Die Bücher von Franziska Gänsler, Belle Burden und Anousch Mueller werden gefeiert – wie haben ORCA, FREMDE und LORI mich als Leser von geringem Verstand abgeholt?

„Es ist schön, dass du inzwischen auch kurze Rezensionen hinbekommst“, lobte mich vor kurzem ein Freund, dem das Tadeln möglicherweise näher liegt: „Aber sechs auf einmal sind vielleicht auch zu viel.“

Okay, dann jetzt mal anders – statt „Sechs am Sonntag“ heißt es heute „Drei am Dienstag“, auch wenn es mir schwer fällt, mich kurz zu fassen bei den Büchern von Franziska Gänsler und Anousch Mueller, über die ich angetan noch viel mehr sagen möchte, als ich mit 2.000 Zeichen zum Ausdruck bringen kann.

Und Belle Burden? Nun. Über deren Buch könnte ich vermutlich auch noch einiges schreiben. Aber vielleicht ist es manchmal wirklich gut, sich kurz zu fassen.

Das Foto zeigt den Roman ORCA von Franziska Gänsler, der bei Kein & Aber erschienen ist.

DARF TERROR EIN SCHÖNES GESICHT HABEN?

„Auch dieses Lachen kam mir neu und echt vor, echter als alles bisher in meinem Leben. Es war, als würde etwas aus meinem Inneren herausbrechen, die Sonne, das Licht, dieser ganze goldene Sommer mit Olympia.“

Ein sterbendes Kaninchen, ein Mädchen, das es erlöst, schon sind wir mittendrin in einer Geschichte, die ihren Titel Meeressäugern verdankt, die zur Gefahr werden können, wenn sie ihrem Spieltrieb folgen. Aber kann man diese Naturgewalt, die sich moralischen Wertungen entzieht, in einen Vergleich stellen mit Terrorismus?

Franziska Gänsler erzählt in ORCA von Cora, die über das Förderprogramm SLAY Zugang zu einer Privatschule bekommt, dort aber schikaniert wird. Umso leuchtender ist ihre Freundschaft mit der charismatischen Olympia, die – wie wir von Anfang an wissen – später als „CEO-Killerin“ angeklagt werden wird.

ORCA als „Buch der Stunde“ zu beschreiben, liegt nahe: Franziska Gänsler hat einen Coming-of-Age-Roman über komplexe Freundschaften geschrieben, den Wunsch nach Zugehörigkeit, über Prepper der unterschiedlichsten Couleur, rauschhafte Gewalt, die Erkenntnis, dass man nie so cool ist, wie man hofft.

Vor allem ist ORCA auch die Geschichte einer Radikalisierung: Wie aus dem Wunsch, die Welt (oder sich selbst) zu retten, etwas anderes wird. Durch Klimakleber und Anspielungen auf den Hambacher Forst hat der Roman eine fesselnde Aktualität, und natürlich erinnert die Reaktion auf Olympias Tat an das Echo rund um Luigi Mangione, was schlau gesetzt ist, mich aber unangenehm berührt; wer (unabhängig von diesem Buch) meint, Mörder verklären zu dürfen, spuckt meiner Meinung nach auf das Grab von Opfern.

Franziska Gänsler schreibt so unaufgeregt druckvoll, dass man mit Vergnügen durch die 365 Seiten fliegt. Gegen Ende macht es sich die Autorin für meinen Geschmack zu einfach – was aber nichts daran ändert, dass ORCA ein empfehlenswerter Pageturner mit großartigen Charakteren ist, den ich mir als Schullektüre wünschen würde.

Franziska Gänsler: ORCA. Kein & Aber, 2026

Das Banner zeigt rechts die Autorin Franziska Gänsler und links daneben den Umschlag ihres Romans "Orca", der bei Kein & Aber erschienen ist.

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Das Foto zeigt das Buch "Fremde" von Belle Burden, das in der Übersetzung von Charlotte Breuer bei Luchterhand erschienen ist; es liegt auf einem gemusterten Papierhintergrund.

EIN BUCH VOLLER FRAGEZEICHEN

„Nicht ein einziges Mal hat er gesagt, er sei unzufrieden in unserer Ehe, unglücklich mit mir oder unserem gemeinsamen Leben. Heute frage ich mich: Habe ich mir unsere Liebesgeschichte nur ausgedacht? Habe ich das alles erfunden und mit mir herumgetragen wie ein kostbares Buch?“

Der Umschlag ist schön, die Übersetzung von Charlotte Breuer fließend, die Ausgangssituation packend: Natürlich macht es betroffen, wie Belle Burden nach 20 Jahren von ihrem Mann verlassen wird; noch dazu lässt sich dieses Buch hervorragend lesen.

