In ihrem lebensweisen Roman PINA FÄLLT AUS schreibt Vera Zischke über die Herausforderung und die Überforderung, die es bedeuten kann, sich um einen Menschen zu kümmern, der nicht der Norm entspricht – und über die Schönheit, die sich darin verbirgt.
„Es ist eine Aufgabe, denkt Inge. Es ist eine große Aufgabe, die Welt für jemanden passend zu machen, die nicht für ihn geschaffen ist. Und da sind sie nun. Eine alte Frau, ein wütendes Mädchen und ein Einsiedler, das ist alles, was diesem Jungen bleibt. Drei schräge Vögel.“
Ein kleines Vierparteienhaus in Wuppertal, nicht besonders schön, und ob es der Wohnkomplex gegenüber, der auch schon etwas in die Jahre gekommen ist, es besser macht? Immerhin ist er mit einem Regenbogen bemalt worden – der allerdings verblasst und abblättert.
Der Lack ist ab in dieser Straße, und im Leben von Pina Luxen sowieso. Sie ist alleinerziehend, vollzeitgestresst, reibt sich auf zwischen ihrem Job in einem Callcenter und der Carearbeit für ihren Sohn Leo, der mit seinen 20 Jahren immer noch auf sie angewiesen ist, da er kein normkonformes Leben führen kann. Welche Art von Behinderung Leo genau hat, lässt Vera Zischke offen – und es tut auch nichts zur Sache: Leo ist wie ein kleiner Fisch, dem gar nicht bewusst ist, dass er permanent gegen einen großen Strom schwimmt, hilflos ohne „die Mutsch“ an seiner Seite.
„Er braucht sie nicht nur, weil sie ihn versorgt. Er braucht sie auch, weil sie die Welt für ihn zusammenhält, sortiert, gelegentlich aussperrt und in verdaubare Häppchen einteilt. Ohne sie implodiert seine ganze Galaxie, fällt in sich zusammen, zerbröselt zu Staub und er fällt, fällt, fällt.“
Was vermeintlich nicht passt, kann nicht immer passend gemacht werden
Pinas Vater, der ein paar Stadtviertel weiter eine Kneipe betreibt, ist keine Hilfe, eher im Gegenteil. Und obwohl man sich mit dieser Nebenfigur eigentlich nicht aufhalten müsste, will ich doch mit ihm anfangen, da er zeigt, wie eng verwoben zugewandte Sorge und distanzierendes Unverständnis miteinander verwoben sein können:
„Er hat sie zu wenig unterstützt. Damit hat Pina recht. Aber er hat sie auch verloren an dieses Leben. Sie war so kompromisslos in allem, was sie tat. Leo kann an Weihnachten nicht in die volle Kneipe, also lassen wir es sein, machen wir es nicht mehr so, wie wir es immer gemacht haben. Leo mag keine Ortswechsel, also fährt sie im Sommer nicht mehr auf den Campingplatz. Leo fährt kein Fahrrad, also keine Radtouren mehr. Sie hat es hingenommen, dass sich alles um Leo dreht, und er hat zugeguckt und sich gedacht: Aber einmal, wenigstens einmal muss doch auch er nachgeben, muss doch auch Leo sich anpassen.“
Wie soll sich jemand anpassen oder (um ein schlimmes Wort zu benutzen, das auch mir leider schon über die Lippen gesprungen ist in unpassenden Situationen) zusammenreißen, der vermeintlich im Weg steht, weil er in einer eigenen Welt lebt? Der Ruhe darin findet, dass alles einem festgelegten Muster folgt, auch wenn er damit stört, aufhält, in den Wahnsinn treibt – beim Essen, beim Treppensteigen, beim Bewältigen des Alltags?
Pina ist müde, unendlich müde, und sie sieht die Welt um sich herum oft mit verwundertem Blick: „Oft genießt sie es, so tun zu können, als wäre sie auch eine Moni, die sich nur einen Ring an den Finger stecken muss, um zu wissen, wie es um ihr Herz steht“, schreibt Vera Zischke. Ich empfinde es als besondere Kunst, wie sie es schafft, Pinas Überforderung und Angst ohne große Worte für uns nachvollziehbar zu machen und so eindringlich, dass wir uns sofort fragen, wie wir ihr helfen können. Und Hilfe braucht sie, spätestens als der Titel des Romans sich bewahrheitet: Pina fällt aus, verliert fast ihr Leben, länger das Bewusstsein, und ist im Krankenhaus darum nicht ansprechbar.
Was wird aus Leo, der das alles nicht einordnen kann? Er dreht durch, ist erst kaum zu bändigen und dann lethargisch. Pinas Liebe und Gegenwart hat ihn bisher abgeschirmt, nun wird er zur unausweichlichen Herausforderung für die Menschen, die neben und über ihm im Haus leben.
