Nach dem Debüt-Bestseller DIE SCHÖNSTE VERSION begeistert Ruth-Maria Thomas mit ihrem neuen Roman DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE

„Sie würde die Zähne zusammenbeißen. Sie würde den Gürtel enger schnallen. Sie wusste, wie das ging. Sie hatte ihre Mutter jeden Tag ihres Lebens dabei beobachtet. Doch dafür würde sie neu anfangen müssen.“

Der „Fluch des zweiten Buchs“ ist ein Monster mythischer Ausmaße, das sich an den Seelen von Autor*innen labt. Und so kann man in der ZEIT lesen, dass es Ruth-Maria Thomas schwerfiel, einen Nachfolger für ihren Bestseller DIE SCHÖNSTE VERSION zu schreiben. Was man dem Roman nicht anmerkt: DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE ist ein Kracher, der mit solcher Kraft und Selbstverständlichkeit punktet, dass ich mit den Ohren schlackern würde, wäre ich Dumbo, der fliegende Elefant.

Henry freut sich auf den Frühling, aber so heiter geht’s nicht weiter: Seine Freundin ist weg. Er weiß nicht, warum – so wenig, wie er als Sohn aus „besserer“ Familie trotz guter Absichten versteht, wie es wirklich für Michelle war, aus dem Osten in die norddeutsche Großstadt zu kommen, ohne Geld, dafür mit Schulden und der schmerzhaften Erinnerung an ihren kleinen Schmuckladen, der Corona und einem Vermieter zum Opfer fiel.

Michelle ist schnell im Denken, nicht nur, weil sie in Sekundenbruchteilen ausrechnen kann, was etwas kostet und für ihr schmales Budget bedeuten würde. Sie wächst uns Lesenden sofort ans Herz, weil man sich leicht solidarisieren kann mit einer Frau, der das Leben wenig Asse in die Spielkarten gemischt hat, die es inzwischen gewohnt ist, Essensreste der Hotelgäste mitgehen zu lassen, wenn ihre Schicht am Empfang vorbei ist … und die weiß, dass „Kein Fleiß, kein Preis“ nur eine Seite ist von „no pain, no gain“.

„Gegen die Angst, gegen den Schmerz, dass sie ihr altes Leben vermisste, halfen ihr Masturbieren und Arbeiten. Nachts presste sie ihren Vibrator so lang und heftig gegen sich, bis es wehtat und sie unter Schluchzen kam, und dann noch einmal, heulend, und noch einmal und noch einmal, bis sie erschöpft in den Schlaf fand.“

Dicht, schlau und mitreißend

DIE SCHÖNSTE VERSION trug den Superlativ schon im Titel; DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE scheint in dieser Hinsicht ein wenig zurückzurudern, ist aber ein ebenso schlauer, stets dichter, mit erzählerischer Lässigkeit ausgeführter Paukenschlag. Was unter anderem daran liegt, dass Ruth-Maria Thomas‘ Text einen treibenden Beat hat:

„Sie hatten sich verlaufen, der Park lag hinter ihnen, eine Kreuzung davor, Laternenlicht, Hochhäuser im Hintergrund, der Geschmack von Zimt auf der Zunge, sein Arm immer noch um ihre Schultern, er roch zum Sterben gut, sie hätte Lust …“

In ihrem Debüt hat Ruth-Maria Thomas über eine toxische Beziehung geschrieben, und vermutlich lag es für sie als politische Stimme nah, dass sie sich für ihr zweites Buch ein ähnlich brisantes Thema vorgenommen hat. Sie verpackt dies in einer Liebesgeschichte voller Coolness und Zartheit:

„Nackt föhnte er sein Hemd, während sie löslichen Kaffee in zwei Becher kippte, Zucker und Milch dazu tat. Sie tranken ihn im Stehen, und als er sagte: ‚Das war der beste Abend seit Langem, danke‘, da hätte sie ihm fast zugestimmt, aber im letzten Moment fiel ihr ein, dass sie ja eigentlich keine war, die einfach so Superlative benutzte, und zwinkerte ihm zu.“

Michelle und Henry – die beide anders heißen, aber diese Namen für sich reklamieren wie ihre jeweiligen Lebensentwürfe – passen nahezu perfekt zusammen … und dann auch wieder nicht. Von Anfang an hoffen wir, dass es die große Liebe zwischen den beiden wird, auch wenn der Titel (der gleichzeitig „on your nose“ ist und subtil, das muss man erst mal hinbekommen!) etwas anderes andeutet. Denn: Klassismus, um den es in DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE zentral geht, ist kein Ringelrein.

An manchen Stellen fragte ich mich allerdings, ob es etwas zu viel Sozial-Moll ist, ob die Autorin es sich mit der – von mir als Leser von geringem Verstand gefühlten – Heroisierung des „Prekariats“ und dem damit einhergehenden Bashing der „Oberschicht“ zu einfach macht.

Das Bild Zeit links den Umschlag des Romans "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas und rechts daneben das Autorinnenfoto.

