In Wiebke Lorenz‘ „nüchternem“ Roman VOLL IM FALSCHEN FILM wird eine abstinente Alkoholikerin in einen Rückfall gezwungen – aber wer will ihr das antun?

„Ich war noch weit davon entfernt, besoffen zu sein, dafür hätte es reichlich mehr gebraucht. Aber ich war in diesem wundervoll beschwipsten Zustand, dem eigentlichen Grund, warum Menschen überhaupt Alkohol trinken: dieses goldene Zwischenreich zwischen ‚alles ist möglich‘ und ‚nichts tut weh‘. Das Gefühl, das so gut ist, dass man es am liebsten in Tüten abfüllen, einfrieren und portionsweise für Regentage auftauen würde. Nur, dass es beim Profitrinker nie bei diesem Schwebezustand bleibt. Das seidig-leichte High kippt irgendwann – zuverlässig wie die Müllabfuhr – in den Sturzflug. Und zwar mit Karacho.“

Einmal Hölle und zurück: Seit drei Jahren hat die Schauspielerin Nora Stern ihre Alkoholsucht im Griff und lebt abstinent. Nun steht die erste Probe für die Hauptrolle in einer Liebesschnulze an. Aber kurz davor wird Nora beim Joggen niedergeschlagen. Als sie wieder zu sich kommt, findet sie sich in einem verriegelten Partykeller wieder – und zum Trinken steht nur Hochprozentiges bereit …

Nach diesem erzwungenen viertägigen Dauerrausch kommt Nora wieder in dem Park zu sich, aus dem sie entführt wurde, und zwar mit einem Riesenproblem: Niemand darf erfahren, dass sie rückfällig geworden ist, denn das wäre das Aus für ihre Karriere und Gift für den Sorgerechtstreit mit ihrem Exmann um die gemeinsamen Kinder. Aber als wäre er informiert worden, taucht an der Nachttankstelle, bei der Nora sich zitternd Nachschub besorgen will, ein Paparazzo auf. Und die Zeiten, in denen Nora gelernt hatte, ihre Alkoholkrankheit geschickt zu verbergen, sind lange vorbei:

„Bis zu meinem totalen Absturz war ich viele Jahre lang als hybride Sonderedition [der verschiedenen Trinker-Typen] durchs Leben gerollt. Gamma im Herzen. Delta im Alltag. Epsilon in der Urlaubszeit und Beta an guten Tagen. Eine Art Trinker-Probierpaket, das man so nie im Handel findet, das Leben einem aber trotzdem gnadenlos vor die Tür stellt.“

VOLL IM FALSCHEN FILM ist ein Krimi-Hybrid, der es in sich hat

Die Journalistin Wiebke Lorenz hat über 30 Bücher veröffentlicht, darunter Psychothriller unter eigenem Namen und romantische Komödien, die unter Pseudonymen wie Anne Hertz und Charlotte Lucas zu Bestsellern wurden. Nun legt sie einen – wie es auf dem Cover heißt – „nüchternen Roman“ vor, in dem sie mit spürbarem Vergnügen Genres mischt: VOLL IM FALSCHEN FILM ist ein Kriminalroman, trotz der Abwärtsspirale der Protagonistin noch dazu ein sehr humorvoller; mit dem Drehbuchautor David schickt die Autorin einen sympathischen Love Interest ins Rennen, und vor allem ermöglicht sie Nichtbetroffenen Einblicke in ein Krankheitsbild, das immer noch stigmatisiert ist – denn Nora bekommt sowohl von ihrem Ex und dessen neuer Freundin als auch von einem Arzt verbale Tritte verpasst.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Grundgesetz – und Wiebke Lorenz setzt hinterher: „Auch die des Besoffenen.“ Sie spricht offen darüber, dass sie selbst Betroffene ist; in einem Interview hat sie den schlauen Satz gesagt, dass der Unterschied zwischen einem „normalen“ Trinker und einem Alkoholiker oft nur Glück ist, und der hat sich ebenso tief in meinen Kopf gegraben wie der Missstand, dass die Tabuisierung dieser Suchterkrankung Frauen härter trifft als Männer: „Ein Vater, der trinkt, hat Dämonen. Saufende Mütter sind Monster.“

Das Banner zeigt rechts die Autorin Wiebke Lorenz, in der Mitte das Cover ihres Romans "Voll im falschen Film", und links ein Zitat des Autors Sebastian Fitzek: "Tiefgründig und trotz des sensiblen Themas meisterhaft humorvoll. Ich habe selten so viele unterschiedliche Emotionen beim Lesen auf einmal gespürt."

Was mir besonders gefällt, ist Wiebke Lorenz‘ Mut, aus ihrer Hauptfigur keine Lichtgestalt zu machen, die versehentlich zur falschen Zeit am falschen Ort ist und es uns Lesenden leicht macht, sie ins Herz zu schließen. Stattdessen arbeitet die Autorin deutlich heraus, dass die Grenze zwischen Opfer und Täter fließend sein kann, dass Nora die Hilfe einer lebensklugen (und ebenfalls alkoholversehrten) Freundin vielleicht gar nicht verdient:

„Ich hörte Renate zu. Und schämte mich. Weil ich das alles schon wusste, von damals, aus der Gruppe, aus unseren Gesprächen unter vier Augen. Aber ich hatte es vergessen, zumindest Teile davon. Vergraben unter meinem eigenen Mist, als wäre nur Platz für ein Elend, und das musste natürlich meins sein.“

Natürlich folgt VOLL IM FALSCHEN FILM der Logik eines Kriminalromans: Nora muss unter Zeitdruck – und mit reichlich Schlagseite – herausfinden, wer sie in dieses grausame Spiel verwickelt hat. Geschickt baut Wiebke Lorenz falsche Fährten in die Handlung, wirft ihrer sowieso nicht ganz trittsicheren Nora diverse Knüppel zwischen die Füße. Macht es sich der Entertainment-Vollprofi Lorenz bei der ein oder anderen Wendung etwas leicht? Ja, durchaus. Aber vielleicht kann man deswegen so entspannt durch die Seiten 348 Seiten fliegen, die noch dazu anregen, die eigenen Trinkgewohnheiten zu hinterfragen.

„Ich habe selten so viele unterschiedliche Emotionen beim Lesen auf einmal gespürt“, lässt sich Sebastian Fitzek im Rückseitentext des Buchs zitieren. Und wer nun sagt, dass ihn das Thema interessiert, aber nicht in Form eines schwarzhumorigen Kriminalromans, der sollte sich SUCHT UND VORURTEIL merken: In diesem Sachbuch schreibt Wiebke Lorenz gemeinsam mit Carolin Schürmann über das Trinken, das Nicht-Trinken und alles dazwischen.

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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.

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Wiebke Lorenz: VOLL IM FALSCHEN FILM. Ein nüchterner Roman. Pendragon, 2026

Bei der Abbildung handelt es sich um den Umschlag des humorvollen Kriminalromans "Voll im falschen Film" von Wiebke Lorenz, erschienen im Pendragon-Verlag.