Ein Mensch, eine Welt – eine Frau, eine Explosion: In ALICE erzählt Marlen Mairhofer rauschhaft vom Heranwachsen eines Mädchens und Leben einer Frau

„Wenn jemand Alice ‚reif‘ nennt, geht ein Gefühl durch ihren Körper, dass sie nicht beschreiben kann, von dem sie nur weiß, dass sie es zu verbergen hat. Es macht ihr Gesicht heißer, richtet ihr die Wirbelsäule auf, weitet ihr den Brustkorb und die Pupillen, und es fängt sich für einen Moment zwischen den Beinen, wo es nun wirklich nichts verloren hat. Das Wort ‚vernünftig‘ hingegen hat einen unangenehmen Beigeschmack. Will Alice auch gefallen, so nicht um jeden Preis und nicht auf diese Weise, sondern auf eine andere, aufregendere, die sich nicht sofort erschließt und nicht allen, sondern nur wenigen, diesen aber auf eine Art, von der Alice träumen kann.“

1865 veröffentlichte der Autor Lewis Carroll seinen Roman „Alice’s Adventure in Wonderland“, inspiriert durch die (vermutlich sehr komplexe) Freundschaft zu einem Mädchen namens Alice Liddell, der heute noch bekannt ist – auch durch die Disney-Verfilmungen und den Kosmos, der rund um das weiße Kaninchen, die Grinsekatze und den verrückten Hutmacher entstanden ist. Wem diese Einführung zu unterkomplex ist, der möge seine innere Herzkönigin wecken, auf dass sie „Ab mit dem Kopf!“ ruft …

161 Jahre später dürfen wir nun eine andere Alice kennenlernen, die keinen Kaninchenbau braucht, um in ein Wunderland zu gelangen. Die titelgebende ALICE der österreichischen Autorin Marlen Mairhofer ist dabei Individuum und Stellvertreterin zugleich, denn wie der Rückseitentext verrät, geht es der Autorin darum, die „rätselhafte Welt“ aller Mädchen darzustellen. Kann das gelingen?

Das Banner zeigt links die Autorin Marlen Mairhofer und rechts daneben den Umschlag ihres Romans "Alice".

Aber sowas von! Schon das erste Kapitel, ALICE FÄLLT, ist ein Strudel, dem wir uns kaum entziehen können:

„Alice fällt um drei Uhr morgens aus einem Lokal auf den Gehsteig, Alice fällt in der Hast über einen losen Pflasterstein, der sich zum Wurf anböte, Alice fällt in die Liebe hinein und aus der Liebe hinaus, Alice fällt ins Bett, Alice fällt in Arme, Alice fällt und steht wieder auf, Alice rollt eine Wiese hinunter im Sommerkleid, man kann die Strümpfe sehen, Alice fällt etwas ein, Alice fällt etwas auf, Alice fällt über ein Stück Kuchen her unter einem wohlwollenden und einem mahnenden Blick […]“

Ganze neununddreißig Mal wird Alice auf diesen ersten beiden Seiten fallen, körperlich oder im übertragenen Sinne, mal als Kind, mal erwachsen. Und fast ist es so, als würden wir durch diese rasende Aufzählung selbst den Boden unter den Füßen verlieren: Während wir noch atemlos staunen, wie Marlen Mairhofer dies alles ineinanderflicht, sind wir auch schon mitten im nächsten Kapitel, und im nächsten, und im nächsten.

Die Autorin schreibt über das Staunen eines Menschen, für den alles, was er entdeckt und fühlt, neu und geheimnisvoll ist; sie erzählt von Alices‘ Beziehung zu ihren Eltern, von der ersten Periode, dem ersten Verlieben, vor dem die Protagonistin sich noch unter dem Tisch verstecken möchte.

Ein paar Jahre später wird das anders sein: Da bestimmt Alice die Spielregeln, muss niemanden anhimmeln, weil der Mann, der für sie zum Objekt geworden ist, demutsvoll den Blick zu Boden richtet. (Man kommt nicht umhin, an die Fotos zu denken, die Lewis Carroll selbst machte, ob nun in aller Unschuld oder nicht: Er zeigte sich „fasziniert von jungen Mädchen, die meistens fünf bis sechs Jahre alt waren, wenn er sie fotografierte; sie mussten in ihrer Ausstrahlung Lebendigkeit, Unschuld und Schönheit ausdrücken“, wie es dazu auf Wikipedia heißt. Die Zeiten ändern sich zum Glück.)

Mit ALICE hat Marlen Mairhofer ein Buch über Frauen geschrieben – und deswegen auch für Männer ein Schatzkästchen an Gedanken, die schlau sind und dunkel und erstaunlich

Erwachsenwerden bedeutet, Grenzen auszutesten, Erfahrungen zu machen, immer weitere Kreise zu ziehen mit dem, was wir tun und dem, wie wir empfinden. So ist Alice gerade noch ein Kind, das gerne einen Lutscher hätte wie die Nachbarskinder, und schon nach einem Absatz und einer Leerzeile erleben wir, wie sie ein ganz anderes Sehnen verspürt:

„Alice erkennt sich selbst nicht wieder. Sie will nur auf allen vieren kriechen, über unwirtliche Böden am besten, weniger als ein räudiger Hund will sie sein und Bitte sagen, Bitte. Einen Stolz will sie haben, nur dass er brechen kann, und Worte nur, um zu flehen und zu wimmern nach dem, auf das sie zukriecht.“

Ist es ein sanftes Gleiten, mit dem uns Marlen Mairhofer von einer Erfahrung zur nächsten führt, oder wirft sie uns das alles herausfordernd um die Ohren? Das Spannende an diesem Text ist: Sie macht beides, und zwar gleichzeitig! So sind es nur wenige Zeilen vom Zauber des Schauens („Alice sagt, schau. Alice sagt, schau, Mama, Mama, schau.“) zur Erkenntnis, wie unangenehm die Blicke der anderen sein können, wenn sie uns unerwünscht treffen.

