In ihrem zwischen Lyrik und Prosa schwingenden Buch FÜR ANNA schreibt Simone Scharbert eindrucksvoll über die Fotografiepionierin Anna Atkins (1799–1871).
„Und bevor Anna reagieren kann, spricht Talbot von einer Vase, wie sie auf dem Tisch steht, so schön im Licht. Wie die Sonne ihr einen Schatten gibt, wie die Vase sich so doppelt. Ihren Schatten auf den Tisch legt, dadurch ihre ureigene Gestalt annimmt. Der Schatten manchmal wichtiger als der Gegenstand selbst ist. Und genau diesen Prozess will er einfangen, aufs Papier bringen. Oder anders: Licht und Schatten festhalten, auf dem Papier. Diesen einen Augenblick ewig machen. Aber wer kann das schon? Das Licht fixieren, es zum Bild machen? Schwierig, die Sache mit dem Schatten.“
Heute kennt sie kaum noch jemand, vermutlich war es zu ihren Lebzeiten nicht anders – obwohl Anna Atkins, 1799 im englischen Tonbridge geboren und 1871 in Halstead gestorben, als Pionierin der frühen Fotografie gelten darf. Wenig ist bekannt über die Tochter eines dreifach verwitweten „Universalgelehrten“, die ohne Mutter aufwuchs – und sich vielleicht auch deswegen so für die Forschungsfelder ihres Vaters begeisterte.
„Anna liebt diese Stunden, Vaters Lektionen. Und sie nach wie vor das einzige Kind, die einzige junge Frau in seinem regelmäßigen Zirkel mit Freunden und Wissenschaftlern. Ihre Anwesenheit dort in einer Selbstverständlichkeit, die Vater niemals in Frage stellt, als gegeben setzt. Anna lernt, warum Wasser im tiefen Meer nicht frieren kann, was Oberflächentemperatur mit der Temperatur unter Wasser zu tun hat, warum Wasser die größte Dichte nicht etwa beim Gefrierpunkt erreicht, sondern erst bei minus 40 Grad, sie entwickelt eine Vorstellung davon, wie viel Kälte es braucht, damit riesige Eismassen entstehen können, gletscherähnlich. Vater türmt sie in Worten vor ihr auf und lässt sie wieder schmelzen. Während junge Männer ihres Alters in Eton oder sonst wo sitzen, sitzt Anna abends in Vaters Labor, im Garten von Tonbridge, vor ihr Reagenzgläser und Apparaturen, deren Funktionen sich ihr zusehends erschließen, mit jeder Vaterlesung ein kleines Stück mehr, und Anna registriert sehr wohl, dass Vater keinen Unterschied macht zwischen ihr und den Erwachsenen.“
Dass Anna Atkins später einen Bildband über britische Algen veröffentlichte, mag skurril klingen, war aber trotz der wenigen gedruckten Exemplare eine Sensation, handelte es sich doch um das erste Buch mit ausschließlich fotografischen Abbildungen.
Ein durchgeschriebener Text? Eher ein Tanz durch ein Leben und seine Stimmungen …
Die Lyrikerin und Autorin Simone Scharbert erzählt in FÜR ANNA – EINE BELICHTUNG auf einmalige Art über diese spannende historische Person, nicht als Romanbiographie, sondern in Schlaglichtern: Wir begegnen Anna als Kind, als junge Frau, als Verheiratete, als Illustrationskünstlerin, später Fotografin beziehungsweise Cyanotypistin … und vor allem als Trauernde.
Anna verliert ihre Mutter früh, steht ihrem Großvater im Sterben bei, muss Abschied von zwei Stiefmüttern nehmen und schließlich vom Vater; die engste Beziehung (zumindest im Scharbert’schen Werk) hat sie, da ihr Gatte im Hintergrund bleibt, zu ihrer besten Freundin Anne, die einige Zeit als Ziehschwester mit ihr aufwuchs – und, nebenbei bemerkt, laut Wikipedia eine Cousine von Jane Austen war, was allerdings keine Rolle in FÜR ANNA spielt.
