Herausforderung angenommen: Ich kann mehr, als immer nur lange Texte zu schreiben – und stelle sechs Bücher von Anika Landsteiner, Cécile Tlili, Maggie Nelson, Thomas Medicus, Johanna Sebauer und Lisa Roy in Kurzrezensionen vor.
Fast bin ich versucht, diesen Meinungsreigen mit „Back by popular demand“ anzumoderieren – denn ich freue mich, wie gut meine letzte Sause mit fünf Kurzrezensionen angekommen ist. Diesmal lege ich noch einen drauf und habe sechs Bücher im Angebot, die mich auf unterschiedliche Art begeistert haben. Und die kommen … drei, zwei, eins … JETZT:

SCHÖNE LANDSCHAFT, PSYCHOLOGISCHE TIEFE UND EINE AUTORIN, DIE SICH AUF ZWISCHENTÖNE VERSTEHT
„Aus Sicht des Universums macht der Wunsch, alles kontrollieren zu können, natürlich keinen Sinn, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Angst vor Kontrollverlust den Menschen angeboren wurde, damit es spannend bleibt. Sie sollen nicht abschalten, sondern dranbleiben am Leben; sich ständig gedrängt und geschoben fühlen.“
Flo liebt ihren Freund – und hütet doch ein Geheimnis vor ihm. Wird sie sich ihm im Urlaub auf einer idyllischen griechischen Insel offenbaren können? Doch zuerst lernt sie Sofia kennen, die aus Karten lesen und einen Blick in die Zukunft werfen kann: Sieht sie auch, was Flo erwartet? Noch dazu hat Sofia einen Traum, von dem sie nicht weiß, ob sie jemals den Mut haben wird, ihn in die Tat umzusetzen – weil man sich auch unter hohem Himmel und vor der Unendlichkeit der Wellen beengt fühlen kann …
Anika Landsteiner hat mit ihren Bestsellern schon bewiesen, dass sie eindringlich, aber auch mit leichter Hand über Beziehungen, Familie und Frauen in emotionalen Ausnahmesituationen schreiben kann. TRÄUME AUS SALZ ist ein nahezu perfektes Buch für den Sommer oder für Tage, an denen man sich die Leichtigkeit dieser Jahreszeit zurückwünscht, weil man sich schon nicht mehr daran erinnert, wie schwer Hitze auf der Seele lasten kann.
Die Autorin zeichnet beide Hauptfiguren sehr gut (auch wenn mir Sofia nähergekommen ist und ich gerne ein eigenes Buch über sie, ihre Mutter, ihre Oma gelesen hätte) – und begeistert mich mit Sätzen, die ein ganzes Kapitel in sich konzentrieren:
„Diese Beziehung dreht sich nur um ihn, ich stehe am Rand, nah genug, um mich zu sehen, zu weit entfernt, um mich zu respektieren.“
Was ich hoffentlich nie vergessen werde? Die Geschichte, dass die Sirenen einst der in die Unterwelt verschleppten Persephone mit ihrem Gesang den Weg zurück ins Leben gezeigt haben. Hach!
Anika Landsteiner: TRÄUME AUS SALZ. Fischer Verlag, 2026
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MIT GROSSER VORFREUDE BEGONNEN – UND TROTZ GERINGEM UMFANG FAST ABGEBROCHEN
„Ich entdecke Schnappschüsse von Damien und mir, sein Arm um meine Taille, mein Kopf an seiner Schulter, ich bräuchte richtige Abzüge auf Papier, um mit dem Fingernagel die Oberfläche abkratzen zu können und nachzusehen, ob unter den Zeichen der Zärtlichkeit schon die Lüge lauerte.“
Wenn Alice das Haus verlässt, um zur Arbeit zu gehen, fühlt sie sich fremd, obwohl sie die Wege ihrer französischen Heimatstadt kennt: Seit ihr Ehemann ihr eröffnet hat, dass er sich scheiden lassen will, steht sie unter Schock. Erst als sie bei ihrer Nachbarin Siham einziehen darf, findet sie etwas Halt. Aber wird sie erneut ins Straucheln geraten, wenn ihre neue Freundin Hilfe braucht?
