Ein Kurzinterview mit Ruth-Maria Thomas über Klassismus, emotionale Verstrickungen und ihren Bestseller DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE
Eins der viele Paradoxe der Liebe ist, dass sie Sicherheit bedeuten kann, aber auch ein Risiko ist. Und wirft man dann noch emotionale Altlasten und einen krassen „Standesunterschied“ dazu, wird es richtig kompliziert.
Darüber schreibt Ruth-Maria Thomas nach dem Riesenerfolg ihres Debüts DIE SCHÖNSTE VERSION in ihrem neuen Roman DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE – und zwar rasant, dabei unaufgeregt und mit einer solchen Intensität, dass es sowohl auf der unterhaltenden als auch der literarischen Ebene eine Freude ist. Grund genug, ihr drei neugierige Fragen zu stellen.
Liebe Ruth, in DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE schreibst Du über Klassismus. Sind Menschen ohne Geld aufrechter und Menschen mit Geld misstrauischer?
Ruth-Maria Thomas: „Pauschalisieren will ich nicht. Aber Geld macht natürlich unabhängiger, und kann einen dadurch von der Gesamtgesellschaft isolieren. Straßenbahn fahren versus Taxi. Drehkreuz-Orte versus exklusive Events. Block versus VIP-Lounge. Ob das misstrauisch macht – und ob es umgekehrt aufrechter macht, wenn man selbst weiß, wie sich Existenzangst anfühlt: Ich möchte mir nicht anmaßen, das zu beurteilen. Da soll am besten jede*r in sich selbst hineinhorchen. Das ist sowieso eine gute Idee, egal welcher Gruppe man sich zugehörig fühlt.“
In einer Szene fragt Michelle sich, ob es richtig gewesen wäre, einer Obdachlosen kurz ein Dach über dem Kopf zu geben. Helfen wir uns alle mit solchen Gedankenspielen, um mit der Härte der Welt klarzukommen?
Ruth-Maria Thomas: „Ja, ich glaube schon – wir tun das, um uns im Spiegel anschauen und sagen zu können: ‚Ich bin okay. Ich kann mit mir leben.‘ Klar, die Aufgabe, sich um alle Mitglieder dieser Gesellschaft zu kümmern, können wir nicht allein den Individuen auftragen – es braucht politischen Willen und politisches Handeln dazu. Und trotzdem bleibt es traurig. Als Kind lernt man, dass man einander hilft, und als Erwachsene gehen wir an Menschen vorbei, die am Boden liegen.
Ich frage mich, wie wir es schaffen können, eine wärmere, gütigere Gesellschaft zu werden. Wie wir lernen, besser hinzuschauen. Diese Fragen beschäftigen auch Michelle – und ich glaube, genau wie ich hat sie keine perfekten Antworten darauf.“
Weil Du die Frage an zentraler Stelle im Buch stellst, möchte ich sie gerne an Dich zurückspielen: Reicht Liebe?
Ruth-Maria Thomas: „Im Roman wie im echten Leben kommt es darauf an: Welche Liebe reicht wofür? Die Liebe zu sich selbst, um für sich einzustehen. Die Liebe zur Familie, um die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen. Die Liebe in einer romantischen Beziehung, um über Klassenunterschiede hinwegzukommen. Ist es das, was man machen sollte, und wenn ja, zu welchem Preis?
Vielleicht ist es gerade Liebe, wenn erkannt wird, dass sie nicht reicht. DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE stellt genau diese Fragen, und im Roman wie im echten Leben habe ich keine abschließende Antwort darauf. Umso mehr freue ich mich auf den Austausch mit den Leser*innen.“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.
Ruth-Maria Thomas: DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE. dtv, 2026


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