Simone Buchholz begeistert mit „Über Söhne“, Banu Mushtaq überrascht mit „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause“ – und dann ist da noch die „Fanfare“ von Elke Heidenreich …
Das Leben stellt einem manchmal ein Bein, aber die tiefste Grube schaufelt man sich auch oft selbst – und das meint in diesem Fall mich. Denn mein Plan, diese drei Bücher in weniger als 2000 Zeichen vorzustellen, hat mich erst einmal zu Texten geführt, die viermal so lang waren. Warum fächert sich manches Buch gerade dann, wenn man sich kurzfassen will, noch vielschichtiger auf? Aber Herausforderung ist Herausforderung!

PERSÖNLICH UND BERÜHREND
„In den endlosen Nächten hinterm Fenster des winzigen Krankenhauszimmers – denn es waren viele Infekte, es war eine Menge Fieber, es zog sich über fast zwei Jahre – schloss ich mit meinem vor sich hinglühenden Sohn einen Pakt: Okay, du bist Feuer, dann bin ich halt deine freiwillige Feuerwehr, ich hol dich raus, wenn es zu heiß wird.“
Seit ich mich vor Jahren in eine Kurzgeschichte von ihr verliebt habe, denke ich mit leichtem Glücksglimmer an Simone Buchholz. Also habe ich mich auf ÜBER SÖHNE gefreut, einen augenfreundlich gesetzten Band von 94 Seiten, an dem ich alles mag … außer den Titel.
Simone Buchholz erzählt von ihrem Sohn Rocco (Singular!), und sie fängt am Anfang an, nämlich bei der „Entbindung“: Ihre Gedanken dazu sind so schön, dass mir das Herz aufgeht. Und wenn sie schreibt, dass sie dem Kleinkind einen Bommel an die Mütze machen musste, um den nun neongekrönten Kugelblitz in Affenzahn über den Spielplatz robben sehen zu können, ist das hinreißend.
Aber dies ist ein Sachbuch, kein Roman, also ahnen wir, dass es so cute nicht bleiben wird: Die effizienten Kurzansagen – „Badezimmer, Händewaschen, jetzt!“ – werden sich zu „Keine Nachbarn, keine Drogen, keine Bullen!“ wandeln. Der Junge muss lernen, die „heimliche Wildigkeit“ rauszulassen, und unser Herz bricht und wächst wieder zusammen (auch wegen seiner Schulfreundin, die ihn durch den Tag bosselte).

Simone Buchholz, laut eigener Aussage selbst ein wildes Kind („Wir hatten eine tolle, aufregende Zeit miteinander. Erst als es später ans Rohrbombenbauen ging, war ich raus und ließ meine Haare wachsen.“) hat ein persönliches Buch über ihren Sohn geschrieben, das mich auf nahezu jeder Seite berührt, stupst, stört oder zum Schnurren bringt. Nur: Man darf ob des Titels bitte nicht glauben, dass es ein allgemeingültiges Buch über die Aufzucht, Hege und Pflege von männlichem Nachwuchs ist. Es ist ein Ausdruck von Liebe – und für uns ein Geschenk, daran teilhaben zu dürfen.
Simone Buchholz: ÜBER SÖHNE. Rowohlt, 2026
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BRUTAL UND ERHELLEND
„Stellen Sie sich vor, der Körper eines Mannes wäre mit eiternden und blutenden Wunden bedeckt. Seine Frau stünde auch dann in seiner Schuld, wenn sie all diese Wunden mit ihrer Zunge sauber leckte.“
Manchmal ist es gut, hereingelegt zu werden: Daran musste ich denken, während ich MEISTENS BLEIBT JA DIE FRAU ZU HAUSE las, den von Katrin Binder fließend aus dem Kannada ins Deutsche übersetzen Erzählband der indischen Autorin Banu Mushtaq. So verspricht der Text auf dem schönen Einband, dass hier Frauen „den Mächtigen mit aufmüpfigem Witz ins Gesicht lachen“ und Banu Mushtaq „die kleinen, alltäglichen Arten weiblichen Widerstands feiert“.
Die zwölf Geschichten erzählen auf 248 Seiten vor allem vom Gegenteil: Von der Unterdrückung der Frauen, von männlicher Gewalt, von Kaltherzigkeit. Ich habe MEISTENS BLEIBT JA DIE FRAU ZU HAUSE als niederschmetternd empfunden, es hat mich traurig und wütend gemacht – aber auch begeistert: Banu Mushtaq erzählt ohne Verklärung von einer anderen Kultur, öffnet uns ein Fenster, durch das wir sonst nicht sehen würden.

