Eine Reise von Ōsaka nach Tōkyō – mitten im Leben und doch dem Tod auf der Spur: Milena Michiko Flašar hat mit STERBEN LERNEN AUF JAPANISCH ein schmales, schlaues Buch geschrieben, das zu entdecken lohnt.
„Interessant ist, dass es sich zumindest sprachlich betrachtet beim geboren werden um einen passiven Vorgang handelt. Was genau genommen nicht stimmt. Um sich durch den Geburtskanal zu lavieren, muss das Baby einiges an Einsatz leisten. Rein sprachlich betrachtet, sind seine Anstrengungen allerdings vernachlässigbar. Es wird geboren. Und damit Punkt. Da das Sterben dagegen ein aktiver Vorgang ist, ist davon auszugehen, dass er unserer Mitwirkung bedarf. Immerhin werden wir nicht gestorben. Wir sterben. Interessant ist außerdem, dass wir – obwohl wir nicht gestorben werden, sondern sterben – keinerlei Anleitung dazu in die Hand gelegt bekommen.“
Wenn wir auf Reisen gehen, wenn wir in ein anderes Land eintauchen, dann denken wir über vieles nach, aber nicht notwendigerweise über den Tod. Oder den Weg dorthin. Die japanisch-österreichische Autorin Milena Michiko Flašar, bekannt geworden durch ihre Romane ICH NANNTE IHN KRAWATTE und OBEN ERDE, UNTEN HIMMEL, tut es trotzdem – und spürt zwischen Ōsaka, Kyōto und Tōkyō dem nach, was uns alle irgendwann erwartet. So nähert sie sich mit ihrem Essay STERBEN LERNEN AUF JAPANISCH der Frage, wie wir mit der eigenen Endlichkeit umgehen können. Ob das einhergehen kann damit, dass sie auch gut isst, in heißem Wasser entspannt, Verwandte besucht und sich sowohl in Städten als auch Gedanken treiben lässt? Ja, unbedingt:
„Inmitten des Chaos erscheint mir die Wahrhaftigkeit, mit der sich sowohl Mönche als auch Poeten im Laufe der Zeit nach ihrem persönlichen Aha-Moment ausgestreckt haben, als ein ordnendes Prinzip. Das Leben ist eine Feier. Also feiern wir es. Nicht aber ohne daran zu denken, dass jede Feier, und sei sie noch so ausschweifend, einmal zu Ende gehen wird. Für einige ist die Feier des Lebens zudem keine ungetrübte. Auch daran ist zu denken.“
Zugegeben: Bei der etwas steilen These, dass man im deutschsprachigen Raum nur hinter vorgehaltener Hand über das Lebensende spricht, gehe ich nicht mit. Aber hat man in Japan möglicherweise wirklich eine größere Abgeklärtheit, was den Tod angeht, weil das Inselland – auf dem Pazifischen Feuerring liegend – regelmäßig von Naturkatastrophen erschüttert wird?
„Sich auf den Fall der Fälle vorbereiten, das ist ein Aspekt des Sterben-Lernens, der in Japan besonders zum Tragen kommt“, schreibt Milena Michiko Flašar – und erzählt von Haikus und der Reichhaltigkeit einer Okonomiyaki-Sauce, von den Hikikomori, also jenen Menschen, die sich in ihren Wohnungen von gesellschaftlicher Teilhabe abkoppeln, und zitiert die provokante Frage eines Politikers, ob eine Gesellschaft, die rapide altert, es sich leisten kann, für die Alten aufzukommen, die keine Steuern mehr zahlen.
Wir erfahren außerdem, dass die Trauerzeit in Japan 49 Tage beträgt, in denen die Seele der Verstorbenen noch nicht als vollständig tot gilt, und dass der Gedanke, dass die Liebe eines Menschen auch Gegenständen einen bleiben Wert gibt, in Japan einen anderen Stellenwert hat als bei uns.
