Beim Eishockey ist der „Bodycheck“ nur Teil des Spiels – in Rachel Reids Spice-Bombe HEATED RIVALRY steht er sehr deutlich im Mittelpunkt. Aber reicht das für ein Buch, das man gerne liest?

„Ilya liebte Sex, und er liebte ihn noch mehr, wenn er gefährlich war. Ganz gleich, ob es der Sohn seines Trainers war oder die Freundin seines Bruders oder die Schwester seines Teamkollegen, Ilya konnte schlechten Ideen nicht widerstehen. Und Shane Hollander war eine verdammt schlechte Idee. Zwei NHL-Spieler, bereit dazu, die größten Stars der Liga zu sein. Zwei erbitterte Rivalen aus gegnerischen Teams.“

Das Genre M/M-Romance erzählt von Männern, die allerlei Hürden überwinden müssen, um miteinander glücklich zu werden. Es wird vor allem von Frauen für Frauen geschrieben – beispielsweise für Leserinnen, die sich keine weibliche Identifikationsfigur vorgeben lassen wollen, die noch dazu durch gesellschaftliche Muster eingeschränkt sein kann; so besteht auch nicht die Gefahr eines „Vergleichsschmerzes“, weil Leserinnen sich nicht in ein Verhältnis zu den stromlinienförmig sexy und starken Romantik-Heldinnen setzen müssen.

M/M-Romane sind also ein „Safe Space“ … zumal Männer, bei denen Muskeln, Seelentiefe und anderes größer ausfallen als bei Horst-Rüdiger, auch eine prickelnde Fantasie sein können: „Girl’s just want to have fun.“

So erklärt es sich, dass nach der Verfilmung des M/M-Romans ROYAL BLUE von Casey McQuiston, in der sich der Sohn der US-Präsidentin in den Thronfolger von England verliebt, bald die Serie HEATED RIVALRY nach Deutschland kommt, zu der Rachel Reid die Romanvorlage schrieb. Die Autorin verrät auf ihrer Website, dass sie „cute smut“ mag, also explizite, aber vergnügte Erotik – und erzählt in ihrer Serie „Game Changers“ von hypermaskulinen Eishockeyspielern, die sich in den sexy Typen hinterm Café-Tresen verlieben, einen Studenten oder jungen Musiker, der bald nicht nur auf der Geige spielt.

HEATED RIVALRY, Band 2 der Serie, erzählt von Shane Hollander, dem Star der kanadischen Eishockeyliga. Der ist peinlich berührt, als er unerwartet vor seinem ärgsten Widersacher steht, dem russischen Bad-Boy Ilya Rozanov – nackt, weil unter der Dusche eines Fitnessstudios. Und das hat Folgen!

Der Weg zum Happy-End führt über Sex, Sex und noch mehr Sex …

Auf 412 Seiten erzählt Rachel Reid, was in den nächsten Jahren passiert, eine Aneinanderreihung von heimlichen Treffen, bei denen gevögelt wird, bis nicht etwa der Arzt kommt, sondern stets die Frage: „Warum tun wir das?“ Die beiden Männer wehren sich gegen die Erkenntnis, verliebt zu sein, weil ihre Beziehung ein Skandal wäre … und weil Frau Reid die Tinte nicht halten kann und diese Geschichte dehnt wie der XL-bestücke Ilya das stets griffbereite Kondom.

Dabei hält sie sich nicht mit sprachlichen Feinheiten auf oder einer Handlung, die mehr bietet als Sex und brodelndes „Das darf doch nicht wahr sein“: Während es in historischen Romance-Romanen früher neben fallenden Kilts und gerafften Röcken noch eine Burg zu erobern oder ein Geheimnis zu lüften gab, verzichtet Rachel Reid heute selbst auf sich anbietende humoristische Momente, in denen das Paar damit rechnen könnte, erwischt zu werden.

Die emotionale Fallhöhe wird stets beschworen, bleibt aber niedrig: Ilya darf zwar von seiner kaltherzigen Familie enttäuscht sein und Shane Angst haben, seine leistungsorientierten Eltern zu enttäuschen, aber das war es auch schon. Ebenso schnell löst sich Shanes halbherzig behauptete Bisexualität nach der Affäre mit dem Filmstar Rose Landry in Luft auf – er begehrt nur Ilya, der indes alles penetriert, was einen Puls hat. Er ist schließlich DER KERL … und so bleibt eine gewisse Heteronormativität gewahrt.

Im Westen nichts Neues?

Meint: Ilya ist wild, groß, behaart, markant; Shane ist kleiner, hat weiche Züge, Sommersprossen und einen nahezu haarlosen Körper – er übernimmt also die „Frauenrolle“ und sehnt sich folgerichtig nach Penetration. Ob dieses Klischee der Wirklichkeit entspricht, dazu gibt es so viele Meinungen wie zur Frage der Fetischisierung schwuler Männer: Kann man gegen den „Male Gaze“ sein, den „Female Gaze“ aber goutieren?