Drei Vögel ohne Tirili und Trallala
Da ist Inge, die 86-jährige Nachbarin, die schon seit Jahren das Haus nicht mehr verlässt. Sie kann Leo vor den Fernseher setzen, aber wie soll sie sich um ihn kümmern? Und noch dazu bekommt sie Post von der Rentenversicherung mit einer Aufforderung, die ihr zementiertes Lebensmodell erschüttert.
In der Wohnung neben Inge lebt Wojtek, ein Home-Office-Einsiedler mit Hang zum magischen Denken, das mehr ein verzweifeltes Sehnen ist. Er sammelt teure Kristallfiguren, nicht etwa, weil er den glitzernden Hengst und den Pfau besonders schön fände, sondern weil ihm dies die Möglichkeit gibt, über das Internet mit Jurika zu sprechen, die am Ende der Welt wohnt, wo das Wetter zwar zum tödlichen Gegner werden kann, die Menschen aber deswegen aufeinander achten.
„Sie lacht und es klingt wie eine Umarmung. Es macht ihm nichts, sie aus der Ferne zu lieben. Es ist eine risikoarme, vielleicht sogar feige Liebe. Aber es ist eine, zu der er imstande ist. Und er liebt sie wirklich zutiefst. Er war nie weniger allein als jetzt. Er will sie niemals verlieren. Und solange ein Bildschirm zwischen ihnen ist, besteht kaum Gefahr.“
(Wojtek, das sei hier am Rande bemerkt, ist mir zu meiner eigenen Überraschung am nächsten gekommen und wird mich wohl am längsten begleiten, obwohl oder gerade weil er sich zwischendurch eben nicht „zusammenreißt“ und möglicherweise die meiste Schlagseite im Haus hat. Über einen Mann wie Wojtek würde andere Autor*innen eigene Bücher schreiben; dass Vera Zischke ihn zum Teil des Ensembles macht, ist aber keine Verschwendung, sondern unterstreicht nur, wie gut sie ihre Figuren konstruiert hat.)
Im Erdgeschoss, neben Pina und Leo, wohnt ein Mädchen, noch nicht volljährig und doch schon so allein, wie man unverwaist sein kann: Sinéad O’Connor nennt Pina sie wegen ihrer abrasierten Haare, Alina steht in ihrem Ausweis, aber Zola möchte sie genannt werden, ein Name, der für sie Stärke ausdrückt (obwohl er das streng genommen nicht tut).
Zola kapselt sich ab, ist wütend und orientierungslos; sie hat gerade die von ihrem Vater angeordnete Lehre geschmissen und treibt sich, wenn sie nach einer durchzockten Nacht erst am Nachmittag aufsteht, im Einkaufszentrum herum, dem Ort, an dem sie sich aufgehoben fühlt – auch, weil sie dort den grauen Druck in ihrer Seele abbauen kann:
„Schließlich steht sie auf und lässt das glitzernde Etwas auf dem Stuhl liegen. Beim Klauen geht es nicht um die Beute. Von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung hat der Polizist gesprochen, der sie vorgeladen hat. Ihr Vater hat ihm das natürlich alles abgenommen. Aber Zola weiß, wie es wirklich ist. Sie ist einfach nur ziemlich gut in den falschen Dingen.“

„Not all superheroes need capes”
Inge, Wojtek und Zola sind absolut ungeeignet, um sich um einen Menschen mit Spezialeffekten und den damit einhergehenden Bedürfnissen wie Leo zu kümmern – aber ob sie es wollen oder nicht, sie sind die einzigen, die es tun können. Und so wird aus einer Gruppe Nachbarn, die sich nicht einmal mögen, eine Hausgemeinschaft, die über sich hinauswächst. Vera Zischke schreibt darüber ohne Pathos, idealisiert ihre Figuren nicht, hält sich fern von Sozialromantik, obwohl sich PINA FÄLLT AUS wie ein modernes Märchen liest; eins, das nie Gefahr läuft, ein Rührstück zu werden, sondern stets ein Realitätssiegel trägt.
