Die Zeitungs-Literaturbeilage im Blogformat: Sechs Kurzrezensionen zu Büchern von Madeline Miller, Christiane Rösinger, Annette Dittert, Lena Kupke, Teresa Präauer, Andrea Gerk und Moni Port
Es mag möglich sein, dass ich noch die ein oder andere Literaturbeilage aus vergangenen Zeiten besitze, die ich unbedingt haben musste – und nun ungelesen bei mir vergilbt. Dieses Schicksal teilt meine Variante der Buchvermittlung hoffentlich nicht: Hier kommen sechs knackige Kurzrezensionen, mit großem Herz für einige Titel und kritischen Töne zu anderen.

EIN SCHMUCKSTÜCK – VON MADELINE MILLER, JA, ABER BESONDERS DANK THOMKE MEYER
„Früher hatte er mich bei seinen Festgelagen zu sich gerufen und einen der anwesenden Könige aufgefordert, er möge uns all seine Ahnen nennen. Und wenn ich sämtliche Namen in der richtigen Reihenfolge wiederholt hatte, pflegte er lachend ‚Ich habe Euch gewarnt‘ zu sagen und das Gold des Wettverlierers einzustreichen, während ich mit glänzenden Wangen danebenstand und strahlte, als wäre ich selbst aus Gold.“
Seit ihrem Weltbestseller ICH BIN CIRCE warten viele von uns auf den neuen Roman von Madeline Miller. Nun ist nach GALATEA eine zweite Kurzgeschichte der Autorin auf Deutsch erschienen: MESTRA.
In der fließenden Übersetzung von Ursula C. Sturm entführt Miller uns ins antike Griechenland und erzählt die Geschichte des thessalischen Herrschers Erysichthon, der den Zorn der Demeter auf sich zog und zu unstillbarem Hunger verdammt wurde. Nachdem er sein gesamtes Vermögen verloren hat, schrickt er nicht davor zurück, seine Tochter für ein paar gebratene Hühner zu verkaufen. Mestra, ihrem Vater blind ergeben, fügt sich, fleht aber Poseidon um Hilfe an, der sie unlängst geschändet hat (und, nebenbei bemerkt, ihr Urgroßvater ist: griechische Mythologie ist nix für Zartbesaitete). Der Gott verleiht ihr die Gabe, ihre Form zu wandeln. So entkommt Mestra zwar ihrem Freier, bringt ihren Vater aber auf eine unselige Idee: Er verkauft sie wieder und wieder und wieder …

Wie man sich denken kann, steht bei Miller nicht Erysichthon im Mittelpunkt, sondern dessen Tochter. Trotzdem weicht sie erst gegen Ende von der klassischen Erzählung ab, zeichnet Mestra als vaterhöriges Mädchen, das kaum Kontur bekommt. Es ist erstaunlich, wie viel Potential Miller verschenkt … was traurig wäre, wenn dieses schmale Band nicht beim Eisele-Verlag erscheinen würde: Dort hat man die Geschichte von Thomke Meyer illustrieren lassen und aus dem Text ein bibliophiles Schmuckstück gemacht, das sich auf allerschöne Art als Geschenk anbietet.
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NIE WIEDER JUNG – NA UND? CHRISTIANE RÖSINGER ÜBER DAS, WAS UNS ALLE ERWARTET
„Eigentlich finde ich das Älterwerden ganz gut. Wenn nicht alle Welt darüber jammern würde, wäre es mir gar nicht so sehr aufgefallen. Denn wenn ich zurückblicke, war ich eigentlich mein ganzes Leben lang entweder zu alt oder zu jung oder beides gleichzeitig.“
Mit Mitte 60 hat Christiane Rösinger einen Körper, der nicht immer so will, wie es ihr gefällt. Außerdem hat sie keine Lust, Tango zu tanzen, sie fremdelt mit altgriechischer Kunst und Selfcare-Ratschlägen, und ausgehen, das tut sie auch nicht mehr so gerne wie früher; gleichzeitig bedauert sie es, Freundinnen an die Spießigkeit verloren zu haben, oder an einen (Angst-)Hund.
Christiane Rösinger, ein Kopf der legendären Band Lassie Singers, schreibt in THE JOY OF AGEING auf 281 Seiten mit oft (aber nicht immer) beschwingter Galligkeit über streitlustige Tanten oder den Kampf gegen Giersch und Runzelbruder; sie zeigt ruppige Sensibilität für einen Sparkassen-Bettlers und begegnet vielen Unbillen des Lebens mit einer Grundhaltung, die zwischen Souveränität und Trotz oszilliert: „Wach, orientiert, nicht suizidal“, wurde über sie in einem Krankenhaus befunden – Rösinger dazu: „Das hörte sich doch gut an.“

