Linea Maja Ernst fächert in ihrem Roman FAST ABEND, IMMER NOCH HELL ein Kaleidoskop von Meinungen, Gefühlen und Identitäten auf. Ist das durchgehend ein Vergnügen?

„Der Abendhimmel leuchtet aquarellrot, am Waldrand lodern Weidenröschen und Mohn, das Gras sieht so weich aus, dass man sich überall auf den Boden werfen könnte. Der Madum Sø ist klar und still, eine Lichtung aus Wasser, am Ufer stehen Birken wie weiße Wächter und tauchen ihre Kätzchen ins Wasser, ein Zittern läuft durch die Blätter an ihren Ästen, ein Vorhang, der zur Seite gleiten möchte, ein raschelnder Trommelwirbel. – Kvæde spürt eine prickelnde Erwartung. Das wird magisch! Wir haben eine ganze Woche hier, den Wald, den See, uns. Wir werden feiern, in der Sonne liegen, in der Sommernacht an Essenstafeln sitzen und uns selbst übertreffen, eine kluge, witzige, unermüdliche Talkshow, bis der Morgen dämmert.“

Sechs Menschen aus Kopenhagen, ein Haus in Jütland, das Versprechen entspannter Momente und schöner Gespräche – das hört sich wunderbar an! Aber wird es das auch? Denn neben Sommerkleidern und Badesachen haben die Freund*innen aus Studienzeiten auch jede Menge Themen im Gepäck, die für Sprengstoff sorgen könnten …

„In den letzten Jahren haben sie sich immer wieder ermahnt: Wir müssen uns öfter sehen. Und dann waren doch drei Monate vergangen, ein halbes Jahr. Kinder kamen dazu, weitere Verpflichtungen. Noch ein Vollzeitjob, eine Eigentumswohnung. Mit der Zeit sind sie alle gesetzter geworden. Aber auch älter und nicht mehr so unsicher.“

Das sind Sylvia und Charlie, die eine bisexuelle Akademikerin, die andere lesbische Hausbootbewohnerin, ein glückliches Paar … wobei Sylvia immer noch für ihren alten Freund Esben schwärmt. Überhaupt ist sie schnell und gerne erotisiert, sei es vom Duft ihrer Vulva –

Sie überkreuzt die Beine, sie spürt, dass ihr Slip verrutscht ist, öffnet ihre Shorts, schiebt die Hand hinein, presst ihren Finger auf die Schamlippen, lässt ihn dazwischen gleiten, ehe sie den Baumwollstoff zurechtzupft. Sie führt die Hand zum Gesicht, sie mochte den Geruch schon immer, ein bisschen wie Meerwasser, ein bisschen weiß und blumig. Irgendwo hat sie gelesen, man könne den Duft wie ein verführerisches Parfüm einsetzen. Sie tupft ihn sich hinter die Ohren, zaust sich mit den Fingern durchs Haar.“

– vom harten Sex, den sie von Charlie einfordert, oder von der Vorstellung, wie es wäre, es mit dem Mann ihrer besten Freundin in der Missionarsstellung zu treiben, weil man sich dann weiter von Angesicht zu Angesicht streiten könnte: „Mansplaining ist mein Kink.“

Linea Maja Ernst lädt uns an einen Ort ein, der ganz natürlich und entspannt zu sein scheint – und gleichzeitig so wohlkuratiert ist wie ein Filmset

Das schwarze Haus mit seinem goldenen Strohdach, vor der Außenwelt und dem Alltagsstress verborgen auf einer Halbinsel im See, gehört den Eltern von Karen, die hier mit ihrem Freund Esben Hof hält und von allen als strahlender Mittelpunkt angesehen wird … zumal sie entspannter wirken als Gry und ihr Mann Adam, die mit ihren beiden kleinen Kindern angereist sind. Adam ist, obwohl schön wie eine griechische Statue, der Außenseiter der Gruppe, zu der er nicht zwingend gehören will, da sie ihm zu intellektuell und zu queer ist; Gry dagegen fremdelt nur heimlich damit, dass ihre alte Freundin inzwischen als trans Mann lebt. Sie vermisst den Menschen, der Kvæde vorher war, wenn man das überhaupt so sagen kann, und will nichts falsch machen; ist das Gute daran, sich voneinander entfernt zu haben, vielleicht auch, dass man sich wieder annähern kann?