Stattdessen lässt Simone Scharbert andere Themen in ihren Text einfließen – so lernen wir, was mit den sterblichen Überresten der Menschen geschah, die in der Schlacht von Waterloo fielen, und sehen Annas Mann, der uns zunächst ans Herz wächst, auf einmal mit anderen Augen, weil das Vermögen seiner Familie sich aus dem Sklavenhandel und der kolonialen Ausbeutung Jamaicas speiste. Wie Simone Scharbert die kapitalistische Gefühlkälte dieses Zeitalters einfängt, habe ich als beeindruckend empfunden.
„Nichts lässt hier an körperliche Arbeit denken, an zerrissene, zerschnittene Haut, an Schwielen auf den Händen, an Blasen und Vernarbtes, an Kleider und Stoffstreifen, die mehrmals um den Körper gewickelt werden, um den Kopf, zum Schutz vor der Hitze, in Lagen, um die Hüfte, um Macheten zu befestigen, überhaupt, um auch Kinder bei sich tragen zu können, gewickelt an den eigenen Körper, durch Stunden und Tage, ihr Weinen im Ohr. Nichts weist auf die zahllosen verschifften, verkauften, verschleppten Menschen hin.“
Und wer hätte gewusst, dass auch Farne ein koloniales Raubobjekt sein können?
Anna Atkins wollte das Vergängliche einfangen – Simone Scharbert tut dies nun auch
Ein zentraler Satz in FÜR ANNA ist sicher dieser: „Weißt du, Anna, was das bedeutet? Wie wichtig das ist? Die Dinge bleibend zu machen?“ Simone Scharbert schreibt über das akribische Zeichnen von Pflanzen – und das moderne Wunder, Algen und Farne auf andere Weise für die Nachwelt zu bewahren; sie lässt uns das Gemälde einer Frau sehen, in einem Kleid mit üppigen Faltenwurf, das so gar nicht zu ihr passt, auf dem aber trotzdem ihr Blick eingefangen ist, eine wertvolle Erinnerung für den Mann, der sie liebte. Und für die Tochter, die sie kaum kannte? Vielleicht ein Gedankenstrich.
FÜR ANNA ist ein Buch über das Licht, von dem die Hauptfigur später denken wird, dass ihr Körper ein Seismograph dafür ist – und auch für die Dunkelheit. Simone Scharberts Erzählstil ist sacht, behutsam, manchmal meint man fast, ihre Worte wären die sanft tastenden Finger an einer Hand, die sie nach ihrer Figur ausstreckt.

Die Grenze zwischen Lyrik und Prosa ist hier durchlässig, auch weil die Fragmentierung von Sätzen für ein Raunen und Nachhallen sorgen. Simone Scharbert schreibt nicht für die Schnelllesenden, für diejenigen, die eine Geschichte verschlingen und wegkonsumieren wollen: Wie auch DU, ALICE – EINE ANRUFUNG und ROSA IN GRAU – EINE HEIMSUCHUNG ist FÜR ANNE – EINE BELICHTUNG ein Buch, das fordernd sehr sorgsam gelesen werden möchte … und mich Leser von geringem Verstand, der ich mit Lyrik oft hadere, dann doch immer wieder ins Schwelgen geraten lässt:
„Das Licht aber kleidet sich in Jahreszeiten, – legt Herbstwärme an, – zeichnet weich, löst Konturen auf.“
Oder:
„Das Licht wirft Schatten in großen Falten, – legt Köpfe, legt Hände, legt Arme – zu neuen Gestalten, legt sie in waberndes Schwarz.“
Licht und Schatten und alles dazwischen
Ob jedes Bild, jede erzählerische, kunstvolle Schleife in den 173 Seiten sitzt, darüber könnte man womöglich streiten, aber wer will das schon? Ich erfreue mich daran, dass sie für die Autoren passend sind, auch wenn ich selbst nicht viel anfangen kann mit der Erwähnung einer Stimme, die klingt wie warme Milch; umso mehr mag ich es, mir die Frage zu stellen, ob Augen ein Wartezimmer sein können. Und als Mann, für den Vaterliebe eher ein abstraktes Konzept ist als erlebte Wahrheit, bade ich geradezu in dieser Szene:
„Schattenwürfe an der Wand. Erst eine Möwe, zweihändig, dann ein Hase, vielfingrig. Anna sieht sich selbst, als Kind. Hat ihr eigenes Kichern im Ohr: über Vaters Handhasen, sein Schattentheater an der Wand, ungelenk sind sie, ein wenig knöchern, aber das macht nichts. Sieht auch Vaters Gestalt, wie sie sich ins Wandbild schiebt, sich neben Anna setzt. Auf der Wand, vor ihr, in Erinnerungsschemen: ein großer, ein kleiner Schatten. Vater. Anna. Wie sie ihren Kopf an Vaters Schulter legt, Vaters Kopf sich zu ihr beugt, sich anlehnt, wie sie ein Schattengebirge werden, gemeinsam, eng und dicht, als könnte sie nichts verrücken.“
Und natürlich ist FÜR ANNA nicht nur Belichtung und Denkmalsetzung für eine konkrete Frau, sondern auch für Menschen, die nicht der Norm entsprechen, es gar nicht wollen:
„Jung ist Anna nicht mehr mit ihren 26 Jahren. Fast zu alt. Für eine Braut. Wahrscheinlich genau vor der Schwelle, an der die Leute anfangen zu reden. […] Es könne eigentlich nicht angehen, dass ein Mädchen, eine junge Frau so viel Zeit in einem Labor, noch dazu unter so vielen Männern verbringt. – Von all dem weiß Anna nichts. Weiß nicht, was die Leute hinter ihrem Rücken reden, weiß nicht, dass sie ihr Tun argwöhnisch betrachten, sich manchmal lustig machen über sie. Über ihre Freude am Zeichnen, am Sammeln und Sortieren, am Botanisieren. Über ihren Hang zur Genauigkeit, ihren steten Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen. Vorher nicht zu ruhen. Immer noch eine Frage aus der Falte ihres Kleides, ihres Hirns zu ziehen. Auch dann, wenn es gerade nicht passend, die Rede von etwas anderem ist.“
Wie verabschiede ich mich von FÜR ANNA – in stiller Vorfreude auf alles, was wir noch von Simone Scharbert lesen und erleben dürfen? Vielleicht mit diesem Zitat, das für mich einmal mehr unterstreicht, warum es lohnt, diese Autorin für sich zu entdecken:
„Vierzehn Jahre ist sie jetzt alt. Anna. Wie sie dort steht, in den Gewächshäusern, in ihren wenigen Jahren. Groß und klein zugleich. Die Jahreszeiten hängen an der Garderobe, seit Längerem schon. Hier spielen sie keine Rolle, niemand braucht sie. Am wenigsten die Farne. Groß, ausufernd, in weiten Bögen wachsen sie über Anna. Verstecken kann sie sich darin, untergehen. Immergrün sind sie, nahezu trotzig gegenüber der Zeit, dem Vergehen. Dem Tod auch, in Annas kleinem Körper wohnt er, haust in der Nähe des Herzens. Richtet sich dort ein. Gibt manchmal ein Geräusch von sich. Ein Klopfen, so ein leises. Ein Pochen, das nach unten zieht. In ihre Magengegend. Blasen bildet, hell schimmernd. Anna weiß nicht genau, ob das Herz klopft oder es eben der Tod ist. Sie fragt Vater nicht. Lässt den Tod einfach wachsen, in sich. Greift manchmal nach innen, reicht ihm die Hand. Stellt sich vor, wie er da sitzt. In ihr. Sie ihm einen Namen gibt. Mutters Namen. Dann wird es wieder still.“
***
Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft (und dann kurze Zeit später auch noch ein Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten, was möglicherweise erwähnt werden sollte). Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Simone Scharbert: FÜR ANNA – Eine Belichtung. Voland & Quist, 2025


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