EIN SOMMERABEND, der erste Roman der Autorin, war 2024 ein großes Vergnügen für mich – umso mehr bin ich nun, bis auf wenige Passagen und Ideen, enttäuscht von EINE FRAU VERSCHWINDET, weil Cécile Tlili meiner Meinung nach nicht an ihr ausdifferenziertes Gesellschaftsporträt anschließen kann. Bis zum Ende habe ich mich gefragt, was für eine Geschichte die Autorin erzählen will: Die vom wackligen Neubeginn einer Frau, deren Ehe endet, ohne dass wir ein Gefühl dafür bekommen, warum dies geschehen ist? Oder soll das nur die Rahmenhandlung sein für eine Auseinandersetzung mit dem Machtmissbrauch in Einwandererfamilien, in denen Männer die westliche Lebensart auskosten, sie den Frauen aber nicht zugestehen wollen? Auch das bleibt eher angedeutet, seltsam vage.
Noch dazu ist Alice mir als Leser von geringem Verstand immer unsympathischer geworden, auch wegen der merkwürdigen Art, wie sie ihre Tochter vernachlässigt. Kann man natürlich anders sehen: „Klar und pointiert“ nennt Le Figaro die 175 Seiten, die mich leider nicht begeistert haben.
Cécile Tlili: EINE FRAU VERSCHWINDET. Aus dem Französischen von Corinna Rodewald. Kein & Aber, 2026
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ICH HABE MAXIMAL EIN DRITTEL VERSTANDEN – DIESE TEILE DAFÜR ABER UMSO MEHR GEMOCHT
„Woran ich mich erinnere: dass das Blau des Himmels mit der Dunkelheit des leeren Raums dahinter zusammenhängt. Wie es eine wissenschaftliche Zeitschrift über Optik ausdrückt: ‚Die Farbe einer jeden planetarischen Atmosphäre, die man vor der Schwärze des Alls betrachtet, wenn sie von der Sonne angestrahlt wird, wird ebenfalls blau sein.‘ In diesem Fall ist Blau so etwas wie ein durch Leere und Feuer hergestellter ekstatischer Unfall.“
In 240 Momentaufnahmen hat Maggie Nelson festgehalten, was für sie in drei Jahren bemerkenswert war – die Erinnerungen an den Unfall einer Freundin, vor allem aber jene an eine Affäre:
„Zu der Zeit hatte ich erstmals den Gedanken: Wir ficken gut, weil er ein passives Oberteil ist und weil ich ein aktives Unterteil bin. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr sich dieser Gedanke bewahrheiten würde oder auf welch schmerzhafte Weise, wenn er sich nicht nur aufs Ficken bezog.“
Ist es vielleicht empfehlenswert, sich nicht in einen Menschen zu verlieben, sondern in eine Farbe in all ihren Nuancen, Bedeutungen und Geheimnissen? In BLUETS erzählt Maggie Nelson auf mäandernde Art vom Suchen und gelegentlichen Finden, von Spiritualität, von der Bedeutung des „Famous Blue Raincoat“, den Leonard Cohen besang, vom Nestbau des Seidenlaubenvogels. Vielleicht war mein Fehler, dass ich die 104 Seiten am Stück gelesen habe? Möglich, dass es besser ist, BLUETS wie ein Stundenbuch zu sehen, es an zufälliger Stelle aufzuschlagen und ein Gefühl von Andacht zu empfinden ob der durchaus funkelnden Literatur, die sich uns hier anbietet.
Was mich trotz intellektueller Barriere für BLUETS eingenommen hat? Dass der Text mich zum Nachdenken und Nachrecherchieren inspiriert hat – und die Autorin zwischen sehr viel Gefühl auch einen trockenen Humor durchblitzen lässt.