Und während wir noch darüber nachdenken, erleben wir Alices Offenbarung mit, da sie merkt, dass sie selbst auch schauen darf, in einen kleinen Spiegel nämlich, so gehalten, dass sie ihr Geschlecht vergleichen kann mit der Faltblattzeichnung aus der Tampon-Packung. Ist das ein krasser Ritt in einem einzigen Kapitel? Ich wiederhole mich: Aber sowas von! Zumal Alice nicht die Einzige ist, der dieser besondere Anblick gegönnt wird:

„Er wird ganz genau hinschauen, mit derselben Neugier, mit der ein Affe einen fremden Gegenstand betrachtet, obwohl ihm der Gegenstand an sich nicht fremd und Alice nur so neu ist, wie eine Variante des Gleichen eben neu sein kann. Alice wünschte, sie wüsste nicht, woher ihre Erregung kommt.“

Stilistisch vielfältig und auch deswegen ein Erlebnis

Vierzig kurze, konzentrierte Kapitel, vierzig Momentaufnahmen, die sich aufspalten und weitertanzen: Marlen Mairhofers Text hat einen eigenen Sound, zu dem das Stilmittel der Aufzählung gehört, ein seitenlanges, atemloses Aneinanderknüpfen, mit dem die Autorin einen durchaus wüsten, sich über Jahre streckenden Bewusstseinsstrom verdichtet:

„[…] Alice will sich nicht einsam fühlen, Alice will nicht, dass der Golfstrom kollabiert, die Bienen sterben, soundso viel Prozent der Landmasse verschwinden, Alice will nicht verhungern oder verbrennen, bei plus drei Grad, Alice will nicht, das alles, was sie liebt, elendiglich verreckt, Alice will nicht unter Schmerzen gebären, Alice will keine Söhne, die im Krieg sterben, und keine Töchter, die von Söhnen anderer Mütter, die im Krieg sterben, vergewaltigt werden, Alice will nicht hassen, Alice will nicht flehen, Alice will nicht überlegen, ob sie beim Signal in den Bunker rennt oder aufs offene Feld hinaus, Alice will nicht Zeitung lesen, den Fernseher nicht mehr einschalten […]“

Während ich diese Gedankensammlung schreibe, schaue ich den schönen Schutzumschlag an – und stelle mir die Frage: Ist es nötig, ALICE auch als Antwort auf Lewis Carroll zu verstehen? Marlen Mairhofers Buch ist deutlich aufgerauter, voller Staunen und Schmerz – und mit einer ordentlichen Portion Passion gesegnet, was man je nach Vorliebe als Hingabe, Verlangen und Leid verstehen darf.

Anders ausgedrückt: Diese ALICE muss sich nicht an eine literarische Vorlage anlehnen, dieses Buch steht für sich … und vielleicht würde es auch der damals 18-jährigen Alice Liddell gefallen, die uns ohne die Carroll’sche Verklärung von einem anderen Porträt entgegenblickt.

Das Banner zeigt zwei Fotografien der Alice Liddell: Links aufgenommen als Kind von Lewis Carroll, rechts als Achtzehnjährige aufgenommen von Julia Margaret Cameron.

So oder so wird auch Mairhofers Alice ein Kaninchen sehen, und natürlich könnte man durch die Kapitelüberschrift ALICE WÄCHST auf die Idee kommen, hier ginge es um die Wirkung einer Zauberspeise, was man bei ALICE PISST wohl eher nicht annehmen würde. Aber das ist, wie bereits erwähnt, der Reiz dieses mit 128 Seiten denkbar schmalen, aber umso gehalt- und gewaltvolleren Leseerlebnisses: Oft fängt die Autorin mit einer frühen Erinnerung ihrer Protagonistin an und endet mit einer, die alles andere als kinderzimmertauglich ist.

Wie lässt sich der Roman ALICE von Marlen Mairhofer zusammenfassen?

ALICE ist feinsinnig und deftig, verträumt und brutal, von Liebe durchdrungen, die aber auch Handgreiflichkeit bedeuten kann. Himmel, was ist das für ein Buch? Ein Rauschen, ein Beben, ein Nadelstich, ein Staunen – all diese Eindrücke stellen sich ein, während man in ALICE hineinfällt.

Was ich übrigens gleich zweimal hintereinander getan habe, denn nachdem dieser Text eigentlich schon geschrieben war, habe ich ihn versehentlich gelöscht. Also „musste“ ich noch einmal lesen, mich noch einmal kopfüber hineinstürzen in dieses Wunderland. Und habe dabei einmal mehr die Erfahrung gemacht, wie es ist, sich hemmungslos in Literatur zu verlieren, während man ganz konkret so viel in ihr findet.

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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Marlen Mairhofer: ALICE. Jung und Jung, 2026

Bei dieser Abbildung handelt es sich um den Umschlag des Romans "Alice" von Marlen Mairhofer, erschienen bei Jung und Jung.