Levin Eicherts Roman NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE ist eine ungewöhnliche Entdeckungsreise, die uns an einen Ort führt, bei dem wir uns immer wieder fragen, was real ist und was nicht
„Ein Wald, das ist, wenn ein Baum zum nächsten kommt, und dann die Einzelheiten verschwinden.“
Das Dorf liegt in einem Tal. Und das Tal in einem tiefen Wald. Aber schon diese Informationen sind trügerisch, denn es scheint mehr als ein Dorf zu geben und mehr als ein Tal, und bei nicht davon sollten wir uns sicher sein, ob sie ganz von dieser Welt sind.
Levin Eichert jongliert in NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE mit verschiedenen Zeitebenen: Da ist zunächst die eines Ich-Erzähler, dem Sohn des Pfarrer-Paares, der nicht im Dorf geboren wurde – und doch legen die Alten bei ihm die Beichte ab, denn warum auf seine Eltern warten, wenn der Junge doch sowieso an ihren Grundstücken vorbeiläuft?
Auf der zweiten Erzählebene tauchen wir ab in die Vergangenheit, in der die Bauern des Dorfes sich gegenseitig brutal ermorden, ohne zu ahnen, welchen Segen das mit sich bringt. Und wir erfahren etwas über jene andere zurückliegende Zeit, als mörderische Kälte alle Dorfbewohner in einem Haus zusammentrieb, was ungeahnte Folgen hatte.
Und es gibt noch die dritte Ebene, die in der (oder einer) Zukunft spielen könnte – einer genauen Zuordnung entzieht sich das ganze Buch, in dem Momentaufnahmen um sich kreisen und in sich gedreht zu sein scheinen. Jedenfalls beschließt das Moos, das bisher friedlich in der Tiefe des Waldes wucherte, alles Leben zu ersticken, Wildschweine graben eine goldene Glocke aus dem Boden, und noch dazu muss man sich vor der schrecklichsten aller Drohungen in Acht nehmen, einem Fluch, der da lautet: „Ich küsse dich!“ Aber wann und warum beginnt das Dorf, den Fluss zu stauen und die Häuser auf Stelzen oder Boote zu bauen, während der See sich langsam ausbreitet und alles unter sich verschwinden lässt?
Levin Eichert ist eine literarische Entdeckung, der man viel Aufmerksamkeit wünscht
NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE wird vom Verlag als „dystopisch anmutendes Debüt“ bezeichnet – damit kann ich ebenso wenig anfangen wie mit dem meiner Meinung nach wenig einladenden Einbandmotiv. Deutlich besser lässt sich der Text durch die Worte „märchenhaft“ und „surreal“ beschreiben, zumal neben den fließenden Zeitebenen auch die Grenzen zwischen Leben und Tod durchlässig sind:
„Das Kind lässt die toten Seelen frei. Sie graben sich durch die Fleißigen Lieschen auf den Gräbern nach oben und sehen sich verschlafen um. Sie wandern einmal um die Kirche und klopfen an die Grabsteine derer, die noch schlafen. Dann stößt die erste Seele das Gatter des Friedhofs auf, und eine nach der anderen macht sich in der Mittagshitze auf den Weg ins Dorf. Wäre jetzt jemand auf der Straße, die Seelen würden zupacken und nicht mehr loslassen. Sie schauen durch die Fenster der Häuser und lecken entlang des Türspalts, um zu kosten, wie es innen schmeckt.
So viele sind seit der Gründung des Dorfes gestorben, auf so viele Arten. All die Pesttoten, all die Kriegsopfer, all die Verhungerten, all die Verunfallten.
