Ab dem 15. Mai 2026 liegt die gedruckte Fassung meines ersten Romans in den Buchläden – in den bisherigen fünf Making-of-Episoden habe ich euch auf die Reise von der ersten Idee bis zum fertigen Buch mitgenommen. Aber was kommt jetzt alles auf mich zu?
Die meistgestellte Frage an mich lautet gerade: „Bist du aufgeregt?“ Und wenn ich kurz vor dem offiziellen Erscheinungstermin des Romans in mich hineinhorche, dann ist da … nichts? Das ist eine Antwort, die niemand hören will: „Nichts“, das scheint zu wenig, wird als Gleichgültigkeit missverstanden, als Undankbarkeit für all das Glück, das ich gehabt habe. Oder ist dieses Nichts die Ruhe vor dem Sturm?
Wenn man sich selbst nicht ganz versteht, fragt man Profis
Ich habe mit einer befreundeten Autorin darüber gesprochen: „Bei mir liegen vor dem Erscheinungstermin die Nerven blank“, verrät sie, „was auch daran liegt, dass ich das Manuskript oft auf den letzten Drücker abgebe, unter Hochdruck die Redaktion mache und das Buch drei Monate später erscheint – ich bin durchgehend im Adrenalinrausch.“
Das war bei mir anders: Geschrieben habe ich meinen Roman Anfang 2024, er wurde kurz darauf verkauft, aber meine Lektorin und ich haben erst wieder im Sommer 2025 daran gearbeitet. Es werden also über zwei Jahre vergangen sein, wenn EINE LIEBE OHNE SOMMER Mitte Mai in den Buchläden liegt. Vielleicht ist das „Nichts“ in mir also ein Geschenk? Hätte sich die Spannung sukzessive gesteigert, wäre mein Kopf bereits explodiert …
Ein Autor, dem ich das erzählte, schlug eine andere Tonlage an: „Du hast es zu leicht gehabt“, beschied er mir, bevor er sich ins Zeugenschutzprogramm verabschiedete, um hier nicht namentlich genannt zu werden. „Du hast nicht genug Staub gefressen, um dir ein Hochgefühl verdient zu haben.“
Auch wenn mir dieser Leistungsgedanke widerspricht, ist das ein spannender Denkansatz. Natürlich weiß ich, wie viel Glück ich hatte, beim Schreiben, bei der Suche nach Agentur und Verlag, dem ganzen Rest. Hart war es zwischendurch trotzdem; das ist es immer noch. Was vor allem daran liegt, dass ich mich als Lektor in der zweiten Reihe sehr wohlgefühlt habe. Nicht unsichtbar – dafür bin ich zu hochgewachsen und laut –, aber bisher eben nicht im Scheinwerferlicht: Ich habe immer hinter meinen Autor*innen gestanden, um sie aufzufangen, oder vor ihnen, um den Weg freizuräumen. Was, bitte schön, mache ich jetzt in der Mitte dieser Versuchsanordnung?

