Wer dem kritischen Hinterfragen einen rosigen Schaumkuss gibt, wird sich mit Vergnügen von Tanja Kokoskas Bestseller GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE verwöhnen lassen
„Zum Glück geschieht allerhand anderes. Und es hat das Zeug dazu, das Leben auf den Kopf zu stellen.“
Eine Stadt in Deutschland – nichts Besonderes, und doch eine Welt voller Wunder, vielleicht eher der kleinen, aber das sind möglicherweise auch große. Hier führt Frau Arslan mit ihrem Mann den türkischen Lebensmittelladen, aus dem man manchmal eine Überraschung mit nach Hause trägt.
Ein paar Straßen weiter spielt die alleinerziehende Pia mit ihrem Sohn jeden Abend „Wahrheit oder Pflicht“, Herr Bello entdeckt seine Liebe zu Kleidung, die angeblich nicht für ihn bestimmt ist, und Frau Kaiser, deren Geist immer lückenhafter wird, kann jede Partie Memory gewinnen, solange sie dabei an ihrem Tisch sitzt. Nur Anh hat definitiv nichts zu lachen, denn sie ist eine moderne Arbeitssklavin, ohne die Chance, in Deutschland ein Zuhause zu finden.
Der einzige gemeinsame Nenner zwischen diesen Figuren – und diversen anderen, die Tanja Kokoska in GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE ins Rennen um unsere Sympathie schickt –, scheint ihr Wohnort zu sein. Aber das ändert sich, als bei Straßenbauarbeiten eine Bombe aus dem zweiten Weltkrieg gefunden wird. Und so kommen die unterschiedlichsten, aber allesamt zwangsevakuierten Nachbar*innen in einer Turnhalle zusammen. (Ich spoilere hier nicht; die geschwätzigen Rückseiten- und Klappentexte verraten eigentlich schon den kompletten Inhalt, was im Sinne käuferfreundlicher Transparenz aber möglicherweise von vielen Lesenden geschätzt wird.)
Werden die Menschen sich dort mehr zu sagen haben als die titelgebende Floskel, die man sich im Vorbeigehen zuruft? Ist es ein möglicherweise ein besonderes Vergnügen, zusammenzuhalten? Und wie fühlt sich die Verantwortung an, die man für andere Menschen übernimmt, im Kleinen wie im Großen?
„Vor drei Monaten war Frau Arslan für fünf Tage in der Türkei. Länger ging es nicht wegen des Geschäfts und wegen der Kinder, das schafft ihr Mann nicht allein. Umgekehrt würde Frau Arslan das problemlos schaffen. Also bleibt sie hier und hält alles zusammen, den Laden und die Familie. Das mit dem Zusammenhalten ist allerdings so eine Sache. Frau Arslan kommt es vor wie eine warme Decke, unter der die Füße kalt bleiben.“
Aber keine Sorge: Die Füße in diesem Roman, sie sind letztendlich alle warm. Und das macht GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE zu so einem Vergnügen.

Wie Welt kann ein kalter Ort sein – weswegen wir Bücher brauchen, in denen die Sonne hell durch die dunkelsten Wolken scheint
Auf 348 luftig zu lesenden Seiten springt Tanja Kokoska mal in diese, mal in jene Lebensrealität, und obwohl sie dabei stets nah bei ihrer jeweiligen Figur ist, schöpft sie die Möglichkeiten der allwissenden Erzählstimme aus: Beispielsweise, wenn Henry einen Namen in der Zeitung liest, der ihm nichts sagt – und die Autorin uns wissen lässt, dass sich dies bald ändern wird. Ist das schon betreutes Lesen? Es wirkt, als wolle Tanja Kokoska eine schützende Hand über die Figuren halten, während sie diese zu unserer emotionalen Erbauung und durchaus auch als Gebrauchsanweisung fürs Leben sanft von hier nach dort schiebt, ihnen Sollbruchstellen gibt, aber stets ein Pflaster zu Hand hat.
„Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein. Nirgends ist man vor ihr sicher. Vorsichtig tastet er nach den drei Tattoos auf seiner Brust. Jeder Wunsch ist auch eine Wunde, denkt Samy. Doch das ist ein guter Schmerz. Er erinnert an das, worauf es wirklich ankommt.“
GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE ist ein modernes Märchen über eine Welt, in der nicht alles schön ist, aber Menschen leben, die das Herz am rechten Fleck haben … und mit denen es sich Tanja Kokoska manchmal etwas leicht macht: Wenn Ina überspontan vorschlägt, dass Herr Bello sich aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter bedienen kann. Wenn Henry mitten in der Nacht lebensweise weiß, was der Vater seines besten Freundes tun sollte. Wenn in einem Laden alle Anwesenden über genau die richtige Anekdote verfügen, wenn ein erwachsener Mann schmal genug gebaut ist, um in die Kleidung einer Frau zu passen.
Würde man den Roman von Tanja Kokoska mit analytischem Verstand lesen, man bekäme vor lauter Stirnrunzel Kopfweh; lässt man sich aber auf die verführerisch fließende Geschichte ein, ist dies ein großes Vergnügen. Und dass Literaturkritiker*innen vermutlich Schüttelfrost bekommen bei Zitaten wie dem folgenden: vollkommen egal, denn es ist zwar „einfach“, aber im Sinn von „einfach sehr schön“.
„Frau Kaiser hat gelernt, über den Schmerz hinwegzuscherzen. Schmerz und Scherz, sagt sie, trenne nur ein einziger Buchstabe, und das werde schon seinen Grund haben.“
Man kann den Roman von Tanja Kokoska vorbehaltslos lieben – sich ihm aber auch kritisch nähern … und trotzdem mögen
Natürlich ist GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE trotz (oder gerade wegen) meiner Kritikpunkte schlau komponiert – und manche Bücher wollen vor allem mit dem Herzen gelesen werden. Da passt es dann auch, dass die Autorin sich selbst dem unsympathischen „Bösen“ mit einem Lächeln nähert, ihn unter Mutters Pantoffel stellt und ihn durch eine ungewöhnliche Phobie ein bisschen kurioser färbt, als ich es gebraucht hätte.
Ist der Roman überfrachtet mit Zufällen und schicksalshaft raunenden Querverbindungen? Aber sowas von. Trotzdem ist es eine Wohltat, sich von den heileweltigen Glücksmomente abholen und mitreißen zu lassen wie zum Beispiel dem, wenn eine zusammengewürfelte Gruppe sich gegen einen Aggressor durchsetzt:
„Ina weiß, dass solche Typen wie Herr Krämer nichts anderes als die Sprache der Stärke verstehen. Wenn man sich erschüttert zeigt, hat man schon verloren. Ina hat oft genug verloren, vom Verlieren hat sie genug, echt jetzt. Herr Bello ist zwar älter als sie, aber er weckt in ihr eine Art Mutterinstinkt, völlig bescheuert, denkt sie noch, bevor sie auf Herrn Krämer zugeht. Herr Bello ist leise, also muss sie laut sein für ihn.“
Und vielleicht ist das überhaupt die beste Botschaft, die ein Roman haben kann, jederzeit und ganz besonders in den 2020er Jahren: Laut für jene sein, die es selbst nicht können.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Tanja Kokoska: GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE. dtv, 2026



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