Auf den Spuren ihrer eigenen Erfahrungen hat Angelina Maccarone einen autofiktionalen Roman mit ungewöhnlichem Titel geschrieben: WER NICHT KOTZEN MUSS, WIRD ASTRONAUT*IN

„Ich schreibe jetzt an was Neuem. Es ist ein Buch-Buch, also ein Roman. Darüber, was es bedeutet, älter zu werden, und vor welche Herausforderungen mich das stellt. Also die Protagonistin. Die aber auch Regisseurin ist und rumkämpft mit diesem System.“

Giuseppina Rigatoni ist es gewohnt, dass die Menschen wegen ihres Namens stutzen – dabei ist sie in Deutschland geboren und spricht nicht einmal Italienisch, weil ihr Vater sie zwar in seiner Heimat herumzeigte wie einen Pokal, aber es nie für nötig hielt, ihr die Sprache beizubringen. Und das ist nichts das Einzige, was die Verständigung schwer macht:

„Immer, wenn es schwierig wurde und einer Klärung bedurft hätte, wurde bei uns geschwiegen.“

Das ist nicht dadurch besser geworden, dass Giuseppina kaum noch Kontakt zu ihm hat – auch wenn wir erst im Lauf der Handlung erfahren werden, wie es dazu kam. Aber kann man Menschen so leicht aus seinem Leben schneiden, wie man es möchte?

„Der Kontaktabbruch brachte mir nicht die erhoffte Erleichterung, sondern vergrößerte meine schwierigen Gefühle zu ihm und ließ mich nach solchen Träumen schweißgebadet hochschnellen.“

Das Spiel mit Biografie und Verfremdung

Zur Filmographie der Regisseurin und Drehbuchautorin Angelina Maccarone gehören unter anderem der Coming-Out-Film KOMMT MAUSI RAUS?, diverse TATORT-Episoden, aber auch ein Dokumentarfilm über Charlotte Rampling. In ihrem autofiktionalen Roman WER NICHT KOTZEN MUSS, WIRD ASTRONAUT*IN erzählt sie von Filmförderungsgremien, den Schattenseiten der Prominenz und vom Irrsinn sowohl des „Amphibienfilms“, der sich in den beiden Biotopen Kino und TV bewähren soll (und deswegen meist weder das eine noch das andere schafft), als auch einer Erbschaftsabwicklung in Italien: Das Buch mit dem ungewöhnlichen Titel ist vor allem auch eine Familiengeschichte, in der sich das, worüber niemand sprechen will, ganz langsam erschließt … und einhergeht mit der Frage, was das für ihr Leben bedeutet:

„Am Flughafen Charles de Gaulle springt mir eine Plakatkampagne ins Auge. Was beworben werden soll, beachte ich gar nicht, betrachte nur die Fotos. Es sind immer zwei Exemplare desselben Motivs, aber mit sich widersprechenden Aussagen. Da gibt es das Gesicht eines alten Mannes und darüber steht einmal ‚victime‘, also Opfer, und einmal ‚coupable‘, Täter. Beides ist in sich stimmig, aber mein Gefühl zu dem Mann auf dem Foto schlägt komplett um. Mich fasziniert, wie mein Blick auf ihn durch eine Bezeichnung geprägt wird, wie das Abgebildete durch ein einziges Wort ins Gegenteil verkehrt werden kann. Ich stelle mir unwillkürlich vor, welches Gegensatzpaar über meinem Porträt stehen könnte, und denke sofort an ‚Siegerin‘ und/oder ‚Verliererin‘. Aber was machen diese Kategorien für einen Unterschied in meinem Leben?“

Angelina Maccarone verhandelt auf gerade mal 254 Seiten viele Themen, aber trotzdem ist das Buch durchgehend schwungvoll erzählt und zu entsprechend angenehm zu lesen. Die Autorin fordert uns unaufgeregt zum Mit- und Nachdenken auf, wobei sie mal heitere Töne anschlägt und mal das Gegenteil: Hätte Shakespeare es mit seinen Stücken durch die Redaktion einer deutschen Filmproduktion geschafft? Haben alle Italiener*innen Gold in der Kehle – oder sind sie ein Volk von Halsabschneidern, die es darauf anlegen, die Rigatoni-Schwestern nach dem Tod des Vaters über den Tisch ziehen?

Das Banner zeigt links die Autorin Angelina Maccarone und rechts daneben den Umschlag ihres Romans "Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in".

Humor ist nicht immer etwas, was zum Lachen animiert

Was mich an diesem Roman immer wieder überrascht und für ihn eingenommen hat: Angelina Maccarone schreibt über Dinge, die überhaupt nicht lustig sind – und doch will man Seite um Seite um Seite lesen, weil der Text meist auf die allerbeste Art humorvoll ist, trocken bis zur Staubgrenze.