Was uns zur vielleicht komplexesten Figur in diesem Reigen von Menschen führt, die alle sehr viel über sich und ihre Rollen nachdenken: Kvæde, trans, schwul, Partygänger, mit starken Meinungen, dünner Haut und trotzdem (oder gerade deswegen) großem Vergnügen daran, zu provozieren. Besonders Adam, weil dieser als Hetero-CIS-Mann zu dominant ist … oder weil Kvæde sich danach sehnt, selbst mehr von dieser Maskulinität zu besitzen? Mehr als einmal musste ich beim Lesen an Puck denken, die Figur aus Shakespeares Sommernachtstraum, und an dessen Zauber aus Schlauheit und Hinterlist: „Sie lachen, und Kvæde genießt seine Rolle als Hofnarr, seine Freiheit, sagen zu können, was er will.“

Das Foto zeigt die Autorin Linea Maja Ernst.

Eine elegant-elegische Versuchsanordnung

Die dänische Autorin Linea Maja Ernst erzählt in FAST ABEND, IMMER NOCH HELL in der fließenden Übersetzung von Ursel Allenstein von Figuren, die uns schnell nah kommen – und genau so schnell auf die Nerven gehen können. Alles hier ist Diskurs, jede Figur steht für eine oder mehrere Auseinandersetzungen mit dem Thema Identität. Nicht nur wird schon allein das Frühstück zu einer Leistungsschau der Figuren – mit Shakshuka vom Holzgrill, frisch gebackenem Brot und Waffeln, cremig aufgeschlagener Butter und frittierten Holunderblüten –, sondern Linea Maja Ernst erzählt davon auch so üppig und ausladend, dass es ein sinnliches Vergnügen ist, sich in die Geschichte fallen zu lassen. Himmelhossa, möchte man nicht sofort im wahren Leben mit von der Partie sein, wenn es sich so hinreißend auf dem Papier liest? Auf in den Wald!

„Der Weg führt sie in ein schmales, geheimes Wäldchen, sie stapfen geradewegs in das Wunder hinein. Dies muss die schönste Lichtung im ganzen Wald sein. Die Kiefern türmen sich um sie herum auf, hoch wie Kirchenwände, dunkelgrün und feierlich, ihre Zweige sind von wildem Geißblatt umrankt, das gerade blüht, currygelb und violett, kleine erstarrte Feuerwerksexplosionen, und überall blühen Holundersträuche, leuchten schwerbeladen mit ihren gelbweißen Blütendolden, eine blühende Kalkmalerei. Und in der Mitte der Lichtung steht eine große alte Eiche und streckt ihre Krone aus wie der Altar eines heidnischen Kirchenschiffs.“

Die Menschen, die sich hier am See versammelt haben, sind schön, alles ist schwärmerisch, durchdrungen von freundschaftlicher Liebe … aber auch anderen Gefühlen. Linea Maja Ernst arbeitet überzeugend die emotionalen Stolpersteine heraus, die sie ihren Figuren in den Weg legt (und die wir alle uns oft genug selbst suchen):

„Vor Esben spielt Sylvia nicht ständig die Schlaue; sie versucht, seinem Ernst gerecht zu werden, indem sie sich zurückhält. Doch es ist schwer, denn sie wäre gerne authentisch, und gleichzeitig möchte sie ihn beeindrucken und etwas sagen, das ihn zum Strahlen bringt, vielleicht will sie auch nur authentisch sein, um ihn zu beeindrucken. Ziemlich anstrengend. Mit der eigenen Seele aufwarten zu wollen, und obendrein nur mit den Filetstücken.“

Große Liebe für FAST ABEND, IMMER NOCH HELL … oder doch etwas anderes?

Warum ich meine Gedanken zu FAST ABEND, IMMER NOCH HELL nicht schon vor Wochen aufgeschrieben habe, als ich die 247 Seiten in kürzester Zeit inhalierte?

