Tragisch, bewegend – und dabei durchdrungen von wohltuender Luftigkeit: Rabea Edel erzählt in PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN mit dem Talent für den großem Atem über vier Generationen einer Familie.

„So, wie meine Mutter einen möglichst großen Haufen aus Decken brauchte, um nachts im unbeheizten Schlafzimmer die Nacht zu überleben […] oder zwischen die herumschwirrenden Namen zu geraten, die versuchten, zurück zu den Menschen zu gelangen, zu denen sie gehörten. Dass es die Menschen nicht mehr gab, wussten sie nicht. Sie flogen kreuz und quer durch das Zimmer und durch das gekippte Fenster hinein und hinaus, und ab und zu stellte ich mir vor, wie sie in der Dunkelheit leuchteten und als Schwarm über unserem Haus schwebten, Figuren aus Licht formten und dann am Morgen verschwanden.“

Der Vater hat (s)eine Schuldigkeit getan, die Mutter ist allein mit dem Kind. Was hält sie an dem Ort, an dem sie schon zu lange eine bleierne Schwere fühlt? Also schnallt sie sich ihre Tochter vor die Brust und bucht das erste von vielen Tickets, um auf Wanderschaft zu gehen; um viele Jahre lang in verschiedenen Fernen zu leben, deren Sprachen sie nicht beherrscht. Was ihr dabei aber vor allem fehlt: die richtigen Worte, um über ihre eigene Geschichte zu sprechen, die ihrer Mutter, der Groß- und Urgroßmutter. Und damit … sind wir mittendrin im titelgebenden PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man diesen Roman ein Kunstwerk nennt – denn wie Rabea Edel über vier Generationen einer Familie schreibt und über das Unglück (oder gelegentliche Glück, auch wenn es von kurzer Dauer ist) der Männer und Frauen, die im erweiterten Stammbaum der Erzählerin Raisa eine Rolle spielen, kann uns gefangen nehmen: wie ein Großformat, auf dem wir immer mehr Details entdecken, und wie eine Miniatur, in der ein einzelner Pinselstrich stellvertretend steht für vieles, was nicht ausgeführt wird.

„Es gab Dinge, die unsagbar bleiben sollten, weil das Aussprechen sie real werden ließ. Ein Leben konnte kaputt erzählt werden. Aber es konnte auch gesund erzählt werden, im Sinne von: Ich spreche aus. Ich benenne Menschen, Orte, Ereignisse. Ich gebe ihnen eine Bedeutung.“, lässt die Autorin eine Figur erkennen, und uns Lesende noch dazu. „Hätte die Liebe sie nicht alle schützen sollen? Seine Liebe für die Frau, der er nie gesagt hatte, dass er sie liebte. […] Die Liebe für seinen Freund, wenn sie im Gras hinter dem Haus lagen und stumm miteinander endlose Gespräche führten. […] Und viele weitere Lieben, große und kleine. Die, von denen erzählt werden konnte. Und die, von denen niemand je erfahren würde.“

Ein Schatz aus Edelsteinen bestehen – oder aus hervorragend zurechtgeschliffenen Figuren

Man möchte viel erzählen über all diese Figuren: Über Dina, deren Mann Carl nur selten nach Hause kommt, weil er auf See und in der Ferne ein anderes Glück gefunden hat; über ihre Tochter Selma, die wir ins Herz schließen, weil sie so sehr lieben kann, bevor sie es verlernt – was uns fast so sehr schmerzt wie ihre Tochter Martha, die später Raisa zur Welt bringen wird, mit der dieser Roman beginnt und endet.

In PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN werden Schlangen mit den Händen gefangen und Kinder geboren, die nur für kurze Zeit leben; es wird viel geschwiegen, anderes bleibt ungehört, und immer wieder wird auch gesprochen, ohne dass dafür ein Wort gebraucht wird. Koffer werden gepackt und unter Betten geschoben, in jeder Generation. Die Begrenzung zweier Grundstücke wird zur Klagemauer und zum Offenbarungsort, es werden Briefe gewaschen, es wird gestorben, reichlich sogar, bei Unfällen oder an Orten und zu Zeiten, die nicht erwähnt werden, aber ihren Beitrag zur Handlung haben.

Über allem schwebt die Frage: Kann man Unglück vererben – und was ist das überhaupt, Glück? Ein Nebensatz (zumindest denke ich Leser von geringem Verstand, dass es einer ist) lautet:

„Durch die Brillengläser sah die Welt, die Mat sah, an den Rändern verbogen aus. Ich probierte sie manchmal auf, und jedes Mal wurde mir schwindelig.“

Rabea Edel spielt damit, wie unterschiedliche alles sein kann, wenn man einen anderen Blickwinkel einnimmt – und der Schwindel, den Raisa empfindet, wenn sie durch die Brille ihres Freundes Mat schaut, kann auch uns Lesende immer wieder erfassen: Die Autorin springt durch die Generationen und Jahrhunderte, ist mal in der weiten Vergangenheit, dann wieder in unserer Gegenwart oder irgendwo dazwischen.

