Shida Bazyars mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman DIE LÜCKEN ist ein Erlebnis!

„Alle schreiben ihre eigene Geschichte, die meisten schreiben sie nicht. Die Schreie hat man gehört. Nachbarn haben die Schreie ihrer Nachbarn gehört. Das Dorf ist klein, die Häuser und Wohnungen sind es auch. Wer sich hier Eintritt verschafft, bricht eine Abmachung. Viele Abmachungen. Nach und nach müssen alle Juden das Dorf verlassen. Einem Einzigen gelingt die Flucht. Den anderen schickt man nach und nach die Nachricht mit Datum und Uhrzeit und Gleis.“

Heimesbach im Hunsrück, Mitte der 1920er: Johanna ist zum ersten Mal verliebt! Leider in einen Streber, der Theater spielt und davon träumt, die Volkskunst vergangener Tage wiederzubeleben; aber immerhin hat Hans schöne Augen und ist Jude, was will man mehr? Nun muss Johanna das ihrer besten Freundin beibringen. Aber Lore wird auch bald jemanden haben. Und vor allem gilt es, ihre kleine Schwester Anni davor zu bewahren, den falschen Mann zu heiraten …

Der Einstieg, den Shida Bazyar für DIE LÜCKEN wählt, könnte kaum harmloser sein – Liebe, Freundschaft, die Hoffnung auf eine Zukunft, die vorgeschrieben scheint. Aber wir wissen, dass es anders kommen wird:

„Heimesbach war hier in der Region der erste Ort, der judenfrei war. Der Opa sagte das ganz normal. Dass er es stolz gesagt hätte, konnte man nicht behaupten. Dass er es bedauernd gesagt hätte, allerdings auch nicht.“

Noch einmal Heimesbach, immer noch im Hunsrück, aber inzwischen im Jahr 1989: Parvaneh, geboren im Iran, fühlt sich beobachtet in und von diesem Ort, an dem sie und ihre Familie in Sicherheit sein sollen. Sie hat eine Wohnung, einen netten Nachbarn, ihre Tochter geht zur Schule und der Sohn in den Kindergarten. Aber reicht das, um anzukommen?

DIE LÜCKEN, das ist ein literarisches Festspiel mit großer Besetzung

Parvaneh, Johanna und Anni, der wir als Mädchen begegnen und später als alte Frau: Sie sind nur ein kleiner Teil des breit aufgestellten Figurenensembles, das Shida Bazyar vor der Kulisse des fiktiven Heimesbach inszeniert, das auf ihrem Geburtsort Hermeskeil beruht. Und ja, man würde sich ein Personenverzeichnis wünschen, um den Überblick zu bewahren, wer nun mit wem verwandt ist, denn wenn man nicht aufpasst, entgeht einem manche Querverbindung; gleichzeitig liegt ein Reiz im Zurückblättern, um sich zu vergewissern.

Auf den fast 500 pickepackevollen Seiten lernen wir zum Beispiel Michi und Serge kennen, die Häuser entrümpeln und auf Dachböden vieles finden, das von altem „Ruhm“ und bleibender Schande zeugt; Michi selbst wäre froh, Erinnerungen aus seiner Kindheit genau so einfach in Müllsäcken entsorgen zu können.

Stefan indes, ein Teenager, versteht die Aufregung seiner Rektorin nicht – ja, er hat ein Zelt angezündet, aber die Typen, die drin schliefen, sind doch rechtzeitig rausgekommen, die Türken oder Albaner, oder was sie gewesen sein mögen …

Jahrzehnte vorher ist Reinhard stolz darauf, eine Erektion zu haben, während er dem Führer die Hand schüttelt: Er ist jetzt wer, muss sich nicht wie ein Dorftrottel fühlen! Und Farhad, der zwei Generationen später das beste Abiturzeugnis bekommen wird? Hält die Rede, die man von ihm erwartet, ohne zu sagen, was er wirklich denkt.

DIE LÜCKEN ist ein wilder Ritt durch die Zeitebenen

Es ist begeisterungswürdig, wie Shida Bazyar in DIE LÜCKEN das Gestern, das Danach und das Heute verwebt: Sie erzählt von den Anfängen des deutschen Nationalsozialismus und den Folgen der Gräueltaten des iranischen Regimes, von ersten Repressalien in Heimesbach, von gelebter Geschichte im Dorf, der verklärten Erinnerung an sie und den unterschiedlichen Arten, wie man Fuß fassen kann da, wo jeder Schritt zuerst ungewohnt ist. Gerade noch sind wir im Jahr 1990, dann 1926, um nach Zwischenstationen 1974 und 2010 wieder 1927 in einem Gasthaus zu sitzen, was sich 1958 wiederholt. 2011 wird eine Abiturrede, die wir uns wünschen, nicht gehalten, 1936 ein Stahlrohr vergraben, das 80 Jahre später gefunden wird.