Maggie Nelson: BLUETS. Aus dem Englischen von Jan Wilm. Hanser, 2018 | btb, 2021
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WIE LANGE DARF EIN ABWESENDER VATER EIN LEBEN ÜBERSCHATTEN?
„In Westberlin bewohnte T. lange Zeit Wohnungen von Freunden, die verreist waren. Zwar hatte er eine eigene Wohnung, aber dort fühlte er sich erdrückt, ausgeliefert, kurzatmig. Lieber lebte er das Leben anderer, schlüpfte unter deren Laken, saß in ihren Sesseln, an ihren Tischen, aß von ihren Tellern und mit ihren Bestecken, trank aus ihren Gläsern und Tassen, betrachtete ihre Bilder. Er wollte ein anderer sein, nicht er selbst, hatte kein Vertrauen in ein beständiges Ich.“
Zu den erhebendsten Gefühlen beim Lesen gehört es, in eine Geschichte gesogen zu werden, die größer ist als Buchstaben auf Papier, voller Leben und Trauer – genau das habe ich empfunden, als mich der Tatsachenroman VATERLOS durch die 214 Seiten fliegen ließ. Thomas Medicus erzählt von einem Vater, der Selbstmord begeht, von seiner Frau, dem Sohn namens T., die ohne Antworten zurückbleiben, mit ihren Erinnerungen und den im Rückblick hervortretenden Diskrepanzen einer Familie, die modern war für ihre Zeit und Umgebung … und doch in beidem gefangen.
Seine Stärke hat der Roman in der Analyse der Vergangenheit – seine latente Schwäche ist es meiner Meinung nach, dass Thomas Medicus den Schmerz in der Gegenwart alles überschatten lässt, die Geburt eines eigenen Sohnes beispielsweise nur ganz am Rand erwähnt wird:
„Auch T. durfte glücklich sein, hatte einmal jemand zu ihm gesagt. Er war ganz erschüttert von der Banalität dieser Aussage, hörte aber nicht auf, darüber nachzudenken, so sehr beunruhigte ihn diese Ermunterung.“
Intensive Literatur auf 214 Seiten: Würde ich mich den vielen großartigen Details von VATERLOS widmen, ich müsste Seite um Seite mit Gedanken füllen. Umso mehr reizt es mich, die kurze Form zu wählen – und mit einem meiner Lieblingszitate zu schließen:
„Wäre Geld, unermesslich viel Geld da, würde er ein Haus bauen. Aber was für eines? Wie sähe es aus? Unbeschreiblich. Ein Haus für alle, ein Ort, wo es einmal schön gewesen sein würde, vor allem das.“
Thomas Medicus: VATERLOS. Rowohlt, 2026
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EINE SATIRE MIT CHARME UND SCHWACHSTELLEN
„Die Gurkerlsache war unter der brüllenden Hitze dieses Sommers ein Monster geworden, zu dem sich jeder irgendwie verhalten musste. Man musste überlegen, was man sagte und zu wem. Musste aufpassen, bei welcher Feinkostabteilung man sein Extrawurstsemmerl orderte. Denn je nachdem wo, bekam man entweder ein feuchtes Gurkerl reingeklatscht, auch wenn man gar keines bestellt hatte. Aus Prinzip, sagte einem dann der Verkäufer. Oder aber man bekam, geriet man an eine Feinkostabteilung gegenteiliger Gesinnung, ebenso aus Prinzip, keines, auch wenn man eines bestellt hatte. Es waren komplizierte Zeiten.“
Lokalreporter Pertak spritzt sich beim Öffnen eines Gurkenglases etwas Essigsud ins Auge – und versteigt sich so in seinem Zorn über diese Ungeheuerlichkeit, dass seine Kolumne darüber eine landesweite Diskussion auslöst. Davon erzählt die österreichische Autorin Johanna Sebauer mit beißendem Humor und Lust an der Provokation, verrennt sich dabei meiner Meinung nach aber am Ende dieses kurzen, vom Verlag auf 58 Seiten aufgeblasenen Textes in einem Höhepunkt, den man sicher humorvoll empfinden kann – mir ging es leider nicht so. Stattdessen hätte ich mir ein paar Seiten mehr gewünscht, auf denen die Autorin das Potential der großartigen Grundidee tiefergehend hätte ausschöpfen können.