Und doch hat mich FREMDE kalt gelassen. Die emotionale Fallhöhe ist gegeben … aber in einer Limousine weint es sich bekanntlich besser als im Bus. Belle Burden, Enkelin der von Truman Capote vergötterten Stilikone Babe Paley, ist Trustfund-Erbin und Juristin, die trotzdem zu blauäugig ist, um Feinheiten eines Ehevertrags zu erkennen … und nimmt zwar für sich in Anspruch, als Mutter überfordert zu sein, hat aber dank Nannys noch Kapazitäten, um sich in den Elternbeiräten der Schulen ihrer Kinder zu betätigen.

Ich will nicht schmälern, was Burden angetan wurde, sowohl von ihrem Mann als auch von einer Gesellschaft, in der Geschiedene nicht auf Cocktailpartys eingeladen werden. Vielleicht darf dieser High-Society-Voyeurismus auch einfach ein „guilty pleasure“ sein? Denn FREMDE ist so barrierefrei geschrieben, dass man durch die 300 Seiten fliegt wie durch einen der Schicksalsromane, mit denen Hera Lind regelmäßig auf der Bestsellerliste steht. Aber reicht das?

„Wenn ich daran denke, wie ich am Schreibtisch gesessen habe, sehe ich eine Frau vor mir, der all das Weiche genommen wurde, alles, was ihr in 20 Ehejahren Sicherheit gegeben hatte“, schreibt Burden, „das Vertrauen in ihren Mann, die Behaglichkeit des gemeinsamen Lebens, der Platz in der Welt, den die Ehe ihr geschaffen hatte. Ohne diese weiche Schicht kann die Frau dort am Schreibtisch besser sehen und fühlen. Sie findet einen Ansatz.“

Jeder Erfolg sei ihr gegönnt.

Belle Burden: FREMDE. DIE GESCHICHTE EINER EHE. Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer. Luchterhand, 2026

Das Banner zeigt rechts das Foto der Autorin Belle Burden und links daneben den Umschlag ihres Romans "Fremde", der bei Luchterhand erschienen ist,

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Das Foto zeigt das Buch "Lori" von Anousch Mueller, das im Verlag C.H. Beck erschienen ist; es liegt auf einem gemusterten Papierhintergrund.

FAMILIE UND SCHICKSALSSCHLÄGE

„Dem Dokument war ein Brief von Papa beigefügt, in dem er eine Frage formulierte. Und wie ich erst viel später begreifen würde, war diese Frage der Urgrund des Geheimnisses, dessen Ausmaß nur Mama kannte.“

Sie ist acht, als Leni begreift, dass sie nicht die Älteste ist – auf einmal erinnert sie sich wieder an Lori, ihre Schwester. Aber warum wird nie über sie gesprochen? Was war das für ein Land, in dem der Vater einige Jahre arbeitete? Und warum ist die Mutter wie besessen davon, Kinder zu bekommen, eins nach dem anderen – obwohl sie lieber Bücher liest, als sich um diejenigen zu kümmern, die den „Zauber der Bedürftigkeit“ verloren haben?

Mit LORI hat Anousch Mueller einen der besten Romane des Jahres geschrieben, der es verdient hätte, neben NELKA von Svenja Leiber auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu stehen. Es ist ein Buch ohne nennenswerte Spannung – man ahnt schnell, was passiert ist –, aber die 205 Seiten sind von einem Sog geprägt, einer Intensität, dem Herantasten an das, was geschehen ist, dass es ein großes Vergnügen bedeutet, dies lesen zu dürfen. Und natürlich wird auch ein Stück deutsche Geschichte aufgefächert, die nicht vergessen werden darf.

Vielleicht habe ich LORI zu sehr ins Herz geschlossen – und mich deswegen kurz vor Ende so stark vor den Kopf stoßen lassen von einer dramaturgischen Entscheidung? Zum Glück scheine ich der Einzige zu sein, dem es so geht. Und darum wünsche ich Anousch Mueller ein noch größeres Publikum, das sich an Momenten wie diesen berauschen wird:

Sie sind gleich aufs Ganze gegangen, Katharina und Robert. Aus dem ‚Kosmos‘ direkt hinein in die Zukunft. Gemeinsam, Hand in Hand, den Blick entschlossen nach vorne gerichtet. Wie auf einem sozialistischen Mosaik. Bei ihm war es Liebe, bei ihr vor allem Wille. Die Überwältigung aber hatten beide nötig. Sie sorgte dafür, endlich aus dem alten Leben auszubrechen, hinein in ein neues, das die Wunden schließen möge.“

Anousch Mueller: LORI. C.H. Beck, 2026

Das Banner zeigt rechts die Autorin Anusch Mueller, die vor einer Ziegelsteinwand steht; links daneben sieht man den Umschlag ihres Romans "Lori", der bei C.H. Beck erschienen ist.

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Ich habe dieses drei Bücher nicht gekauft, sondern jeweils als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meinen Rezensionen handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.