„Ein Buch für unsere Zeit“, schrieb die Jury des International Booker Prize, von der die Autorin 2025 ausgezeichnet wurde, „in der so viele zum Schweigen gebracht werden.“ Und man kann die Literatur von Banu Mushtaq auch dafür feiern, dass sie zwar vorführt, aber nicht explizit wertet, wenn eine Frau diese Frage gen Himmel schickt:
„Du bist der Schöpfer. Er ist deine geliebte Schöpfung. Bin ich deine ungeliebte Schöpfung?“
Zugegeben: Wäre mir das vorher bewusst gewesen, hätte ich das Buch nicht gelesen. Dann wäre mir etwas entgangen, was mich lange beschäftigt hat – und ein Buch, das zwar viel über Männer erzählt, aber mit besonderem Blickwinkel:
„Deine Buchhalter bringen dir jeden Tag Tausende von Nachrichten. Aber die wurden alle mit Tinte geschrieben. Dieser Bericht hier wurde mit dem Herzen geschrieben. Noch dazu mit der scharfen Feder eines Frauenherzens.“
Banu Mushtaq: MEISTENS BLEIBT JA DIE FRAU ZU HAUSE. Aus dem Kannada von Katrin Binder. Kjona, 2026
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VIELVERSPRECHEND, ABER ENTTÄUSCHEND
„Mein Leben lang habe ich mir eine Art Fanfare ersehnt, die mir den Marsch bläst, die mich aufrüttelt, weckt, vorantreibt, die mir einfach sagt, wie und wo es weitergeht mit dem Leben, der Liebe, den Verlusten, den Siegen.“
Meine Liebe zu Elke Heidenreich bewahre ich mir – aber was mag sie geritten haben, diesen zusammengestückelten Sammelband freizugeben: Eitelkeit oder entspannte Wurschtigkeit?
Aus 250 Seiten versammelt „ACH, EINE FANFARE!“ 13 „Liebesbekenntnisse zu Schriftstellern“ über Dorothy Parker und Simone de Beauvoir, den großen Trinker Dylan Thomas und den mir unbekannten Ennio Flaiano, über Fritz J. Raddatz und Ruth Klüger, um einige zu nennen. Die Bewunderung, die Elke Heidenreich für diese Menschen empfindet, ist oft ansteckend – und möglicherweise muss man nicht darüber stolpern, dass ihre Liebe zu Gottfried Benn ungebrochen ist? „Männer wollen nicht am Gehirn von einer Frau berührt werden, sondern ganz woanders“, schrieb der 1951 an seine Tochter. Und Heidenreich ihren Text 2004, anlässlich einer CD-Ausgabe von Benns Texten; ob sie noch lieferbar ist?
Dass Elke Heidenreich grandios über ihre Lektüren schreiben kann, hat sie mit dem von mir im Herzen getragenen HIER GEHT’S LANG bewiesen. Schade: „ACH, EINE FANFARE“ hätte ein großes Buch werden können. Warum ich mich doch über diesen meiner Meinung nach lauen Trompetenstoß ohne Paukenschlag freue? Weil der Buchhandel damit gute Umsätze gemacht hat, das ist auch viel wert.
Elke Heidenreich: „ACH, EINE FANFARE!“ Liebesbekenntnisse zu Schriftsteller. Hanser, 2026

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Ich habe diese drei Bücher nicht gekauft, sondern jeweils als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meinen Rezensionen handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie geben lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.


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