Klischees sind Wahrheiten, die wir nicht gerne sehen

Michelle ist arm, aber in ihren Parametern ehrenhaft; Henrys Mutter und seine beste Freundin sind finanziell besser gestellt und neigen auch deswegen zum Misstrauen. Das kann man wahr oder überzeichnet finden; beides ist im Text erstaunlich gut austariert, und noch dazu hat die Autorin das Talent, uns so schnell in ihre Geschichte zu ziehen, dass man den kritischen Verstand gerne ausstellt, um sich in eine reißend literarische Wasserrutsche fallen zu lassen.

Ruth-Maria Thomas bedient sich dafür unter anderem schneller Perspektivwechsel; die meiste Zeit sind wir bei Michelle, dann wieder bei Henry, und auch, wenn dieser Mann ein bisschen zu sanft und umsichtig daherkommt, um wahr zu sein, wächst er uns ans Herz in seinem Staunen über die Frau, die sein Leben bereichert:

„Den Geschmack von Krümelkaffee noch im Mund, ihren Geruch noch in der Nase und dieselbe Unterhose wie gestern tragend, fühlte er sich wild und lebendig, wollte das aber lieber für sich behalten.“

Dass Henry sich im Lauf der Handlung verändert, wenn zunehmend etwas anderes mitschwingt in seinem Wunsch, geliebt zu werden … ist das dann ein bisschen viel? Ja, schon. Gleichzeitig muss und darf das genauso sein, denn Ruth-Maria Thomas versteht es, mit kräftigem Schwarz und Weiß zu arbeiten, ohne ein schwarzweißes Bild zu malen.

Hat mich DIE SCHÖNSTE VERSION tiefer erschüttert? Vielleicht. Hinterlässt DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE mich dafür satter und befriedigter? UNBEDINGT! Zumal es lohnt, über vieles länger nachzudenken, wie über diesen intensiven Moment, wenn Henry überlegt, was er Michelle für ihre winzige Wohnung kaufen könnte:

„Ein behagliches Gefühl breitete sich in ihm aus, während er sich das vorstellte, was er niemals umsetzen würde, weil er wusste, dass er damit etwas Ganzes unvollständig machen würde.“

Voll auf die Zwölf, und das in verschiedener Hinsicht

Ich empfinde DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE auf verschiedenen Ebenen als schlau, weil es intensiv gefühlt und handwerklich sehr gut gemacht ist – auch, weil Ruth-Maria Thomas ihrer Michelle erlaubt, sich zu verändern, ohne ihrem Charakter untreu zu werden. Außerdem begeistert mich, wie die Autorin viele schlaue Gedanken ganz nebenbei fallen lässt wie den, dass es Michelle leichter fällt, Rechnungen für die Gäste in ihrem Hotel auszustellen, seit sie selbst in solchen übernachtet. Und dass Wohlstand etwas ist, was man als gegeben ansehen kann – oder als geliehen.

Es gibt Schockmomente im Roman wie Michelles Trennung von ihrem ersten Freund, sowie gleich darauf ein Gefühl großer Befriedigung für uns Lesende, wenn sie sich wehrt. Und sind die schönsten Liebeserklärungsmomente vielleicht jene, in denen man ein „Meine Güte, ja“ bejubeln möchte? Nur dass ich während der Lektüre einen Wahnsinnsjieper auf Apfelringe und Kaugummi mit Zimtgeschmack hatte, das nehme ich der Autorin fast übel – während ich mich gleichzeitig frage, wie sie schafft, mir beides so schmackhaft zu machen …

An einer Stelle wird im Buch die Frage gestellt, ob Liebe reicht: Darauf gibt es im echten Leben wie auch in dessen fiktiver Spiegelung unzählige Antworten, rosige und dornige. Ruth-Maria Thomas widmet sich einigen von ihnen auf gerade einmal 297 Seiten mit erzählerischer Größe, unaufgeregt und intensiv. Und so ist DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE eben nicht nur Klassismus-Illustration, mehr als die Geschichte einer Paarbeziehung, einer Selbstfindung und der Fallstricke, die lauern, wenn wir auf einen anderen Menschen zugehen: Die Autorin hat ein modernes Trauerspiel geschrieben … und ein Hoffnungsmanifest.

„Die Tränen liefen ihr über die Wangen, sammelten sich am Kinn, tropften ihr ins Dekolleté, sie musste sich festhalten, am Fensterrahmen, mit ihren Händen. Ihre Hände, die das konnten. Die gebrochene Enden zusammenfügen und das Leben verschönern.“

Wird es Michelle gelinden, die emotionale DNA einer Wohlstandsfamilie so zu verändern, wie sie es mit dem Familienschmuck tut, den sie kunstvoll umarbeitet? Das muss man selbst lesen!

Aber eins sei abschließend gesagt: Ruth-Maria Thomas stellt ihrem Text ein Zitat aus Ottessa Moshfeghs Roman MEIN JAHR DER RUHE UND ENTSPANNUNG voran; so etwas empfinde ich immer so, als würden Autor*innen ihr Werk einer anderen Stimme anschließen oder unterordnen. Aber mit DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE zeigt Ruth-Maria Thomas souverän, dass sie in niemandes Schatten steht.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Ruth-Maria Thomas: DIE ZWEITGRÖSSTE LIEBE. dtv, 2026

Zu sehen ist hier der Umschlag des Romans "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas.