Drei Generationen, ein Roman: Oliwia Hälterlein verwebt in ihrem großartigen Roman WIR TÖCHTER die Schicksale von drei Frauengenerationen zu einem der bisher besten Bücher des Jahres.
„Keine Bravohits konnten ihrem polnischen Schmerz gerecht werden. Sie brauchte die polnischen Texte für ihre polnischen Erinnerungen und Gefühle. Die Schwere in der Musik zog sie an, die Melancholie, ein Leben voller Prüfungen, Schwierigkeiten, Leid und Kummer sie flüsterte, krächzte und schrie mit, man solle sie lieben ‚wie ein trockener Brunnen das Wasser‘. Die Lieder gaben ihr ein Vokabular für ihre Emotionen und eine Geschichte. […] Ihr Brustraum war gleichzeitig aufgerissen und verklebt und zusammengeknüllt. Sie war so wütend, wütend, wütend. Dann tanzte sie alles raus.“
Als ich den Umschlag gesehen habe, dachte ich nur „Aha“ – und nicht, dass WIR TÖCHTER von Oliwia Hälterlein für mich schnell ein Highlight im ersten Lesehalbjahr 2026 werden würde. Wer nur die Kernaussage sucht: „Perfekt für alle, die auch in DIE RIESINNEN von Hannah Häffner versunken sind.“ Wer mehr Input braucht: wir gehen rein!
Sie heißen Marianna, Róża und Waleria, sie sind Großmutter, Tochter und Enkelin. Oliwia Hälterlein folgt ihren Leben und individuellen Geschichten, die enger verknüpft sind als nur durch die Familienbande, und zeichnet so Lebensläufe zwischen gestern und heute nach, zwischen Polen und Deutschland.
Natürlich spielt auch das jeweilige Zeitgeschehen eine Rolle, ganz nebenbei – so wie sich das, was irgendwann Weltgeschichte wird, für die Menschen anfühlt, die eben nicht an der vorderen Front einer Entwicklung stehen, sondern versuchen, sich am Rande durchzuwurschteln.
Vor allem ist WIR TÖCHTER auch ein Buch über … und hier wird’s komplex und spannend: Man möchte natürlich sagen, dass Oliwia Hälterlein über Frauen schreibt, denn das tut sie. Aber konkret bedeutet es, dass es ein Buch darüber ist, was passiert, wenn Menschen in eine Rolle gedrängt werden, die von männlichen Zuschreibungen geprägt ist.
„Sie nennen uns ‚dziewucha‘ und ‚baba‘. ‚chłopczyca‘, wenn wir jung sind und sie unsere Brust mit einem Waschbrett vergleichen. ‚Herod Baba‘ schimpfen sie uns, wenn wir größer sind als sie, wenn wir breite Kreuze und Beine wie Stämme haben. Eine ‚babula‘, wenn man was von uns will. Man nennt uns ‚baba-chlop‘, wenn wir alt sind, wir den Blicken standhalten. ‚Stare pudlo‘, wenn wir für sie eine alte Schachtel sind, in die sie nichts mehr hineinstecken wollen. Sie sagen dann, der Wagen sei leichter, wenn wir hinten runterfallen.“

Passt der Umschlag zum Roman?
WIR TÖCHTER ist in drei Abschnitte unterteilt, die mit „Zukunft“, „Spinnenflug“ und „Herkunft“ überschrieben sind und jeweils von einer Art Langgedicht eingeleitet werden, mit denen die Autorin einerseits den Ton setzt für das intensive Eintauchen in die Leben ihrer Figuren, uns aber auch auf die falsche Fährte führt – denn der Roman ist neben seiner literarischen Qualität, dem selbst im Innehalten noch Fließenden, auch zupackend, konkret und … ja: süffig. Also in meiner Wahrnehmung das Gegenteil des Umschlags, dessen Motiv die Autorin selbst ausgesucht hat, aber trotzdem so kommentiert:
„Wir liegen nicht mit weißem Kleid, gelben Kopftuch und rot-blauen Korallen um den Hals auf der Weide. Wir spielen nicht verträumt mit Spinnenflugfäden. Wir dürfen nicht in die Schule, denn Tiere sind wichtiger als lesen und schreiben.“
Was noch unwichtiger für die Männer – und Gesellschaft – ist als der Schulbesuch? Die Frauen selbst, die zu arbeiten haben, zu gebären, zu gehorchen – oder die sich später, wenn sich die Handlung aus Polen nach Deutschland verlagert, dankbar zeigen sollen, anpassungswillig, auf andere Art unterwürfig. Was bleibt übrig von der Hoffnung, die mit der „frischen Fa-Seife“ aus dem Devisenshop begonnen hat … und vor allem: Sind die Anforderungen und Erwartungshaltungen an Frauen vielleicht unabhängig von Zeit und Ort immer dieselben? „Warum interessierte sich niemand für ihre Schmerzen“, schreibt die Autorin, „aber alle dafür, ob sie ein Kind bekommen wollte?“
Oliwia Hälterlein wirbelt durch Generationen, vom Dorf in die Stadt, von Polen nach Deutschland und zurück; sie collagiert die Ereignisse im Gestern und Heute, um in der Gegenüberstellung oder Verschränkung die Veränderungen zu zeigen … oder das, was anders wird, aber sich trotzdem gleicht. Dadurch ist WIR TÖCHTER nicht ganz barrierefrei, erfordert mehr Aufmerksamkeit als eine chronologisch erzählte Geschichte – und ist im beständigen Vor, Zurück, zur Seite ein Schmuckstück, das auch glänzt, wenn die Protagonistinnen keine Sonne sehen. Oder zum Beispiel hinterfragen, wohin sie gehören:
„Wenn sie dort hinfahre [nach Polen], fühle sie sich auch nicht zu Hause. Dieses Zuhause war eine Fantasie. Ihr Zuhause war jetzt, ein Zustand, und nicht ein Ort, schon gar nicht einer der Vergangenheit.“
Ein Roman wie ein enggeflochtener Zopf – über den man beständig streichen möchte, um seine Stärke und Schönheit zu spüren
In einem Moment sind wir mittendrin in den Erinnerungen ans Dorf und an das Hüten der Tiere, im anderen erleben wir das Leben in der deutschen Stadt, wo der polnischen Putzfrau Leberkässemmeln in die Hand gedrückt werden, statt sie auf Augenhöhe zu behandeln; gerade noch gruseln wir uns vor dem Kommunionsunterricht in Polen, und fühlen sofort danach den Stolz auf ein Kommunionskleid, das für den wertenden deutschen Blick überladen ist wie ein weißer Polyester-Pompom.