Rabea Edel ist eine Autorin, die alle Lesenden für sich entdecken sollten, für die sich eine gewisse Süffigkeit und literarisches Gewicht nicht ausschließen

PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN ist kein Buch für ungeübte Leser*innen – man muss sich mit Ruhe auf die Geschichte einlassen, die mich ob ihres Schwungs und der Sogwirkung sowohl an die Bestseller von Alena Schröder als auch die Schullektüre HEIMSUCHUNG von Jenny Erpenbeck denken lässt, auch wenn der Roman von Rabea Edel eine Klasse für sich ist. Und wie erwähnt: ein Kunstwerk. Was aber auch bedeuten kann, dass nicht jedes Detail perfekt gelungen sein muss, um das große Ganze zu einem Erlebnis zu machen; obwohl ich mich in diesen 386 Seiten auf herrlichste verlieren konnte, hat die Autorin es meiner Meinung nach auch getan – ob es den Tisch, der eine Bedeutung für Jakob hat, und überhaupt seine Gegenwart in New York in allen Details gebraucht hätte, sei ebenso dahingestellt wie die Notwendigkeit manches sprachlichen Schlenkers.

Vor allem aber hat Rabea Edel das Talent für den großen Atem, für die besondere Magie, der wir in Texten begegnen, wenn sie uns auf zwei Ebenen begeistern: der, die wir auf der Buchstabenebene lesen, und jener, die sich dahinter verbirgt. Um nur ein willkürliches, von mir geliebtes Beispiel zu zitieren, in dem sich auch zeigt, wie fließend Edel viele Übergänge gestaltet:

„Die Briefreste verteilten sich im Garten. Einige flatterten noch Wochen später in den Brombeerranken. Vereinzelt fanden Jakob und Meta, wenn sie das Gemüsebeet umgruben, Zettel zwischen den Erdballen, die sie zurück in den Boden steckten. Ab und zu kaute Meta auf einem Buchstaben aus Papier, den weder Wind noch Regen gelöscht hatte und der sich in den Hefeteig verirrt hatte, den sie donnerstagabends vorbereitete und freitagmorgens flocht. Sie schluckte ihn so selbstverständlich hinunter, wie sie die Hände vors Gesicht hielt, wenn sie die Kerzen anzündete und den Segen sprach.“

Wie Rabea Edel in PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN über viel Dunkles und manches Helle schreibt, ist ein Erlebnis

Vieles, vielleicht sogar alles in PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN, hat eine große Schwere, und natürlich böte es sich an, hier einzubauen, dass Rabea Edel das Kunststück beherrscht, darüber mit großer Leichtigkeit zu schreiben. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es leicht sein könnte, so eine Geschichte in so einem Buch auf so eine Art zu erzählen. Und doch hat der Roman bei allem Traurigen und Scharfkantigen immer auch eine besondere Art von … nennen wir es: Luftigkeit.

Obwohl ich an keiner Stelle tatsächlich weinen musste, war ich fast durchgehend maximal gerührt, weil nachhallend berührt – und habe heimlich, still und leise gejubelt, wenn ich mich durch Sätze wie diesen reich beschenkt fühlte:

„Als Jakob an diesem Abend unter die zwei Decken kroch und sich auf die Seite legte, hatte er zum ersten Mal seit mehreren hundert Jahren keine Angst mehr vor dem Schlaf.“

Um kurz bei dieser Figur zu bleiben, obwohl es vor allem die Frauen sind, die in PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN im Mittelpunkt stehen: Dem Text vorangestellt sind die beiden Sätze „Jakob steht im Feld und sah zu Selma hinüber. Seit mehr als sechzig Jahren“. Natürlich versteht man sie erst, wenn man das Buch liest, aber hier zeigt sich schon der Zauber von Rabea Edels Geschichte. Die, wie man der vielleicht unnützen Seite am Ende des Buchs entnehmen kann, zum Teil auf wahren Begebenheiten beruht und von der Autorin in einem Interview als Hommage an ihre Mutter bezeichnet wurde. Von einem autofiktionalen Buch muss man vielleicht nicht sprechen? Vermutlich gilt vor allem, was sich in dieser Szene andeutet:

„Die Wanderjahre waren eine Abfolge bunter Tage, auf denen niemand uns begleitete, außer meinem Vater, der als Schatten hinter uns herlief und manchmal schon in einem der Zimmer auf uns wartete. An solchen Tagen konnte es passieren, dass meine Mutter einfach mitten im Satz verstummte. Dann überlegte ich mir ein Ende, das nur mir gehörte, und erzählte es ihr nicht.“

Wir können dankbar sein, dass die erfundene Raisa und die reale Rabea uns nun an all dem teilhaben lassen.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

Rabea Edel: PORTRAIT MEINER MUTTER MIT GEISTERN. C.H. Beck, 2025