Wer nach seinem großartigen Auftritt beim Bachmann-Wettbewerb denkt, der Autor würde aus dem dort vorgestellten Text nun einen Roman machen, der irrt: In DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG begeistert Denis Pfabe mit einer ganz anderen Geschichte aus dem Mikrokosmos Baumarkt.

Hochregale, aus deren schwindelerregender Höhe man besser nicht stürzen sollte, eine manipulierte Mikrowelle und die ständige Flucht vor dem schlimmsten Schrecken (auch Kundschaft genannt): In seinem Roman DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG erzählt Denis Pfabe mitreißend aus dem Mikrokosmos, den er aus eigener Anschauung kennt – einem Baumarkt.

Wer sich auf diese Geschichte, die schwungvoll mit einer Verfolgungsjagd beginnt und dann schnell in verschiedene Abgründe menschlichen Verhaltens abtaucht, einlässt, wird die Welt der Schrauben, Leuchtmittel und Saisonartikel wie Gartenmöbel danach mit anderen Autor sehen … und mit ein bisschen Glück genau so begeistert von Pfabes Jedermann-Oper wie ich. Aber ein paar Fragen habe ich dann doch noch – und freue mich sehr, dass der Autor sich Zeit genommen hat, sie zu beantworten.

Lieber Denis, DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG basiert auf dem gleichnamigen Text, mit dem Du 2024 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Preis von Deutschlandfunk Kultur ausgezeichnet wurdest – der sich nun aber nicht in Deinem Roman wiederfindet. Warum nicht?

Denis Pfabe: „Kurzversion: Das war eine Verlagsentscheidung, den Titel vom Bachmannpreis für den Roman zu nehmen. Was ich die längste Zeit ziemlich scheiße fand (und jetzt, wo mir die Frage bei fast jedem Interview gestellt wird, weiß ich auch wieder warum). Die beiden Texte stehen völlig für sich, haben nichts gemein, außer denselben Schauplatz: einen Baumarkt. Ich hab dann dagegengehalten. Ziemlich arg sogar, und dafür gekämpft, dass der Text ‚Sex im Baumarkt‘ heißen soll. Was natürlich seine ganz eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt; z.b. hätte man den Roman dann online nur schwierig bewerben, geschweige denn googlen können. Naja. Ich hätte es dennoch gefeiert.“

In Deinem Mikrokosmos Baumarkt spielt sich nahezu die ganze Bandbreite menschlicher Abgründe ab: Du erzählst von Macht und deren Missbrauch, von Dominanzverhalten und Abschottung – und wenn es um Zuneigung geht, dann im Zusammenhang mit Kröten oder als erotische Obsession. Trotzdem ist der Roman nicht niederschmetternd. Wie bekommt man das als Autor hin?

Denis Pfabe: „Genau das erzählerisch zu erreichen hat mich sehr gereizt: die Abgründigkeit im Ordinären. Zum Baumarkt hat fast jeder eine Meinung, ein Erlebnis, meist sogar selbst eine Geschichte zu erzählen – darum fand ich es enorm spannend, gerade diesen wohlbekannten Ort zu nutzen, um über die verschiedenen Obsessionen der Figuren zu erzählen. Es geht dabei stets um den Blick hinter die Kulissen; die unzugänglichen Plätze, zu denen uns Literatur Zugang gewähren kann, die interessieren mich – sowohl im Verlangen der Figuren als auch in echt, in den Katakomben und Pausenräumen. Die Vergangenheit der Figuren spielt dabei eine große Rolle, deren Obsessionen, Fetische und Abgründe. Für mich hat gutes Erzählen immer mit Ambivalenz zu tun. Und halt auch mit einem guten Schauplatz, da drängte sich der Baumarkt regelrecht auf, weil ich zehn Jahre dort gearbeitet habe.“

In Deinem Roman werden schwarze Quartalszahlen gejagt wie der weiße Wal von Ahab, nach kurzer Aufregung pendelt sich die Tristesse wieder auf dem Nullmeridian ein. Ist das einfach Deine Art, als Schriftsteller die Welt in Bilder zu fassen, oder gibt es in Baumärkten und anderen nicht als besonders literarisch gesehenen Orten mehr zu entdecken, als wir glauben?

Denis Pfabe: „Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass genau das gute Literatur ausmacht – von jedem Ort gut und interessant erzählen zu können. So verstehe ich zumindest meine Position als Schriftsteller: Geschichten zu finden, überall. So gesehen gibt es keine unliterarischen Orte, keine Plätze, an denen es keine Story zu erzählen gibt. Da ist immer mehr zu entdecken, als wir auf den ersten Blick meinen zu sehen.

Ich klopfe meine Realität ständig auf Erzählbarkeit ab. Das ist wie ein Muskel, den man trainiert. Und klar, dieses Sujet, das sich da im Roman zwischen den Hochregalen, der Kassenzone und dem Holzzuschnitt abspielt, ist sicher schon auch etwas spröde; da hat es Sinn gemacht, bei der Wahl der Bilder ein wenig mehr Lebhaftigkeit und Schwung in die Sprache zu bringen. Ein bisschen Spaß soll man beim Schreiben schließlich auch haben können.“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.

Denis Pfabe: DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG. Rowohlt Berlin, 2026.