Heiter ist anders – und trotzdem ist WIR TÖCHTER auch ein Lesevergnügen: Oliwia Hälterlein lässt uns kurz schwelgen in den Erinnerungen an das polnische Weihnachtsfest mit seinen Traditionen, zeigt uns aber gleichzeitig die Kaltherzigkeit in Mariannas Familie, vor der sie sich in eine Ehe flüchtet, die von Anfang an wie Regen ist und als Traufe noch eine Schwiegermutter bereithält. Weiter geht es zu Różas und Walerias Erfahrungen in der polnischen und deutschen Schule, aber auch dem Glück, eine Jeans zu besitzen, die mehr Statusobjekt als Kleidung ist.
Männer spielen in WIR TÖCHTER Nebenrollen, selten positive, wenn sie gebraucht werden für eine Ehe ohne Liebe oder eine Romanze mit einem Glücksritter, der vielleicht zu großzügig ist für eine Zeit, in der die Solidarność-Bewegung vom Staat bekämpft wird.
Wird es für Oliwia Hälterleins Frauen in Deutschland leichter werden?
Natürlich geht es in WIR TÖCHTER auch um Herkunft und Klasse, um die Hoffnung auf einen Neuanfang vs. die Realität von Auffanglagern. Und vor allem schreibt Oliwia Hälterlein über das Hängen zwischen zwei Kulturen, nicht auf einer akademischen Ebene, sondern in den persönlichen Momenten, die stellvertretend sind für das große Ganze:
„Wir möchten keine polnische Frau mehr sein, wir werden ein Chamäleon. Wir lernen deutsch mit dem Fernseher, beim Putzen, bei der Ernte, bei den alten Menschen, kleinen Kindern. Wir übernehmen ihre Bruchstücke, ihre Füllwörter, sprechen ihre Hausdialekte. Wir lernen die Sprache derer, die uns bezahlen. (…) Wir lernen im Kindergarten: Zweisprachigkeit verwirre das Gehirn, bremse die Zunge, das Polnische behindere die natürliche Transformation zum deutschen Kind. Die -szewska-Endung in unseren Nachnamen überschrieben, unsere Vornamen eingedeutscht, unsere Münder in den Kindergärten zugeklebt, denn wir sprechen zu schnell und zu laut für deutsche Ohren. Wir sind ‚polka na emigracji‘.“
Fehlt jetzt noch eine Ebene? Klar! WIR TÖCHTER erzählt auch davon, wie es ist, Mutter zu werden – ohne Verklärung, ohne die tröstliche Hoffnung, die wir aus anderen Büchern kennen:
„Als sie schließlich aus dem Haus rannte und sich ins Blumenbeet übergab, das erste Mal überhaupt in ihrem Leben vor anderen Menschen, wusste sie es. Diesmal hatte es sich in ihr eingenistet, es war stark und es würde überleben. Noch bevor sie zur ‚remiza‘ ging, um sich mit den anderen Frauen zu treffen, streifte sie durch ihren Garten und besuchte ihr Püppchen Jagoda, das an dem blühenden Haselnussstrauch vor der ‚altanka‘ hing. Marianna nahm es in die Hand und flüsterte ihre tägliche Beschwörung: Bitte lass mich keine Tochter bekommen.“
WIR TÖCHTER ist ein starkes Buch, das mich immer wieder begeistert durch die 356 Seiten fliegen ließ. Oliwia Hälterlein setzt viele polnische Begriffe und Zitate, die oft nicht erklärt werden … und als Leser von geringem Verstand habe ich das Glossar am Ende des Buchs zu spät entdeckt. Gleichzeitig war gerade das auch von Vorteil, weil ich gezwungen war, mir Dinge aus dem Kontext zu erklären oder sie in einem Übersetzungsprogramm zu suchen; der Text hat mich so vor Hürden laufen lassen, die einen Eindruck davon vermitteln, wie schwer es sein muss, dem im echten Leben und in einem viel größeren Umfang ausgeliefert zu sein.
Der Sprung auf die vorderen Plätze der Bestsellerliste ist dem Roman verwehrt geblieben; umso mehr würde ich der Autorin die Longlist des Deutschen Buchpreises wünschen. Und wenn das auch nicht klappen sollte? Wisst ihr jetzt hoffentlich, was zu tun ist: Lasst euch WIR TÖCHTER nicht entgehen.
***
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Oliwia Hälterlein: WIR TÖCHTER. C.H. Beck, 2026


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