Was mich an PINA FÄLLT AUS begeistert, ist die Unaufgeregtheit, mit der hier große Themen des Lebens verhandelt werden, und ein sich langsam entwickelndes Gefühl von Wärme, in dem wir uns wie in einem Kokon behütet fühlen dürfen. Mit deutlicher Haltung zeigt Vera Zischke außerdem, was man leichthin als Bürokratieirrsinn bezeichnet, und die Wege, wie Menschen sich dazu verhalten, hebt allerdings nicht den Zeigefinger. Obwohl wir natürlich sehr auf der Seite des engagierten Krankenpflegers Sam stehen, hängt die Autorin ihm keinen Heiligenschein über den Kopf; ein einzelner Mensch, der sich über Vorgaben hinwegsetzt, darf ein Held für uns sein, auch wenn wir ahnen, dass es manchmal richtig und wichtig ist, Regeln zu folgen:
„Sam dreht sich zur Tür. Er sollte sich vielleicht einen Kaffee holen, einen extra starken. Mein Gott, er hat einem sterbenden Mann die Möglichkeit verschafft, in Frieden zu gehen. Ist er wirklich der Einzige hier, der das nicht für ein Verbrechen hält? ‚Wenn ich nicht zwischendurch auch mal Mensch sein kann, bin ich hier wirklich verkehrt.‘
‚Du rettest hier Leben, indem du jede Sekunde aufmerksam bleibst. Das ist auch ein Dienst am Menschen.‘“
Ein Roman zum Mitfiebern
PINA FÄLLT AUS ist mit 298 Seiten ein Buch von perfekter Länge, keine Seite zu lang und – auch wenn man sich mehr Zeit in der Hansastraße wünschen würde – letztendlich keine zu kurz. Der handschmeichelnde Schutzumschlag gibt uns schon beim ersten Anfassen eine Vorahnung, wie die Geschichte sich anfühlen wird, trotz zerbrochener Spiegel, trotz viel Sorge um Leo und die immer dringlichere Hoffnung, dass Vera Zischkes Figuren ihr kleines Glück finden werden. Während ich diese Gedankensammlung schreibe, denke ich an eine ungewöhnliche Busfahrt, an eine geglückte Rasur, aber auch eine langersehnte Begegnung, bei der keine Chöre singen, obwohl sie Schlussakkord und erster Satz des neuen Aktes in einem ist.
Und noch dazu schenkt uns die Autorin Momente, die ich als wertvoll empfinde, weil wir uns selbst in unserem Streben nach Sicherheit und Hilfestellung darin gesehen fühlen können:
„Pina geht ins Bad und öffnet die rechte Tür des Spiegelschranks, die ohne Sprung. Sie greift nach der Packung mit den Wattestäbchen, mit denen sich die meisten Menschen die Ohren reinigen. Leo benutzt sie für etwas anderes.
Sie geht zum Teppich im Wohnzimmer, hält kurz die kleine Kunststoffdose hoch, geht sicher, dass er sie wahrnimmt. Dann schüttet sie den Inhalt auf dem Teppich aus. Es sind die kleinen Dinge, denkt sie, das denkt sie jedes Mal. Es sind die kleinen Dinge, die Zufallsfunde, die das Leben leichter machen. Frosties, der Walzer aus Sissi Teil 2, die Wattestäbchen.
‚Komm, wir bringen alles wieder in Ordnung.‘
‚In Ordnung?‘ Er sieht sie abwartend an, mit diesem tiefen Blick aus ernsten Augen, und da ist er, der Moment, der immer viel zu kurz ist. Für den Bruchteil einer Sekunde kann sie alles sehen: die Erschöpfung, die Ratlosigkeit. Für ihn ist das alles auch nicht leicht.
Er kommt langsam zum Teppich, zögerlich, dann endlich lässt er sich nieder und nimmt den ersten Wattestab. Er räumt ihn zurück in die kleine Dose, dann noch einen und noch einen. Ordnung machen.“
Nur Licht, kein Schatten?
Es gibt viel loben an diesem Buch, möglicherweise auch Punkte, die man hinterfragen könnte – die aber nicht von Bedeutung dafür sind, dass ich den Roman und seine Lektüre herzlich empfehle. Was auch daran liegt, dass PINA FÄLLT AUS ein Roman ist, der im Mantel einer bewegenden, zu Herzen gehenden Geschichte eine deutliche Botschaft hat, für die Vera Zischke aber nicht das Megaphon zückt, sondern auf Szenen wie diese abschließend zitierte zurückgreift:
„‚Guckt mal ins Wasser‘, sagt Wojtek, und sie gucken alle und fragen sich, warum, bis sie den grauen Stein entdecken, der mitten im Fluss steht und die Form eines kleinen Elefanten hat. ‚Wisst ihr, was das ist?‘ Als niemand antwortet, erklärt er: ‚Das ist ein Störstein. Er wurde ins Wasser gesetzt, um die Strömung zu stören und Treibgut aufzufangen. Wenn alles zu glatt läuft, wird das Wasser zu schnell für empfindliche Fischarten.‘
Das Wasser fließt immer schneller, bis nur noch die Härtesten mitkommen, denkt Zola. Und alle wissen, was Wojtek ihnen sagen will. Es braucht Störsteine. Es braucht sie sogar ganz dringend. Und sie müssen mitten im Fluss stehen, nicht am Rand.“
***
Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Vera Zischke: PINA FÄLLT AUS. List, 2026


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