In ihrem Bestseller PINA FÄLLT AUS erzählt Vera Zischke von einer Gruppe Menschen, die zu einer Gemeinschaft zusammenwächst – und ohne Heldencape über sich hinaus. Grund genug, der Autorin drei neugierige Fragen zu stellen.

Pina ist eine Frau, die alles schafft – was eine Herausforderung ist, weil ihr zwanzigjähriger Sohn Leo kein normkonformes Leben führen kann, da er das hat, was man verallgemeinernd eine Behinderung nennt, und deswegen auf sie angewiesen ist.

Wie der Titel des SPIEGEL-Bestsellers schon verrät, beginnt der Roman damit, dass Pina ausfällt. Darüber, was dann passiert, schreibt Vera Zischke mit viel Einfühlungsvermögen, aber ohne Kitsch oder (noch so ein verallgemeinerndes Wort!) Sozialromantik. Kann man PINA FÄLLT AUS trotzdem ein modernes Märchen nennen, ist es eine unaufgeregte Utopie, oder sind die 298 Seiten gar Samenkörner, aus denen Verständnis und Veränderung wachsen?

Alles große Fragen; ich stelle der Autorin aber erst einmal drei andere und freue mich sehr, dass Vera Zischke sich Zeit für sie genommen hat.

Liebe Vera, in Deinem Roman PINA FÄLLT AUS erzählst Du von Nachbarn, die zu einer Hausgemeinschaft werden. Das ist sehr rührend und bewegend – aber auch eine positive politische Botschaft für uns alle?

Vera Zischke: „Ich hätte eine positive Botschaft und eine politische Botschaft.

Die positive ist, dass ich der festen Überzeugung bin, dass wir Menschen besser sind, als wir es uns seit geraumer Zeit auf den Empörungsplattformen von Social Media erzählen. Auf meiner Lesereise, aber auch in meinem Job als Zeitungsreporterin erlebe ich immer wieder, wie Menschen weit außerhalb ihrer Komfortzone anpacken und sich solidarisieren. Das ist großartig und wichtig, denn wir sehen im Pflege-, Schul- und Hilfesystem, dass es immer einzelne Menschen sind, die unter großem Kraftaufwand versuchen, politisches Wegsehen auszugleichen.

Die politische Botschaft ist die: Lasst euch nicht einreden, dass Inklusion eine zusätzliche Belastung ist, die nur unter günstigen Bedingungen möglich ist. Inklusion ist der Weg zu einer menschlicheren und gerechteren Gesellschaft für uns alle.“

Die Wucht der Überforderung, die Pina erlebt, überträgt sich am Anfang unmittelbar auf uns Lesende. Wie hat es sich angefühlt, darüber zu schreiben?

Vera Zischke: „Befreiend. Ich habe dieses Buch geschrieben, um diese ganz bestimmte Einsamkeit pflegender Eltern nachfühlbar zu machen, die mit ihrem Kind in einer eigenen Welt leben. Die Überforderung entsteht ja gerade durch die Isolation, in die pflegende Eltern allzu leicht abrutschen: Weil ihr Leben für andere so fremd ist, die Herausforderungen so unvorstellbar. ‚Wie, der Sohn isst nur matschige Frosties? Ach was, wenn der Hunger groß genug ist, geht bestimmt auch was anderes.‘ Nein, eben nicht.

Ich habe zwei Jahre gebraucht, um zu realisieren, dass Pina ausfallen muss, wenn ich diese Lebenswelt wirklich öffnen und anderen zugänglich machen möchte. Zwei Jahre, bis ich dieses Szenario überhaupt zulassen konnte, denn natürlich ist das ‚Nicht-mehr-können‘ die größte Angst pflegender Eltern. Es war kraftraubend, mich dieser Angst zu stellen, aber es hat auch gut getan.“

Das Bild zeigt links den Umschlag des Romans "Pina fällt aus" vor einem Foto der Autorin Vera Zischke. Das Zitat lautet: "Ich habe mir mit dem Buch selbst Mut zugeschrieben."

Du schaffst sehr starke Bilder für die Situation, in der Pina und Leo leben, sprichst von der Notwendigkeit von Störsteinen und der Perspektive von Falschfahrern. Wenn Du es Dir aussuchen könntest: Mit welchem Gefühl sollen Deine Leser*innen das Buch zuklappen?

Vera Zischke: „Ich habe mir mit diesem Buch selbst Mut zugeschrieben. Ich brauchte in dieser nicht gerade optimistisch stimmenden Zeit ein bisschen Hoffnung, dass Menschlichkeit siegt. Wenn man das beim Lesen spürt, würde es mich freuen.

Ansonsten muss ich aber sagen, dass ich es viel, viel lieber meinen Leserinnen und Lesern überlassen möchte, was sie aus PINA FÄLLT AUS mitnehmen. Die Nachrichten, die ich bekomme, reichen von ‚Ich werde gleich mal bei meiner 80-jährigen Nachbarin klingeln‘ bis hin zu ‚Ich werde mich trauen, mit meinem autistischen Kind auf den Spielplatz zu gehen und die Reaktionen aushalten‘. Ganz besonders freue ich mich, wenn mir jemand fast schon empört schreibt, dass das alles viel zu schnell ging und er/sie die Leute von der Hansastraße noch gar nicht loslassen möchte. Dann denke ich: Verstehe ich, ich vermisse sie doch auch.“

***

Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich selbst gekauft habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Vera Zischke: PINA FÄLLT AUS. List, 2026