Drei Stunden lang wandern die Seelen durch das Dorf, dann steigen sie in die Fischteiche und graben sich in den Schlamm. Langsam kriechen sie unter der Erde in Richtung Friedhof und treffen sich unter der Kirche. Sie versammeln sich unter einer der Wände, und dort wird es feucht.“
Schaut man sich den Text Satz für Satz an, dann kann man feststellen, dass Levin Eichert klar und geradlinig schreibt – aber was er schreibt, das verströmt trotzdem eine eigene, somnambule Stimmung. Das Dorf ist konkret und dann auch wieder nicht, es wirkt sehr real – beispielsweise, wenn es um die Grausamkeit geht, mit der Katzen aus dem Leben gerissen werden –, und gleichzeitig hat NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE eine schwebende, fast magische Stimmung. Beispielsweise, wenn zwei Menschen, verfeindet aus unglücklicher Liebe zu einem Schmied, ihr im wahrsten Sinne des Wortes stilles Glück darin finden, am selben Ort zu schweigen. Aber es kann auch düster werden in Dorf und Tal, wenn eine Gruppe Kinder sich in den Tiefen des Waldes verirrt.
Was noch geschieht? Auf lang vergessenen Gräbern werden Reihenhäuser gebaut; alte Menschen gehen vor Trauer in den Tod, wofür sie den Strick wählen, was nicht immer zum Erfolg führt. Kröten werden getragen, eine Fledermaus gerettet. Ach, und dann gibt es noch den Förster, der selten spricht und dafür anderes umso häufiger tut. Und die Frau, die ihren Liebhaber mit einem Einbrecher verwechselte, und den dann mit einer Ranke …
NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE ist eine gleichzeitig beruhigende und belebende Leseerfahrung
Manchmal ist das, was Levin Eichert erzählt, laut – wir erinnern uns an die Schlacht, die unter den Bauern ausbricht –, vor allem aber ist der Roman durchzogen von einer Ruhe, die mich dazu gebracht hat, entspannt auszuatmen … auch wenn sie so still eigentlich gar nicht ist:
„Stundenlang wachsen die Möhren, die Nacktschnecken kriechen durchs Beet. Einen Meter, noch einen. Stundenlang spielt der Wind mit den Blättern der Büsche. Stundenlang fliegen Insekten von Blüte zu Blüte. Stundenlang schiebt sich das Gras aus dem Boden. Stundenlang fallen die Blätter der Büsche ins Möhrenbeet, stundenlang fressen die Nacktschnecken vom Gras und stundenlang treibt der Wind die Insekten über die Wiese. Stundenlang ist es Frühling oder Sommer oder welche Jahreszeit es eben gerade ist.“
NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE reiht auf 168 augenfreundlich gesetzten Seiten eine literarische Miniatur an die andere. Und dass das Buch auch ein bisschen queer wird, ganz unaufgeregt und nebenbei, ließ es mich noch ein wenig mehr ans Herz drücken. Erschienen ist dieses Leseerlebnis für Genießer von Geschichten jenseits der Mainstream-Pfade im Indie-Verlag Anthea, dessen Schwerpunkt eigentlich auf Literatur aus Mittel- und Osteuropa liegt; Levin Eichert könnte aber auch im Autor*innenverzeichnis großer Verlage Schmuckstückstatus haben. Und wann, bitte schön, haben wir zuletzt gelesen, wie sich die Welt, in der wir leben, aus der Sicht einer Schnecke anfühlt?
„Mäuse, Katzen und Vögel reißen aus oder lassen sich anlocken. Die erkennen [den Menschen] als etwas, als jemanden. Als eine Art von Existenz. Die Schnecke erkennt einen nur als einen Teil der Welt, der für sie aber nicht ein bestimmter, irgendwie abgegrenzter Teil ist, sondern einfach dazugehört wie alles andere. Sie schaut einen nicht an, sondern nur auf einen drauf oder an einem vorbei. Vielleicht ist für die Schnecke die Welt tatsächlich eine Oberfläche, eine texturierte Fläche, die im besten Fall vorwiegend aus grünen essbaren Blättern und vielleicht gelegentlich ein wenig Aas besteht, die regelmäßig mit Tautropfen durchsetzt ist.“
In Zeiten, die laut und hektisch sind und manchmal zu real für uns, brauchen wir Bücher, die uns andere Fenster öffnen. NACHTS BELLEN DIE FÜCHSE ist so ein Buch.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Levin Eichert: NACHT BELLEN DIE FÜCHSE. Anthea, 2026



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