das Datenvolumen reinzugegensatzen, das ist schlau. Aber ich kann’s trotzdem nicht ohne Unwohlsein lesen; Provokationen, die sich des Todes eines Menschen bedienen, sind ein heikles Thema, zumal, wenn sie eben nicht nur der Charakterisierung einer Figur dienen, sondern meinem Empfinden nach auf ein „Ich darf das!“ abzielen.

Caroline Wahl wurde dafür kritisiert, dass sie in einem ihrer Bücher die Augenfarbe des Traummanns zu oft nennt – und wiederholt dies nun genüsslich

Kommen wir kurz auf den Love Interest (mit den eisblauen Augen) zu sprechen, der gleich noch wichtig wird: Fritz, genannt Fritzi (dessen Freundin, höhö, Franzi heißt), hat Kafka, Salinger, Auster im Regal. Weil literarischer Mann. Und Keun, weil das sympathisch macht. Erpenbeck indes hat Fritzi abgebrochen, aber aufbewahrt, obwohl da nur ein schmales Buchregal im schmalen Arbeitszimmer steht. Passt das zusammen? Egal! Zur erzählerischen Ökonomie der Autorin gehört, dass sie vieles nicht auf Plausibilität abzuklopfen scheint; wichtiger ist, dass Fritz(i) wunderschön und liebenswert daherkommt. Und Siebträgermaschinen hasst er auch, weil er kein Hipster sein soll. Aber Vorsicht:

„Das hier ist kein Liebesroman! Das ist, wenn überhaupt, eine Road Novel! Oder ein Abenteuerroman!“

Auch über diesen Satz musste ich schmunzeln, wie so oft. Caroline Wahl hat ihn einfach, diesen eigenen, rotzigen Style, den ich sehr mag. Ganz im Gegensatz zur schwallartigen Nennung der Milchmarke, mit der die Autorin für mein Gefühl zwar ihrer Pressearbeit einen Gefallen tut, aber nicht der Geschichte.

Sehr schlau – oder ein bisschen ZU blauäugig?

Den Punkt, dass ein erschwingliches Produkt für Samara Trost bedeutet: ja, verstanden. Dass dieser Trost und Halt ihr auch Übelkeit verursacht: ja, check. Dass mit der Milch womöglich die Fixierung auf die richtigen Locations, Champagner und Kaviar-Sorten gespiegelt werden soll (die mit dem Knuspergefühl, für den der Stör nicht „gemolken“, sondern getötet werden muss) … okay. Unangenehm wird es meiner Meinung nach gegen Ende: Brav hat Samara im Lauf des Buchs zweimal reflektiert, dass es nicht so cool ist, diese Milchmarke zu kaufen – da hat der durch seine Gutherzigkeit gekennzeichnete Fritz auch noch etwas zu sagen:

„Das Problem mit der AFD kann ich nicht lösen, aber (…) dann findest du sicher einen anderen Weg, dich politisch einzusetzen, über die Kunst zum Beispiel.“

Das ist auf der einen Seite schlau – denn wenn Menschen, die für Klimaschutz demonstrieren (sehr gut!), zur Stärkung ein Brot mit Avocado brauchen (das Potpourri aus umweltpolitischen und moralischen Problemstellungen außer Acht lassend), geht das in dieselbe Richtung. Aber es stößt mir unangenehm auf, dass hier in meiner Wahrnehmung steht: „Mach doch, was du willst, dir steht alles zu.“ Vielleicht ist’s ein Kommentar zur Anspruchshaltung und allgemeine Wurschtigkeit unserer Zeit? „Kein Klimawandel bitte, aber nach Fernost fliege ich trotzdem.“ Und: „Man möchte demonstrieren, aber wie lange stehen wir dann da rum?“ Und: „Man würde ja gerne etwas tun, aber weil es nichts bringt, wenn nur einer etwas tut, kann man’s gleich sein lassen.“ Und so weiter.

Wenn 1999 METER ÜBER DEM MEER provozieren will, was für ein Buch will es dann sein?

Ich erwarte von Autor*innen im Rahmen eines unterhaltenden, möglicherweise satirischen Romans keine Positionierung, keinen Zeigefinger, keine moralische Einordnung (auch wenn ich sie mir wünsche von einer hochintelligenten Frau wie Caroline Wahl, die wie kaum eine andere das Spiel mit Medien und Fans beherrscht). Aber auf mich wirkt es, als solle die Überbetonung der M-Marke vor allem einen Aufreger generieren, der dann ebenso in die vielen öffentlichkeitswirksamen Artikel einfließen kann wie das Privatleben der Autorin. Provokant sein kann ich übrigens auch, wenn ich mich sogleich aus dem Repertoire von Denis Scheck bediene: Will 1999 METER ÜBER DEM MEER ein Roman sein … oder versteht das Buch sich als literarischer Merch für die Autorinnenmarke?

