In seinem Buch CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT erzählt Gish Amit vom Tod eines israelischen Soldaten und einer menschenfeindlichen Einwanderungspolitik

„Cedrick ist tot. Vor acht Jahren war er mein Schüler. Ich erfahre davon, als mein Blick an einer Meldung in der Onelineausgabe von Haaretz hängen bleibt. Offenbar wegen der Schlagzeile, da ich für gewöhnlich nicht die Geschichten der in Gaza umgekommenen Soldaten lese, die beinahe jeden Tag in der Zeitung stehen. Alle sind sie ihren Eltern und der Armee ergeben gewesen, und bei ausnahmslos allen konnte das Herz ihren überbordenden Altruismus kaum fassen. […] Cedrick ist also tot. Das erste Gefühl ist sonderbar, mehr Erstaunen als Bedauern. Und gleich darauf der Gedanke: das ist eine starke Geschichte. Die ich aufschreiben muss.“

Im Januar 2024 wird der Soldat Cedrick Garin getötet. Er ist 23 Jahre alt, eins der unzähligen Opfer des Kriegs zwischen Israel und der Hamas. Sein ehemaliger Lehrer Gish Amit liest die Nachricht in der Zeitung – und geht auf Spurensuche.

Cedrick ist nach der Schulzeit mit dem Gesetz in Konflikt geraten, was eher an Naivität und schlechtem Umgang lag als an krimineller Energie. Inzwischen ist er verheiratet, träumt davon, seine Mutter unterstützen zu können; im Militär hat er eine zweite Familie gefunden, eine, für die er bereit ist, immer noch ein bisschen mehr Leistung zu bringen.

Der freundliche, gutaussehende junge Mann ist beliebt in seiner Einheit – und wird nach seinem Tod von der Regierung zum Helden erklärt. Was man darüber fast vergessen könnte: Obwohl er in Israel geboren wurde und aufgewachsen ist, galt Cedrick die meiste Zeit seines Lebens als Staatenloser; die Staatsbürgerschaft hat er erst zum Ende seines Militärdienstes verliehen bekommen.

Warum das so ist? Seine Eltern stammen von den Philippinen; die Mutter ist seit über zwanzig Jahren „geduldet“, eine Bürgerin zweiter Klasse, die zwar arbeitet und Steuern zahlt, aber nie die Sicherheit hatte, in Israel bleiben zu dürfen; der Vater ist längst ausgewiesen worden. Nun wird beiden vom Innenminister persönlich die Staatsangehörigkeit verliehen, da sie dem Staat „das Kostbarste gegeben haben“. Man möchte schreien, weil dieser Preis auf monströse Weise zu hoch ist.

CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT ist ein Buch, dass ich übersehen hätte, wäre es mir nicht als Rezensionsexemplar angeboten worden – und auch ein paar Wochen, nachdem ich es zugeklappt habe, empfinde ich es als bereichernd, durch Gish Amit einen Teil von Cedricks Geschichte kennengelernt zu haben … und die Sichtweise eines Autors, dem man mit gemischten Gefühlen begegnen kann.

In einem dokumentarischen, nüchternen Ton, der seine Emotionen trotzdem nicht verleugnet, erzählt Gish Amit in der Übersetzung von Markus Lemke über internationale Flüchtlingsströme, über eine rigide, das Individuum und seine Leistungen herabwürdigende Politik (die nicht allein Israel vorbehalten ist), über die relative Aussichtslosigkeit von Schulbildung für Kinder, die Teil dieses Landes werden wollen, aber oft keine Chance bekommen werden, dort zu bleiben.

Länder mögen unterschiedlich sein – die Probleme sind oft die gleichen

Ich werde hier bewusst nicht auf den Staat Israel eingehen; meiner Meinung nach kann man das Buch mit Erkenntnisgewiss lesen, egal wie man zur Politik der aktuellen Regierung steht. Obwohl Cedrick sich stark mit der Armee identifiziert, heroisiert Gish Amit den Militäreinsatz nicht: Er stellt den bei einem Bombenangriff getöteten einundzwanzig Soldaten, zu denen auch Cedrick gehörte, die um ein Vielfaches höhere Zahl palästinensischer Opfer gegenüber; auch lässt er nicht unerwähnt, wie sich israelische Soldaten in Häusern aufführen, aus denen ihre palästinensischen Besitzer bereits geflohen sind oder von ihnen vertrieben werden.