HEATED RIVALRY ist eine Seifenblase, die mit queeren Lebensrealitäten so viel zu tun hat wie HANNI UND NANNI mit dem echten Internatsleben, und als Fantasie ist das natürlich vollkommen okay. Für mich war es sogar erheiternd, dass die Männer in diesem Buch meist wie „kleine Mädchen“ agieren, oder ein markanter Eishockeyspieler sich von seiner Flugangst ablenkt, indem er ANNE OF GREEN GABLES-Romane liest. Rachel Reid zeichnet allerdings auch eine zu ideale Romance-Welt, in der die homophobe Politik in Russland zwar als Drohszenario zitiert, aber nie vertieft wird, und in der das Coming-out von Shane bei seiner Mutter nur für Unwohlsein sorgt, weil sie als Eishockey-Fan nicht ertragen könnte, dass ihr Sohn den Feind hat gewinnen lassen.

Trotz meiner Kritikpunkte kann ich verstehen, warum Bücher wie HEATED RIVALRY ihr Publikum ansprechen – sie sind ein „guilty pleasure“, Groschenromane des 21. Jahrhunderts wie FIFTY SHADES OF GREY. Und immerhin, neben ein paar schönen, sehnsuchtsvollen Momenten gibt es auch eine Idee, die zeigt, was möglich gewesen wäre, hätte Rachel Reid ein anderes Buch schreiben wollen – wenn Shane dem gebeutelten Ilya vorschlägt, sich seinen Frust auf Russisch von der Seele zu reden, ist das wirklich berührend.

Übersetzende sind die oft unbesungenen Held*innen des deutschen Literaturbetriebs – aber möglicherweise verdienen nicht alle einen Siegerkranz …

Ein Ärgernis ist leider die Übersetzung von Martha Sonnenburg, die der sonst hochwertig arbeitende Second Chances Verlag laut Impressum von einem anderen übernommen hat; wurde hier eine Rohfassung ohne Redaktion veröffentlicht? Es gibt auf nahezu jeder Seite Wortwiederholungen (ein Highlight: Wenn die „Spitze“ des Penis auf eine „spitze“ Bemerkung trifft) und holpriges Deutsch; übersetzt man sich dies wortwörtlich ins Englische, versteht man, wo der Fehler liegt. Rätselhaft bleibt, was die Bezeichnung „Dämlack“ hier verloren hat, wie genau man Hüften „kantet“ … und ob zwei Männer, die sich höchst erregt beim Orgasmus beobachten, danach von einer „Sauerei“ sprechen würden.

HEATED RIVALRY will kein Sprachfeuerwerk sein, sondern ein erotisch aufgeladenes Buch, aber so explizit Rachel Reid über den immergleichen Stellungskatalog schreibt, so ungelenk wirkt manches: „Shane kam schnell und Ilya schluckte, während er ermunternd summte“, heißt es an einer Stelle, und an einer anderen:

„Rozanov bewegte seinen talentierten Mund über Shanes Schwanz, und Shane warf das Gleitgel aus dem gut ausgestatteten Nachttisch ans untere Ende des Bettes. Rozanov drückte sich ein wenig davon auf die Finger, um Shane für sich zu öffnen, ohne damit aufzuhören, womit er gerade beschäftigt war. Was jetzt kam, war noch nie Shanes Lieblingsteil ihrer Treffen gewesen, da er sich dabei immer so verdammt verletzlich fühlte. Er fühlte sich jedes Mal schwach und lächerlich, wenn sie auf diese Art und Weise zusammen waren, besonders aber, wenn Rozanov seine Finger in ihm hatte. Was dazu führte, dass die Vorbereitung meistens einige Zeit dauerte.“

Natürlich kann man darüber hinweglesen, aber da im Rest des Buchs ausführlich betont wird, wie penetrationswillig Shane ist, liegt der Verdacht nahe, dass auch das US-amerikanische Lektorat geschlafen hat … Aber vermutlich gilt für mich, was der Bad Boy anschließend in Worte fasst:

„Rozanov schien jedes Mal vollkommen entspannt zu sein. Er war gut hier drin, und er wusste es. Ein letztes Mal leckte er über Shanes Schwanz, was sich in Shanes Körper anfühlte, als würde ein Blitz hindurchzucken, und sagte: ‚Entspann dich, ja?‘“

Okay: Ich entspanne mich jetzt auch!

HEATED RIVALRY kommt flott zur Sache, plätschert zielsicher und irritiert mich zwar in vielerlei Hinsicht, hat aber neben dem Sog, der plot-affine Lesende durch die Seiten fliegen lassen wird, einen weiteren Pluspunkt:

Die sympathische Verlegerin von Second Chances spricht sich für mehr „queer joy“ aus und will, dass gleichgeschlechtliche Paare in ihrem Unterhaltungsprogramm nicht nur durch Diskriminierung oder Krankheit drangsaliert werden, wie es oft in literarischen Büchern der Fall ist, sondern ein Happyend finden. Deswegen bin ich, obwohl nicht die Zielgruppe für M/M-Romance, immer noch neugierig … und werde mir vielleicht einen weiteren Eishockey-Roman gönnen, wenn ich die Verfilmung von HEATED RIVALRY angesehen habe: Bei Second Chances sind beispielsweise die Serien PUCKBOYS oder EISKALT VERSCHOSSEN von Eden Finley & Saxon James im Programm.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Rachel Reid: HEATED RIVALRY. Übersetzt von Martha Sonnenburg für digital publishers (2023); gedruckte Ausgabe bei Second Chances 2026.