In ist, wer drin ist? Stefanie Sargnagel beweist, dass sie vor nichts fies ist – und bucht sich ein Ticket für das Wiener Society-Event des Jahres, den für ihr neues Buch titelgebenden OPERNBALL.
„Die Menge ist in einem Gatter eingezäunt wie das Vieh bei Auktionen, und Mief steigt aus den Fleischfalten, brennt in der Nase. Speichel spritzt durchs Licht der Scheinwerfer. Bussi Bussi. Bussi Bussi, Bussi Bussi, Bussi Bussi, Bussi Bussi, Bussi Bussi, Bussi Bussi, verhaltenes Murmeln, ansonsten ist es in der Menge ruhig. Man spricht eher mit Blicken. – Nur von außen wird am Absperrgitter gerüttelt und gescheppert, es sind die Wiener, die wie vom Wahnsinn getrieben nach den Gerüchten und den Geschichten der Mächtigen gieren, nach den Skandalen und dem Tratsch. Es herrscht eine aufgepeitschte Stimmung wie in vergangenen Jahrhunderten bei einer öffentlichen Hinrichtung, wie bei der Hetz.“
Die einen unternehmen Expeditionen ins Tierreich, die anderen buchen sich ein Ticket für den Opernball: Flankiert von ihrer Entourage aus einem Museumsführer und einer Kellnerin, die zwar keine Namen, aber zur Handlung beitragen, macht die preisgekrönte Schriftstellerin und Cartoonistin Stefanie Sargnargel sich auf, das Fürchten zu lernen (möglicherweise auch zu lehren, wer will das schon so genau auseinanderhalten) – und davon erzählt sie in OPERNBALL auf 78 Seiten, die es in sich haben.
Wer schön sein will, muss leiden: Das lyrische Ich der Autorin gibt alles, um sich vom Ungetüm in etwas Schwanenähnliches zu verwandeln – da wird nach eigenen Angaben gemeißelt, gespritzt, gestreckt und lackiert:
„Aus dem Spiegel blickte mich eine Wikingerin an, eine Walküre. Eine dramatische Matrone, eine Oligarchenwitwe, die Nichte eines Ölmillionärs, die Schwester eines Kriegsverbrechers auf einer serbischen Hochzeit.“
Anders als Cinderella reist Stefanie Sargnagel nicht mit der Kutsche an – und auch sonst ist OPERNBALL kein Disney-Märchen …
Schon sind wir mittendrin im Getümmel des Einlassbereich. Dort kennen alle ihren Wert – schließlich sind sie hier, werden beobachtet und bewundert. Dass diejenigen, die all das Glänzen und Strahlen und mühsam in Form Gebrachte begaffen, sich manchmal fragen, wer das sein mag (und ob’s ein „was“ ist, wie ein Kellner, oder ein „wer“, wie ein Promi) zählt nicht. Denn: „Wer eine Karte hat, gehört dazu.“ Was stört es da schon, dass man für die 350 Euro, die das einfache Ticket kostet, keinen Live-Blick auf die prachtvolle Eröffnung hat und mit einem der zahlreichen Bildschirme Vorlieb nehmen muss …
Es ist ein herrliches Vergnügen, wie staunend und gallig Stefanie Sargnagel von all dem erzählt. Dass ich Begriffe wie Schastrommel, Karneulle und Schasi Blasi unbedingt in meinen hochdeutschen Wortschatz aufnehmen will, ist dabei nur ein Teil ihres Bildungsauftrags, mit dem die Autorin diesen aus der Zeit gefallenen Jahrmarkt der Eitelkeiten seziert:
„Die Damen sind prächtig wie Blumensträuße, die Herren sind schlicht und gleich, denn ihre Bedeutung offenbart sich durch ihr Tun. Die Orden bezeugen die Leistungen, die Ehre hängt prominent am Hemd. Die Dame trägt keinen Orden, die Dame ist der Orden, sie glänzt und stellt das Vermögen des Mannes zur Schau.“
Unter anderem treten auf: ein bekannter Zauberkünstler und ein koksender Gastronom, DJ Ötzi und Politikprominenz, die der geneigte EXCLUSIV-Connaisseur (= ich) schnell googlen musste, sowie der Künstler Erwin Wurm, der sich nur von seiner Frau fotografieren lassen möchte. Überall ist der Blick erhaben gehoben, die Hälse sind gestreckt, ein FPÖ-Politiker bekommt eine Erektion und diverse Damen verlieren Seidentücher, Halsketten und Ohrläppchen an die bereits erwähnte Kellnerin, die frei nach dem Robin Hood’schen Motto von den Reichen nimmt, ohne notwendigerweise etwas an die Armen verteilen zu wollen.
Es beginnt ganz normal, aber so wird’s nicht bleiben
Ein Türsteher verteidigt die Sphäre der Angestellten, ein wohlstandsübersättigter Rebell hat viel zu proklamieren, und nachdem Frau Sargnagel einen Ausflug in die Unterwelt unternimmt, um die andere Seite des Märchens zu bewundern, wird es dann zum Klang der Fledermaus-Quadrille richtig enthemmt – schließlich ist bisher noch viel zu wenig Blut geflossen …
Bevor Stefanie Sargnagel ihrem inneren Tarantino Tür und Tor öffnet, führt sie uns schwungvoll allerlei Inszenierungen vor:
„Nadja Swarovski organisiert heuer zum ersten Mal den Opernball mit. In Porträts wird sie als Kämpfernatur beschrieben, jemand, der sich hocharbeiten musste in den Firmenvorstand des milliardenschweren Familienbetriebs. Jemand, der es nicht leicht hatte. Nämlich schwer. Sie musste erst ihren Weg finden. Statt im Konzern sofort eine Führungsposition zu bekommen, musste sie Praktika machen, unter anderem im Auktionshaus Sotheby’s in London. Ganz unten anfangen.“
Ist das Wogen der Menschen im Walzertakt wirklich so beschwingt, wie man es sich vorstellt?
„Auf dem Opernball zu sein, ist weniger dynamisch, als es die Zusammenfassung im Fernsehen erscheinen lässt. Die Menschen, die vor der Kamera plötzlich aufblühen und sich wirbelnd inszenieren, stehen den Rest der Zeit wie auf Standby bewegungslos im Raum, sie lümmeln in ihren Logen, flüstern, starren ins Leere. Kaum taucht aber eine Journalistin von ORF, Krone oder 024 auf, werden sie aktiviert, wirken sie heiter, ja euphorisch.“
Und zwischendurch wird’s eklig – auch wenn ich Leser von geringem Verstand durchaus ein wenig vor Vergnügen quietsche:
„Die starren Mädchen tragen blütenweiße Kleider, die steifen Buben ebensolche Hemden. Über das reine Weiß sind goldene Sprenkel verteilt von den bei abrupten Drehungen platzenden Eiterwimmerln der pubertierenden Tanzpartner.“
Man leidet doch an und für so viel im Leben – warum also nicht auch für die eine oder andere Art von Kunst?
Was mir am Sargnagel’schen OPERNBALL gut gefällt ist natürlich der Spott, das Lachen, das Vorführen derjenigen, die dafür leben, sich selbst zu inszenieren. Zartbesaitete wird das vielleicht weniger amüsieren, aber für meinen Geschmack tariert die Autorin das Kuriose und Skurrile, das Wahre und das Übersteigerte sehr gut aus – und hat zwischendurch auch schöne Gedanken, die man festhalten möchte. „Die Magie entsteht, indem Schmerz in Schönheit verwandelt wird“, schreibt sie über das, was die Elev*innen des schmetterlingsgeschmückten Kinderballetts aushalten müssen, aber natürlich auch stellvertretend für das gesamte Ereignis: „Qual in Wohlgefallen.“
Und ist da wirklich nur Abscheu für Walzertraum und gekauften Glamour? Frau Sargnagel, die Protagonistin, und Stefanie Sargnagel, die gallige Autorin, werden dazu sicher ihre eigenen Antworten haben – ich habe OPERNBALL auch deswegen gerne gelesen, weil ich mich durchaus wiederfinde in diesem Zitat vom Anfang des Textes:
„Die einzige Autorität, die das Volk über die Opernballgäste hat, ist das Gaffen. Deshalb sammeln sie sich vor dem Opernhaus und starren und schauen und sprechen ihr Urteil. Welcher Minister ist noch mehr auseinandergegangen, welches Gesicht zerfällt Jahr für Jahr, welches wird hingegen glatter, ja, wer hat sich denn operieren lassen und wer das schönste Dekolleté, wer hat sich getrennt, wer ist vom Chefsessel gestoßen worden, wer traut sich nicht mehr kommen, mit wem ist sie hier, wer ist der Neue und welches Kleid eine Blamage? Spott, Hohn, Tratsch, doch unter allem auch hingebungsvolle Bewunderung.“
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten – beziehungsweise, wer es ganz genau wissen will: Meine wunderbare Lektorin hat mir den schmalen Band geschickt. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Stefanie Sargnagel: OPERNBALL. Rowohlt Hundert Augen, 2026


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