Gish Amit ist laut Buch und Verlagswebsite derzeit Direktor einer Schule in Jaffa für jüdische, arabische und geflüchtete Schüler*innen. Über den Alltag an seinem vorherigen Arbeitsplatz erfahren wir:

„In diese Betonwüste strömten die Kinder Morgen für Morgen, und überraschenderweise blieben nur wenige dem Unterricht fern. Fehlten Schüler geraume Zeit, dann geschah das fast immer, weil sie des Landes verwiesen oder festgenommen worden waren. Hatte man sie ausgewiesen, strich eine der Sekretärinnen ihren Namen vom Schülerboard, und waren sie festgenommen worden, warteten wir einige Wochen ab und strichen sie dann, da sie so gut wie nie an die Schule zurückkehrten.“

Das erinnert an die Zustände in Amerika – und lässt uns schaudern bei der Frage, ob Deutschland überhaupt noch weit davon entfernt ist. CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT ist ein Buch, das viel darüber zu sagen hat, wie mit Menschen umgegangen wird, die neu in einem Land sind, aber auch, wie das komplexe Verhältnis dieser Gruppen untereinander ist.

„Tatsächlich trennt ein Abgrund die philippinische Gemeinde von den eritreischen und sudanesischen Flüchtlingen. Die beiden Communitys leben zwar vermischt eng beieinander im Südosten der Stadt oder in den Straßen rund um den Zentralen Busbahnhof, und beide kämpfen sie täglich um ihre Existenz, leiden unter Armut und dem Zugriff durch die Immigrationspolizei.“

Weiter heißt es:

„Solidarität unter Unterdrückten existiert nur in der wohlmeinenden Vorstellung progressiver Liberaler und Menschenrechtsaktivisten, während in Wahrheit ein ständiger Kampf um Platz, Ressourcen und Hierarchie in Gange ist. Menschen klettern einer über den anderen und trampeln einander nieder, um an ein bisschen mehr Sauerstoff zu kommen. Auch wenn das vielleicht nicht richtig ist, oder zumindest nicht vollkommen richtig. Denn das Leben in einer feindlichen Umgebung gebiert auch Momente von Nähe und Großherzigkeit, wie ich sie selbst mehrfach erleben durfte: Eritreer, die Geld sammeln, um gegen Kaution einen Nachbarn aus dem Gefängnis zu bekommen, philippinische Familien, die Essen kochen für Schüler aus dem Südsudan, deren Väter ausgewiesen worden sind oder stationär im Krankhaus behandelt werden, solche und ähnliche Solidaritätsbeweise mehr, die mich stets zutiefst bewegt haben.“

Das Banner zeigt ein Foto des Autors Gish Amit, der sich auf einem Geländer aufstützt, und links daneben die Hardcover-Ausgabe seines Buchs „Cedrick – Der Preis der Zugehörigkeit“, das im Verlag Altneuland in der Übersetzung von Markus Lemke veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem gemusterten Papier-Hintergrund.

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Zugewandtheit und Aneignung?

Gish Amit beginnt, genauer hinzusehen. Dazu gehört auch, dass er Ausweisungszahlen zitiert oder einen Schönheitswettbewerb besucht, bei dem die schönste in Israel lebende Filipina gekürt wird. Vor allem aber lädt er ehemalige Mitschüler*innen von Cedrick ein, die nicht wissen, dass der Lehrer bereits ein Buch über ihre Schulzeit geschrieben hat – und plant, ein weiteres zu beginnen, ohne die Notwendigkeit zu sehen, sie um ihr Einverständnis zu bitten.

