Goethe soll gesagt haben, dass ihm die Zeit für kurze Texte fehlt – ich versuche mich hier nun in der Kunst der Buchvorstellung auf unter 2000 Zeichen.

„Erstaunlich, dass du so viel bei Instagram bist, aber Instagram immer noch nicht verstehst“, beschied mir eine Freundin – worauf ich nur antworten konnte: „Was kann ich dafür, dass Instagram mich nicht versteht?“

Worum es ging? Dass ich gerade wieder eine – ich geb’s ja zu! – viel zu lange Rezension gepostet habe auf diesem Social Media-Kanal für Bilder, Reels und schnell zu erfassende Memes. „Deine lange Texte“, sagte die Freundin in Hinblick auf die Anzahl der vergebenen Herzen, „performed nicht“. Wer bin ich, Harry Styles? (Und was hat das eigentlich mit meinem Blog zu tun?)

Aber ich verstehe den Ansatz natürlich, manchmal ist weniger mehr (außer, was ich hier noch random einfließen lassen möchte, bei Toffifee und Baiserkuchen, da ist MEHR immer MEHR). Und deswegen bin ich nun versucht, „Sieben auf einen Streich“ zu rufen – beschränke mich aber auf fünf Kurzrezensionen zu Büchern, bei denen ich nun schon einige Zeit überlege, wie ich mich ihnen am besten nähere. Drei Romane, ein Memoir und ein Buch, das so tut, als wäre es ein Roman, aber eigentlich etwas anderes ist, irgendwo zwischen literarischer Bestandsaufnahme und textbasiertem Großglockner. Bin gespannt, was ihr dazu sagt! (Und: Ein Schelm, wer nun anmerkt, dass auch fünf kurze Texte zusammengenommen wieder sehr viel Text sind. Aber isso.)

WIE ZERSTÖRT MAN EINE FAMILIE?

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Romans „Unterwasserblau“ von Petra Hucke, der im Eisele Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem gemusterten Papier-Hintergrund.

Von Einsamkeit, Aufbruch und der Hoffnung, dass alles gut wird: Petra Hucke drückt in UNTERWASSERBLAU zielsicher viele emotionale Knöpfe

„Entlang der Westküste des amerikanischen Kontinents schwimmt ein Wal, den noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Schon seit Anfang der Neunziger kann man auf der ungewöhnlich hohen Frequenz von 52 Hertz seine Rufe hören. Das Tier folgt den Routen der Blauwale, aber den Wanderzeiten der Finnwale, und die Wissenschaft vermutet, es könne sich um einen sogenannten Hybriden handeln, der allein lebt, weil er von niemandem als Familie akzeptiert wird. Der einsamste Wal der Welt.“

Vor 20 Jahren hat Jessi ihr Glück gefunden – ihr Mann und seine Familie schenken ihr das liebevolle Nest, das sie in ihrer Kindheit vermisst hat; das Verhältnis zu ihrer Mutter und Schwester ist dagegen angespannt. Aber dann stirbt Jessis Vater, sie muss also nach Hause – und gleichzeitig kommt heraus, dass es etwas gibt, was weder ihr Mann noch seine Eltern ihr verzeihen können …

In UNTERWASSERBLAU erzählt Petra Hucke einfühlsam, perfekt konstruiert, mit gutem Gespür für dramatische Momente die Geschichte einer Frau, die mit einem tiefsitzenden Schmerz lebt, sich in einer Lüge verläuft und versuchen muss, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Passend zur Herkunft ihrer Figuren verwendet Petra Hucke den Begriff „Trösterchen“ statt Totenkaffee, was mir ein Lächeln schenkte – aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Die Autorin schont Jessi nicht, was den Roman sehr realistisch macht, für mich fast zu lebensecht.

