In seinem Buch KÖNIGIN DER NACHT schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter, schonungslos, mit wenigen Worten, vielleicht wütend und auf jeden Fall mit literarischer Wucht.

„Ich hatte meine Kindheit mit meiner Mutter verbracht und wusste nichts von ihrem Leben. Ich war an sie gekettet gewesen und lebte in einer anderen Welt, einem anderen Universum, in dem Kräfte wirkten, die nicht mich meinten, die mich zermalmen konnten, aber zufällig, als Kollateralschaden, nicht als Subjekt, nicht als Feind. Die Macht, die gegen meine Mutter arbeitete, adressierte sie, als Frau, als Frau mit einer Sexualität, als Frau ohne Einfluss, ohne Bildung, aber mit einem Drang nach Freiheit, nach Unabhängigkeit.“

Sie ist tot, und er hält ihren letzten Kontoauszug in der Hand. 60 Franken, zu wenig zum Leben, das weiß er; aber die Frage, die er sich jetzt nicht zum ersten Mal stellen muss, ist vor allem: Wer war sie, und was war das für ein Leben mit ihr? Kein leichtes, soviel steht fest.

Seine Mutter hat Schlaf für eine Schwäche gehalten und Kinder für eine Zumutung; sie war oft kalt, hat ihn spüren lassen, dass er stört. Sie hat ihn schwererziehbar genannt und regelrecht an einen Bauern verkauft. Irgendwann war sie weg, erst in einer anderen Stadt, dann in einem anderen Land, in dem sie sich den Menschen kulturell und intellektuell überlegen fühlte – und dem Sohn, inzwischen ein Mann, dort zur Begrüßung eine Hure spendieren wollte, „kostet hier ja nicht viel“ …

Und nun ist sie eben tot, die Frau, die vieles war für Lukas Bärfuss, was sich mit dem Wort „Mutter“ nur unzureichend beschreiben lässt. Das macht es natürlich auch nicht einfacher:

„Er gilt als kluger Mann. Er hat die Welt gesehen und zehntausend Bücher gelesen. Ein Dichter, ein Denker. Erfolgreich. Bewundert für seine Brillanz. Das ist alles falsch. In Wahrheit ist er dumm. Und blind. Und geizig. Er hätte helfen können. Helfen müssen. Es wäre ein Leichtes gewesen. Eine Nacht im Sheraton am Malecón übersteigt Mutters Tagesbudget um das Fünfzigfache. Aber er hat keinen Finger gerührt. Weil sie nichts gesagt hat! – Ach? – Mutter hat nicht erlaubt, dass ihr Sohn sie rettet. – Nicht?“

Kann ein Denkmal schön sein, obwohl man es nur mit Grausen betrachtet?

KÖNIGIN DER NACHT ist der Titel dieses gerade einmal 126 Seiten langen Textes, den der Autor „Ein kurzes Buch über meine Mutter“ nennt. Der Gedanke liegt nah, dass es sich um eine Abrechnung mit der Frau handelt, die ihn zur Welt gebracht hat – aber diese Einordnung wäre zu kurz gesprungen.

Lukas Bärfuss erzählt von einer Frau ohne Bildung, ohne Perspektive, aber mit einem festen Willen, den sie gegen andere wendet, vermutlich aber im gleichen Maße gegen sich. Die aus einer „guten“ Familie hätte kommen können, dieses Glück aber nicht erfuhr:

„In dieser Klassengesellschaft hatte Mutter schlechte Karten. Zwar stammte ihre eigene Mutter aus einer angesehenen Familie, doch dann hatte ihr Vater, der Großvater meiner Mutter, wegen einer Bürgschaft den Hof verloren. Der Vater meiner Mutter war Sattler, Kind von Fahrenden, unehelich. Zum wirtschaftlichen kam ein ethnischer Makel. Für meine Mutter war er eine reale Gefahr.“

Das Foto zeigt den Autor Lukas Bärfuss vor einem schwarzen Hintergrund.

„Wie wird man zum reichsten Land der Welt“, fragt Lukas Bärfuss – und kennt die Antwort: „Durch Fleiß, schmutzige Geschäfte und den Krieg gegen die Armen innerhalb der eigenen Grenzen.“

Der Autor schreibt über die Rechtesituation von Frauen in der Schweiz, die so anachronistisch wirken, dass es uns gruselt, weil das alles noch kein Menschenleben zurückliegt (und bevor sich nun Hoffnung regt: nee, in Deutschland war es auch nicht besser). Immer wieder kommt er außerdem auf die „Vaganten“ zu sprechen und Frauen, die aus der Sicht einer kalten Gesellschaft an deren Rand zu stehen hatten:

„Die Repressionen gegen marginalisierten Menschen wurden noch ausgedehnt. Bis in die jüngste Generation, bis in die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts wurden junge Frauen, noch nicht volljährig, zur Zwangsarbeit verpflichtet. Sie konnten, wenn sie keinen untadeligen Lebenswandel nachzuweisen vermochten, in psychiatrische Anstalten oder gleich in das Frauengefängnis gesperrt werden. Ein Gerichtsurteil war nicht nötig.“