Teile ich Rösingers Sicht der Dinge? Seltener als ich dachte und hoffte, was auch daran liegen mag, dass ich laut der Autorin mit 55 in einem für Männer problematischen Alter bin. Ich empfinde THE JOY OF AGEING oft als zu bittere Anklage oder wütendes Aufstampfen; gerade deswegen empfiehlt sich dieses meinungsstarke und immer wieder zum Nicken einladende Buch als Begleitung für (oder Gegengift zu) Elke Heidenreichs Bestseller ALTERN.
„Das prekäre Leben hält innerlich jung“, schreibt Christiane Rösinger, „und auch das ständige Überlegen: Was könnte ich als Nächstes machen? Immer weitermachen, solange es geht.“ Man darf annehmen, dass es mehr als eine Notwendigkeit für sie ist – und von dieser Energie können wir uns unabhängig vom Alter eine Scheibe abschneiden.
Christiane Rösinger: THE JOY OF AGEING. Rowohlt, 2026
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GOD SAVE THIS QUEEN – EINE KURZE LIEBESERKLÄRUNG AN ANNETTE DITTERT
„Ich nenne London gern meine einzig große Liebe, da niemand sonst mich je so fasziniert hat wie diese Stadt. […] Wie in jeder alten Ehe haben wir gute und schlechte Tage miteinander, aber die guten Tage überwiegen. […] Für dieses Buch habe ich Großbritannien noch einmal neu und anders entdeckt, ohne Kamerateams und ohne den Zeitdruck eines unmittelbar bevorstehenden Tagesschau-Beitrags.“
Die einfache Gleichung „Prominente Autorin + ihr bekanntes Thema = Bestseller“ geht oft auf, und meist greife ich nicht zu diesen Büchern. Das wäre in diesem Fall ein Verlust gewesen: Die Journalistin Annette Dittert stellt in DEAR BRITAIN unter Beweis, dass sie tatsächlich „Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“ war … und darüber so kenntnisreich, schlau und schwungvoll schreiben kann, dass es eins der großen Lesevergnügen dieses Jahres ist.
In elf Kapitel-Reportagen widmet Annette Dittert sich dem Leben auf der Insel in vielen Facetten: Wir sind dabei, wenn sie durch den Themseschlamm watet und Platz nimmt in einem alt(ehrwürdig)en Herrenclub, erfahren viel über Politik, britische Gartenkunst und Charakterköpfe wie Molly Parkin, der Dittert und wir den Satz verdanken: „Man muss sich im Leben an die Kirschen erinnern, nicht an die Kerne.“