Bemerkenswert finde ich den Erzählstil, der sehr unmittelbar ist und mich eher kratzt als umschmeichelt. Was ich selten erlebe: Jessis Mutter war mir so zuwider, dass sich dies wie ein Schatten über meine Leseerfahrung gelegt hat. Wenn ich dagegen an die Szene denke, in der Jessi vor einer Haustür steht, hinter der sie sich Antworten über ihren Vater erhofft, bekomme ich immer noch Gänsehaut, so gut, schlau und gegen alle Genregesetze gemacht ist die. Kurz: 252 intensive Seiten, durch die man fliegen kann!

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WIE LIEBT MAN EINEN SCHWIERIGEN MANN?

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Memoirs „Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve, das bei Hanser veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem gemusterten Papier-Hintergrund.

In ihrem Erinnerungsbuch EIN VERSUCH, MEINE LIEBE ZU ORDNEN erzählt Christien Brinkgreve von Gefühlen, Niederlagen, dem Weiterleben und Neuanfangen

„Das Haus in Amsterdam hatte inzwischen eine andere Atmosphäre, Farbe und Stimmung. Wie ist das vonstattengegangen – diese Transformation eines lebendigen und fröhlichen Hauses zu einem unzugänglichen, in das abgesehen von den Kindern und ihren Freunden immer weniger Menschen kamen? Er wollte das in den letzten Jahren nicht, weil er sich für den heruntergekommenen Zustand schämte, und ich wollte auch nicht, dass Freunde mich so fahl und angespannt erlebten. – Es geschah allmählich, aber ich kann auch die Bruchstelle bestimmen, ab der alles anders wurde. Das Allmähliche war etwas Schleichendes, an das man sich gewöhnte.“

EIN VERSUCH, MEINE LIEBE ZU ORDNEN ist der perfekte Titel für dieses Buch, in dem die Soziologieprofessorin Christien Brinkgreve – in der Übersetzung von Lisa Mensing – genau das tut: Sie erinnert sich an das Leben mit ihrem verstorbenen Mann A, ihre Anfänge, seinen Stolz auf sie, seine Eifersucht, sein Gefühl, oft ausgeschlossen zu sein, trotz der Freundesrunden, die sich viele Jahre um seinen Küchentisch versammeln. Wie passt das zusammen: Dass der intellektuelle, Blues und Jazz liebende A von Kollegen als „das Gewissen der psychischen Gesundheitsversorgung“ bezeichnet wird, er sich aber weder in der Paartherapie öffnen kann noch bereit ist, Hilfe bei seiner Schwermut zu suchen, obwohl er doch für seinen Humor bekannt war?

Vor allem lesen wir hier auch das Porträt einer spannenden und vielschichtigen Frau, die so gebildet ist, beruflich erfolgreich, die sich fragt, wie wichtig Wut und eine unglückliche Ehe sind, um Treibstoff zu sein für die eigene Entwicklung … die aber trotzdem gelernt hat, sich zurückzunehmen, außer wenn sie Klarinette spielt: „Ich spüre, wie elementar es ist: Atmung, Töne, keine Angst davor zu haben, den Raum mit meinem Klang einzunehmen.“ EIN VERSUCH, MEINE LIEBE ZU ORDNEN ist empfehlenswert für alle, die I.M. von Connie Palmen mochten und DAS LEBEN IST EIN VORÜBERGEHENDER ZUSTAND von Gabriele von Arnim.

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WER IST DANIEL SCHOOK?

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Romans „Foto auf Anfrage“ von Simon Chevalier, der im Albino Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem gemusterten Papier-Hintergrund.

