In TSCHIKAGO quilted Alexandra Stahl aus Erinnerungen an ihre Großeltern und andere Menschen am Ende ihrer Lebenswege eine Decke, von der wir uns alle wärmen lassen können
„In der Woche nach dem Tod meines Großvaters fing ich als Freiwillige in einem Berliner Seniorenheim an. Ich erinnere mich daran, dass ich mein Fahrrad vor dem Gebäude abschloss und dachte: Hoffentlich muss ich da drinnen nicht weinen. Ich erinnere mich nicht mehr an das, was drinnen geschah. Nur daran, dass ich nicht weinte.“
Da sind zuerst einmal die Großeltern: Er liest Literatur und tanzt gut („Wie ein Rowdy“), sie rettet jede Katze; er kann alles reparieren, sie will immer wissen, wer gerade frisch verstorben ist. Wir lernen zwei Menschen kennen, die 57 Jahre beisammen waren, die in ihrem breiten Dialekt nicht über Gefühle sprechen, sondern sich beständig kabbeln – zum Beispiel, indem sie sich wie ein Echo wiederholen, um den anderen in seine Schranken zu weisen („Du hosd nur Schrodd, unn denn schweißde onnoch zamm!“ – „Oh! Du hosd nur Schrodd!“). Ist das eine gute Ehe? Sind die Großeltern Gegner, die sich bekriegen wie Stan Laurel und Oliver Hardy alias „Dick und Doof“? Oder sind sie einander gerade deswegen so nah?
Dann gibt’s ein Feuer. Eine Krankheit, die sich anschleicht. Und Sätze, die mich beim Lesen innehalten lassen, weil ich sie so begnadet finde:
„Jahre vergehen, ohne dass er weiß, welche.“
Ein Roman über Menschen, die ganz normal sind – und deswegen auf ihre eigene Art herrlich verrückt
In ihrem autofiktionalen Roman TSCHIKAGO erzählt die Journalistin und Autorin Alexandra Stahl in lakonischen Momentaufnahmen von ihren Großeltern mütterlicherseits – und wechselt dann zu ihren Beobachtungen in einem Berliner Altenheim, in dem sie zehn Jahre ehrenamtlich arbeitete:
„Nicht alle, die in meine Stunde kommen, sind an Demenz erkrankt, und wenn sie es sind, dann in einer Form, die noch ein Gespräch zulässt. Wobei nicht alle gleich viel erzählen können oder mögen. Manche hören nur zu. Manche nicken nur. 850 Tabletten pro Tag machen müde.“
Skizziert oder portraitiert sie die Menschen, denen sie dort am Ende ihres Lebens begegnet? So oder so wirkt es, als würde Alexandra Stahl ihnen kleine Denkmäler bauen:
„Über das Heim zu sprechen, fand ich am Anfang schwierig. Ich hatte nicht mal im Ansatz das Gefühl, die Welt, in der ich da regelmäßig abtauchte, in all ihrer Komplexität beschreiben zu können. Die heiteren Anekdoten griffen zu kurz. Die traurigen Momente aber auch. Meistens wollte ich anderen gar nichts erzählen oder erklären. Lange war es etwas, das nur mir gehörte. Vielleicht fing ich auch deshalb an, mir Notizen zu machen. Ich wollte ebenfalls etwas bewahren. Und wenn es nur ein schöner Dialog war. Und wenn es nur ein berührender Moment war. Wie erzähle ich also von alldem?“
Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Alexandra Stahl tut das großartig! Und so wachsen sie uns schnell ans Herz, als diese Persönlichkeiten, über die wir zum Teil intime Details kennen, aber nicht ihre Vornamen.
Wir lernen Frau Engelhardt kennen, die Schätze zusammenstibitzt, Frau Bellmann (möglicherweise auch ihren ominösen Enkel Derrick?), und Herrn Uhlig, der nach langer Abwesenheit wie ein Weltwunder in die Gruppe zurückkehrt. Frau Koplische wird sagen, dass es doch (!) immer (!) alles (!) schön (!) war, und Frau Adler sich selbst beim Sterben Mühe geben. Nicht zu vergessen: Frau Schubert. Die will der Erzählerin an einem Spätnachmittag nach einer gemeinsam verbrachten Stunde noch einmal vom Fenster aus zuwinken, aber:
„Ein Mensch ist da und doch nicht da. Ich weiß, dass sie sich nicht umdrehen und winken wird, aber ich bleibe noch einen Moment stehen und hoffe.“
Das Besondere an den Miniaturen von Alexandra Stahl? Sie berühren auch, weil wir uns in ihnen finden können … und unsere Ängste. Oder könnte man den Mann vergessen, der in einer Tour ruft, ob da jemand ist, bis seine neben ihm sitzende Frau beruhigend ihre Hand auf seinen Arm legt?

