Mit seinem Roman DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG macht der preisgekrönte Autor Denis Pfabe einen Baumarkt zum Schauplatz eines Bühnendramas, das mitreißt, erhellt und sogar mit dem in die Handlung hineinparfümierten Erotikschmuddel gut unterhält.

„Jedes Vorjahresergebnis galt es zu toppen. Auch 0,1 Prozent weniger galt als wirtschaftlicher Misserfolg und machte Ruis und Seehafer zu schlechten Führungskräften. Selbst das gleiche Vorjahresergebnis wurde mit Kopfschütteln bedauert. Da sie es trotz Minimalbesetzung geschafft hatten, die Zahlen zu halten – weniger schlecht als in der Zentrale erwartet –, erkannte Krefeld am Ende des letzten Quartals, dass hier also offenbar weiteres Sparpotenzial vorhanden war.“

Die Welt, in der wir leben, wird bestimmt von Angebot und Nachfrage, vom Miteinander, von Alltagsgrau und Glücksmomenten, von Macht und Missbrauch, von der Hoffnung auf Liebe und der vermeintlich leichteren Verfügbarkeit von Lust. Wer nun schicksalsergeben nickt, der kann sich im zweiten Schritt die Frage stellen: Wir sind alle ein bisschen Baumarkt, oder?

Der preisgekrönte Autor Denis Pfabe öffnet uns die Tür zu einem Mikrokosmos im halböffentlichen Raum – denn er siedelt DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG in einem Baumarkt an. Der trotz seiner Allgegenwärtigkeit ungewöhnliche Schauplatz ist mehr als nur die Kulisse für Ränkespiele, Frustration und kleine Fluchten: Es ist eine eigene Welt, in die wir eintauchen können wie in Hogwarts … nur dass wir nicht auf Zauberei hoffen sollten.

Es geht großartig los: Rennende Baumarktmitarbeiter, die einem Notruf folgen – Denis Pfabe wirft uns mitten hinein in ein Actionszenario, bricht die mögliche Heldentat aber sofort damit, dass er die Männer „jede Sekunde der Gratisgewalt auskosten“ lässt. Das ist großes Einstiegskino, auch wenn nur der Diebstahl von zwei Schraubenzieher verhindert wird und das Adrenalin schnell wieder abebbt:

„Die Details über das Geschehene würden sich, noch während die Männer träge zurück an ihre Infos schlappten, wie eine Druckwelle durchs Haus ausbreiten, durch alle Abteilungen und bis hoch in die Personalräume, wo die, die Pause gemacht hatten oder apathisch vor den Schulungscomputern hingen, alles erfahren würden, in Fragmenten, die sich, je nach Zeitpunkt des Berichts, immer wilder unterscheiden und spätestens nach einer Woche bereits wieder vergessen sein würden. So funktionierten die Dinge hier: erst ein wilder Ausschlag des Seismometers, der sich kurz darauf gleich wieder auf den Nullmeridian der Tristesse einpegelte.“

Willkommen im zehnten Kreis der Hölle

Denis Pfabe erzählt von zwei Menschen, die im Baumarkt arbeiten: Levin Watermeyer, ein Mann fast ohne Eigenschaften, der neben der Gartenabteilung mit Pflanzerde und Frischblumen auch für die Sonderfläche mit Outdoormöbeln zuständig ist. Als ein Kollege ihm ein Sexvideo zeigt, das eindeutig in seiner Abteilung aufgenommen wurde, löst das etwas in Levin aus – und er stürzt bei seiner Suche nach der Darstellerin in einen Strudel aus Plattform-Angeboten, die abhängig machen wie Crack, und einer Obsession für FoxyFemme; die wird nie neben ihm auf dem Sofa sitzen und herrscht deswegen so über seine Fantasien.

Eine andere Königin ohne Krone ist Pina Sommerfeldt, die durch eine Firmenübernahme neu in den Baumarkt gekommen ist, wo die Mitarbeitenden trotz anderslautender Beteuerungen kaum mehr sind als Kopfzahl und Stundenzettel. Für Pina ist es ein Weg, ihrer Vergangenheit zu entkommen – zu der auch die SM-Beziehung mit einem Mann gehört, in der sie den dominanten Part eingenommen hat; unterwürfig sein, das ist etwas, was Pina nicht (mehr) akzeptieren wird, schon gar nicht im Baumarkt:

„Es ging nicht darum, welchen Betrag die Männer an der Kasse zahlten. Es ging um etwas anderes: das Nein dieser Männer, das Pina übergehen konnte. Pina drängte sie gnadenlos darauf zu, damit konfrontiert zu werden, wie es war, Stopp sagen zu wollen, aber nicht zu können. Meist war es Stolz, vermutete sie, oder Ego. Sie stieß die Männer über diese Grenze hinaus. Dort waren sie unterlegen. Alle. Gute neunzig Euro würde der Kerl an der Kasse bezahlen. Das wäre Preis genug für einmal Berühren.“

Aber was ist vorgefallen zwischen ihr und Gesine Mirbach, die ebenfalls gerade an der Kasse des Baumarkts angefangen hat, bereits um die Marktleitung herumschlawenzelt – und Pina droht, ihr das Leben zur Hölle zu machen?