Die Handlung springt wild nach vorne, hinten, zu den Seiten, eine Herausforderung und große Freude – zusammengehalten durch eine Erzählerin, die aus dem Jenseits berichtet, die versteht, einordnet, aufdeckt … aber, und das ist eine der vielen Qualitäten des Textes, nicht allwissend ist.

Man kann DIE LÜCKEN für vieles rühmen: die Vielschichtigkeit und Wortgewalt, das genaue Hinschauen, das Zeugnis ablegen für jene, die es nicht mehr können. Ein schlauer Schachzug und für mich in dieser Form neu ist die Gegenüberstellung der Deutschen, die sich in der Vergangenheit ihre Heimat „zurückholen“ wollen, und den Iranern, die hier mehr als ein halbes Jahrhundert später einen Weg finden müssen, heimisch zu werden. Das spiegelt sich nicht, Bazyar verzichtet darauf, die sich anbietenden Parallelen aufzuzeigen – aber greift man manche Stelle willkürlich aus dem Text, muss man auf den zeitlichen Kontext achten, weil man ohne ihn nicht sicher sein könnte, um welchen Schrecken es geht:

„Sie hatte in den Regen geschaut und nur noch die gesehen, die sie endlich vergessen wollte. Die sie nicht mehr ertrug. Ihre Freundinnen waren lebendige Menschen gewesen, lachende Frauen, sie hatten sich gegenseitig Kleider genäht, verbotene Bücher und Kassetten ausgeliehen, hatten Revolutionslieder gesungen. Texte geschrieben, Flugblätter geschmuggelt. Von der Revolution geträumt und von einem anderen Leben. Jetzt waren sie tot. Diese beiden lebendigen Gesichter, die sie vor sich sah, waren verscharrt worden, von Hundesöhnen, deren Füße sie an Tagen wie diesen zu riechen glaubte. Seit sie davon erfahren hatten, verging kein Tag, an dem sie nicht an die Freundinnen dachte, aber an manchen Tagen verging dieses Denken einfach nicht. Als wären die Sekunden und die Freundinnen und die Gedanken ineinander verhakt.“

Das Banner zeigt rechts den Umschlag des Romans "Die Lücken" von Shida Bazyar und links daneben die Autorin.

DIE LÜCKEN ist Fiktion – aber ein Roman, der sich auch jenseits der historischen Figuren und Fakten ungemein real anfühlt

Shida Bazyar führt uns an Gräber, in denen früher Juden beerdigt wurden und später alle, die schnell vergessen werden sollten. Wir erleben mit, wie die TV-Serie HOLOCAUST ein Land erschüttert (aber auch ärgert, denn was maßt er sich an, der Amerikaner, deutsche Geschichte verfilmen zu wollen, obwohl er Bomben auf Japan geworfen hat …).

Wir begegnen historischen Figuren wie Theophil Hackethal, Gustav Simon, Ludwig Zind: Die wenigsten sagen uns etwas, und wenn wir uns informieren, macht das alles sprachlos, so wie es uns auch geht, wenn wir googlen, was die Kettenmorde im Iran waren. Und schon im nächsten Moment denken wir an Heinz Kahn – oder soll man sagen: Dank Shida Bazyr können wir ihm gedenken –, der 1922 in Hermeskeil geboren wurde und anders als seine Eltern und seine Schwester den Holocaust überlebte.

Es erklärt sich von selbst, warum Shida Bazyar ihren Roman DIE LÜCKEN genannt hat, und gleichzeitig ist es eine Ironie, dass es im Buch kaum eine gibt: Alles ist engmaschig verbunden, für uns Lesende fordernd, zumal die Autorin manchmal abrupt die Perspektive wechselt. Und wie kann man Shida Bazyars Sprache beschreiben? Ach, ich will’s gar nicht analysieren, weil man sich einfach hineinfallen lassen soll und will in diesen eigenen Ton, die Fülle, das Ausufernde.

Zugegeben: Das kann auch zuviel des Guten sein; als Leser von geringem Verstand habe ich mich immer wieder überfordert gefühlt von der Dichte des Textes und seiner schieren Menge. Shida Bazyar schreibt so, dass man das Gefühl hat, jedes Wort aufmerksam lesen zu müssen – gleichzeitig braucht es vielleicht nicht jeden der Sätze, denn die Autorin kreist oft lange um etwas, was man ohne Qualitäts- oder Intensitätsverlust kürzer hätte fassen können.

Hat DIE LÜCKEN mich also zwischendurch in eine literarische Duldungsstarre gezwungen? Ja. Hätte ich ein strengeres, kürzendes Lektorat gewünscht? Ja. Habe ich eine Idee, auf welches einzelne Wort man hätte verzichten können? Nein. Denn der üppige Farbauftrag ist hier natürlich mehr als künstlerischer Ausdruck, er wird ursächlicher Teil der Leseerfahrung.

Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, in dem die Frage „Wie konnte es zu all dem kommen“ so intensiv wie einfach beantwortet wurde

„Ihre Schönheit, ihre Anmut, ihre Intelligenz, das war ihm alles relativ gleich, er hatte andere Parameter, am wichtigsten war ihm die Spannung, die im Raum herrschte, wenn sie aufeinandertrafen. Er war ein einfacher Junge, er sprach nicht von der großen Liebe, aber das hier war mit das Größte, was ihm im Leben passiert war. Die Erregung kannte er schon, es war die gleiche Erregung wie die, die er spürte, wenn sie marschierten.“

Sprechen wir heute über die Zeit des Nationalsozialismus, steht die Frage im Raum, wie es so weit kommen konnte. Shida Bazyar arbeitet heraus, wo der Hass auf die Nachbarn herkam, warum der Nationalsozialismus und seine Lehre von Zugehörigkeit so verführerisch war, gerade weil sie die Ausgrenzung der Anderen bedeutete, die Erregung durch Gemeinsamkeit und Grausamkeit. Wenn Anni darauf drängt, dass „der Vieh-Jude“ besser heute als morgen in Angst und Schrecken versetzt wird, dann bekommen wir eine Ahnung davon, warum das Ende der anderen als Voraussetzung für die eigene Zukunft (miss)verstanden wird; warum das Empfinden des eigenen Menschenseins nur intensiv empfunden werden kann in der Entmenschlichung, der eigenen und der, die man anderen antut.

Und Shida Bazyar führt immer wieder vor, wie diejenigen, die eigentlich nichts damit zu tun haben wollen – über die heute zu oft und hoffnungsvoll gesagt wird, sie hätten „stillen Widerstand“ geleistet –, doch nur Menschen waren, die in einer Zeit der Unmenschlichkeit die Seite der Stärkeren gewählt haben:

„Die Verlobung stand ja tatsächlich an, er war ein zuverlässiger Junge, der gut verdiente, sie mochte ihn. Inmitten der grölenden Menge sah sie seinen Hinterkopf und seine erhobene Faust, sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, aber sie dachte, selbst wenn er lachen sollte, selbst wenn er grölen sollte, er gehörte nicht zu denen. Er war hier dabei, wie sie hier dabei war. Als er einen Stein warf, war sie sich sicher, dass es jemand anderes gewesen sein musste. Und getroffen hatte er auch nicht. Und eingeschlagen waren die Fenster ja ohnehin längst.“

Und dann ist da das Kapitel NOVEMBERPOGROME, Seite 279 bis Seite 291, vielleicht das Brutalste, was ich in diesem Jahr gelesen habe, und das Schrecklichste, weil die Autorin so genau hinschauen, in die dreckigsten Details, und gleichzeitig alles mehr andeutet als auserzählt.

„Im Ort hat der Wind die Nacht davongetragen. Es gibt keine Bilder. Wenn du versuchst, es dir vorzustellen, dann siehst du das, was man dir beigebracht hat. Du siehst die Glasscherben auf dem Boden. Ein ganzes Land, bestehend aus Glasscherben, wegen denen wir weinen können. Spiegeln das Licht des Feuers. Es wäre ein romantisches Bild, hätte man dir nicht erklärt, dass es das auf gar keinen Fall war.“

Ein Buch, das bleibt

DIE LÜCKEN war nun über ein halbes Jahr sehr präsent für mich: Der Umschlag hat vermutlich alle, die sich die Verlagsvorschau angesehen haben, in seinen Bann geschlagen (Applaus für die Gestaltung an Nurten Zeren); das Lesen ist mir manchmal schwer gefallen und hat mich gleichzeitig auf gute Art gefordert; dann habe ich der Autorin die Daumen für die Shortlist des Deutschen Buchpreises gedrückt … und es ist müßig zu sagen, dass ich dann sicher war, dass DIE LÜCKEN gewinnen würde.

Shida Bazyars Rede, die unbedingt erwähnt werden muss, war eine Masterclass für sich, die lange in Erinnerung bleiben wird. Gilt das auch für den Roman, den sie geschrieben hat? Für mich reiht sich DIE LÜCKEN nahtlos ein zwischen UNTERLEUTEN von Juli Zeh und HEIMSUCHUNG von Jenny Erpenbeck – und ist doch ein eigenwilliges, berauschendes Kunstwerk, das für sich steht.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Shida Bazyar: DIE LÜCKEN. Kiepenheuer & Witsch, 2026

Bei dieser Abbildung handelt es sich um den Umschlag des Romans "Die Lücken" von Shida Bazyar.