TSCHIKAGO ist ein Buch, das sich Zeit lässt – und entspannend unaufgeregt bleibt
Natürlich ist es ein dankbares Thema, über Menschen zu schreiben, die zurückblicken – die Älteren unter uns werden sich erinnern, dass es vor einigen Jahren eine Welle von Büchern gab, in denen Menschen auf dem Sterbebett zu dem befragt wurden, was wichtig ist im Leben. Der Erkenntnisgewiss für uns Lesende ist vielleicht nicht groß, aber eindringlich, mit dem vielen „Hätte ich doch nur“ und „Warum stand ich mir im Weg“ und „Was nützt es mir jetzt, dass ich Excel beherrsche wie kein anderer“.
Auch Alexandra Stahl erkennt, „dass die banalsten Sätze, von einem alten Menschen ausgesprochen, doch wie tiefe Wahrheiten klingen“. Trotzdem geht sie in ihrem Buch dankenswerterweise einen anderen Weg: Die Farben ihrer Protagonist*innen sind schon etwas ausgewaschen, und deswegen schreibt uns die Autorin weniger Carpe Diem auf die To-do-Liste, sondern schenkt uns Sätze, die man sich sofort ausdrucken und an die Wand kleben möchte:
„Manchmal denke ich: Wer braucht schon Details, wenn am Ende doch nur ein Gefühl zurückbleibt?“
TSCHIKAGO beginnt mit den Großeltern und kehrt nach dem Intermezzo im Berliner Seniorenheim zur inzwischen verwitweten Großmutter zurück. In diesem dritten Teil wird auch die Frage gestellt, ob Erinnerung, so konkret sie erscheinen mag, immer richtig ist:
„Wahr ist auch, dass es ungemein tröstlich ist, die Dinge, die man nicht festhalten kann, wenigstens festzuhalten.“
Obwohl man auf den Gedanken kommen könnte, der Umschlag des Romans würde ein Foto der Stahl’schen Großeltern zeigen, ist dem nicht so:
„Die US-amerikanische Fotografin Deanna Dikeman hat jedes Mal, wenn sie ihre Eltern besucht hat, zum Abschied ein Foto von ihnen gemacht. Der Vater und die Mutter stehen in der Hofeinfahrt. Auf jedem Foto winken sie, siebenundzwanzig Jahre lang. Die Eltern wirken amüsiert, herzlich. Besonders dem Vater scheint das Abschiedsritual zu gefallen. Aber die Eltern werden natürlich älter, kleiner gefühlt. Schließlich steht die Mutter allein da und winkt, den Kopf leicht zur Seite geneigt.“
TSCHIKAGO ist ein Buch über das Leben und das Loslassen, eine Geschichte über das Verschwinden, eingefangen in Momenten, die davor von Bedeutung sind. Man suchtet durch die 252 Seiten (in denen mich nur die eigenwillig gesetzten Leerzeilen irritierten), ist gerührt, amüsiert … und findet sich auch in diesem Zitat wieder, mit der die Autorin ihre Rolle als Chronistin beschreibt:
„Ich kann nicht genug davon kriegen, Geschichten von früher zu hören. Als käme alles zurück. Als wäre alles noch da.
Es deprimiert mich, Geschichten von früher zu hören. Ich muss an eine Perücke denken, die man mit Haarspray, Shampoo, Föhn bearbeitet. Es werden einfach keine echten Haare.“
TSCHIKAGO ist vielleicht kein Buch für die vorderen Plätze der Bestsellerliste, aber eins, das es verdient, immer wieder aus dem Regal gezogen zu werden
Ganz am Ende des Buchs findet sich ein zuvor schon erwähnter Schnappschuss, und es hat mich berührt, ihn zu sehen – auch, weil dadurch die Großeltern, die mir vorher so nah gekommen sind, plötzlich Gesichter bekommen, die mir fremd bleiben. Es hat mich daran erinnert, dass all das, was Alexandra Stahl hier zusammengetragen hat, eben nicht nur eine fiktive Geschichte ist, sondern echtes Leben, und eine Welt, in die wir eigentlich, vielleicht, in der Regel keinen Einblick bekommen würden. Wozu dieser Gedanke passt der Autorin passt:
„Ich habe all diese Schnipsel und Szenen, aber ich weiß gar nicht mehr, ob ich sie hergeben will. Was, wenn meine Erinnerungen zu einer Geschichte werden, die mir irgendwann wie eine beliebige vorkommen wird? Und nicht mehr wie meine?
All diese Fragmente. Als würde ich einen Haufen Sand von einer Schüssel in die andere füllen und wieder zurück – hin und her.
Was ich weglasse, vergesse ich. Was ich streiche, verliere ich.
Schreiben heißt doch Festschreiben!“
Wenn man TSCHIKAGO gelesen hat, möchte man hinzufügen: Festschreiben ist auch Freischreiben, denn Alexandra Stahl hat ihren Großeltern und all den anderen Menschen in ihrem Buch Flügel gegeben.
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Ich habe dieses Buch selbst im niedergelassenen und unabhängigen Buchhandel gekauft. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Den nachfolgenden Link zu Geniallokal.de setze ich ohne Verpflichtung, sondern zur Unterstützung des niedergelassenen Buchhandels.
Alexandra Stahl: TSCHIKAGO. Claassen, 2026



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