In ihrer autofiktionalen Graphic Novel HEARTCORE erzählt Štěpánka Jislová über den Wunsch nach Nähe – und die Steine, die wir uns bei der Suche selbst in den Weg legen
„Dies ist eine Liebesgeschichte. In diesem Buch bin zwar ich die Hauptfigur, aber in den Nebenhandlungen geht es auch um andere Menschen. Ihre Geschichten gehören mir nicht. Aber ohne sie kann ich meine Geschichte nicht erzählen. Vielleicht werdet ihr am Ende das Buchs das Gefühl haben, mich zu kennen. Ich erzähle eine Geschichte aus meinem Leben, aber nicht mein ganzes Leben. Ich sehe das so: Was passiert ist, ist wichtiger als die Frage, wem es passiert ist.“
Ich lese selten Graphic Novels, aber als mir ein REZENSIONSEXEMPLAR von Štěpánka Jislovás HEARTCORE angeboten wurde, war meine Neugier geweckt – zumal es ein Buch aus Tschechien ist, dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.
Auf 240 Seiten erzählt Štěpánka Jislová in der Übersetzung von Julia Miesenböck von ihrem fiktiven Alter Ego: Der Štěpánka, die sich stets hoffnungsfroh, aber letztendlich unglücklich verliebt – denn sollte nach dem intensiven Stalken des Begierdeobjekts tatsächlich etwas daraus werden, verliert sie das Interesse, sucht nach Gründen, warum der ehemalige Traumtyp die Vorsilbe „Alb“ verdient.

Dass die Sache mit den Männern kompliziert ist, das lernt Štěpánka schon als Mädchen: Da spielt sie lieber mit den Jungs, bis ihr klar gemacht wird, dass das nicht vorgesehen ist, dass es Rollenbilder gibt, die es zu befolgen gilt. Sei es die (weibliche) Aufsichtsperson im Ferienlager, die keinen Sinn darin sieht, dass die Jungen beim Abwasch helfen, da sie das „später“ sowieso nie machen werden; sei es der Vater eines Freundes, der mit einem Kompliment unabsichtlich klar macht, dass ein Mädchen sich vor allem durch Schönheit auszeichnet; sei es Štěpánkas Freundin, die zwar triumphiert, wenn die beiden beim Tischtennis gegen die Jungs gewinnen, deren Sieg aber nur mit einem „Müsst ihr euch nichts drauf einbilden, wir sind ja nur Mädchen“ kommentiert.
Rollenbilder aus der Hölle – immer und überall
In TV-Zeichentrickserien dürfen Männer alles – und die Frauen nur auf Liebe hoffen, wenn sie schön genug sind. Auch die Zeitschriften ihrer Mutter helfen Štěpánka nicht weiter, denn das Frauenbild, das dort vermittelt wird, hat wenig Bezug zu dem, was sie in sich spürt. Ist die einzige Zukunftsperspektive, sich für immer in Büchern zu vergraben? Nein! Štěpánka will einen Freund … allerdings einen, der schon das Ex in sich tragen sollte.

In einer tollen Bildstrecke öffnet die inzwischen erwachsene Štěpánka darum die Galerie ihrer Verflossenen, die sich allesamt zwischen den Polen „Der wohnt am anderen Ende der Welt“ und „Ich war begeistert, wie distanziert er war“ bewegen. Und weil auch die Option besteht, sich in eine Frau zu verlieben: „Ich habe sie einmal in der Woche an der Uni gesehen. Ein Semester lang hatten wir eine Beziehung mit allem Drum und Dran – in meinen Gedanken.“
Štěpánka probiert sich aus, datet, geht nach Brüssel für ein Praktikum und dann zurück nach Prag, wo sie den hinreißend unangepassten Michal wiedertrifft. Nach einer romantischen, weil keuschen ersten Nacht hat der sehr gerne Sex mit ihr, mehr will (oder kann) er aber nicht zulassen. Und Štěpánka, die sich doch bisher immer als überlegenen Machiavelli des Datings gesehen hat? Leidet darunter, dass Michal zwar Bett und Leben mit ihr teilt, aber von einer „offiziellen“ Beziehung nichts wissen will, damit er weiterhin sagen darf, so etwas zu verachtet. Sollte das, was Štěpánka immer befürchtet hat, wahr sein: Ist sie nicht schön genug, um Liebe zu verdienen?