In seinem preisgekrönten Debütroman FOTO AUF ANFRAGE schickt Simon Chevrier seine Hauptfigur auf die Suche nach einem Unbekannten – und dabei sich selbst

„Es ist merkwürdig, das, was ich am meisten fürchtete, nun zu lieben. Ein Geschlecht zu begehren, das mir Angst machte. All diese Aspekte von Männlichkeit, die ich nicht anziehend fand. Die Gewalt, die von einigen auf dem Schulhof ausging, ihre Beleidigungen, schon von früh an. Ihre maßlose Leidenschaft für den Sport. Ich war, glaube ich, glücklich darüber, ihnen nicht ähnlich zu sein. Mich im Vergleich zu ihnen als sanft zu empfinden. Anders zu sein, gefiel mir.“

Der namenlose Ich-Erzähler will nicht weiter studieren, doch als er sich in einem Supermarkt bewirbt, teilt man ihm mit, dass er nicht den Kriterien entspricht. Sich selbst zu verkaufen, liegt ihm dagegen: für 150 Euro, zu zahlen mit Scheinen, die er in einer Dose sammelt wie Björk in DANCER IN THE DARK.

In der Übersetzung von Christian Ruzicska erzählt Simon Chevrier mit nüchterner, kühler Sprache von Momenten, die sich zu einer Geschichte fügen, in der die Leerstellen so dazugehören wie das, was wir auf den 151 Seiten lesen können. Der Ich-Erzähler ist fasziniert, als er das Foto „Daniel Schook sucking toe“ von Peter Hujar (vielen bekannt durch das Bild auf dem Umschlag von EIN WENIG LEBEN) sieht – und findet Halt in der Suche nach dem Model. Ansonsten treibt er durchs Leben, ohne Ziel oder Ambition. Das kann man mögen … aber auch ein wenig langweilig finden?

Vielleicht fasst diese Szene zusammen, warum ich nicht der richtige Leser bin für FOTO AUF ANFRAGE: Nach dem Tod des Vaters räumt der Sohn dessen Schrank aus, findet die Bilder, die er als Kind von Prinzessinnen gemalt hat, erinnert sich, wie sich das Gesicht des sonst so liebenden Mannes veränderte, als sein Sohn ihm in der Kleidung der Großmutter entgegenlief. Das ist kraftvoll, für mich aber eine Art Standarderinnerung. Die Jury des wichtigsten französischen Literaturpreises sah das anders, hat Chevrier mit dem „Goncourt du Premier Roman 2025“ ausgezeichnet: FOTO AUF ANFRAGE wird also vermutlich Fans von Édouard Louis begeistern.

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EIN WICHTIGES BUCH

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Romans „Nelka“ von Svenja Lieber, der im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem gemusterten Papier-Hintergrund.

Manche Geschichten müssen erzählt werden, um das Grauen jenseits von Opferzahlen greifbar zu machen – so wie in NELKA von Svenja Leiber

„In seinem Arbeitszimmer sitzt der Verwalter hinter seinem Schreibtisch und will, dass sie ihm die Äpfel beschreibt, alle, die sie kennt, so ausführlich wie möglich, und alles, was sie über Zucht und Veredlung weiß. Er kann sie nicht haben, aber er kann sie gebrauchen.“

Von vielen wird NELKA als eins der besten Bücher des Jahres gerühmt, und zweifelsfrei steht fest, dass Svenja Leiber so schreibt, dass man niederknien möchte: Der Text fließt, während er uns Schläge versetzt, und wie die Autorin das Grauen vor uns auffächert im Mikrokosmos eines Landguts, auf dem während des zweiten Weltkriegs aus dem Osten verschleppte Zwangsarbeiter*innen um ihr Überleben bangen müssen, ist nicht weniger als meisterhaft.

Die Geschichte der titelgebenden Hauptfigur geht uns nah, wir zehren von den wenigen zarten Momenten mit ihren Freundinnen, spüren ihre Angst, sind schockiert vom Tod ihres Vaters und Freundes, ohnmächtig vor Wut, wenn wir lesen, was Nelka, Margaryta und Schura angetan wird. Das ist großes Kino in hartem Schwarzweiß, das wir doch in tiefen, satten Farben vor Auge haben.