Die Autorin bewegt sich souverän und fließend zwischen verschiedenen Eben und bietet uns so die Möglichkeit, uns dem Thema mit ihr fast spielerisch zu nähern
Milena Michiko Flašar erzählt von Traditionen, Vergangenheit und Gegenwart, sie kommt vom Persönlichen – wie von ihrer Tante, die elf Katzen bei sich aufgenommen hat, weil streunende in der Regel getötet werden – zum großen Ganzen, wenn sie erklärt, dass besagte Tante fast den Kodokushi gestorben wäre, den einsamen Tod, der erst nach Wochen oder Monaten bemerkt wird.
STERBEN LERNEN AUF JAPANISCH ist kein Buch, das in die Tiefe geht; dafür sind Form und Umfang (gerade einmal 94 Seiten) nicht ausgelegt. Es ist trotzdem ein guter und potentiell auch wichtiger Text, um die Wahrnehmung zu schärfen und unsere Gedanken durch andere Erkenntnisse zu bereichern. Vielleicht lehrt das Buch uns an diversen Stellen auch ein wenig Demut, die nie schadet? „Mit meinem O-mamori in der Tasche habe ich mich fürs Erste abgesichert“, erzählt Milena Michiko Flašar beispielsweise, nachdem sie einen solchen Talisman gekauft hat. „Dass das aber ich bin, die Weißhaarige, die auf dem Vorplatz vor mir her schlurft, das will ich zumindest als eine Möglichkeit nicht aus den Augen verlieren. Ich bin du, flüstere ich ihr zu, während ich sie beschwingten Schrittes überhole. Und nachdem ich sie überholt habe: Du bist ich.“
STERBEN LERNEN AUF JAPANISCH ist im Verlag Wasser erschienen, was passt, denn das Essay von Milena Michiko Flašar hat eine fließende Qualität; wollte man Kritik üben, dann vielleicht daran, dass es viele englische Zitate gibt – zugegeben, die japanischen Originaltexte würden für mehr Verwirrung sorgen, aber wenn schon übersetzt wird, dann doch im Idealfall ins Deutsche?
Viel wichtiger ist aber festzuhalten, dass der schmale Band meiner Meinung nach bestens geeignet ist für alle, die den Bestseller ALTERN von Elke Heidenreich verschlungen haben. Und noch dazu ist es ein Buch, bei dem es sich anbietet, nicht an einem Nachmittag durchzurauschen, sondern es an einigen aufeinanderfolgenden Tagen zur Hand zu nehmen, um langsam und in Ruhe nur einen Absatz oder zwei zu lesen – und dem nachzuhorchen, was sie in uns auslösen:
„An den Dingen hängen. Daran, wie sie einmal gewesen sind. Tränen weinen um diesen oder jenen Verlust. Die Unbeständigkeit zwar ständig vor Augen haben, sie aber trotzdem nicht verinnerlichen können, weil es zu traurig ist, ans Gehen und Vergehen zu denken. In unserem übervollen Leben scheinen wir nicht dazu gemacht, das Prinzip der Leerheit zu begreifen. Rein theoretisch verstehen wir, dass auf den Frühling der Sommer folgt und auf den Herbst der Winter, praktisch jedoch bereitet es uns die allergrößten Wehen, uns als Teil dieses ewigen Kreislaufs in entsprechender Demut zu üben. Aus dem Haus meiner Großeltern lasse ich diesmal einen Koffer voller Andenken mitgehen. Ich weiß: Die Vergangenheit werde ich mir durch sie nicht zurückholen. Gerne aber mag ich noch ein Weilchen daran festhalten. Wieder Kind sein. Wenigstens in der Erinnerung. Dem Klang der Klangschale lauschen – und wie er verklingt.“
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten (streng genommen: die reizende Verlegerin hat’s mir geschenkt, aber das führt hier vermutlich zu weit). Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Milena Michiko Flašar: STERBEN LERNEN AUF JAPANISCH. Wasser, 2025.


Schreibe einen Kommentar