In seinem 1965 erstmal veröffentlichten Roman ZWEI MENSCHEN erzählt der US-amerikanische Autor Donald Windham (1920–2010) von einer Beziehung jenseits aller Konventionen vor der prachtvollen Kulisse Roms.
„Selbst auf Italienisch antwortete der Junge nur auf Fragen. Er fragte nicht, wie lange Forrest schon in Rom, ob er verheiratet oder alleinstehend, in einer Wohnung oder einem Hotel untergebracht oder Amerikaner oder Engländer sei – keine der mediterranen Fragen. Und er beantwortete Forrests Nachfragen mit der knappen Präzision eines Kindes, das einen Katechismus hersagt. Sein Name war Marcello. Er war siebzehn. Er hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Er wohnte in Monte Mario.“
Italien ist immer eine Reise wert: Das galt nach Ende des zweiten Weltkriegs auch für amerikanische Schriftsteller wie Tennessee Williams, Gore Vidal, Truman Capote – und Donald Windham. Anders als seine berühmten Freunde ist er in Vergessenheit geraten, obwohl sogar Thomas Mann von seinem Roman DOG STAR angetan war, den einige Kritikern sogar als den „besseren“ FÄNGER IM ROGGEN bezeichneten.
In ZWEI MENSCHEN, erstmals 1965 veröffentlicht, erzählt Donald Windham von Forrest, der nach einer Italienreise nicht mit seiner Frau in die USA zurückkehrt: Er will in Rom ein Buch über Giordano Bruno schreiben, der hier 1600 auf dem Scheiterhaufen starb, weil er nicht bereit war, sich dem christlichen Dogma zu unterwerfen. – Forrest selbst muss keinen Flammentod fürchten – aber ist er bereit, in sein unfreies Leben zurückzukehren?
„Er spürte im Geräusch ihrer Schritte auf dem Terrazzoboden schon die Leere, die er von den wahllosen Bekanntschaften seiner frühen New Yorker Tage her kannte“, heißt es über seine heimliche Vorliebe für Männer,„als er sich so schnell wieder allein befunden hatte, dass er anschließend nicht mehr an die kurz aufeinanderfolgenden Umarmungen glauben konnte, die Einsamkeit von Einsamkeit trennten.“
Sexarbeit – oder geteiltes Verlangen?
Als Forrest an der Spanischen Treppe Marcello begegnet, scheint dies einem üblichen Muster zu folgen – hier treffen junge Römer auf Ausländer, die bereit sind, für Sex zu bezahlen; später erfahren wir, dass der Preis dafür bei 5.000 Lire liegen konnte, was heute 100 Euro entspricht und damals in Italien ein kleines Vermögen war. Aber Marcello verlangt kein Geld, und er entspricht auch sonst nicht dem Klischee des Strichers aus armen Verhältnissen, der keine andere Möglichkeit hat, Geld zu verdienen. Auf die Frage, wie oft er zum Cruisen geht, antwortet er nur mit einem vagen „Ab und zu“ – und auf die, wann er damit angefangen hat, gar nicht:
„Marcello hatte seinen Blick ohne ein Blinzeln erwidert, und Forrest hatte gedacht, dass er seine Antwort vorbereiten würde. Dann war ihm klargeworden, dass der Junge so wenig vorhatte, ihm zu sagen, was er wissen wollte, wie einer der umstehenden Bäume vorhatte, einen Schritt auf ihn zu zu machen.“
ZWEI MENSCHEN ist ein Roman, der es schafft, sowohl in seiner Handlungszeit verwurzelt zu sein – also den 50er Jahren –, als auch in der Zeit seiner Erstveröffentlichung. Und noch dazu wirkt er immer wieder erstaunlich modern, weil sich Marcello Zuschreibungen entzieht: Er schläft mit Forrest, fühlt sich ihm nah, verliebt sich aber gleichzeitig in die schöne Ninì – und lebt beides aus, ohne dass von Bisexualität gesprochen werden müsste:
„Als Marcello an diesem Sonntagnachmittag mit Ninì sprach, fühlte er, dass er zukünftig nichts mehr machen wollte, von dem er ihr nicht erzählen konnte, und er war froh, dass er den Geschäftsinhaber in der vorigen Nacht abgewiesen hatte. Über Forrest kannte Ninì bereits eine annehmbare Geschichte, also wäre es in Ordnung, wenn er Forrest weiter treffen würde. Forrest stand sowieso nicht in Konkurrenz zu seinen Gefühlen für Ninì. Es würde lange dauern, bis sie richtig miteinander schlafen konnten; seine Freundschaft zu Forrest würde alles besser machen.“
