Meike Winnemuth war auf Weltreise. Jetzt entdeckt sie die Freude der heimischen Scholle – und schreibt darüber in BIN IM GARTEN.
„Erfahrung hilft, aber sie kann auch blind machen. Auch nach 25 Jahren muss man immer wieder an das Einmaleins erinnert werden, das ich gerade mühsam lerne: hingucken, aufmerksam sein, nichts für selbstverständlich halten. Manchmal muss man Erfahrungen auch einfach wieder verlernen.“
Ach, dachte ich, ein Gartenbuch. Und: Schade eigentlich, denn wenn mich eins nicht interessiert, dann ein Gartenbuch, nicht mal von einer Autorin, die ich toll finde. Zum Glück hat eine Freundin mir das Buch trotzdem in die Hand gedrückt, denn Meike Winnemuth erzählt zwar von Blumen und Gemüse, von Bodenqualitäten und Baggereinsätzen – aber BIN IM GARTEN ist weit mehr als nur ein Buch über die Hege und Pflege von Grünbereichen.
Es gibt sicher viele kluge Erklärungsansätze, was das Phänomen Winnemuth ausmacht, und warum ich – wie so viele andere – ihr begeistert folgen, ganz egal, ob sie in ihren Reportagen, Kolumnen und Büchern zum Schönheitschirurg ging oder in den Swingerclub, nur noch ein blaues Kleid trug, sich ein Jahr auf Weltreise begab, dann doch nicht deutsche Städte gefühlskartografierte … oder nun eben Hochbeete baut. Vielleicht ist es der klare, unaufgeregte Stil, der Komplexes leicht und Schwebendes handfest macht? Ihr Humor, der viele Facetten hat? Vielleicht ist es die Tatsache, dass Meike Winnemuth stets sehr persönlich ist, ohne jemals intim zu werden. Oder das, was ich als Grundeinstellung wahrnehme: Meike Winnemuth geht mit dem klaren Verstand einer starken, gebildeten und lebenserfahrenen Frau durch die Welt, die sie mit unstillbarer Neugier und ohne jede erkennbare Scheu betrachtet. Mehr noch: an sich heranlässt. Und heranzieht. Getreu ihrem Motto: MACHEN! MACHEN! MACHEN!
Meike Werkmeister versteht ihr journalistisches Handwerk und hat das besondere Talent, die Früchte ihres Entdeckerinnendrangs so mundgerecht zu servieren, dass man gar nicht anders kann, als im Alltag innezuhalten, den Teller zu sich heranzuziehen und zu genießen. Mal kürzer, Stichwort Kolumnen, mal länger, siehe: BIN IM GARTEN. (Ich habe übrigens keinen, ich will auch keinen. Aber umso mehr erfreue ich mich immer wieder daran, dass der Natur das schnurz ist und sie sich immer ihren Weg bahnt, siehe Begleitfoto.)
Weit mehr als nur ein How to-Buch oder eine Liebeserklärung an Stauden
In BIN IM GARTEN erzählt Meike Winnemuth – bei der ich stets versucht bin, „die Winnemuth“ zu sagen, „die“ wie in „die Dietrich“, „die Knef“ und „die Kanzlerin“ – in zwölf Kapiteln von ihrem Jahr im Garten. Wir erfahren tatsächlich viel über verschiedene Pflanzen (die ich allesamt gegoogelt habe) und deren Aufzucht, über britische Gartensendungen und Abwehrrezepte gegen Schnecken. Wir sind dabei, wenn sie sich über ein fahrbares Gewächshaus freut und über die ersten selbstgeernteten Radieschen, und mehr als einmal drängte sich mir beim Lesen der Gedanke auf: „Das ist alles herrlich, plätschert wunderbar entspannt und vor allem entspannend dahin … und ist irgendwie doch vollkommen belanglos?“
Auch damit hat Winnemuth mich, wie mit dem Titel des Buchs, genarrt, denn immer mehr schleicht sich doch noch etwas anderes in die Pflanzorgie: Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit, die mich sehr berührt hat (ich sage nur: Oma Ernas Glasschale!), die Rückbesinnung auf zwischenmenschliche Werte (von denen ich allerdings überzeugt bin, dass man sie nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt findet), diese Mischung aus konservativem „Das ist meine Scholle“ und absoluter Weltoffenheit. Winnemuth lesen ist deswegen immer wieder eine schöne, gar erhebende Erfahrung, weil sie sich nie über uns erhebt, sondern unseren Gedanken behutsam Türen öffnet, von denen wir manchmal selbst gar nicht wissen, dass sie da sind.
Je länger ich über das Buch und das Phänomen Winnemuth nachdenke, umso mehr Text möchte ich dieser Gedankensammlung hier hinzufügen, aber … wer will das schon? Zumal man auch kurz zusammenfassen kann: Es ist ein charmantes, liebenswertes, im positivsten Sinn verschrulltes, dabei schlaues und noch dazu vom Verlag schön ausgestattetes beziehungsweise illustriertes Buch. BIN IM GARTEN ist IN MEINEM HERZEN, und da wird es auch noch eine ganze Weile bleiben.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern von einer Freundin geliehen – und frage mich, warum ich’s mir eigentlich nicht selbst kaufe … Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Meike Winnemuth: BIN IM GARTEN. Penguin, 2019


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