Auf jeder der 267 Seiten wird klar, wie Annette Ditterts Herz für England schlägt, für Schottland und Wales und die Menschen, die allem, was passiert, mit einer „stiff upper lip“ begegnen; gleichzeitig spart sie nicht mit kritischen Anmerkungen, gerade in Sachen Brexit, was ihre Detail- und Weitwinkelaufnahmen umso authentischer macht.
Der Blick auf die Sachbuch-Bestsellerliste löst bei mir oft ein Schaudern aus – Rechtskonservatives, Motivationsweisheiten, Promibücher allüberall. Und zum Glück auch dieses Buch, das sich als (Weihnachts-)Geschenk für alle empfiehlt, die mit intelligenter Unterhaltung Freude bereiten wollen. Ich hoffe, der Erfolg von DEAR BRITAIN wird Folgen haben – nämlich eine Fortsetzung!
Annette Dittert: DEAR BRITAIN. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens. Dumont, 2026
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IN DER DUNKELHEIT LEUCHTET JEDES LICHT HELL – ABER WAS HAT DAS ZU TUN MIT DER FAMILIE IN LENA KUPKES ROMAN?
„Na toll! Ich liege ich meiner eigenen Pisse mit nasser Leinenhose in einer fremden Stadt in einem Krankenhaus, dessen Namen ich noch nicht einmal kenne. Scheiße.“
Es läuft nicht gut für Hanna: Sie kippt bei einer Präsentation um, ihr Freund ist zu gestresst, um sie abzuholen, ihrer Mutter passt es auch nicht, dass ihr streng geordnetes Rentnerleben durcheinandergebracht werden könnte, aber Hannas Vater erbarmt sich dann doch, die 36-jährige nach Hause zu holen. Und so strandet Hanna in ihrem alten Kinderzimmer, noch dazu für länger als gedacht, da ihr Paul nur auf eine Möglichkeit gewartet hat, sich von ihr zu trennen (diesen Paul, es muss gesagt werden, hasse ich sehr).
Die Geschichte, die Lena Kupke in PAUSE erzählt, fängt großartig an – und geht für viele Lesende so weiter, das Buch hat sich lange auf den vorderen Plätzen der Bestsellerliste gehalten. Caroline Wahl lässt sich wie folgt zitieren: „Dieses Buch ist wie eine feste Umarmung, nachdem es einen richtig zerlegt hat.“ Beim Zerlegen gehe ich mit, die Umarmung habe ich verpasst: Lena Kupke dreht Hanna immer weiter durch den Wolf, konfrontiert sie mit so viel emotionaler Kälte, dass es für mich körperlich unangenehm war, mich damit auseinanderzusetzen – und die überliebenswerte Nachbarin, die wie ein Lichtstrahl in die Handlung fällt, konnte es für mich nicht rausreißen. Ich habe nichts gegen Klischees und stark konturierte Figuren … aber hier fehlten mir dann doch die Zwischentöne.

„Das Buch ist von Lena Kupke! Was wollen Sie denn noch?“, fragt Till Reiners, und ich bin sicher, dass der Roman einen Großteil der über 84.000 Menschen, die ihr auf Instagram folgen, glücklich gemacht hat. Denn: Lena Kupke schreibt so flüssig, dass man durch die 318 Seiten fliegt. Und ja, man bekommt eine Ahnung davon, warum man Hannas Mutter und ihre Schwester mögen kann. Aber für mich war das leider alles zu viel Garstigkeit, um mich mit dieser PAUSE anfreunden zu können.
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GROSSE AUTORIN, KLEINE ENTTÄUSCHUNG: TERESA PRÄAUER UND DIE FRAGE, WAS TRÄNEN ALLES BEDEUTEN KÖNNEN
„Männliche Helden [in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts] leiden nun im Stillen, sie tragen ihren Schmerz mit Würde, wohingegen Frauen weiterhin weinen dürfen, was ihrer nervösen Instabilität zugeschrieben wird. Die Schwäche des Weinens wird als Waffe der Frauen von diesen Männern gefürchtet.“
Teresa Präauer legt mit NIE MEHR WEINEN eine „Tränenkunde für Fortgeschrittene“ vor: Dafür spricht sie mit Menschen, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen, befragt die Kulturgeschichte, schreibt über Serena Williams und Friederike Mayröcker, über Man Rays Fotographie „Larmes“ und die Kunst von Maria Abramovic. Das ist im Detail oft spannend, wirkt im Zusammenhang dieser 105 Seiten aber wie eine akademische Materialsammlung, die als Vorlesung sicher gut funktioniert, mich Leser von geringem Verstand aber leider nicht abgeholt hat.
Wir lernen: „Es gibt drei Arten von Tränen: die basalen Tränen zum Schutz und zur Reinigung der Hornhaut, die reflektorischen Tränen als Reaktion auf Kälte, Verletzungen, Gerüche und chemische Stoffe, und die emotionalen Tränen.“ Präauer zitiert außerdem Aristoteles, Goethe, Joan Didion und Heidi Klum, schreibt über Tränen in der sakralen Kunst und die Frage, ob das Weinen ein Fast Track ins Himmelreich sein könnte.

