Der irische Autor Oisín McKenna legt mit HITZETAGE eine gelungene Mischung aus Zeitgeist und zeitlosen Wahrheiten vor – und einen Roman, der anders als die glühenden Einbandfarben vielleicht erwarten lassen durch seine menschliche Wärme überzeugt.

„Die Luft ist warm und feucht. Kein Bettlaken bleibt undurchweicht, und alles, überall, klebt vor Schweiß. Den ganzen Tag wechseln sich unerträgliche Hitze und Regenfälle von biblischen Ausmaßen ab, und auch wenn das schöne Wetter erst seit drei Wochen anhält, ist es doch unmöglich, sich vorzustellen, es sei jemals anders gewesen. Die Menschen bewegen sich langsam, wenn sie sich überhaupt bewegen, und einen Monat lang hat niemand auch nur einen zusammenhängenden Gedanken gefasst.“

Sommer in London: Heiß, stickig, aufgeladen mit vielem – und dann strandet auch noch ein Wal in der Themse, dessen potenzielle Retterin eine so große Ähnlichkeit mit der verstorbenen Prinzessin Diana hat, dass man sich fragen kann, ob die Stadt in einem Fiebertraum gefangen ist. In diese dampfenden HITZETAGE wirft der irische Schriftsteller Oisín McKenna sein breitgefächertes Figurenensemble … und dreht die Temperatur sukzessive höher.

Da ist Maggie, die geglaubt hat, ihr Glück in der Stadt gefunden zu haben, in einem vorwiegend queeren Freundeskreis, mit ihrem Traum, irgendwann doch als Künstlerin Karriere zu machen. Aber das alles muss sie nun hinter sich lassen, um wieder in den Vorort ihrer Jugend zu ziehen, weil sie schwanger ist von ihrem Freund – und eine größere Wohnung ist natürlich unerschwinglich. Verliert sie damit ein Stück ihrer Identität, und wenn ja: das wichtigste? Denn fast alles in Maggies Leben dreht sich um ihre Selbstbild, ihr Image, Wirkung. Zugegeben, sie würde gerne unbeschwert Lana del Rey hören und gemeinsam mit ihrer besten Freundin Karaoke singen, erlaubt sich diese Authentizität aber nicht, sondern hat eine ewig ironisierende Grundhaltung zum Lebensziel erhoben:

„Kritische Distanz ist für alle Londoner eine pragmatische Haltung. Die Definitionen dessen, was cool, schön, nützlich oder revolutionär ist, verändern sich von Tag zu Tag, von Gruppe zu Gruppe, von Viertel zu Viertel, und ein interessanter kultureller Trend in Hackney könnte schon in Lewisham als bescheuert und peinlich gelten. Zynismus dient als Sicherheitsventil: Legt man irrtümlich zu viele Eier in einen unmodischen Korb, muss man vortäuschen können, dass die Beziehung zwischen Eiern und Korb immer schon Teil eines ironischen Metanarrativs gewesen ist.“

Maggies Freund Ed ist auch nicht begeistert von der Idee, nach Basildon zurückzukehren – zumal ihn die Aussicht auf das Kind überfordert. Wenn er Vater ist, bedeutet das endgültig, nicht mehr jung sein zu können und seine Freiheit zu verlieren … zu der es für Ed auch gehört, dass er heimlich davon träumt, seine Bisexualität wieder auszuleben.

Viele Figuren – und unter jedem Dach mehr als ein „Ach“

Ed und Maggie sind nur zwei der zahlreichen Hauptfiguren, die in Oisín McKennas treibend erzählten Gesellschaftsportrait um sich und die anderen kreisen. Zu ihnen gesellen sich Phil, Maggies bester schwuler Freund aus Jugendtagen, und dessen Bruder Callum, Eds Dealer, der in ein paar Tagen heiraten wird. Auch die Eltern der Brüder spielen eine tragende Rolle, die Mutter von Ed und diverse andere Großstadtneurotiker*innen; selbst die eingangs erwähnte Walretterin, die als „Princess of Whales“ für Medienspektakel sorgt, absolviert einen kleinen, intimen Auftritt.

Was all diese Figuren miteinander verbindet ist das Ringen mit der eigenen Identität, dem Beziehungsmodell, der Frage, wie man sein möchte, wie man sein darf … und vor allem, was andere sehen sollen:

„Phil hat Mühe, sich zu entspannen. Wann immer er mit Freunden Kunst oder Natur betrachtet, fühlt er sich verpflichtet, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, auch wenn er gar keine hat, und der Widerspruch zwischen ausgesprochenen Gefühlen und gefühlten Gefühlen gibt ihm wiederum das Gefühl, nicht zu existieren.“

HITZETAGE ist aber auch ein Buch über die Sprachlosigkeit: Über das Schweigen zwischen Eltern und Kindern, das Unvermögen, die eigenen Bedenken und Annahmen in einer Freundschaft zu teilen, einem Menschen zu sagen, dass man ihn liebt – oder es nicht mehr tut. Immer dichter wird das Netz, das Oisín McKenna webt, immer vielschichtiger die von diversen Ängsten geprägten Abhängigkeiten. Der Autor zeigt in der fließenden Übersetzung von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec viel Sympathie für seine Figuren, lässt uns trotz der verschachtelten Ebenen nie den Überblick verlieren, und irritiert mich zwar mit der seltsam distanzierten Schilderung eines sexuellen Übergriffs, fügt aber auch dieses Puzzlestück letztendlich überzeugend ins Gesamtbild ein. Wollte ich Kritik üben, so könnte ich diese an einer Handlungswendung am Ende tun … aber letztendlich ist auch diese Irritation folgerichtig.

