Ist die Welt aus Marmor, Quecksilber und Nebel gemacht? Judith Schalansky lässt uns in ihrem neuen Buch in ihren Gedanken wandern – und öffnet dadurch viele Fenster
„Die Welt ist voller erfundener Berichte. Ich möchte ihnen keinen weiteren hinzufügen, auch wenn die Geschichte, die ich zu schildern habe, nicht frei ist von jenen Ungenauigkeiten und Vereinfachungen, ohne die keine Erfahrung zu Erzähltem transmutiert. Tatsächlich sind mir die Begriffe von Dichtung und Wahrheit schon vor einiger Zeit in Unordnung geraten – und es gehört zu den Kunstgriffen der Vorsehung, dass die Erlebnisse eines einzigen Tages genügten, um das Zersetzungswerk zu vollbringen. Es geschah, wie sollte es anders sein, in der Fremde, deren ehrbarste Aufgabe darin besteht, einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“
Jedes Ding, so sagte Karl Valentin, hat drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische. Daran muss ich denken, während ich versuche, meine noch nicht marmorfesten, sondern etwas nebulösen Gedanken zu einem Buch in Worte zu fassen, das inhaltlich aufs Allerfeinste vor sich hinquecksilbert. Wo anfangen?
Vielleicht mit Denis Scheck (Literaturkritiker): Der hat in der Märzausgabe seiner Sendung DRUCKFRISCH widerwärtig gegen eine Autorin gewettert und das Buch einer anderen so verrissen, dass es zu größeren Protesten kam. Darüber wurde vergessen, dass er andere Autorinnen feiert, so wie in der darauffolgenden Episode … Tusch und Trommelwirbel … Judith Schalansky.
Die Berliner Schriftstellerin, Buchgestalterin und Herausgeberin wird vom Feuilleton und Lesenden mit anspruchsvollem Geschmack gleichermaßen gefeiert, sei es für ihren (Bildungs-)Roman DER HALS DER GIRAFFE, sei es für den ATLAS DER ABLEGENEN INSELN, ein halb literarisches, halb kartographisches Werk. Mein Eindruck bisher: Tolle Frau, aber das ist alles zu hoch für mich Leser von geringem Verstand.
Und dann saß Judith Schalansky also bei Scheck, mit für mich irritierenden, aber gutgelaunten Stiefeln und spürbarer Freude daran, uns acht Minuten lang in ihre Gedankenwelt blicken zu lassen. Ich musste das Buch noch am selben Tag kaufen, und obwohl es einige Zeit dauerte, bis ich endlich die Ruhe fand, mich auf den Text einzulassen, war ich schon im Laden hoch beglückt ob der schönen Ausstattung mit der silbernen, tiefgeprägten Typo auf einem wie gehämmert wirkenden Einbandpapier, das sich bis in den Vorsatz zieht. Handschmeichelnder geht’s kaum! Und Kopfreizender auch nicht.
Drei Abschnitte, drei unterschiedliche Ausgangspunkte
„Es beginnt nicht mit einem weißen Blatt, sondern mit einem weißen Block. Ich entdecke ihn, als ich mit einem Becher Kaffee auf dem Außendeck der Fähre an die Reling trete und auf das Thrakische Meer schaue, ein strahlender Fleck am unteren Gesichtsfeld. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe, freilich ohne irgendetwas zu kapieren: Es ist ein Brocken, ein aberwitzig großer Brocken aus massivem Marmor, die Seiten annähernd rechtwinklig, beinahe ein Quader, ungeschlacht und perfekt.
Man kann sich seine Erscheinungen nicht aussuchen. Sie ereilen einen, wie Verliebtheiten, aus dem Augenwinkel, jäh, unversehens, hinterrücks. Beladen mit Bedeutung, versperren sie einem den Weg. Wie versteinert steht man da und hält den Atem an, hellwach, andächtig und empört. Was kann es Himmelschreienderes geben als einen mehrere Meter hohen und mehrere Meter breiten Block seifenweißen Marmors auf seinem Weg in die Welt?“
Mit dieser ungewöhnlichen Begegnung auf dem griechischen Meer geht es los, bevor wir später mit der Autorin nach Mexiko reisen und uns schließlich, von den Grenzen befreit, die Raum und Zeit setzen, unter anderem im Harz der Gegenwart wiederfinden sowie im England des Alan Turing.