Nebenbei sei bemerkt, dass es in diesem Buch permanent gut riecht, frisch und sauber und rein (wenn auch manchmal nach Dünger). Und natürlich nach Schnee!

„Schnee ist wirklich eine Zauberdecke, denke ich. Das Grau und der Dreck sind weg, und abends wird es gar nicht richtig dunkel, so weiß ist die Welt. (…) Ich erinnere mich, wie ich im Klassenzimmer oder Seminarraum saß und durch das Fenster die Flocken rieseln sah, erst vereinzelt, dann immer dichter, bis der Schnee im besten Fall liegen blieb. Wenn er liegen blieb, war es, als würde sich die Schneedecke auch auf meine Seele legen, meine Welt hat ein bisschen mehr geleuchtet, und der Schmerz schien gedämpft.“

Samaras Schmerz, Samaras Unsicherheit, Samaras kurze Freude zwischendurch: Ich höre, dass das bei Lesenden gut ankommt, dass man die Figur ins Herz schließt, weil’s ihr nicht gut geht … und dies auch als Mittel gesehen wird, wie sich die Autorin der Welt mitteilen möchte.

Es ist wichtig und richtig, sich mit Menschen zu solidarisieren, die emotional herausgefordert sind. 1999 METER ÜBER DEM MEER hinterlässt für mich aber vor allem das Gefühl, dass Seelenschmerz hier als Waffe eingesetzt wird, als „Du MUSST mich liebhaben, ich verzweifle schließlich an mir“. Kann man machen. Ich glaube aber, dass dieses enorme Schreibtalent Caroline Wahl viel mehr kann … und es sich diesmal bequem macht. Oder in Samaras Worten:

„Brigitta: Das ist schön, wenn man auf der anderen Seite des Passes ankommt. Auf einmal ist alles ganz anders, nicht mehr alpin, sondern schon fast mediterran. Es ist eine richtige Grenzüberschreitung, die man spürt, wenn man den Pass nimmt.
Ich will keine Grenzüberschreitung spüren.“

Steile These: Wenn die Autorin anfängt, ihre selbstgesetzten Grenzen zu überschreiten, dann können wir uns auf große Romane freuen! 1999 METER ÜBER DEM MEER ist es meiner Meinung nach nicht. Umso frustrierender, weil ich über Momentaufnahmen jubeln könnte wie jene, in denen Samara die Millionärsclique infiltriert, oder popliterarisches Glitzern wie dieses hier:

„Die Menschen, die aus der Gondel treten, sehen aus, als wären sie zusammen mit dem DJ aus dem Berghain hierhergebeamt worden. Wobei! So schön, reich und gut riechend sehen die Menschen im Berghain nicht aus, wenn die da stundenlang tanzen und Substanzen zu sich nehmen. Die Menschen, die aus der Gondel strömen, sehen eher aus wie Laufsteg-Models, die in Paris eine von Berliner Nachtleben und Technokultur inspirierte Kollektion von Dior oder Gucci präsentieren. Oder als würden sie gleich einen Werbespot für Zalando oder Berliner Pilsener oder was auch immer drehen, keine Ahnung.“

Gegen Ende geht alles recht schnell – kaum ist Samara ans zuvor nicht anvisierte Ziel gekommen, stürzt sie wieder ab, damit die Autorin danach festhalten kann, dass Wahrheit die eine Sache ist, Marktwirtschaft eine andere. Was mich zu diesem Zitat im bewährten Wahl’schen Drehbuchstil führt:

„Fritzi: Wusstest du, dass es in der Literatur praktisch nur männliche Hochstapler gibt? Felix Krull, Oskar Matzerath, Till Eulenspiegel, Simplicissimus, Mr. Ripley …
Fritzi: In Spanien gab es wohl im 17. Jahrhundert ein paar weibliche Pícaras, aber sonst eher lau.
Ich: Worauf willst du hinaus, Fritzi?
Fritzi: Ach, auf nichts.“

Vielleicht muss man nicht mit jedem Buch auf etwas hinauswollen; vielleicht verstehe ich das alles auch einfach nicht. Das Lesen ist kein Wunschkonzert. Was bleibt für mich von 1999 METER ÜBER DEM MEER? Die Erinnerung an ein nicht eingelöstes Versprechen. Davon unabhängig freue ich mich für alle, die Vergnügen daran haben, die guten Umsätze im Buchhandel – und gratuliere der Autorin, die ich nach wie vor bemerkenswert finde, zu ihrem Erfolg.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Caroline Wahl, 1999 METER ÜBER DEM MEER

Bei der Abbildung handelt es sich um den Umschlag des Romans "1999 Meter über dem Meer" von Caroline Wahl, veröffentlicht im Rowohlt Verlag.