Eine kleine Auswahl der Dolche, die ich mir selbst in die Brust ramme, obwohl ich es besser wissen sollte
Ich bin zum Beispiel nie gerne fotografiert worden; das mag überraschen, weil ich Selfies poste. Aber für jedes, das die Welt zu sehen bekommt, drücke ich zwanzig Mal auf den Auslöser (und wenn ich das so behaupte, ist die Wahrheit natürlich: vierzig Mal). Wenn ich Bilder von mir sehe, auf denen ich unvorteilhaft getroffen bin – von unten aufgenommen, mit beim Sprechen verzerrtem Mund, glänzend wie eine Speckschwarte –, krampft sich alles in mir zusammen; in meinem Kopf hallt dann die Stimme meines Vaters wider, der seine Schnappschüsse früher stets mit einem „So siehst du nun einmal aus“ kommentierte. Darauf kommen wir gleich noch einmal zurück.
Ich fremdle auch mit meiner Stimme, die in meinen Ohren anders klingt, als die Welt sie hört. Sagt das der Mann, der seit letztem Jahr einen Buchpodcast hat? Mit RABABUMM will ich Konfetti werfen für Bücher und die Menschen, die sie schreiben, vermarkten und verkaufen – es ist aber auch Teil einer Überwindungsstrategie: Im Lauf der Produktion muss ich mir die Aufnahmen meiner Stimme immer wieder anhören … das härtet ab!
Was mir leicht fällt und Spaß macht: Fragen stellen, so wie bei RABABUMM oder bei meinen Moderationen von Filmpremieren oder Buchpräsentationen; da ist es meine Aufgabe, anderen Menschen eine Bühne zu bieten, auf der sie sich wohl fühlen. Und wenn ich, so wie unlängst während der Leipziger Buchmesse, eingeladen werde, bei einem Panel-Gespräch im Kreise anderer Expert*innen zu erklären, welche Aufgabenbereiche es im Lektorat gibt? Das ist Teil meiner beruflichen DNA.
Was ist jetzt also die Next-Level-Herausforderung? Über mich selbst zu sprechen. Über mein Buch, meine Gedanken, die ich mir beim Schreiben mache, sie aber bisher nie im öffentlichen Raum geteilt habe. Es verunsichert mich, dass ich das noch nicht souverän aus dem Ärmel schütteln kann. Oder zumindest glaube, dass es so ist.
Deswegen war das Bloggerevent zu EINE LIEBE OHNE SOMMER auf der Leipziger Buchmesse eine so schöne und heilsame Erfahrung: Vor über 50 Menschen zuzulassen, dass ich mich ohne Netz und doppelten Boden verletzlich fühlen darf und darin Sicherheit finde … das hat etwas mit mir gemacht, zumal ich dabei in so viele offene, freundliche Gesichter schauen durfte. Die Autorinnen Sarah Lorenz und Alena Schröder hatten mir vorher bereits eine meiner Grundsorgen genommen: „Niemand kommt, um dich scheitern zu sehen.“ Aber der Moment, als die Blogger*innen das erste Mal gelacht haben, das war pures Gold – dieses Gefühl, Menschen etwas geben zu können, an dem sie Vergnügen haben.

Womit ich nicht gerechnet habe: Dass die Blogger*innen nach dem Signieren noch Fotos mit mir machen wollten. Weglaufen ging nicht, unhöflich sein war keine Option. Und als ich die Bilder später gesehen habe? War da nichts als Freude und Glück in mir: Ohne es zu merken, hat jeder dieser Menschen mir einen Safe Space gebaut für einen schönen geteilten Moment – und das sieht man den Fotos an, finde ich.
Alles wird gut. Aber auch diese eine Sache, über die ich hier vielleicht Stillschweigen bewahren sollte?
Das führt mich zu der größten Überwindung, der ich mich gerade stellen muss – meiner Angst vor dem Bewegtbild. Wenn dieser Text online geht, kann man bereits die Aufzeichnung des Rowohlt-Podcasts „Bücher &“ hören und (Achtung, Endgegner!) auf YouTube sehen. Kevin und Lisa sind wunderbare Gastgebende … nur, wen haben sie sich da ins Studio geholt? Mein erster Eindruck: „Ach, Jabba the Hutt lebt! Warum trägt er mein Jeanshemd von 2008?“ Leider bin ich nicht beweglich genug, um mir meine fabelhaften Schuhe vor das wogende Doppelkinn zu halten, oder zumindest vor den Bauchspeck. (Wobei das möglicherweise auch kein guter Look gewesen wäre für die Kamera?)