Obwohl davon auszugehen ist, dass Donald Winham seinen Marcello in dessen Unbeschwertheit idealisiert und an die eigenen Fantasien anpasst, liest sich die fehlende Ausdifferenzierung seiner Gefühle immer noch modern: Lange bevor „queer“ zum Sammelbegriff wurde, unter dem sich heute vieles fassen lässt, erzählt ZWEI MENSCHEN von einer Zeit, in der Kategorien wie „hetero“, „schwul“ oder „bi“ nicht zwingend oder bindend waren – auch wenn angedeutet wird, dass Marcello an der Schwelle zum Erwachsenwerden durch seine parallele Beziehung zu Forrest und Ninì durchaus in die Nähe kommt, diese Offenheit neu einzuordnen:
„Was ihn erregte, wenn er mit Forrest zusammen war, war etwas anderes; es war von den Gefühlen, die er für Ninì hatte, so weit entfernt wie die Lust, die er mit Forrest erlebte, vom Widerwillen gegen diesen Mann vom letzten Abend. Während er so im Sand lag und die Hitze der Sonne auf ihn niederbrannte, durchfuhr Marcello eine stechende neue Empfindung des Geheimnisses von Identität.“
Auch 60 Jahre nach seinem ersten Erscheinen bleibt ZWEI MENSCHEN ein spannendes Spiel mit Gegensätzen
ZWEI MENSCHEN ist keine Prostitutions-Verklärung wie IRMA LA DOUCE und kein Vorläufer von PRETTY WOMAN – und anders als in dem von vielen geliebten, von mir weniger geschätzten Roman WAS ZU DIR GEHÖRT von Garth Greenwell gibt es hier auch nicht das übliche Machtgefälle zwischen dem vermögenden US-Amerikaner, der nicht verstehen kann, dass seine Gefühle unerwidert bleiben, und dem Stricher, der seinen Körper aus finanzieller Not verkauft. Im Gegenteil: Marcello lebt mit seiner Familie an der damals gerade modern werdenden Gegend um die Piazzale Medaglie d’Oro; Donald Windham spielt so geschickt mit dem Gegensatz vom ewigen Gestern der römischen Innenstadt, in dem sich Touristen tummeln, und dem Morgen eines Viertels, das für den Aufbruch Italiens steht. Und derjenige, der seine Macht missbraucht, ist nicht Forrest, sondern Marcellos Vater.
Obwohl Donald Windham uns beide Perspektiven kennenlernen lässt, liegt der Fokus auf Forrest, für den Rom ein besonderer Sehnsuchtsort wird. „Rom ist die einzige Stadt, die sich in das verwandelt, was die Menschen in ihr sehen“, lässt der Autor eine der vielen hingetuschten Nebenfiguren sagen. Und so findet Forrest in der ewigen Stadt zwar keine Heimat, aber etwas, was mit Zugehörigkeit beschrieben werden kann:
„Das alte Rom, das er gekannt hatte, verschwand, und ein neues Rom trat an seine Stelle. Überall in der Stadt gab es Anblicke, die ihn aus der Reserve lockten, aber nicht, weil er eine Attraktion in ihnen sah, sondern einer undurchsichtigen Verbundenheit wegen, die immer wiederkehrte und auch dann noch anhielt, wenn sein Verstehen an seine Grenzen kam. Bestimmte Straßenecken, bestimmte flüchtige Blicke auf einen Park schienen eine verborgene Bedeutung zu haben und ihm zu verstehen zu geben, dass die Zeit käme, in der ihm diese enthüllt werden würde. Es waren keine berühmten Orte, es waren keine Orte, an denen er mit Marcello gewesen war, oft waren es nicht einmal Orte, die ihn beeindruckt hatten, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Aber sie behaupteten sich so beharrlich wie bestimmte Bücher in seiner Jugend, die ihm nichts gesagt hatten, aber immer wieder auftauchten, bis er sie las. Sie waren auf die gleiche Weise da wie die Bäume, die Treppengeländer und der Abfallhaufen hinter dem Haus seiner Kindheit: sie hatten keine erkennbare Bedeutung für ihn, aber er fühlte, dass sie ihn sein restliches Leben lang begleiten würden.“
Wie nah können wir uns kommen, wenn wir unterschiedliche Leben führen?
