Mit ihrem Buch FÜR ANNA setzt die Autorin Simone Scharbert einer Pionierin der frühen Fotografie ein literarisches Denkmal – und will sich bewusst nicht entscheiden zwischen zwei herkömmlichen Erzählweisen.

Als Tochter eines Universalgelehrten war Anna Atkins (1799–1871) vielleicht prädestiniert, sich ebenfalls für Wissenschaften zu begeistern – und möglicherweise hat der Verlust von drei Mutterfiguren dafür gesorgt, dass es für sie von großer Bedeutung war, Dinge im Bild festzuhalten. Dies hat sie nicht nur zur Cyanotypistin gemacht, sondern auch zur ersten Autorin, die ein Buch mit ausschließlich fotografischen Illustrationen veröffentlichte. Trotzdem ist Anna Atkins heute in Vergessenheit geraten.

Die Lyrikerin und Autorin Simone Scharbert widmet ihr nun FÜR ANNA – und nimmt sich Zeit, drei Fragen zu ihrem Buch zu beantworten, das den Untertitel EINE BELICHTUNG trägt.

Liebe Simone, in FÜR ANNA erzählst Du von Anna Atkins, von der die meisten Menschen vermutlich noch nie gehört haben. Wie bist Du auf sie aufmerksam geworden?

Simone Scharbert: „Ich habe ihre Bilder, also die Cyanotypien, das erste Mal in Amsterdam gesehen. Das ist schon etliche Jahre her. So ein wundervoller Moment war das, in der Ausstellung mit diesen blauen Bildern zu stehen, die einen ganz eigenen Kosmos eröffnet haben. Dieses Blau und all die schwebend-weißen Abbildungen haben etwas Magisches. Ich kannte weder ihren Namen, noch die Arbeiten, noch die Technik. Und weil ich immer schon einen Hang zur Fotografie habe – ich trage stets eine kleine FujiX10 mit mir –, ist sie stärker in mein Leben eingezogen.

Ich habe ein Gedicht über Anna geschrieben, ‚Blaupause‘, für meinen ersten Lyrikband, das war ein Auftakt. Während ich nun das Buch geschrieben habe, war es eine große Freude, mit Anna Atkins in die Anfänge der Fotografie einzutauchen, überhaupt zu lernen, wie viel Bewegung im viktorianischen Zeitalter noch war, mit Blick auf Wissenschaftsgeschichte. Von den Farnen, all ihrer Urwüchsigkeit und Bedeutung für Anna Atkins, ganz zu schweigen.“

Das Bild zeigt ein Selfie der Autorin Simone Scharbert, die sich in einer spiegelnden Scheibe selbst fotografiert hat; unter ihrem Zitat „So ein wundervoller Moment war das, in der Ausstellung mit diesen blauen Bildern zu stehen, die einen ganz einen Kosmos eröffnet haben“ ist der Umschlag ihres Buchs „Für Anna – Eine Belichtung“ zu sehen.

Obwohl Du in erster Linie über Annas eigenwilligen Charakter und die Entwicklung der Fotographie schreibst, sparst Du nicht aus, dass ihr Mann – der sie nie zwang, sich in ein gesellschaftliches Korsett zu zwängen – sein Vermögen dem Sklavenhandel und der kolonialen Ausbeutung Jamaicas verdankte. Warum war Dir das wichtig?

Simone Scharbert: „Ich freue mich über die Frage, weil sie so selten gestellt wird. Mir war bis zur Beschäftigung mit Anna Atkins nicht klar, wie sehr Botanische Gärten hierzulande Resultate des Kolonialismus sind, überhaupt, wie viel an – gerade auch – sprachlicher Zuschreibung kolonial geprägt ist.

Ausschlaggebend war unter anderem die Lektüre von Sinthujan Varatharajahs ‚an alle orte, die hinter uns liegen‘, die mich zuerst wegen der thematischen Verhandlung von Fotografie interessiert hatte. Sinthujan macht so deutlich, wie sehr unser (kolonialer) Blick davon geprägt ist, wer die Macht über die Zuschreibung, also die Macht über die Kamera und damit auch über das gesellschaftliche Narrativ hat. Und um diese Perspektive sichtbar zu machen, war es mir wirklich wichtig, herauszuarbeiten, auf welchen finanziellen Grundlagen Anna Atkins‘ Werk entstehen konnte.“

FÜR ANNA trägt nicht die Genrezuordnung „Roman“, sondern „Eine Belichtung“ – und auch davon abgesehen ist Dein Buch ein literarisches Spiel mit den Fragmenten einer Biographie und einer Sprache, die zwischen Lyrik und Prosa vibriert. Wie schreibt man so?

Simone Scharbert: „Vielleicht kann man manchmal gar nicht so richtig entscheiden, wie man schreibt, oder?

Ich bin nicht besonders gut im Plotten, es fällt mir schwer, den Blick auf eine lange Strecke zu haben. Ich liebe es aber, kurze lyrische Versatzstücke zu schreiben. Zu verdichten, auf kleinem Raum. In der Begrenzung zu arbeiten. Assoziativ von einem ins nächste zu schreiben. Und manchmal reicht das Gedicht dann nicht aus. So entwickeln sich Texte, die lyrisch anfangen, aber doch erzählerisch werden.

Also lag es nahe, eine andere Zuschreibung als ‚Roman‘ oder ‚Lyrik‘ dafür zu finden, zu überlegen, auf welche Art und Weise ich auf Anna Atkins blicke, sie ins Licht rücken will. Und in der Reihe meiner Bücher DU, ALICE, ROSA IN GRAU und FÜR ANNA ist so ein Trio aus ‚Anrufung‘, ‚Heimsuchung‘ und ‚Belichtung‘ geworden.“

Das Bild zeigt ein Foto der Autorin Simone Scharbert, die sich selbst in einem Spiegel fotografiert. Neben ihr steht das Zitat: „Ich liebe es, kurze lyrische Versatzstücke zu schreiben. Zu verdichten auf kleinem Raum. In der Begrenzung zu arbeiten. Assoziativ von einem ins nächste zu schreiben.“

Meine Rezension zu FÜR ANNA. EINE BELICHTUNG findet sich HIER.

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich sowohl selbst gekauft als später auch als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Simone Scharbert: FÜR ANNA. EINE BELICHTUNG. Voland und Quist, 2025