Judith Schalansky tanzt in ihren Essays – wenn man diese alltagstauglich-akademischen Wunderkammern so nennen darf – vom Marmorblock der Gegenwart zur Sklavenhaltung im alten Griechenland, vom Mythos Pygmalion zum Garten von Mme Pelicot, sie zitiert aus einer KI-Übersetzung („Michelangelo suchte seine Murmeln am Strand“), benennt die aktuellen Bußgelder bei Benutzung von Schimpfwörtern mit Schweinebezug und ist dadurch auf einmal bei einer mir bis dato komplett unbekannten Autorin, deren heute eher vergessenes Theaterstück die Grundlage für den Filmklassiker „Mädchen in Uniform“ ist. Ah, und zwischendurch liegt Kleintierkot auf einem Teppich. Denn hier wirbelt nicht nur alles wild durcheinander, sondern fügt sich auch ineinander wie die Teile eines Puzzles.

„Liebt der Mensch“, fragt Judith Schalansky bei einem Vortrag, „Bestseller so sehr, weil er selbst einer ist, mit dieser exorbitanten Auflage von acht Milliarden?“ Während wir noch dieser Frage nachhorchen, erfahren wir schon, dass Alphitomantie die Kunst ist, aus Mehl zu weissagen; ich wünschte, ich könnte mir das bis zur nächsten Party merken, um es so locker ins Gespräch einzuflechten wie die Erkenntnis, dass nur Einzeller die Welt sehen, wie sie ist –weil die menschliche Wahrnehmung stets eine Interpretation unseres Gehirns darstellt. Und war uns allen schon bewusst, dass Nebel eigentlich Leben heißt, wenn man das Wort von hinten liest?
„Hartnäckig hält sich die Vorstellung, der Welt wohne eine verborgene Wahrheit oder lichte Logik inne, die sich durch Befragung, Beobachtung oder Berechnung zutage fördern lässt, jedes Problem wäre – wenn man es richtig formulierte – prinzipiell lösbar, und alles menschliche Tun jenseits des bloßen Überlebens ließe sich als ein Versuch begreifen, sich diesem fernen, doch theoretisch erreichbaren Ziel zu nähern.“
Wie nähert man sich so einem erstaunlichen Text?
MARMOR, QUECKSILBER, NEBEL ist ein Buch, das man an einem Stück lesen möchte, weil es ein Vergnügen ist, wie die Autorin ihre wohlkuratierten Gedanken auf einer Samtdecke vor uns ausbereitet; ich rate allerdings zur Mäßigung und dazu, sich dieses literarische Tonikum in kleinen Schlucken zu verabreichen. Denn so groß meine Liebe für den ersten Teil ist, der sich um weit mehr als Marmor dreht, so wirr habe ich den zweiten Teil zunächst empfunden, obwohl dies natürlich perfekt zum titelgebenden Element passt.
Wer wie ich damit hadern, darf sich aber auf den Besuch eines Lucha Libre Wrestling-Wettbewerbs freuen, denn Schalansky schreibt so schwungvoll über dessen Figuren und Prügelorgien, dass es ein Vergnügen ist; darüber vergisst man auch, wie sie damit kokettierend, dass sie doch nicht brillant ist … und damit natürlich vor allem das Gegenteil unter Beweis stellen möchte:
„Da es mir, klagte ich nun, bis zum heutigen Tag an einem analytischen Zugang zur Sprache fehle, stünde mir folglich auch kein Werkzeug zur Verfügung, den gordischen Knoten eines hoffnungslos verworrenen Satzes zu lösen. Wie oft hatte mir Doris, meine Lektorin, einen wundersam ouroboroshaften Satz als ‚Satzungetüm‘ angemahnt und ich dann die schöne, in sich selbst verbissene Schlange irgendwo zerteilen müssen, um ihre einzelnen, gestutzten Glieder neu zu verknoten, aber die Grammatik, dieses hehre Modell systematischer Sprachbeschreibung, habe mir dabei nie, nie, nie geholfen!“
„Drei verwegene Expeditionen ins Konkrete, ins Schillernde, ins Ungefähre“, verspricht der Rückseitentext. In diesen platziert Judith Schalansky schönste Wahr- und Wahrhaftigkeiten so nebenbei als Wegweiser, dass man sich immer wieder fragt, ob dies harte Arbeit ist oder natürlich Brillanz; um nur ein Beispiel zu nennen, das meiner Meinung nach viel über das menschliche Wesen aussagt: „Wie gern würde ich etwas tun, den [Marmor-]Koloss anbeten oder vermessen, die beiden naheliegendsten Praktiken, um mit dergestaltigen Erschütterungen klarzukommen.“
