Ein Kritiker vergreift sich im Ton, eine Lektorin reagiert – und so können im Sammelband DIE DAMENTOILETTE nun 22 kurze, oft großartige Texte lesen über einen Ort, an dem möglicherweise auch „geschnattert“ wird …

„Dieser Band ist keine extensive Abhandlung über die Damentoilette von der Steinzeit bis heute. Er möchte auch kein Proseminar in Gender Studies sein. Was er aber ist: eine Momentaufnahme, ein Ensemble an Stimmen, ein schöner Sturm, der sich im Frühjahr 2026 spontan formiert hat.“

Heißa hopsa Lillebror – da war was los! Kaum hatte Denis Scheck (Literaturkritiker) in seiner Sendung DRUCKFRISCH Ende März den Sachbuch-Bestseller ALT GENUG von Ildikó von Kürthy in die Buchtransportbox gefeuert (die seit Jahren als „Tonne“ oder „Mülleimer“ bezeichnet wird, was auch nicht so richtig schön ist für so eine Buchtransportbox), schon hagelte es wütende Reaktionen … und zwar im seltenen Gleichklang sowohl in klassischen als auch sozialen Medien.

Was bisher geschah …

Scheck bezeichnete ALT GENUG als „Merch“ zur Autorin, deren Strahlkraft er damit noch einmal hervorhob, und wurde daraufhin vielstimmig als „alt“ und „dick“ eingeordnet. Die Wogen kochten hoch, zumal Elke Heidenreich – deren Bücher bei Scheck stets das Fliegen lernen –, öffentlichkeitswirksam die Absetzung des vermeintlichen Frauenverachters forderte. Der feiert in seiner Sendung und den Interviews zwar regelmäßig Autorinnen wie Judith Schalanksy, Nora Gomringer, Ursula Poznanski oder Daniela Krien feiert (und wird von Siri Hustvedt als Freund bezeichnet), lässt aber bekanntermaßen wenig gute Haare an Bestsellern, die ihm missfallen.

Das gipfelte im Fall von ALT GENUG in seiner Aussage, das Buch sei eine Sammlung von „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette“. Was – für mich irritierend – mehr Groll auszulösen schien als sein persönlicher, diffamierender Angriff auf Sophie Passmann, deren Buch WIE KANN SIE NUR in seiner Wahrnehmung „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“ seien – und er der Autorin neben Narzissmus „einen Kopf ohne echte Bildungsressourcen“ unterstellte.

Ich möchte festhalten: Das! Geht! Gar! Nicht! Man darf jedes Buch durch die Mangel drehen, im Idealfall mit begründeten Argumenten, und natürlich kann es in diesem Zusammenhang dazu kommen, dass auch Autor*innen kritisiert wird.

Wer aber wie Denis Scheck bewusst unter die Gürtellinie zielt, indem er nicht die Arbeit, sondern die Intelligenz eines Menschen in Frage stellt, der verdient scharfen Gegenwind. Und wenn dieser dann noch andere Früchte trägt: wunderbar!

Entrüstung muss sich nicht in einer Ohrfeige entladen

Denn nun, wenige Monate später, ist das Buch zum Skandal da. Fast bin ich versucht zu sagen, dass es sich hierbei nun wirklich um literarischen Merch handelt, mit dem allerdings nicht der Sch(r)eck seine aus dem Ruder gelaufene Galligkeit vergoldet, sondern der Ullstein-Verlag ein Zeichen setzt. Friederike Schilbach, schlaue und schnelle Programmleiterin des Labels „park x ullstein“, hat 22 deutsche und internationale Autor*innen eingeladen, ihre persönliche Sicht auf die titelgebende DAMENTOILETTE darzulegen (wer sich wundert, warum ich hier gendere: eine Beiträger*in ist nonbinär). Die Damen von Kürthy und Passmann sind nicht vertreten, dafür aber zahlreiche andere – und zwar mit Texten, die fast ausnahmslos ein großes Vergnügen sind.

Das Bild zeigt links die Lektorin und Programmleiterin Friederike Schilbach und rechts daneben das von ihr herausgegebene Buch DIE DAMENTOILETTE.

„Eine Damentoilette entsteht überall da, wo wir gemeinsam verletzlich sind und uns einander zeigen“, schreibt Ilona Hartmann, und das könnte man sicher auch als Leitmotiv über das ganze Buch setzen, in dem sich auf belebende Weise Fiktion mit Essayistischem mischt: Es sind Momentaufnahmen und Mini-Manifeste, die Texte streifen viele Themen, stoßen gedankliche Fenster und Türen für uns auf. Und das auf gerade mal 149 Seiten.

