Es gibt Bücher, von denen man erst nach dem Lesen merkt, wie man sie gebraucht hat – und dazu gehört ETWAS LEICHTES von Eva Lohmann: ein Sommerbuch für alle Jahreszeiten!
„Es war ein kurzer, aber einsamer Augenblick für Leo. Sie sah auf den leicht sauber zu haltenden Flurboden und musste an den Moment denken, an dem ihr Vater sie vor vielen Jahren zum Altar geführt hatte. Brautübergabe. Jetzt war der Tag gekommen, an dem sie Jakob weitergab.“
Nach fünfzehn Jahren ist Leos Ehe zu Ende – aber, und das ist ihr wichtig: nicht gescheitert. Es war eine gute Zeit, und jetzt, mit Anfang vierzig, kann und soll für sie und ihren Ex-Mann eine neue losgehen. Für Jakob mit schwangerer Freundin, für Leo mit Sex (in Form des reizenden, durchentspannten Gemüsehändlers), App (zwecks Partnersichtung) und Frederic, einem Kaninchen (Deutsche Riesenschecke, selbstbewusst und zutraulich).
ETWAS LEICHTES von Eva Lohmann setzt die positive Stimmung des Titels auf 238 Seiten hervorragend in Szene. Dass mein Herz Leo sehr schnell zuflog, liegt an der Grundentspannung, die sie von Anfang an ausstrahlt („Was die Mahlzeiten anging, lebte sie ein Leben zwischen Pippi Langstrumpf und Bas Kast.“) und ihrem ungewöhnlichen Hobby, das ich hier natürlich nicht verrate. Wohl aber, dass neben dem bereits erwähnten Gemüsehändler und einer neuen, lebensklugen Freundin auch noch ein paar andere Figuren durch Leos Leben und diesen Roman purzeln, mit denen man gerne Zeit verbringt. Und zwischendurch schenkt mir die Autorin immer wieder ein Lächeln – wenn sie zum Beispiel die Frage stellt, ob Männer, die im Internet auf die Jagd gehen, letztendlich auch nichts anderes sind als Felltiere, die nicht mehr in die Planung ihrer vormaligen Aufsichtspersonen passen:
„All diese Männer Mitte vierzig hatten ein Leben vor der App gehabt. Irgendwann und irgendwo waren sie geliebt worden. Gefüttert, gestreichelt, umsorgt. Dann hatte sich die Situation verändert, warum auch immer – und jemand hatte beschlossen, sie auf einem Parkplatz auszusetzen.“
Eine Autorin, die weiß, wie sie uns Lesende in eine Geschichte zieht, in der wir uns zuhause fühlen
Eva Lohmann erzählt mit lakonischer Eleganz von einer Frau, die auf der Suche ist – ohne Eile, ohne dramatische Fallhöhe oder dräuende Regenwolken. Das ist angesichts der vielen Romane, die wir sonst lesen und in denen große Räder gedreht werden (oder werden sollen), ein besonderes Vergnügen: ETWAS LEICHTES eben!

Die Autorin bedient sich diesmal eines erzählerischen Elements, das mich auch Wochen nach dem Lesen noch mit Freude erfüllt: Am Ende der Kapitel erfahren wir in kurzen, kursiv gesetzten Abbindern, wie sich die jeweilige Situation nicht für Leo, sondern die Menschen in ihrer Umgebung anfühlt. Das ist amüsant oder melancholisch, immer lebensnah, durchaus bitter … und einfach richtig gut.
Ein moderner deutscher Unterhaltungsroman kommt kaum noch aus ohne das Thema Klassismus, und so erfahren wir, dass es sich für Leo seltsam anfühlt, in einem teuren Feinkostgeschäft zu sitzen mit einem Mann, dem Geld egal sein kann, weil er sehr viel davon hat. Während Lohmann sonst mit dem feinen Pinsel arbeitet, holt sie hier die Anstreichrolle heraus, was aber nur eine Randnotiz ist, sowohl im Buch als auch in dieser Gedankensammlung.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass ich mich über die latente Altersdiskriminierung amüsiert habe, wenn ein Mann von 50 Jahren – also kurz vor scheintot? – Krabben für ein vegetarisches Essen hält und Torschlusspanik empfindet; der geschätzten Autorin sei anvertraut, dass man auch mit über (!) Mitte (!!!) Fünfzig noch mit offenen Augen durchs Leben gehen kann …
Die Vorgänger waren sehr gut – aber der neue Roman von Eva Lohmann ist besser
Eva Lohmann hat sich mit ihren Romanen DAS LEISE PLATZEN UNSERER TRÄUME und WIE DU MICH ANSIEHST eine treue Leserschaft verdient – dass diese möglicherweise noch überschaubar ist, verwundert, wenn man sieht, dass vergleichbare Titel den Sprung auf die Bestsellerlisten schaffen. Wie PINA FÄLLT AUS von Vera Zischke und GUTEN MORGEN, SCHÖNES WETTER HEUTE von Tanja Kokoska ist auch ETWAS LEICHTES ein Roman, der zeigt, wie wichtig es ist, Menschen in sein Leben zu lassen, mit denen man zunächst nicht rechnet, und welches Geschenk offene Armen, Freundschaft und Solidarität sind.
Ist Eva Lohmann in diesem Zusammenhang die Figur der Heide ein bisschen zu ideal geraten? Ja, schon. Und will man die Autorin dafür mit Lorbeerkränzen krönen? Aber sowas von! Denn wie die beiden gerade erwähnten Erfolgsromane ist auch ETWAS LEICHTES ein Trost- und Seelenbaumelbuch der Güteklasse 1.
Zugegeben: Mit Blick auf das mir bekannte Oeuvre der Autorin bietet ETWAS LEICHTES möglicherweise die am wenigsten originelle Geschichte – und gleichzeitig ist es meiner Meinung nach Eva Lohmanns stärkstes Buch. In DAS LEISE PLATZEN UNSERER TRÄUME sind wir zwei Frauen begegnet, die denselben (aber nicht unbedingt den gleichen) Mann lieben, in WIE DU MICH ANSIEHST ging es um die Frage, ob innere Schönheit auch äußere Straffheit braucht. Große Themen, beides. Fast könnte man meinen, Lohmann hätte sich diesmal entspannt zurückgelehnt und eine „einfachere“, deswegen aber auch so herrlich entschleunigende Geschichte erzählt. Natürlich bleibt sie dabei ihrem großen Thema treu, den Beziehungen, und lässt schlaue Gedanken einfließen, die sich bei mir verhaken:
„‚Sehr gut‘, fand er. ‚Gemeinsamer Stress erhöht die Bindung.‘ Er hatte in einem früheren Leben Psychologie studiert und dann abgebrochen, erzählte Leo vom sogenannten Brückenexperiment, bei dem man in den Siebzigerjahren herausgefunden hatte, dass sich Menschen eher ineinander verlieben, wenn sie kurz vor dem Kennenlernen über eine wacklige Hängebrücke gelaufen waren. Leo wiederum erinnerte Konrads Erzählung an eine frühere Vergesellschaftungsmethode für Kaninchen: Um eine Gruppe aneinander zu gewöhnen, setzte man sie in einen Karton, den man auf dem Rücksitz eines Autos platzierte, und fuhr damit über eine besonders holprige Strecke.“
Mareike Fallwickl nennt ETWAS LEICHTES „zauberhaft“ – und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen
ETWAS LEICHTES ist ein Roman darüber, was für Rollenerwartungen Frauen an sich selbst stellen und an die Menschen in ihrem Leben; es geht um Ermüdung in Lebensmodellen und den Vorbehalten, die wir ihnen gegenüber hegen. Neben dem Tierheim, in dem Vierbeiner hoffnungsvoll auf ein besseres Leben warten, spielt auch die Frage eine Rolle, ob man sich manchmal einfach eine Auszeit nehmen muss von dem, was wir Alltag nennen. Und um Freundschaft geht es natürlich auch, und um Liebe unterschiedlicher Intensitäten, die mal so, mal so gelebt wird. Das alles ist der Autorin hervorragend gelungen, auch wenn ich der Behauptung, dass manche Paare sich nach einer langen Beziehung nichts mehr zu sagen haben, beruhigend entgegensetzen möchte, dass gemeinsam schweigen durchaus bedeuten kann, keine Worte zu brauchen.
Ganz am Anfang des Romans gibt Eva Lohmann durch dieses Zitat den Ton ihrer Geschichte vor:
„Leo schaute schnell weg. Sie wollte kein Kind, und sie wollte auch Jakob nicht mehr. Aber die Sehnsucht danach, gemeinsam mit einem anderen Menschen etwas Leichtes vor sich zu haben, die legte sich in diesem Moment neu und unerwartet über ihr Herz.“
Und ich? Lege allen ETWAS LEICHTES ans Herz, weil ich selbst nicht ahnte, welche Sehnsucht ich nach diesem Buch verspürte, das glänzend unterhält und unaufgeregt glücklich macht.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Eva Lohmann: ETWAS LEICHTES. Eisele Verlag, 2026



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