Die Verletzungen, die uns zugefügt werden – und die wir im schlimmsten Fall zum Motto unseres Lebens machen
Neben dem (möglicherweise) handelsüblichen Hin und Her der Geschlechter und den Erklärungsansätzen dafür geht Štěpánka Jislová in HEARTCORE auch einem weiteren schmerzvolleren Teil ihrer Geschichte auf den Grund: dem sexuellen Missbrauch, dem sie als Jugendliche ausgeliefert war, einem Verbrechen, das in Tschechien oft nur mit einer Bewährungsstrafe geahndet wird:
„Auch ich habe erst nach einiger Zeit darüber gesprochen, Bruchstücke davon erzählt, ohne Details. Denn wie hätten Gleichaltrige helfen können, die genauso verloren waren wie ich? Gemeinsame Freunde wollten Partei ergreifen und sich auf eine Seite stellen. Daher ließen sie mich oft nicht ausreden. Manche hatten Angst, Mitgefühl zu zeigen. Sie hätten das eigene Verhalten neu bewerten müssen. Wie hätte mir eine Gruppe pubertierender Jungs helfen können? In einer Gesellschaft, in der man auf Mädchen herabschaut? In einer Hierarchie, in der er die ganze Macht hatte und ich keine?“
Die Sache mit Michal endet. Und wie man sich denken kann: nicht gut. Aber was hat aus ihm einen so bindungsscheuen Menschen gemacht? Wie die Autorin hier den Weg eines Jungen schildert, der mit Männlichkeitsbildern aufwächst, die nicht gut sind für ihn, hin zu einem Erwachsenen, der nicht weiß, wie er sich aus seiner Haut befreien soll, hat mich ebenso wie Štěpánkas Schicksal überzeugt und mitgenommen.
HEARTCORE ist psychologisch dicht gewebt – und wie um das unter Beweis zu stellen, präsentiert uns die Autorin im letzten Drittel eine Art „Theorieteil“, was mich kurz irritierte, mir dann aber gut gefallen hat – zumal ich mich an die jüngst gelesene Spurensuche KÖNIGIN DER NACHT erinnert gefühlt habe, in der Lukas Bärfuss den autofiktionalen Pfad verlässt, um den Erinnerungen an seine Mutter noch mehr Unterbau zu geben. Everything is connected.

HEARTCORE würde auch als Roman überzeugen – und hat als Graphic Novel natürlich noch eine weitere Ebene
Als Leser von geringem Verstand muss man seine Grenzen kennen, und eine meiner vielen erreiche ich, wenn ich versuche, den visuellen Stil von Štěpánka Jislová zu beschreiben: Zu klassischen Panelseiten für die Haupthandlungsebene – wobei deren Größe und Anordnung dynamisch variiert und sich anpasst an das, was erzählt wird –, gesellen sich Beziehungsdiagramme, Chatverläufe oder Interview-Seiten für Off-Kommentare, gelegentlich unterbrochen von seitenfüllenden Bildern, in die sich Text mischt. (Nebenbei bemerkt: Wollte ich an diesem durchgehend gelungenen Buch Kritik üben, wäre es, dass die Schrift oft sehr klein ist und man gute Augen braucht.)

Um nach diesem Geschwurbel konkreter zu werden: Štěpánka Jislová arbeitet mit Schattierungen von Blau und Grau, mit Rot als Akzent- und Kontrastfarbe; in der Rückschau habe ich den Eindruck, ein „buntes“ Buch gelesen zu haben, auch wenn es das optisch gar nicht ist.
Umso mehr trifft dies auf den Inhalt zu: Ich habe schon nach wenigen Seiten vergessen, dass ich eine Graphic Novel lesen, und möchte Štěpánka Jislová zusätzlich zu ihrer künstlerischen Leistung unbedingt auch als literarische Autorin preisen (wobei natürlich niemand sagt, dass das eine das andere ausschließen würde). HEARTCORE erzählt viel über Frauen, Männer und die Altlasten unseres Heranwachsens, über Beziehungen und Trennungen, über seelischen Schmerz und seine Ursachen – und über die Überwindung, das Herantasten an etwas, was größer ist als das, was man sich im eigenen Lebensmodell vorstellen konnte. Wenn das nicht Literatur ist, weiß ich’s auch nicht!
Wer Graphic Novels mag, greift bitte sofort zu; wer wie ich Berühungsprobleme mit dem Genre hat, sollte unbedingt einen Blick in HEARTCORE riskieren, um sich begeistern zu lassen von einer ebenso bewegenden wie schlau aufbereiteten und – sowohl auf der visuellen als auch auf der Textebene – fesselnd erzählten Geschichte.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Štěpánka Jislová: HEARTCORE. Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck. Voland & Quist, 2026



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