Ob DAS GURKERL über das knackige Vergnügen hinaus das Zeug hat zum Klassiker der Geschenkbücher? Als Mitbringsel macht man ganz sicher nichts falsch mit dieser Satire auf überhitzte Diskussionen, schon allein wegen den Illustrationen von Nikolaus Heidelbach.
Johanna Sebauer: DAS GURKERL. Illustriert von Nikolaus Heidelbach. Dumont, 2026
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JEDE MENGE GUTE GRÜNDE, SICH IN DIESES BUCH ZU VERLIEBEN
„Das Wasser schmeckt nicht heiliger als Leitungswasser, nicht einmal nach Heilquelle oder Weihrauch. Jana lächelt müde, dann entschlossener, lacht. Im Bauch Weihwasser und ein Embryo, womöglich gekidnappt von einem Geist, womöglich wahnsinnig. Eine Frau auf einer Bank auf einem Planeten in einem Universum.“
Morgen wird Jana 30, jetzt liegt sie in ihrem alten Kinderzimmer, dem schlimmsten Ort für eine Zwischenbilanz. Beziehung: vorbei. Doktorarbeit: der Antriebslosigkeit geopfert. Job: Marketing für Baumaschinen, ohne Leidenschaft für das eine wie das andere. Der Schwangerschaftstest ist das Einzige, was positiv ist in Janas Leben. Und wir lesen das und denken: Will Lisa Roy uns verarschen, dass sie dieser Geschichte den Titel ALLES IST GOLD gegeben hat?
Ihrer Protagonistin bleiben sieben Wochen, um zu entscheiden, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll, als Mutter oder Erst-mal-nicht-Mutter. Praktisch, dass sie gerade jetzt Miral kennenlernt, die Urlaub braucht – und schon sind die beiden unterwegs. In Italien überschlagen sich die Ereignisse: ein Brillenetui wird zweckentfremdet, ein Fläschchen Weihwasser geleert, der allertraurigste Tag begangen und die Frage in den Raum gestellt, ob italienisches Essen für den perfekten Orgasmus sorgt.
Die großartige Lisa Roy verhandelt viel in ihrem Roman: frühe Midlife-Krise, Mutterschaft, Familie, Spiritualität … und vom Letztgenannten vielleicht etwas zu viel? Manchmal fühlte es sich an, als wäre ich nicht der richtige Leser für ALLES IST GOLD; deutlich häufiger aber wollte ich der Autorin die Hand zum High Five entgegenstrecken, so wie Jana ihrem Teenager-Ich. Und das folgende Zitat hänge ich mir in 36-Punkt-Schrift über den Arbeitsplatz:
„Ihr wahrer Feind ist nicht Unentschlossenheit oder Mittelmaß, ihr wahrer Feind ist das Erstarren.“
Lisa Roy: ALLES IST GOLD. Rowohlt, 2026
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BLUETS von Maggie Nelson und DAS GURKERL von Johanna Sebauer habe ich selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft; TRÄUME AUS SALZ von Anika Landsteiner, EINE FRAU VERSCHWINDET von Cécile Tlili, VATERLOS von Thomas Medicus und ALLES IST GOLD von Lisa Roy habe ich als Rezensionsexemplare vom jeweiligen Verlag erhalten. Bei meinen Rezensionen handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie geben lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.


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