Was mir inzwischen hilft ist die simple Erkenntnis: Dieses Video tötet niemanden, auch mich nicht. Es erlässt keine Gesetze, überfällt keine Länder, lacht niemanden aus. It is what it is. Und: es ginge schlimmer. Wer es nicht ansehen mag, muss nicht – was erstaunlicherweise auch für mich selbst gilt. Also: Haken dran! Zumal es noch eine weitere Brücke gibt, über die ich ohne ewiges „Krawehl, krawehl!“ zu gehen lernen muss.
Jeden Tag sagen viele Menschen viele Dinge. Und, Überraschung, nicht alles davon ist schlau und durchdacht. Das gilt für Politiker und andere selbst- oder fremdernannte Expert*innen ebenso wie für eine von mir geschätzte Literaturkritikerin, die vermutlich manchmal nachts um drei hochschreckt, um „Gendern ist furchtbar!“ in die Dunkelheit zu rufen. Man gewöhnt sich daran. Also, an eine inklusive Sprache sowieso (und gerne!), aber auch daran, dass die wenigsten Menschen immerzu „on point“ sind. Und ganz ehrlich? Von mir erwartet das vermutlich nur eine einzige Person: ich selbst.
Aber was, wenn ich zum Beispiel nach der Aufnahme zum großartigen Podcast „Gin and Talk“ (online ab dem 21. Mai 2026) unsicher werde, weil ich zum Killerthema „Große Liebe“ ein paar Sachen vergessen habe, die wichtig gewesen wären, und anderes schneller aus meinem Mund purzelte, als ich ihn schließen konnte? Dann muss ich lernen, mir das zu verzeihen. „Mach dir keine Gedanken“, habe ich früher Autor*innen geraten, „niemand erwartet von dir, dass du die allwissende Müllhalde Marjorie bist oder etwas so Schlaues sagst, dass die Welt innehält. Sei einfach du. Das ist das Beste, was du Menschen anbieten kannst.“ (Ich gebe gute Ratschläge, oder? Leider höre ich mir selten zu.)
„Ich habe heute leider kein Foto für dich. Und kein Sternchen. Und maximal einen von fünf Buchherzpunkten.“
„Vielleicht“, vermutet eine Freundin, „bist du gerade deswegen nicht im Glückstaumel, weil du schon Angst vor den Kritiken hast?“ Diese Frage kann ich definitiv mit „Nein“ beantworten. Denn zumindest diesen Rat an meine Autor*innen habe ich verinnerlicht: In dem Moment, in dem EINE LIEBE OHNE SOMMER veröffentlicht wird, gehört der Roman nicht mehr mir, sondern den Menschen, die ihn lesen. Wer das Buch liebt, wer es hasst, wer es richtig gut findet oder misslungen, der hat subjektiv Recht. Vielleicht sogar objektiv. Aber es ist trotzdem keine allgemeingültige Wahrheit – meine darf eine andere sein.
Sebastian Fitzek hat auf einer Veranstaltung gesagt, dass sein Multi-Mega-Erfolg für einen kurzen Moment nichts mehr bedeutet, wenn er eine Ein-Stern-Rezension von Horst K. aus Hinterwald-Hecheldorf sieht. Sofort möchte ich mich schützend vor ihn stellen, auch wenn ich weiß, dass er es selbst kann. Und ich? Kann’s auch!

Vielleicht ist der entscheidende Gedanke sowieso dieser: Mein Mann mag EINE LIEBE OHNE SOMMER. Der Mensch, der neben mir auf dem Sofa sitzt, wenn alle Lichter aus sind. Der mit mir lacht, mich manchmal in eine andere Richtung schubst und immer auffängt, wenn meine Klappe zu groß war. Alle anderen Meinungen zu meinem Buch, die positiven und die konstruktiv kritischen, sind die Kirsche auf der Sahnehaube. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wenn jemand bloß schreibt, dass das Buch eine schreckliche Zeitverschwendung war? Dann tut mir das leid, denn wir wollen alle nichts verplempern. Aber davon stirbt niemand. Weder der Kritiker noch ich.
Es war toll bisher – und jetzt? Geht’s heiter weiter!
Seit ich am 31.12.2023 die Idee hatte, aus der EINE LIEBE OHNE SOMMER geworden ist, habe ich sehr viel gelernt: Über das Schreiben (und den Rausch, sich in einer Geschichte zu verlieren, während man sie erfindet). Über einen Perspektivwechsel, vom Lektor zum Autor. Über Ängste und die dornigen Wände von Komfortzonen. Ich habe mehr als einen „random act of kindness“ erleben dürfen, es gab tiefschwarze Momente in irgendeinem Tal – und immer wieder das Gefühl, wie ein Flummi nach oben ins Licht zu hopsen.
Also stelle ich mir die Eingangsfrage nun selbst: Wie fühlt sich dieses „Nichts“ an, das ich in mir spüre, wenn ich an den Erscheinungstermin meines Romans am 15. Mai 2026 denke? Es ist … nicht nichts. Ganz eindeutig ist es nicht grau und kalt, es ist warm. Und wird von einer gelassenen Vorfreude umarmt.

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Mit diesem Text bewerbe ich natürlich meinen Roman EINE LIEBE OHNE SOMMER, der am 15. Mai 2026 bei Rowohlt im Verlagslabel Polaris erscheinen wird. Der Roman kann jetzt überall (vor)bestellt werden, wo es Bücher gibt – also zum Beispiel auch HIER.


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