Weil es mir dann doch sehr schnell zu viel des Guten war: zu viel These, zu viel Innerlichkeit. Mehr als einmal habe ich gedacht: „Das wäre ein fantastischer Film oder eine grandiose Serie“ – wenn Gesichter und Szenerien einen Teil des Erzählens übernehmen, ohne das alles (aber auch wirklich alles) aus- und aufgeschrieben werden muss. Denn manchmal explodiert all das szenische und sprachliche Glitzern des Buchs nicht als Feuerwerk, sondern meiner Meinung nach einfach nur als Knallbombe:

„Kvæde tippt Sylvia an, damit sie Charlies Schönheit sieht, und Sylvia schließt sich seinem Blick an, dem Sonnenuntergangsstrahl auf Charlie, die den Rauch ins Gegenlicht bläst, Kvæde und Sylvia seufzen kollektiv, die Zigarette steht Charlie so gut, und dem ganzen Tisch steht es gut, wie der zarte Rauch das Licht einfängt. Sylvia ist dankbar dafür, wie Kvæde und sie alle Bewunderung teilen können, alle Sehnsucht; sie haben eine Tendenz zu schwärmen und sich gegenseitig anzustacheln, egal, ob es um Menschen oder Dinge geht, wie die letzten Sonnenstrahlen auf eine Wasserkaraffe fallen und sich in Kupferwellen brechen, auf dem Tisch, in Charlies Wuschelhaar, Gold in Gold, irgendjemand muss doch darauf aufmerksam machen, und das sind immer sie beide.“

FAST ABEND, IMMER NOCH HELL ist ein Roman, von dem ich mit ein bisschen Abstand froh bin, ihn gelesen zu haben – und nicht ausschließe, das Buch noch einmal in die Hand zu nehmen, weil man letztendlich überall hineinblättern und sich von der Opulenz der Beschreibung gefangen nehmen kann. Ob ich den dramatischen Höhepunkt, den es zwischendurch gibt, gebraucht hätte – ich weiß es nicht: Er gehört natürlich dazu, ist dramaturgisch sehr gut vorbereitet und verfehlt seine Wirkung nicht … auch wenn er für mich nur bestätigte, dass Linea Maja Ernsts dänischer Bestseller zu viel, zu laut, zu „on your nose“ ist.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mich die Figuren nicht losgelassen haben, dass ich viel über sie nachdenken musste (und wollte), dass sie sich immer wieder in meine Erinnerung gedrängt haben, wenn ich längst in einer anderen Geschichte unterwegs war. Vor allem setzt die Autorin sehr geschickt einen weiteren Höhepunkt, von dem ich nicht gedacht hätte, dass wir ihn erleben würden, und der mich seitdem auch immer wieder beschäftigt hat.

Dieses Bild ist der Umschlag des Romans "Fast Abend, immer noch hell" von Linea Maja Herbst (deutsche Ausgabe, erschienen bei S. Fischer).

Und zum Geleit: Vielleicht kein Tusch, aber auf jeden Fall ein Trommelwirbel

FAST ABEND, IMMER NOCH HELL ist ein Buch, das man auf seine Leseliste setzen sollte, wenn man sich als queerer oder nicht-queerer Mensch mit dem Zusammenspiel genau dieser beiden Lebensrealitäten auseinandersetzen möchte. Und so, wie mein alter Freund William (ach, was ist es lange her, dass wir gemeinsam tranken …) sein bereits erwähntes Theaterstück abbindet mit den berühmten Worten „If we shadows have offended, | Think but this and all is mended: | That you have but slumbered here | While these visions did appear.“, so dürfte auch Linea Maja Ernst gelächelt haben, als sie diese Zeilen schrieb:

„‚Was ist denn deine sexuelle Orientierung, Kvæde?‘, fragt Karen. (Gry zuckt innerlich zusammen, das darf man doch nicht fragen, das ist ja viel zu direkt. Oder doch?)
‚Ich glaube, ich repräsentiere eher sexuelle Desorientierung‘, antwortet er und zwinkert Karen zu. Sie lacht.
‚Freust du dich schon lange darauf, diesen Witz zu machen?‘
‚Viel zu lange‘, sagt Kvæde.“

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Linea Maja Ernst: FAST ABEND, IMMER NOCH HELL. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. S. Fischer, 2026