Nora Gantenbrink erzählt zum Auftakt von einer Toilettenfrau mit Herz, aber zu geringer Rente. Gabriele von Arnim verrät, warum ihr der Besuch einer Toilette neuen Lebensmut gab. Ubin Eoh schwärmt über die öffentlichen Toiletten in Seoul, Katja Eichinger erinnert sich an eine in L.A., in der jenseits cooler Machismo-Atmosphäre rund um Bar und Tanzfläche die eigentliche Party stattfand. Bei Lin Hierse kommt es zu einer sehr besonderen Begegnung – und bei Mareike Höppner zum Versuch, Kohlblätter mittels Wasserspülung zu entsorgen (nebenbei bemerkt: eine schlechte Idee, man möchte nicht wissen, wie Scheck dies bezeichnen würde).

Um meine hauchzarten Kritikpunkte aus dem Weg zu räumen: Der Text von Heidi Julavits liest sich in der Übersetzung von Sophie Zeitz zwar gut, hat sich mir aber ebenso wenig erschlossen wie die Frage, ob Rita Bullwinkel für DAS BAD das Briefing der Herausgeberin verstanden hat … oder einfach einen anderen Text recyclen wollte. Amüsant fand ich dagegen, dass Leanne Shapton nur am Rande erwähnt, dass sie sich die Gedanken, über die sie in EIER schreibt, in der langen Schlange vor einer Toilette macht; hier wird für die Anthologie passend gemacht, was sonst möglicherweise nicht gepasst hätte, und das sehr zu meinem Vergnügen.

Miniaturen, die große Fragen stellen – auch die nach der weiblichen Solidarität

Und wenn wir schon beim Vergnügen sind: Applaus für Dana Vowinckel, deren Text LÄSTERN, KOTZEN, PISSEN, WEGSCHAUEN, DRAUFHAUEN mich auch deswegen so durchgerüttelt hat, weil die Autorin – anders als in der vorangegangenen öffentlichen Diskussion – nicht so tut, als wäre ein Raum für Frauen automatisch ein Ort der Solidarität (was sich auch im leider sehr kurzen Beitrag von Sonja Fink spiegelt):

„Zur wiederkehrenden Überraschung der Allgemeinheit und somit auch der Literaturkritik sind Frauen Menschen. Das macht sie nicht schlechter als andere Menschen, sondern zu Menschen. Es macht sie aber auch nicht besser als andere Menschen. Und Menschen können sehr liebend zueinander sein und sehr grausam. Sie können sich helfen und sabotieren. – Die Damentoilette kann ein magischer Ort sein und ein grausamer. Frauen können toll sein oder scheiße.“

Die Damentoilette ist ein konkreter Ort – und gleichzeitig eben auch deutlich mehr. Davon erzählt auch Claire Beermann, die sich eindeutig nicht zu den Frauen zählt, die voreinander in einer viel zu kleinen Kabine pinkeln würden:

„Natürlich ist das Badezimmer auch ein Ort, an dem man ähnlich einem Fußballer zur Halbzeitpause in seiner Kabine wieder zu sich finden kann. Gerade als Frau ist man darauf konditioniert, ein permanent charmantes, gesittetes, graziles, gekämmtes, glatthäutiges, wohlriechendes, dabei aber bloß nicht zu lautes, zu breites, zu raumeinnehmendes Bild abzugeben. Wenn ich eine Pause von diesem Theater brauche, begebe ich mich zu Erholungszwecken auf die Damentoilette.“

Keine Pause hätte ich gebraucht von LES TOILETTES DE BERLIN, denn Anabelle Hirsch entwirft auf sechs Seiten eine Handlung, die mehr zu bieten hat als mancher 300-Seiten-Roman – und noch dazu (und jenseits aller aktuell beliebten „Heated Rivalry“-Plattitüden) eine ganz andere Dimension aufmacht für das, was in der relativen Abgeschiedenheit einer Damentoilette passieren kann:

„Ich denke an deine Küsse. Sie waren gierig. Gierig und sanft. Als würdest du mich nicht küssen, sondern mir etwas erzählen wollen, von Mund zu Mund, Körper zu Körper, die Nachricht von einer Brust in die andere gleiten lassen, ohne dass die Wörter in der Luft als Ton aufprallen. So als müsste das, was du, die sonst so Laute, hier mitteilst, unbedingt unter uns bleiben. ‚C’est un secret, ne dis pas que je te l’ai dit.‘“