Oisín McKenna zwingt seine Figuren, in den Spiegel zu schauen – und hält ihn auch uns Lesenden vor

Als Leser von geringem Verstand fühle ich mich ertappt, wenn es darum geht, dass wir manche Momente unseres Lebens nicht so bewusst erleben, wie sie es verdienen, weil wir schon nachdenken, wie wir später darüber sprechen werden. Und kennen wir das nicht alle, dass wir uns manchmal die verrückte Frage stellen, was irgendjemand, den wir Jahrzehnte nicht gesehen haben, wohl Abfälliges denken würde, wenn er uns jetzt sehen könnte?

Die Irish Times schreibt, dass der Roman „unwiderstehlich, brillant, hypnotisch“ ist, und liegt damit genau so richtig wie mit der Einordnung, dass Oisín McKennas Debüt „aufgeladen mit Energie, Humor und erotischer Spannung ist“ … wobei ich letztere doch weniger als Verlangen nach schweißtreibendem Humpy-Bumpy sehen und mehr als Wunsch, dass da jemand ist, der unsere Hand hält.

Vor allem erzählt HITZETAGE davon, dass eine verbindende und empowernde Aussage wie „Wir sind Londoner“ manchmal keine Identitätszuschreibung ist, sondern bloß der Werbeslogan einer Sandwichkette – und wie einsam sich das Individuum trotz der kollektiven Allgegenwart anderer Menschen fühlen kann:

„Seit Jahrzehnten steckt sie in dieser Grube. Die Grube ist ihr Zuhause. Manchmal versucht sie, sich herauszukämpfen. Manchmal schlägt sie mit ihrem Körper wütend gegen die Wände, weil sie nicht in der Lage ist, sie zu erklimmen. Manchmal akzeptiert sie die Grube einfach und versucht, sie so gut es geht zu schmücken. – Manchmal hat sie auf dem Boden der Grube gestanden und laut um Hilfe gerufen. Manchmal hat sie auf dem Boden der Grube gestanden und leise um Hilfe geflüstert und sich verletzt und verlassen gefühlt, wenn niemand antwortete, weil ihr Geflüster zu leise war, als dass irgendjemand außer ihr es hätte hören können. – Wenn Leute ihr Hilfe anboten, beneidete sie sie, weil sie nicht mit ihr zusammen in der Grube steckten, und reagierte verbittert. Wenn die Leute merkten, dass sie ihre Hilfe nicht wollte, und sich in ihrem Ego gekränkt fühlten, ließen sie sie zurück, und sie vermisste sie und wünschte sich, sie hätte die Wände erklimmen können, um in ihrer Nähe zu sein und sich zu entschuldigen.“

Am Ende wird alles gut – und was wir dazu erklären, das entscheiden wir letztendlich selbst

HITZETAGE ist auch ein Roman über kleine Siege: Ein Kuss, der einer Befreiung gleichkommt, ein Schokoriegel, den man nicht teilen muss, eine Rede, die gehalten werden kann, weil eine Angst überwunden wird, oder eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen hat, nicht nur gute, trotzdem aber die richtige sein mag. Und vor allem geht es um die Erkenntnis: Wenn wir denken, dass die Welt sich für einen kurzen Moment nicht weiterdreht, um unsere Fehler zu offenbaren oder den Scheinwerfer auf unsere Triumphe zu richtet, bedeutet das für andere Menschen … genau gar nichts.

„Sie dreht die Quittung um. Es ist eine Quittung für einen Morgenmantel, den sie bei Marks & Spencer gekauft hat. Mehr Geld, als sie in einem ganzen Jahrzehnt für sich selbst ausgegeben hat. Als sie ihn kaufte, malte sie sich aus, wie sich ihr Leben verändern würde. Sie malte sich aus, wie geruhsam, unbeschwert und zufrieden mit sich selbst sie sein würde. Eine stolze Aufgabe für ein dünnes Stück Stoff. Mit London war es ihr genauso ergangen, und davor mit Pauline: Stets war sie bestrebt, sich von Dingen verwandeln zu lassen, denen sie gleichgültig war.“

Und so ist HITZETAGE, dieses queere Gegenwartspanorama, dem man vermutlich auch den Stempel „Popliteratur“ aufdrücken könnte, trotz des grellen Umschlags und der spürbaren Hitze in den Straßen der Stadt, trotz der modernen Gefühlsverwirrungen, der Drogen und des Partyexzesses doch auch ein klassischer Bildungsroman ohne Altersbeschränkung … und näher dran an Jane Austen als an Bret Easton Ellis. Ich habe ihn mit Vergnügen gelesen und empfehle ihn gerne weiter.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Oisín McKenna: HITZETAGE. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec. Residenz Verlag, 2026