Lilli Tolkiens literarischer Debütroman MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN erzählt von einer Kindheit in der autonomen Szene Berlins der 80er und 90er Jahre, von glorifizierter Freiheit und deren Missbrauch, von Hilflosigkeit, Gleichgültigkeit – und der Stärke, die dadurch letztendlich geschmiedet werden wird.
„In der Kneipe zu stehen, mit dreizehn Jahren, und mit meinem Vater einen Joint zu rauchen, ist meine einzige Möglichkeit zu rebellieren und zugleich der letzte Versuch, dazuzugehören. Mit Genugtuung beobachte ich, wie die Erwachsenen mit sich ringen, wenn ich ein Schnapsglas leere, wenn ich am Joint ziehe, die Schule schwänze oder betrunken auf irgendeinem Schoß in der Kneipe sitze, wie sie zu spüren scheinen, dass etwas an der Situation falsch ist und sie dennoch Teil davon sind und nichts sagen.“
Wenn ein Roman damit beginnt, dass die Erzählstimme sich bereits als ungeborenes Kind zu Wort meldet, bin ich eigentlich raus – und war doch sofort gepackt, weil Lale sich daran erinnert, dass das Fruchtwasser ihrer Mutter nach Haribo Colorado schmeckt. Diese „Ersatzdroge“ hält sie aber nicht vom Heroin ab, was dafür sorgt, dass das Neugeborene direkt nach der Geburt eine Entgiftung durchleiden muss. Klingt krass?
Sanfter wird es selten in MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN: Lilli Tollkien hat einen Roman geschrieben, der mich aufgewühlt und geschockt hat, bei dem ich wütend war auf die Erwachsenen, denen die Erzählerin ausgeliefert ist – und der mich deswegen begeistert, weil die Headline des Werbetextes eigentlich alles sagt, was man wissen muss: „Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand – und ein Mädchen, dass zur Heldin der eigenen Geschichte wird.“
Früher war alles besser? Nee, wirklich nicht …
Lale, Jahrgang 1980, stirbt mit anderthalb Jahren fast an einer Überdosis, weil ihre Mutter in der eigenen Benebelung nicht aufpasst, und wächst danach in der Kommune auf, die ihr Vater mit seinem besten Freund gegründet hat – also unter Männern, die keine Ahnung, was ein Kind braucht, wie es geliebt und beschützt werden muss. Stattdessen lachen sie, wenn das Mädchen wütend fordert „Ihr könntet mir wirklich mal etwas verbieten“ … und schauen, berauscht von der eigenen Nonkonformität, von Alkohol und einem beständigen Frauenstrom, nicht so genau hin bei dem, was direkt vor ihren Augen passiert.
Lilli Tollkien schreibt über einen ersten sexuellen Missbrauch, der für die Erwachsenen kein Grund zur Aufregung ist, und einem Kuss in der Kommune, mit weit herausgestreckten Zungen, der die Männer zum Lachen bringt, Lales Seele aber einen der vielen Haarfaserrisse zufügt. Die hedonistische Welt der Bürgerlichkeitsverweigerer mag für Erwachsene die allerschönsten Rauschesfarben haben, aber für Lale sind im Abenteuerspielplatz Leben sehr viele Scherben im Sand versteckt, ganz egal, ob ihre Hoffnung auf einen normalen Kindergeburtstag zunichte gemacht wird oder sie in der Schule – die für sie Normalität bedeutet und dadurch Halt – bei Freunden landet, die schon bald nicht mehr gut für sie sind.
Von all dem erzählt Lilli Tollkien unaufgeregt, aber eindringlich, aus der Perspektive der erwachsenen Lale, die überlebt hat und inzwischen selbst Mutter geworden ist. Durch diese kurzen Einschübe und die abgeklärte Herangehensweise ohne Schicksalsergebenheit gelingt es der Autorin, das Grauen und die Lichtblicke dieser Geschichte in Einklang zu bringen: Dadurch bekommt der Roman einen eigenen Sound – und immer wieder starke Momente.
Lilli Tollkien versteht sich darauf, das Schmerzhafte auszuleuchten, ohne dies zur Qual für die Leser*innen von MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN werden zu lassen
Einer davon ist sicher der, wenn die etwa zwanzigjährige Lale als Statistin bei den Dreharbeiten von RESIDENT EVIL vor der Kamera steht; als die Regieassistentin die taumelnden Bewegungen der Zombies vorführt, kennt Lale dies schon gut – es ist das Wanken und Stolpern ihrer Mutter, wenn die sich mit anderen Junkies am Berliner Kotti herumgetrieben hat. Dieser Vergleich ist auch für uns Lesende ein unangenehmer, kleiner Schlag – und wir verstehen umso intensiver, warum Lale eine Art Milchglasscheibe zwischen ihr Inneres und die Welt da draußen gezogen hat.
Was auch zu diesem weichzeichnenden Iron Dome zählt? Dass Lale den Missbrauch, der ihr mehr als einmal angetan wird, nicht konkret benennt: „Solange ich es nicht erzähle, ist es nicht da“ scheint der einzige Weg für sie zu sein, sich angesichts des Unerträglichen einer Deutungshoheit zu ermächtigen.