ZWEI MENSCHEN erzählt von der Suche nach Schönheit, von einem Verlangen, das für Lesende Mitte der 60er Jahre vermutlich nicht so gegenwärtig war wie heute, vom Wunsch nach Nähe, von der jugendlichen Hoffnung auf eine schöne Zukunft und dem erwachsenen Akzeptieren, dass es manchmal besser ist, in einer frischrenovierten Wohnung alles wie vorher zu finden und die Träume, die man hat, nur als solche zu betrachten – denn manches, was wir begehren, verliert den Zauber, wenn es zu real wird:
„Die ganze Zeit über, in der sie zusammen waren, war Forrest glücklich. Aber er hatte die schlimmste Nacht erlebt, nachdem sie morgens im Schwimmbad und nachmittags im Bett gewesen waren. An jenem Abend hatte er nicht mehr gewusst, wo er stand. Voller Verzweiflung war ihm klargeworden, dass es besser gewesen wäre, Marcello nur im Schwimmbad zwischen seinen Freunden zu beobachten, als mit ihm zusammen dorthin zu gehen. Er hatte Zugang zum Leben des Jungen finden wollen, aber alles, was ihm gelungen war, war, ihn ein klein wenig in sein eigenes hineinzuziehen. Dabei befand er sich außerhalb von jeder Art Leben. […] Es war, als gehörte ihm ein Meisterwerk in einer Sprache, die er nicht verstand. Als würde man ein Buch nur zur Berührung besitzen. Ein Gemälde für den Geschmack. Eine Statue für den Geruch. Zum ersten Mal verstand er einen Freund seiner Frau, der über Nacht reich und berühmt geworden war und den dieses ganze Glück auf einen ekstatischen Jammerzustand reduziert hatte. Keine Frustration ist so groß wie die Frustration, etwas zu besitzen, dessen Besitz man nicht begreifen kann.“
Liebe in vielen Schattierungen
ZWEI MENSCHEN ist kein süffiges Lesevergnügen, in das man sich hineinwirft, obwohl man das von Alexander Konrad übersetzte und vom Lilienfeld-Verlag schön ausgestattete Taschenbuch am Ende doch mit einem Gefühl von Wehmut zuklappen wird. (Fun Fact: Das Cover zeigt den Autor selbst mit seinem gleichaltrigen Lebensgefährten Sandy Campbell, 1948 in Florenz fotografiert von Tennessee Williams.) Das liegt nicht zuletzt an den Momenten, in denen man sie spürt, die schwelgerische Liebe zu der Stadt, die alles sein kann, was man in ihr finden möchte:
„Er war betrunken. Aber er sprach mit romantischer Nüchternheit zu sich selbst. Wenn er nur in Rom geboren und aufgewachsen wäre, wie glücklich würde er dann sein. Der Gedanke war so aufheiternd wie der Mond, der am Himmel stand – trieb ihm aber wieder die Tränen in die Augen. Warum war er glücklich in Rom, selbst wenn er unglücklich war? Er konnte sich vorstellen, sich umzubringen, um ein Teil der römischen Erde zu werden. Aber er wollte nicht in Rom sterben. Er wollte dort geboren sein. Und er beschloss, es in seinem nächsten Leben auch zu werden. Er würde als römischer Vogel oder Kater wiedergeboren werden. Oder nein, das konnte man sich nur schwer vorstellen, wenn man sie nicht vermenschlichte. Aber wenn Giordano Bruno recht hatte und man tiefer bewegt vom Anblick irgendeiner anderen Sache die Todesangst nicht mehr spürt, dann, vielleicht, als römischer Junge.“
Wir alle kennen Momente, in denen unser Leben wenig aufregend erscheint, alltäglich – dazu braucht es nicht das unerfüllte Verlangen, das Forrest mit Rom verbindet. Aber gegen Ende schenkt Donald Windham uns einen Gedanken, der für seine Figur wichtig ist … und den wir vielleicht alle im Herz bewahren sollten, so er da nicht sowieso schon in der einen oder anderen Formulierung lebt:
„Es ist normal, das Wunderbare zu lieben; aber wirklich wunderbar wird es erst, wenn wir das Normale lieben.“
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Donald Windham: ZWEI MENSCHEN. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Konrad. Lilienfeld, 2025.


Schreibe einen Kommentar