Zu den vielen Gedanken, die ich mir markiert habe, gehört auch dieser über die Steinbrüche im alten Griechenland, der Wiege der Demokratie, die auf dem Leid von Sklaven gebaut wurde:
„Wer dort landete, starb innerhalb kürzester Zeit an Auszehrung und Entkräftung, außerhalb einer Gemeinschaft, die diese Verluste weder verzeichnete noch ihnen ein Opfer oder Grabmal weihte. Der Stein jeder Stele, mit der man die Toten zu ehren pflegte, ist von Menschen zu Tage gefördert worden, die von dem Kult der Trauer ausgeschlossen blieben.“
Und wenn wir schon beim Tod sind, der allgegenwärtig ist in diesem Buch, das so viel über das Leben erzählt: Judith Schalansky weiß, wie die Idee in die Welt trat, die Seele könne 21 Gramm wiegen, und tänzelt kurz um das Newtonium herum, ein Element, das sich nicht beweisen lässt; die Frage allein, wie dieses nun zum vorliegenden Buch passt, könnte mich Wochen beschäftigen, und es wären sicher nicht die schlechtesten meines Lebens.
Fest, flüssig, ungreifbar – wenn ein Text uns spüren lässt, wie sich diese Wahrnehmungen anfühlen, muss es ein besonderer sein
Wie finde ich nun ein Ende für diese unkomplette Liebeserklärung? Vielleicht damit, dass ich zum ersten Mal so richtig verstehe, warum die Bücher gebildeter Menschen auf viele Lesende eine beruhigende, als tröstend empfundene Wirkung haben – denn ich habe mich von vielen Gedanken, die Judith Schalanksy für uns zusammengetragen hat, auf überraschende Art behütet gefühlt. Zum Beispiel durch diesen hier:
„Für die Quechua sprechenden Völker Südamerikas, erinnert Ursula K. Le Guin, ist es nicht die Zukunft, die einem ‚direkt vor der Nase liegt‘, sondern die Vergangenheit, ‚weil man sie kennt‘, wohingegen die Zukunft hinter einem liegt. Sie ist das, was man nicht sehen kann, es sei denn, man dreht sich um. Und dann wünscht man sich bisweilen, man hätte es nicht getan, weil man einen Blick auf das erhascht hat, was sich von hinten anschleicht. ‚Wir stehen in Verhältnissen mit allen Theilen des Universums, so wie mit Zukunft und Vorzeit‘, schreibt Novalis in seinen Blüthenstaub-Fragmenten: ‚Es hängt nur von der Richtung und Dauer unsrer Aufmerksamkeit ab, welches Verhältniß wir vorzüglich ausbilden wollen, welches für uns wichtig, und wirksam werden soll.‘“
So, und was war das gerade mit Karl Valentin? Negativ ist, dass Denis Scheck seine eigene Brillanz so liebt, dass er die damit einhergehende Galligkeit nicht im Griff hat; positiv ist, dass er trotzdem einen (Sendungs-)Raum öffnet, um uns Werke wie die von Judith Schalansky entdecken zu lassen.
Und was ist nun komisch daran? Vielleicht das Zusammenspiel von beidem; vielleicht mein beseelter Gesichtsausdruck, während ich in den 173 Seiten versunken bin; vielleicht aber auch, dass die Autorin zwischendurch einfach eine der schönsten Definition droppt, warum wir lesen, schreiben, erzählen und zuhören:
„Manche meinen, der Ursprung der Literatur sei das Bedürfnis, mit den Toten zu sprechen, andere behaupten, es sei der Zwang, die Zukunft durch Sprache zu bändigen, und wieder andere glauben, es sei der Wunsch, all das stattfinden zu lassen, was hätte sein können und nicht war.“
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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Judith Schlansky: MARMOR, QUECKSILBER, NEBEL. Woraus die Welt gemacht ist. Suhrkamp, 2026



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