Ein Kurzinterview mit Oliwia Hälterlein zu ihrem Roman WIR TÖCHTER, der Lesende fordert, aber auch reich beschenkt.
„Unsere Namen werden nicht ins Geburtenregister eingetragen“, schreibt Oliwia Hälterlein zu Beginn ihres Romans WIR TÖCHTER, „da steht nur córka, Tochter, neben dem Vornamen des Bruders“ – und setzt so den Ton für ihre Geschichte über das Frausein, das Leben im Gestern, den Aufbruch in ein Morgen, das Hadern mit dem, was gegeben zu sein scheint.
„Oliwia Hälterlein verwebt ihre Geschichten in klarer, poetischer Sprache zu einem eindringlichen Debüt“ heißt es in der WDR Westart lesen über WIR TÖCHTER – und die FAZ befindet: „Oliwia Hälterlein unterzieht die postmigrantische Literatur einer feministischen Radikalkur.“ Jessas! Eine Kur, und dann auch noch eine radikale? Darin finde ich mich als Leser von geringem Verstand nicht wieder: Mich hat der hervorragend konstruierte Roman – der aufgrund der Verzahnung seiner Ebenen nicht ganz leicht oder barrierefrei zu lesen ist – begeistert, weil ich ihn als warm empfinde, trotz der dunklen Molltöne, mit denen Oliwia Hälterlein über Gewalt und Hoffnung schreibt, Schmerz der unterschiedlichsten Art, über die Rohheit von Männern und Arroganz einer Mehrheitsgesellschaft.
Und obwohl diese schweren Themen, zu denen sich diverse andere gesellen, alles andere als freudvoll sind, habe ich WIR TÖCHTER nicht als niederschmetterndes Buch empfunden, ganz im Gegenteil: Oliwia Hälterlein erzählt von Frauen, die von der Last des Alltags zwar oft nach unten gedrückt werden, innerlich aber aufrecht stehen. Kein Zufall vielleicht, dass der Roman bei C.H Beck erschienen ist, dem Verlag von Annett Gröschners SCHWEBENDE LASTEN, ebenso ein Denkmal für Frauen, die wissen, dass es weitergehen muss … und Wege finden, immer wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Ich freue mich sehr, dass Olivia Hälterlein sich die Zeit genommen hat, mir drei neugierige Fragen zu WIR TÖCHTER zu beantworten.
Liebe Oliwia, Du erzählst in WIR TÖCHTER die Geschichte von drei Generationen zwischen Polen und Deutschland; Du streifst politische Themen wie die Solidarność-Bewegung oder die Herabwürdigung, die Menschen erfahren, die sich in der Fremde ein neues Leben aufbauen müssen – bleibst aber vor allem nah bei Deinen drei Frauenfiguren. Was hat Dich daran gereizt?
Oliwia Hälterlein: „Anhand von meinen drei Protagonistinnen kann sehr viel erzählt werden: Zweiter Weltkrieg, bäuerliche und arme Herkunft, die körperliche Arbeit von Mädchen und Frauen, die Volksrepublik Polen, (Groß-)Mutterschaft, Migration nach Westdeutschland, das Aufwachsen dort in den 90er Jahren, Mehrsprachigkeit, Sexismus, Herkunftsscham … Das Private ist dabei sehr politisch – es zeigt, welche Rolle Töchter in der Familie einnehmen (mussten), welche Möglichkeiten ihnen gegeben oder genommen wurden, weil sie Tochter einer bestimmten Zeit waren.
Ich finde, im Erzählen von Alltagsereignissen erzählt sich eine ganze Gesellschaft mit: Was wird gegessen, welche Kleidung wird getragen, welche Rechte, Pflichten und Verantwortung hat man, welche Zugänge zu Bildung, sogenannten Aufstiegschancen – und welche Rolle spielt dabei der weiblich gelesene Körper, gerade wenn dieser sich nicht so verhält, wie er sollte?“
Du teilst Deinen Roman in die Kapitel HERKUNFT, SPINNENFLUG und ZUKUNFT ein – und leitest diese jeweils mit einem Lyriktext ein. Warum braucht das Buch diese Erzählform? Noch dazu, wenn Du dem Umschlagmotiv direkt im ersten Text widersprichst und schreibst: „So sehen wir nicht aus.“
Oliwia Hälterlein: „Ich hatte das Glück, mein Covermotiv selbst aussuchen zu dürfen. BABIE LATO (auf Deutsch:. „Altweibersommer, Spinnenflug“) von Józef Chełmoński hat mich fast mein ganzes Schreiben begleitet. Ich habe mich viel mit der Rezeption und Darstellung von Frauen auf dem Land beschäftigt, und das Bild löst in mir widersprüchliche Reaktionen aus, weil es den harten Arbeitsalltag, gerade schon von kleinen Kindern, sehr romantisiert. In Polen gibt es erst seit Kurzem eine Auseinandersetzung mit bäuerlicher Herkunft, da diese, obwohl sie sehr viele betrifft, immer noch sehr schambehaftet ist.
Gleichzeitig aber repräsentiert dieses Bild die Ahninnen meiner Protagonistinnen – diese kommen im Buch in den lyrischen Wir-Passagen zu Wort. Sie umgeben Waleria, Róża und Marianna, sind ein stützender Chor, eine Tochterkette, sie sind ganz jung und ganz alt, sie dokumentieren die Gewalt, aber gemeinsam sind sie auch stark.“

WIR TÖCHTER ist archaisch, brutal, nachdenklich, abgeklärt, nostalgisch, hoffnungslos … und bevor ich nun noch mehr Adjektive bemühe: Was hast Du beim Schreiben des Romans verstanden, was Dir vorher noch nicht so klar war?
Oliwia Hälterlein: „Wie wir alle habe ich klassistische und sexistische Bewertung internalisiert. Damit meine ich: Auch, oder vielleicht gerade, weil ich selbst eine polnische, bäuerliche Herkunft besitze, konnte ich viele der Dinge, die ich bezeugt und erzählt bekommen habe, lange nicht so ernst nehmen, wie sie es verdienen. Obwohl ich Feministin bin, habe ich mich geschämt, manches aufzuschreiben, weil ich dachte, das sei für die Literatur nicht relevant – ‚wer will das lesen, vielleicht ist das alles ja gar nicht schlimm, nur ein aufgebauschtes Einzelschicksal …‘
Ich habe erst durch die Auseinandersetzung und Recherche in Büchern, Archiven und Interviews verstanden, dass dies alles strukturell ist und es vielen Frauen so geht, es spricht nur niemand darüber. Gerade jetzt heißt es oft: ‚Das hat sich zum Glück alles verändert, das ist lange her, ach, das war in Polen, hier bei uns werden Frauen nicht so behandelt.‘ Aber Vorsicht: Welche Frauenbilder propagiert gerade die gegenwärtige Politik? Hat sich wirklich so viel verändert?“

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Ich habe dieses Interview aus Neugier geführt und aus Begeisterung für das Buch, das ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Es handelt sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung.
Oliwia Hälterein: WIR TÖCHTER. C.H. Beck, 2026


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