Mein Fehler war sicher, das Buch als Fan der Autorin in einem Rutsch verschlingen zu wollen – liest man einen Abschnitt heute, den nächsten übermorgen, mag NIE WIEDER WEINEN als kenntnisreiche Fundgrube zum Vergnügen werden. Und nicht unerwähnt soll bleiben, dass ich hingerissen bin, etwas über Yi-Fei Chens Abschlussarbeit an der Design Academy Eindhoven erfahren zu haben, die „Tear Gun“ von 2016.
NIE WIEDER WEINEN ist ein Buch, in dem ich sicher noch einmal blättern werde … und das für mich die Wartezeit verkürzt auf Teresa Präauers Roman EINE LIEBE, ZEHN TAGE, der 2027 erscheint und mich sicherlich so begeistern wird wie sein Vorgänger KOCHEN IM FALSCHEN JAHRHUNDERT.
Teresa Präauer: NIE MEHR WEINEN. Eine Tränenkunde für Fortgeschrittene. Residenzverlag, 2026
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EIN SCHÖNES BUCH MIT KLAREN BOTSCHAFTEN VON ANDREA GERK UND MONI PORT

„Statt mit sich unzufrieden zu sein, noch mehr zu arbeiten, effektiver zu schlafen, die Partnerschaft zu hinterfragen, den Schrank zu entrümpeln und sich noch gesünder zu ernähren, gilt es, das Leben zu genießen. Damit es einem am Ende nicht so geht wie der französischen Schriftstellerin Colette, die seufzte: ‚Was für ein herrliches Leben hatte ich! Ich wünschte nur, ich hätte es früher gemerkt.‘“
Also, schön ist anders: Trump und Putin und Konsorten arbeiten effektiv daran, die Welt zu einem unerfreulichen Ort zu machen, Friedrich Merz ist der Meinung, wir müssten alle noch ein bisschen mehr leisten (und länger sowieso), und die strengsten Diktatoren sehen wir meist, wenn wir in den Spiegel schauen: Wir wollen etwas aus uns machen, schneller und effizienter sein, besser essen, moralischer handeln. Unter Druck entstehen Diamanten, ja … aber wir sind nun mal leider aus Fleisch und Blut.
Zum Glück gibt’s dieses Buch, das uns in 46 Lektionen „Ideen gegen den Optimierungswahn“ schenkt – denn die Autorin Andrea Gerk meint es ernst mit dem Titel ICH BIN DA MAL RAUS. Der von Moni Port durchgehend mit Zeichnungen und Collagen illustrierte, handschmeichelnde Band ist ein non-klerikales Stundenbuch voller Entlastungstipps, zugewandt, augenzwinkernd und sympathisch. Plaudern kann das Leben schöner machen, als immer auf den Punkt zu kommen, Postkarten schreiben ist wichtiger als Aufräumen. Manchmal ist es gut, sich nass regnen zu lassen. Liebe findet man dort, wo andere sie nicht sehen. Und vor allem gilt: „Die Welt“, so schreibt Gerk, „folgt keinen Plan, und wir müssen es auch nicht.“

ICH BIN DA MAL RAUS ist ein Buch, das ich in diesem Jahr oft verschenken werde – denn wo man es auch aufschlägt, man findet auf jeder der 189 Seiten einen schlauen Denkanstoß, ein Zitat, eine Umarmung – und die Aufforderung, Fünfe gerade sein zu lassen, was wir uns viel zu selten erlauben.
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Die Bücher von Madeline Miller, Lena Kupke, Teresa Präauer und Christiane Rösinger habe ich als Rezensionsexemplare vom jeweiligen Verlag erhalten; die Bücher von Annette Dittert und Andrea Gerk (mit Moni Port) habe ich selbst im unabhängigen Buchhandel gekauft. Diese Rezensionen geben meine persönliche Meinung wieder, sie sind also keine bezahlte oder beauftragte Werbung.
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