Es ist ein ganz besonderer Blick, den Lukas Bärfuss in Schlaglichtern auf das Leben seiner Mutter wirft, geprägt durch eine Mischung aus Abstand und etwas, was sich immer noch wie Nähe anfühlt. Da ist sehr viel Wut in diesem Buch, ein Unverständnis über das, was ihm in seinem Leben durch seine Mutter angetan wurde, und gleichzeitig auch ein abgeklärtes, schmerzhaftes Verständnis. So zeichnet der Autor das Bild einer Frau, die uns oft zuwider ist, die wir aber trotzdem nicht verurteilen können:

„Über ihre gesellschaftliche Rolle beschwerte sie sich nie. Solange ihr erotisches Kapital wirksam genug war, arbeitete sie als Barfrau im Dunstkreis der Prostitution. Später, als sie älter wurde und in der Rolle der verfügbaren Frau nicht mehr marktgängig war, wurde sie Putzfrau, Fabrikarbeiterin, Wäscherin. Am Ende des Lebens wurde sie zur Wirtschaftsmigrantin.“

Der Titel KÖNIGIN DER NACHT bezieht sich zum einen auf die Zeit, in der Bärfuss‘ Mutter „im Millieu“ gearbeitet hat, zum anderen aber auch auf das dunkle Schillern, das sie ein Leben lang beibehielt. Und während wir natürlich bereit sind, hart ins Gericht mit dieser Frau zu gehen für die Art, wie sie ihr Kind behandelt, kommen wir nicht umhin, auch auf ihrer Seite zu stehen in ihrem Versuch, nicht nur sich, sondern auch etwas zu spüren, das sie wahrscheinlich selbst nicht benennen konnte:

„Auch später, als sie in der Waffenfabrik an der Maschine stand, hielt sie sich ein paar Ganoven. Tagsüber Stechuhr, Spießbürger, Hirntod. Abends zum Zeitvertreib ein Versicherungsbetrüger, ein Dieb, ein Hehler. Amüsierte sich mit den Schnauzbärten und den offenen Hemdkragen. Die Uhren aus Katzengold, das Kölnischwasser aus dem Kaufhaus. Ob ein Kerl einen Wagen fuhr, erkannte sie an den Falten in seinen Hosenbeinen. Brave Männer langweilten sie. Sie suchte den riskanten Sex-Appeal, das Spiel mit dem Feuer. Gewalt, Gesetzlosigkeit und rohe Brutalität zogen sie an. Das schloss sogar Mörder ein. Ihr ödes Leben als Lohnempfängerin war nur zu ertragen durch das Widerspenstige, Delinquente, Verdorbene.“

Bereits 2022 hat Lukas Bärfuss VATERS KISTE veröffentlicht, ein Buch mit dem Untertitel „Eine Geschichte über das Erben“ – auf das bin ich nun sehr gespannt, da KÖNIGIN DER NACHT mich begeistert, durchgerüttelt und immer wieder sehr nachdenklich zurückgelassen hat. Es ist eine spannende Erfahrung, lesen zu dürfen, wie sich Lukas Bärfuss seiner Mutter nähert, deren Name nur ein einziges Mal fällt. Es ist keine ausgestreckte Hand, keine Verurteilung, auch keine Rückeroberung oder Verklärung; es ist ein langer, offener Blick, schonungslos in viele Richtungen.

Ein schonungsloser Blick auf die eigene Herkunft – ohne den Versuch, sich selbst zum Helden zu stilisieren

Und natürlich ist KÖNIGIN DER NACHT auch die Geschichte eines Überlebens. Lukas Bärfuss deutet nur an, wie aus dem Jungen, dem sich keine Fenster für einen Fernblick boten, ein Mann wurde, der gelernt hat, sie für sich und andere zu öffnen – und setzt als Ausgangspunkt dafür ein Lexikon in vielen Bänden, das aus dem Nachlass eines Toten stammt:

„Und so ist auf der Welt alles mit allem anderen verbunden, und man muss nur die Tür und also den Zusammenhang finden, und diese Welt gehört ihm, so, wie diese Bücher ihm gehören, für die sich niemand außer ihm interessiert, weil sie nicht verstehen, dass die Bücher auf jede Frage eine Antwort und für jedes Problem die Lösung bieten, wenn man sie nur gründlich liest.“

Das Foto zeigt das Buch "Königin der Nacht" von Lukas Bärfuss, das auf vor einer efeubewachsenen Betonsäule steht.

Nein, KÖNIGIN DER NACHT ist kein leichtes Buch, aber es ist eins, das es uns trotzdem leichtmacht, in ihm zu versinken. Oder ist es ein schweres Buch, dass nicht darauf aus ist, uns mit seinem Eigengewicht niederzudrücken? Als Leser von geringem Verstand mag ich das gar nicht einordnen, sondern nur auf mich nachwirken lassen. Lukas Bärfuss hat ein kurzes Buch geschrieben, das mich noch lange begleiten wird, auch wegen Sätzen wie diesen:

„Aber vielleicht war der Schaden mein fehlendes Bewusstsein für den Mangel. Ich begriff nicht, was mir fehlte, und war doppelt geschädigt. Erstens durch die fehlende Mutterliebe, zweitens durch den ausbleibenden Kummer darüber.“

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Lukas Bärfuss: KÖNIGIN DER NACHT. Ein kurzes Buch über meine Mutter. Rowohlt, 2026