Warum ich trotzdem nur bedingt in den Jubelchor einstimme? Weil mich die Rahmenhandlung, in der Nelka an den Ort des Schreckens zurückkehrt, um ihren ehemaligen Peiniger mit ihrer Gegenwart, ihrem Überleben zu konfrontieren, seltsam kalt gelassen hat … und weil ich immer wieder gemerkt habe, dass mich ihre Geschichte vor der Verschleppung und nach der Rückkehr in die Heimat mehr interessiert hat als ein weiteres Buch über die Schrecken der Nazi-Herrschaft. Genau darum ist NELKA aber natürlich ein wichtiges Buch gegen das Vergessen – und ein Roman, den ich mir als Schullektüre gewünscht hätte, weil Svenja Leiber in gleichem Maße Geschichte lebendig, miterlebbar und miterleidbar macht … und die Lust auf Literatur weckt.

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VOM SCHMERZ, VOM HINSEHEN, VOM VERSTEHEN

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Buchs „Alle meine Mütter“ von Lena Gorelik, das bei Rowohlt veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf einem gemusterten Papier-Hintergrund.

Mit ALLE MEINE MÜTTER hat Lena Gorelik ein Buch geschrieben, das ich vielleicht nie wieder lesen möchte, aber mit Sicherheit auf einem Ehrenplatz in meinem Regal bewahren werde

„Ich zähle auf, versammle Geschichten von Mutterschaft, von Versehrtheit. Obwohl es von außen nicht so aussieht, als seien die Mütter versehrt, es sind die Kinder. Ich zähle auf und weiß: Dies ist ein Versuch. An der Vollständigkeit werde ich scheitern. Weiß: Die Mütter, sie sind mehr als die Summe ihrer Versehrtheit.“

Kann ein Buch so gut sein, dass man es atemlos liest, jeden Satz aufsaugt, den Schmerz fühlt, die Würde darin – und es nicht schaffen, darüber zu schreiben, um der eigenen Sprachlosigkeit eine Form zu geben? Vor ALLE MEINE MÜTTER hätte ich gesagt: „Nö. Für so ein Buch baue ich Türme, um von ihnen aus in die Welt zu rufen: LEST DAS!“ Aber dieses Buch hat mich dafür zu sehr umgehauen, erwischt, fertig gemacht.

„Schreiben ist die Hölle“, sagt die Ich-Erzählerin, und Lesen ist es manchmal auch: Die Geschichte von Maschutka, die bestechen muss, um abtreiben zu dürfen; die Geschichten der Mütter, deren Kinder im Krieg getötet wurden; die Geschichte von Jules, die nicht will, dass jemand sieht, dass sie allein frühstückt; die Momentaufnahme der Frau, die den Stein ansieht, den ein Kind ihr schenkte, und die neue Lebensrealität der Mutter, die Krebs hat. Es liegt nah zu sagen, dass diese Themenvielfalt durcheinanderwirbelt, aber hier wirbelt nichts, hier ist alles still (nicht starr) an der richtigen Stelle.

„Ich möchte über Mütter und Nicht-Mütter schreiben, über Frauen*, die Mütter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mütter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen“, beginnt eins der Kapitel. ALLE MEINE MÜTTER ist vielleicht eins der besten Bücher des Jahres. Und wenn ich weiß, warum ich blockiert bin, darüber zu sprechen, was dieser Text in mir ausgelöst und aufgeraut hat, dann bezeichne ich mich nie mehr als „Leser von geringem Verstand“; dann baue ich die Türme, die ALLE MEINE MÜTTER verdient.

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Ich habe diese Bücher nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplare von den Verlagen erhalten. Bei meinen Rezensionen handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie geben lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Petra Hucke: UNTERWASSERBLAU. Eisele Verlag, 2026

Christien Brinkgreve: EIN VERSUCH, MEINE LIEBE ZU ORDNEN. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Hanser, 2026

Simon Chevrier: FOTO AUF ANFRAGE. Aus dem Französischem von Christian Ruzincska

Svenja Leiber: NELKA. Suhrkamp, 2026

Lena Gorelik: ALLE MEINE MÜTTER. Rowohlt, 2026