Es mutet fast wie Hohn an, dass der Mann, der so engagiert wie aussichtslos versucht hat, seinen Schüler*innen im Unterricht etwas über europäischen Kolonialismus zu vermitteln, nun ein Notizheft zückt, das er bei Muji in Berlin gekauft hat – während die meisten dieser jungen Menschen Israel aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht verlassen können. Gish Amit stellt in CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT immer wieder dar, wie die Regierung mit den Menschen umgeht, die in Israel Sicherheit und Heimat suchen; gleichzeitig stellt er sich selbst in Frage:

„Noch nie habe ich es derart genossen, jemanden zu bewirten, habe noch nie eine solche Befriedigung aus dem Anblick junger Menschen gezogen, die um meinen Tisch sitzen. Das erfüllt mein Herz mit Glück, aber man könnte genauso gut sagen, das ist mein Weg, sie zu entschädigen für den Gebrauch, den ich von ihnen mache und noch zu machen gedenke. Und nichts von beidem ist zutreffender und wahrer als das andere. Unter meiner Großherzigkeit windet sich am schlammigen Grund der Seele nicht die Bestie des Missbrauchs, aber auch das Gegenteil trifft nicht weniger zu: Unter der Stimme, die mir ununterbrochen zuflüstert, ich müsse so viel wie möglich von all dem in Erinnerung behalten, und die will, dass sie bald gehen, damit ich mich hinsetzen und schreiben kann, wohnt keine reine, unbefleckte Güte. Aber von beidem ist etwas da, miteinander vereint.“

CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT erzählt von Menschen, die unter unmenschlichen Bedingungen fliehen oder aus anderen Gründen voller Hoffnung in ein Land kommen, dort aber unter ständiger Angst leben müssen; Menschen, die sich mal durchsetzen können, aber oft scheitern. So wie Rose Fostanes, eine philippinische Krankenpflegerin, die 2014 die israelische Version von THE X-FACTOR gewann, ein ganzes Land berührte … und später, als sie keine Attraktion mehr war, von Ausweisung bedroht wurde.

Wie der Untertitel bereits unterstreicht, ist CEDRICK ein Buch über Zugehörigkeit und viele damit verbundenen Fragestellungen: Gibt es „bessere“ und „weniger gute“ Ausländer? Gehören Schwarze Menschen mit heller Haut vielleicht doch zu den Weißen? Darf man in einer religiösen Gemeinschaft Halt und Sicherheit finden, deren weit entfernter Anführer nachweislich Mädchen Gewalt antut? Ist das enge Band zwischen einem Pflegebedürftigen und seinem Pfleger eins, das bei aller Freundschaft und familiären Nähe doch auf gegenseitiger Abhängigkeit beruht?

Gish Amit lädt uns Lesende dazu ein, uns an ihm und seiner Sicht auf die Zustände zu reiben. Ich habe das immer wieder getan und CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT gerade deswegen „gerne“ und mit großem Interesse gelesen. Es handelt sich eindeutig nicht um ein umfassendes Buch über die aktuelle politische Situation in Israel; es bezieht Stellung, ohne allzu deutliche Aussagen zu treffen. Das kann es für Lesende mit einer explizit politischen Herangehensweise an Texte möglicherweise angreifbar machen? Für mich war es auf jeden Fall spannend und erkenntnisfördernd.

Das Buch endet ein Jahr nach Cedrics Tod, kurz vor einer neuen Trauerfeier für ihn – und damit, dass Gish Amit eine Entscheidung getroffen hat, die an vieles anschließt, was vorher angesprochen wurde. Ich werde das hier nicht verraten, kann aber sagen, dass es dem Untertitel auf dem Einband eine weitere Ebene hinzufügt. Ich bin nicht sicher, was genau dieser Epilog bei mir auslöst. Unverständnis, Wut, Verstehen? Von allem etwas; auf jeden Fall einiges. Und das passt deswegen hervorragend zu meinem Gesamteindruck dieses Buchs, das ich gerne empfehlen möchte.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Gish Amit: CEDRICK – DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT. Altneuland – Co-Publishing mit Kanon Verlag, 2026

Bei diesem Bild handelt es sich um den deutschen Umschlag des Sachbuchs „Cedrick – Der Preis der Zugehörigkeit“ von Gish Amit, der im Verlag Altneuland in der Übersetzung von Markus Lemke veröffentlicht wurde.