Es ist ein eindringliches Erlebnis, den Roman MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN zu lesen – und ein Vergnügen, mit der Autorin Lilli Tollkien über ihr literarisches Debüt zu sprechen.

Bedeutet die Freiheit der einen den potenziellen Missbrauch der anderen – und was würde Lale dazu sagen, die Protagonistin des Romans MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN? Seine Autorin, Lilli Tollkien, erzählt über ein Aufwachsen in der autonomen Szene der 80er und 90er Jahre in Berlin, von einem Mädchen allein unter Männern, von denen es einige gut mit ihr meinen, aber trotzdem keine Ahnung haben, wie man ein Kind lieben, schützen und auf das Leben vorbereiten soll.

MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN ist die Art von Roman, die man atemlos liest, durchaus auch durchleidet, und es am Ende mit einigem Erkenntnisgewinn und jeder Menge Emotionen zuklappen wird. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Autorin sich die Zeit genommen hat, drei neugierige Frage zu ihrem Buch zu beantworten.

Liebe Lilli, immer wieder heißt es: „Früher war alles besser.“ Würdest Du das in Hinblick auf die Geschichte, die Du in Deinem literarischen Debüt MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN erzählst, auch sagen?

Lilli Tollkien: „Für meine Hauptfigur Lale ist das Früher kein Ort der Nostalgie. Höchstens war die Musik besser oder der Geschmack von Ovomaltine und Bazooka-Kaugummis, aber die Vergangenheit ist für sie vor allem etwas, das es ihr schwer macht, ihre eigene Stimme zu finden. Dieses Früher hat sich in ihren Körper eingeschrieben, und auf der Suche nach einem Platz in der Welt, nach ihren eigenen Grenzen, muss sie einige Umwege gehen.

In gewisser Weise passt der Satz trotzdem: Die linke Szene der Achtzigerjahre, die im Text auftaucht, war stark von der Vorstellung eines glorifizierten Früher geprägt, eines Früher, das kaum Raum für Selbstkritik lässt und stattdessen Idolen huldigt.“

Dein Roman verarbeitest Du auch eigene Erfahrungen. Wie hat es sich für Dich angefühlt, sie in eine fiktive Handlung einzuweben – wie neuer Schmerz oder wie eine Aussöhnung?

Lilli Tollkien: „Weder noch, oder vielleicht beides zugleich: eine schmerzhafte Aussöhnung.

In erster Linie war es ein großes Glück, endlich eine künstlerische Form für diese Geschichte zu finden, die ich schon sehr lange mit mir herumtrage. Ich habe immer wieder Versuche unternommen, sie umzusetzen, stand mir dabei oft selbst im Weg oder habe mich an Disziplinen versucht wie Film, Fotografie, Musik, für die ich kein Talent hatte oder nicht die Mühe aufbringen konnte, die notwendig gewesen wäre. Auf das Schreiben bin ich zuerst gar nicht gekommen, dabei hat es mich – und vor allem das Lesen – immer begleitet. Trotzdem habe ich überall gesucht, nur nicht dort. Bei aller Härte des Inhalts hatte ich sehr viel Freude an der sprachlichen Umsetzung und möchte jetzt nie wieder mit dem Schreiben aufhören.“

Dein Roman fesselt durch seine erschütternde Geschichte – und Deinen Erzählstil, das genaue Hinsehen, das sowohl Deiner jugendlichen Protagonistin als auch ihrem erwachsenen Selbst gerecht wird. Wie hast Du die Balance gefunden zwischen dem, was Du schreibst, und dem, was wir Lesenden umso intensiver empfinden, weil Du es nicht in Worte fasst?

Lilli Tollkien: „Um diese Balance habe ich lange gerungen, und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich sie wirklich gefunden habe.

Erzählerisch habe ich versucht, die Perspektive zwischen zwei Blicken oszillieren zu lassen: einem kindlichen Blick, der durch die Ereignisse gezwungen ist, ein Stück zu erwachsen zu sein, und einer reflektierenden, erwachsenen Stimme, die zugleich von dieser kindlichen Perspektive durchdrungen bleibt, die sich nicht ganz von ihr lösen kann.

Mit den Auslassungen, die für mich beim Schreiben eine wichtige Rolle gespielt haben, will ich zeigen, wie schwer das Ungesagte wiegen kann und welche Wucht eine unerzählte Geschichte im Leben entfaltet. Umso leiser Lale spricht, je weniger sie sagt, desto stärker sollte das Gesagte oder Ungesagte in den Lesenden nachhallen.“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Lilli Tollkien: MIT BEIDEN HÄNDEN DEN HIMMEL STÜTZEN. Aufbau, 2026