Das Gefühl von Außenseitertum spielt eine wichtige Rolle, die schwierige Beziehung zum Vater sowieso, aber es gibt auch immer wieder Nadelstiche wie eine unmögliche Entscheidung, die Giuseppinas Mutter von ihrer Tochter verlangt. Und während man hofft, dass eine sadistische Lehrerin in der Grundschule zum fiktionalen Teil dieser autobiographisch inspirierten Geschichte gehört, ahnt man doch: Das wird so gewesen sein.

„Sie waren zugleich suspekt und interessant, sie waren das Andere. Bis sich der Gewöhnungsbereich erweiterte und Pizza, Pasta und Gelato auch in die Fußgängerzone der entlegensten Kleinstadt Einzug gehalten hatten. Die Italiener*innen haben sich in die deutsche Gesellschaft gekocht, wie mein Vater sich zuvor schon in die deutsche Familie meiner Mutter. Ende der 70er war Italien plötzlich ‚in‘. Meine Schulkamerad*innen fuhren häufiger an die Adriaküste als ich, und die Lehrer*innen kauften sämtliche Bauernhäuser in der Toskana auf. Die Skepsis gegenüber den Spaghettifressern wich einer Italieneuphorie, die nicht minder anstrengend war.“

Wer ist wer, und warum ist das wichtig und unwichtig zugleich?

Autofiktionale Texte spielen immer mit unserem Voyeurismus, der Frage, was wahr ist und was nicht. Natürlich sind wir neugierig, wer die deutsche Filmdiva sein könnte, die einen kurzen Auftritt hat, und all die anderen, die nicht immer ganz so eindeutig zuzuordnen sind wie der Sänger, für den Giuseppina arbeitet und den man erkennen kann, ohne den Wikipedia-Eintrag der Autorin zu bemühen.

Wichtiger als dieses verschleierte Name-Dropping ist natürlich, dass viel von dem, was Giuseppina umtreibt, vermutlich den Erfahrungen von Angelina entspricht, was nicht das beste Licht auf die Filmbranche wirft:

„‚Es ist ja auch ein großes Projekt. Kann die Regisseurin denn etwas in dieser Größenordnung überhaupt stemmen?‘ Würden sie dieselbe Frage auch einem Mann stellen? Ich verstehe nicht, was so schwer daran sein soll, einen Film mit einem großen Budget zu drehen. Wenn sie dir kein Geld geben oder den Etat in der eingereichten Kalkulation mit einem Federstrich mal eben um einen schmerzhaften Teil kürzen, fragt niemand: ‚Kann die Regisseurin das mit dieser mickrigen Finanzierung überhaupt hinbekommen?‘“

Angelina Maccarone sorgt dafür, dass wir uns wundern, die Köpfe schütteln, aber auch schmunzeln können – zum Beispiel über diese zielgenaue, heiter abgebundene Betrachtung über Prominenz:

„Der rote Teppich basiert auf dem royalistischen Prinzip der Unterteilung von Menschen in wichtig und unwichtig, wertvoll und weniger wert. Was sonst bringt Menschen dazu, stundenlang in der Kälte hinter einer Absperrung am Seitenausgang eines Hotels oder vorm Kino auszuharren? Die Jubelnden erhöhen die Stars, um sich dann selbst an ihnen hochzuziehen, wenn sie es schaffen, in ihre Nähe zu gelangen, mit ihnen Selfies zu schießen und diese als Trophäe online zu stellen, damit alle denken: Oh, wow! Und es liken. Würden auf beiden Seiten normale Menschen stehen und sich gegenseitig angucken, ginge das Ganze nicht mehr auf. Häh? Wer winkt denn jetzt hier wem?“

Es muss nicht immer das nächste Mainstream-Buch aus der Spitzentitelriege der großen Verlage sein!

WER NICHT KOTZEN MUSS, WIRD ASTRONAUT*IN ist ein Roman, der im laut-lauter-lautesten Buchmarkt mehr Aufmerksamkeit verdient: Angelina Maccarone hat ein auf ruhige Art kraftvolles Buch geschrieben, das seine Ecken und Kanten hat, vor allem aber sehr sympathisch auf mich wirkt. Ich freue mich darauf, mir ihren Film KOMMT MAUSI RAUS? noch einmal in der ARD-Mediathek anzusehen, applaudiere der Autorin dafür, dass sie in der Filmbranche noch nicht den Verstand verloren hat, und drücke die Daumen, dass sie ihren im Buch festgehaltenen Plan in die Tat umsetzen und vor die Kamera bringt:

„Ich hab die Nase voll von tragischen Lesbengeschichten. Für mich können jetzt die nächsten zehn, zwanzig Jahre erstmal Happy Ends kommen.“

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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Angelina Maccarone: WER NICHT KOTZEN MUSS, WIRD ASTRONAUT*IN. Verbrecher Verlag, 2026

Bei dieser Abbildung handelt es sich um den Umschlag des Romans "Wer nicht kotzen muss, wird Astronaut*in" von Angelina Maccarone, erschienen im Verbrecher Verlag.