In gewisser Weise korrespondiert dies auch mit dem Gedanken von Leanne Shapton, die uns in der Übersetzung von Sophie Zeitz (und dem bereits erwähnten Text EIER) wissen lässt:

„Ein guter Geruch hat für mich etwas Eigenständiges, einen spürbaren Biss, wie das Wort ‚stinken‘ mit sauberen Kanten. Eine parallele Süße. Meistens verliebe ich mich erst in den feuchten Dunst seiner Haut, und in den Mann später.“

Über dieses Bild habe ich lange nachgedacht, und vielleicht findet sich darin mehr darüber, wie wir Sprache betrachten können, als ich Leser von geringem Verstand schon absehen kann.

Ein weiteres schlaues Lesevergnügen ist SPIEGELN von Caroline Rosales, in der die Damentoilette die zufällige, aber nicht wahllose Begegnungsstätte für zwei Frauen ist, die unterschiedlich auf sich blicken – zumal die Autorin abei auch eins der bereits erwähnten wichtigen Themen des Buchs anstößt:

„Eine der primitivsten Regeln aus dem Leitfaden für Unterdrückung lautet, Frauen zu finden, die sich wie Sittenwächterinnen gegenseitig überwachen und klein halten. Das funktioniert am besten, indem man spaltet und herrscht. Indem wir uns gegenseitig daran erinnern, was sich gehört.“

Und wenn sie am Ende des Absatzes schreibt

„Wir sollen uns gegenseitig beschützen, wir reden so viel über Safe Spaces. Wir reden über Sicherheit, meinen aber eigentlich Kontrolle.“,

dann ist das kein sogenanntes „Frauenthema“, sondern ein Menschheitsproblem, über das es sich lohnt, aus diversen Blickwinkeln nachzudenken.

Jeder dieser Texte würde ohne die inhaltliche Klammer funktionieren – das macht DIE DAMENTOILETTE zu einem Gewinn

Ich trau’s mich kaum zu sagen, aber fast könnte man Denis Scheck für seine Dünkel-Diarrhö dankbar sein, denn ohne sie (und die bereits erwähnte, mit Konfetti zu umwirbelnde Herausgeberin) wären wir nicht in den Genuss von DIE DAMENTOILETTE gekommen. Ich habe das Buch sehr gerne und mit Erkenntnisgewinn gelesen, es hat Humor, Hirn und Herz … und jede Menge Gedanken, die mich nachhaltig begeistern. So plädiert Jovana Reisinger in GEHST DU SCHON dafür, dass Kommunikation manchmal etwas ist, was man mit sich selbst hat und nicht unbedingt mich einem (unfreiwilligen) Gegenüber:

„Ich stand [am Handwaschbecken] einmal neben einer berühmten Modedesignerin, mehrfach neben Bestsellerautorinnen und einmal neben einer Weltklasse-Tennisspielerin, und in all diesen Momenten, dachte ich: Toll, gerade überschneiden sich unsere Realitäten, und wir wollen und tun das Gleiche. Den Moment des Beisammenseins, der Synchronizität also genießen, aber bitte kein Gespräch beginnen.“

Und wollen wir noch einmal auf das Scheck’sche Gezeter über das vermeintlich wenig sinnstiftende Geschnatter zu sprechen kommen? Dafür findet Xiaochun Fan in ihrem Text DEINE ADRESSE? (übersetzt von Friederike Schilbach) ein so gutes Gegenargument, dass ich in die Hände klatschen möchte:

„Rede ist singulär, eine isolierte Wahrheit. Gerede ist plural, eine schwingende Welle. Und vielleicht ist dieser plurale, triviale Fluss des Geredes das, wie das Leben wirklich aussieht.“

Wir brauchen mehr Wellen, schwingende und andere! Und vielleicht lernen wir dann irgendwann auch, sie gemeinsam zu reiten.

***

Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Das Bild zeigt den Umschlag der Anthologie DIE DAMENTOILETTE, die von Friederike Schilbach bei Ullstein herausgegeben wurde.

Friederike Schilbach (Hrsg.): DIE DAMENTOILETTE. 22 Liebeserklärungen. Einige Texte wurden übersetzt von Sophie Zeitz und Friederike Schilbach. park x ullstein, 2026