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Romans „Die Möglichkeit einer Ordnung“ von Denis Pfabe, der bei Rowohlt Berlin veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf Kanistern mit Kühlflüssigkeit.

Denis Pfabe schreibt über Einsamkeit, Abstumpfung, Machtausübung – und über vom Aussterben bedrohte Kröten

DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG fächert viele Spielarten menschlichen Verhaltens auf – Denis Pfabe führt uns in den Pausenraum mit der manipulierten Mikrowelle, zeigt die allgegenwärtige Mischung aus Lethargie und Gereiztheit derjenigen, die sich auf der Verkaufsfläche einer gesichtslosen Masse entgegenstemmen müssen, die man Kundschaft nennt. Und in guter Upstairs-Downstairs-Tradition erfahren wir auch, was in den Köpfen der Karrieristen in der Chefetage vorgeht:

„Seehafer war Anfang dreißig, und die wiederkehrenden und bloß mühsam verheilenden Gerstenkörner unterspülten die sonst so felsenfesten Uferklippen, auf denen das Fundament seines Verständnisses von Tüchtigkeit und Stärke in sehr konservativen Vorstellungen gegossen stand. Gegen dieses Bollwerk pfiffen nun die harschen Gezeiten des gesamtwirtschaftlichen Handelns, welches zu seinem Entsetzen doch viel mehr mit kleinteilig langweiligem Scheiß zu tun hatte, nicht enden wollenden Exceltabellen wie dieser, auf die er bereits seit ein paar Minuten gestarrt hatte.“

Denis Pfabe skizziert unbarmherzig, aber nicht emotionslos den Manager-Mittelstand, gefangen im Hamsterrad aus Überforderung und Männlichkeitsbestätigung, gelenkt von höheren Mächten, die ihre Proxys befördern … oder gegen jemanden austauschen, der ein kräftigeres Gebiss hat; wenn wir lesen, dass „die Holding“ die Haftung für Betriebsunfälle auf die Geschäftsführer der Märkte übertragen hat, als „Motivation“, es noch genauer zu nehmen mit der Sicherheit der Mitarbeitenden, könnte man meinen, den „Imperial March“ aus Star Wars zu hören …

Diesem auf menschlicher Leistung aufgebauten, das Individuum aber entwertenden Systems stehen nun unerwartet Gelbbauchunken im Weg: Die leben in der bislang unbeachtet vor sich hinbiotopenden Brachfläche neben dem Baumarkt, wo demnächst ein neuer Drive-Through-Baumaterial-Hof entstehen soll. Nun ist die Unke aber vom Aussterben bedroht – und das könnte die Expansionspläne verhindern …

Denis Pfabes Roman DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG kann als Kapitalismuskritik verstanden werden – ist aber vor allem die literarische Auslotung eines IST-Zustands

Denis Pfabe, der lange in einem Baumarkt gearbeitet hat, erzählt mit Schwung von diesem Perpetuum Mobile, ohne ausformulierte Wertung, aber mit deutlichen Sympathien – und vor allem: jenseits bürgerlicher Moralvorstellungen. Den klaren, treibenden Beat seiner Prosa kontrastiert er mit sprachlichen Schlenkern: Da jagen Manager „wie Captain Ahab den weißen Wal in Form schwarzer Quartalszahlen“, Kunden werden mit indigenen Völkern verglichen, die Herden ausspähen. Nach anfänglicher Irritation hat mir diese Breitbeinigkeit Vergnügen bereitet; Literatur kann auch Performance sein.

DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG erzählt von einem Spiegel, auf dem mahnend „So sieht Sie Ihr Kunde“ steht, vom stillen Widerstand durch Unlust und Unordnung, Solidarität durch das kommentarlose Hinschieben einer Haribo-Tüten und einem Absturz aus dem Hochregal. Wenn wir dafür empfänglich sind, meinen wir, die Sommertemperatur unter dem aufgeheizten Flachdach spüren zu können – und den Klimawandel der Digitalisierung: „Laut Internet muss hier aber noch ein Exemplar sein!“, heißt es dazu an einer Stelle, und an einer anderen: „Wer hatte die schwachsinnigste Reservierung der Woche? Olaf Schlöte hatte weit vorne gelegen mit Reservierungen für vier Unterlegscheiben, Kleinkram für ein paar Cent, für den zwölf Minuten Arbeitszeit draufgingen.“

Als Kund*innen wollen wir alle König*innen sein – Denis Pfabe zeigt, wer dafür welchen Preis zu zahlen hat

Der Autor lässt uns mitleiden beim stupiden Austausch von unzähligen Preisschildern, weil die Konkurrenz um fünf Cent unterboten werden muss, und angesichts der endlosen Flut aus genervten, von der eigenen Anspruchshaltung abgestumpften Kunden; dabei stilisiert er seinem Ensemble aber keinen Heiligenschein über die gestressten Köpfe:

„Der Feind musste so schnell wie möglich weg von der Info. Und das schaffte man mit freundlicher, offener Hilfsbereitschaft, in deren Unterton stets der Abgrund des ‚Lass mich in Ruhe‘ lag.“

Und trotzdem kann der Baumarkt mit seinen Arbeitsbedingungen, die viele Büroarbeitende überfordern würde – 20.000 Schritte pro Schicht, 30.000 in den Saison-Hochzeiten –, so etwas wie ein Sehnsuchtsziel sein:

„Ehemalige Handwerker segelten hier mit ihren kaputtgeschufteten Körpern die noch ausstehenden Jahre der Rente entgegen“, erfahren wir, aber auch: „und fielen regelmäßig links und rechts aus; Schultern und Sehnen, Handgelenke, Überbeine, Meniskus, die Hüfte, chronische Entzündungen. Meist wochen- oder monatelang, wenn Operationen anstanden. Das führte zu andauernder Unterbesetzung und mieser Laune, sowohl bei der Belegschaft als auch im Chefbüro, da die mit voll ausgereiztem Belegschaftsschlüssel erzielten Vorjahreszahlen so kaum zu halten waren.“

Der Umschlag von DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG zeigt die Spiegelung eines Baumes in einer Fensterfassade – so verzerrt habe ich den Roman von Denis Pfabe nicht empfunden: Er ist kraftvoll, mit starken Konturen und jeder Menge Graustufen, ein Lesevergnügen, das immer wieder zur Hochform aufläuft, weil der Autor genau hinsieht.

Das Foto zeigt die Hardcover-Ausgabe des Romans „Die Möglichkeit einer Ordnung“ von Denis Pfabe, der bei Rowohlt Berlin veröffentlicht wurde. Das Buch liegt auf verschiedengroßen schwarzen Pflanztöpfen in der Gartenabteilung eines Baumarkts.

DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG erscheint in weiten Teilen das genaue Gegenteil zu sein – was aber nur ein Aspekt der Wahrheit ist

Vielleicht kann man Denis Phabes schwungvolle Underdog-Ballade über das Fressen und Gefressenwerden, das Ausgeliefertsein, das Ewiggleiche, den Halt im routinierten Schmerz als deprimierend empfinden; vor allem aber ist DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG trotz aufgerauter Gesamtfläche ein menschliches Buch, das durchaus nach Achselschweiß riecht, aber wie Fotos von Martin Parr auch etwas zeigt, was mit „Absurdität des Alltäglichen“ nur unzureichend beschrieben wird – beispielsweise, wenn Levin Watermeyer an einem Geschäft vorbeikommt, an dem das Wort „Aufgabe“ mit fröhlichen Ballons geschmückt ist.

Und abschließend möchte ich noch dieses Zitat setzen, das zeigt, dass Denis Phabe neben der bereits erwähnten Neigung zur Bullenklöten-Literatur auch Sinn für Humor hat:

„Die beiden Männer und die Frau, sie waren hier mit ihren Kladden und iPads unterm Arm herummarschiert und brachten mit ihrer bürokratischen Rigorosität Tod und Gericht, Himmel und Hölle. Allerdings waren diese drei apokalyptischen Boten bloß mit einem Škoda Octavia um kurz vor zehn auf dem Parkplatz vorgefahren und hatten sich von Seda Şimşek unverzüglich zum Chefbüro führen lassen. Immerhin trugen sie keine weißen Hemden.“

Der Baumarkt, er ist ewig! Und dieses Buch, es möge weit über die Saison hinaus gefeiert werden: APPLAUS, und zwar jede Menge davon!

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Denis Pfabe: DIE MÖGLICHKEIT EINER ORDNUNG. Rowohlt Berlin, 2026