Anderes wird dagegen klar benannt und weckt umso mehr unsere Wut: „Ich musste ins Heim“, wird Lale zu ihrem Vater sagen, „weil du nicht mehr da warst.“ – Aber der winkt ab, statt bereit zu sein, Verantwortung zu übernehmen: „Du bist ins Heim, weil du das Pferdebetäubungsmittel deiner Mutter geschluckt hast.“ Wir erinnern uns: Da war das Kind anderthalb Jahre alt …
Schicksalsgeschichten über das Aufwachsen unter erschwerten Rahmenbedingungen gibt es immer wieder – aber MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN schließt in mancher Hinsicht nahtlos an ein Romanhighlight des letzten Jahres an
Obwohl die beiden Bücher mit einem Jahr Zeitunterschied erschienen sind, dürften sie zeitgleich entstanden sein – umso erstaunlicher ist es, welche Parallelen wir Lesenden nun ziehen können zwischen dem bereits zurecht gefeierten MIT DIR, DA MÖCHTE ICH IM HIMMEL KAFFEE TRINKEN von Sarah Lorenz und MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEND. Lilli Tollkien schreibt aber nicht nur über ein traumatisierendes Heranwachsen, sondern auch über eine Generation von Männern, die alles Bürgerliche ablehnt, ohne zu begreifen, dass der Beiklang von Freiheit nicht Rücksichtslosigkeit sein sollte – was allerdings nur geht, weil es genug Frauen gibt, die sich auf dieses Spiel einlassen:
„Frauen kommen und gehen in die Zimmer der WG, manche kommen in mehrere. Du Schöne, du Hellste, du besonderer Glanz, flüstern die Männer an ihrem Hals, du bist anders als andere Frauen. Und wie sie dann blühen, die Frauen. Sie schwimmen in dem Honig, tragen ihn stolz um den Mund und schweben in der heißen Luft der Männer. Sie spielen mit mir, ihre Augen leuchten, sie wirbeln mich herum. Ein paar Monate lang, dann vergessen die Männer sie, suchen sich andere Frauen. Sie werfen den Monatsfrauen nur noch kleinste Krumen hin, um sie noch mal ins Bett zu ziehen. ‚Eifersucht gibt es nicht‘, sagen sie. Vor der Gruppe werden die Frauen verlacht. Manchmal hören die Männer auf, mit ihnen zu sprechen, sie zu hören und sie zu sehen. Die Frauen werden leer.“
Lilli Tollkien schreibt nicht nur über Kindheit und Jugend ihrer Figur, sondern wirft auch Schlaglichter auf ihre Zukunft
MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN ist gerade mal 252 Seiten lang – und eine Wucht, der man sich kaum entziehen kann, wenn Lilli Tollkien über das beständige Hochrappeln von Lale erzählt, von ihrer Kraft, die auch aus Ohnmacht geboren ist, ihrer eigenen Skrupellosigkeit, ihrer Angst:
„Ich habe große Hände und nehme mir, was mir nicht zusteht. Ich kralle mich an Beine, deren Besitzer mich nicht wollen, und lasse im Kaufhaus Dinge in meinen Ärmel gleiten. Ich klammere mich an die Beine meiner Mutter, später an die Beine meines Vaters, wenn er in die Kneipe will. Ich werde mich an den Beinen von Männern festhalten, die nicht bleiben wollen. Ich werde für den Mann meiner Nachbarin schwärmen und für einen in Übersee. Zwischen uns werden zwei Wände und drei Türen stehen oder das ganze Meer. Zwischen mein Gesicht und die Welt werde ich einen Millimeter Make-up legen.“
Mareike Fallwickl hat über MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN gesagt: „Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt – und gerade deswegen auch lesen muss.“ Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen, aber trotzdem möchte ich noch ein letztes Zitat setzen, das mir besonders im Kopf geblieben ist in seiner Zartheit … und dem genauen Gegenteil:
„‚Wo ist meine Mutter?‘, frage ich und bekomme zur Antwort: ‚Deine Mutter sucht eine Wohnung.‘ Ich stelle mir vor, wie sie abends durch die Straßen Berlins läuft, den Blick nach oben gerichtet, ob irgendwo ein Fenster nicht erleuchtet, also eine Wohnung frei ist. Wenn wir telefonieren, nennt sie mich Murmelchen. Sie besucht mich nur selten in der WG, Junkies sind im Hausprojekt nicht gern gesehen. Dann bringt sie mich ins Bett und singt mir Schlaflieder vor. Guten Abend, gut‘ Nacht, und Weißt du, wie viel Sternlein stehen. Sie vermeidet das Wort Gott. Morgen früh, wenn du willst, singt sie, wirst du wieder geweckt.“
Nun habe ich’s ganz sicher nicht mit Gott … aber vielleicht ist diese leichte Textvariation einer der brutalsten Momente des Romans? Denn darum geht es auch in diesem Buch: Dass Freiheit oft auch bedeuten kann, Menschen an unserer Seite zu brauchen – als Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener und danach –, die uns mit dieser Verantwortung nicht allein lassen.
MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN ist ein Buch über die Unfähigkeit, Liebe in mehr als einer vordergründigen Dimension zu erkennen; ein Aufschrei, vielleicht auch ein Friedenschließen der Autorin mit persönlichen Erfahrungen, die in den Text eingeflossen sein mögen. Und vor allem ist Lilli Tollkiens eins hervorragend gelungen: einen Punkt zu setzen – und ein Ausrufezeichen.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Lilli Tollkien: MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN. Aufbau, 2026


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