Wie wichtig ist Schönheit – und wie schnell kann sie aus unterschiedlichen Gründen zum Verhängnis werden? Dieser Frage geht die Autorin Betty Boras in ihrem Debütroman DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN nach.
„Ich schäme mich, dass ich eine schöne Tochter möchte. Ich würde lieber sagen, sie soll glücklich sein. Das will ich auch, aber ich bin mir sicher, mit der Schönheit kommt ein Teil des Glücks von selbst. Ich bin nicht oberflächlich, ich habe Philosophie studiert. Ich habe gelernt, dass ein erfülltes Leben nicht von Äußerlichkeiten abhängt. Aber ich glaube nicht daran.“
DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN ist die Art von Geschichte, über die man nicht schreiben kann, ohne Dinge über den Inhalt zu verraten, die vielleicht den Tatbestand des Spoilers erfüllen; wer auf Nummer Sicher gehen will, begnügt sich an dieser Stelle mit einem erfreuten „Beide Daumen hoch!“ als Einordnung – und liest meine Gedanken zum Roman von Betty Boras erst nach der eigenen Lektüre.
Es ist dieser eine Moment der Unachtsamkeit, der das Leben von Vio in ein Davor und ein Danach teilt: ein Unfall, bei dem ihre kleine Tochter schwere Verbrennungen im Gesicht erleidet. Ist ihre Schönheit, für die auch Vio bisher so viel Bewunderung erfahren hat, damit verloren – und bedeutet dies, dass die Kleine niemals glücklich sein wird?
Dass Glück nicht von Oberflächlichkeiten abhängen sollte, wissen wir alle – aber so einfach ist es nun einmal nicht. Das weiß Vio auch deswegen so gut, weil sie selbst schon damit kämpfen musste, gesellschaftlichen Bildern nicht zu entsprechen: Ihre Eltern sind mit ihr aus dem rumänischen Banat geflohen, als sie ein Kind war, und obwohl die Familie sich als „Donauschwaben“ immer Deutschland zugehörig gefühlt haben und die Sprache beherrschen, werden sie nicht mit offenen Armen empfangen.
Was „deutsch“ ist und „deutsch genug“, entscheiden Menschen, die denken, die Deutungshoheit zu haben …
In der Schule lernt Vio schnell, was es heißt, nicht dazu zu gehören – und dass ein Wort wie „Pfütze“ der Beweis dafür zu sein scheint, dass sie in ihrer neuen Heimat nichts verloren hat. Kinder sind grausam, aber es sind nicht nur die anderen – wenn Vio im Kreis ihrer neuen Freundinnen der geliebten Großmutter begegnet, tut sie so, als würde sie die Frau nicht sehen, deren Kleidung deutlich macht, dass sie weder Geld hat noch den „richtigen“ Geburtsort.
Wenn wir dieses Erfahrungsballast im Kopf haben, zu dem sich bald noch anderer gesellen wird, können wir besser nachvollziehen, warum die erwachsene Vio so damit hadert, dass ihre Tochter nicht mehr der Norm entspricht. „Ich tue so, als wäre das ganz normal“, denkt sie, wenn sie gemeinsam mit der Kleinen ein Lied von Pink und deren Tochter mitsingt, „eine ganz normale Mutter mit einem ganz normalen Kind.“ Zugegeben: Dieses kleine, aber eben nicht harmlose Wort hat mich das Buch fast im hohen Bogen von mir werfen lassen. Normal. Was soll das denn sein, bitte schön?
Und doch versteht man, warum Vio so denken muss – aufgrund ihrer Migrationsgeschichte, aber auch dem eigenen Schicksal, denn als Teenager musste sie ein Korsett tragen, um ihr Skoliose zu bekämpfen. „Wie sehr kann man sein Leben hassen und es doch überleben?“, schreibt Betty Boras, die mit ihrer Hauptfigur alles andere als sanft umgeht.
Zwei Generationen – zwei ganz unterschiedliche Auseinandersetzungen mit dem zentralen Thema
Besser gesagt: mit beiden Hauptfiguren, denn DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Und so finden wir uns 1760 in einem Straflager im Banat wieder, jenem Gebiet, das heute aufgeteilt ist zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn, während seiner stets wechselhaften Geschichte aber auch auf Geheiß der Habsburger (zwangs)besiedelt wurde. Hierhin wird Theresia verschleppt, die sich in den falschen Mann verliebte und dafür wie viele andere Frauen von der österreichischen Keuschheitskommission unbarmherzig verurteilt wurde – denn Wien soll „schön christlich“ bleiben …
Fast immer, wenn zwei Frauenschicksale gegenübergestellt werden – eins aus der Gegenwart, eins aus der Vergangenheit –, empfinde ich das erstgenannte als schwächer, weil es für sich genommen natürlich Gewicht hat, aber im Vergleich mit den existenziellen Bedrohungen vergangener Zeiten zu einer Ansammlung von Befindlichkeiten zu verblassen droht; wahrscheinlich würde Theresia, der so viel Gewalt angetan wird, den Kopf schütteln über die Probleme, die ihrer Nachfahrin Vio die Luft zum Atmen nehmen. Ich will das gar nicht werten, zumal ich zwar auch als Mann schon unter Schönheitsidealen gelitten habe, aber das selbstverständlich nicht vergleichbar ist mit dem Druck, der für Frauen aufgebaut wird.
Wäre DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN nur eine Abhandlung über die Fallstricke von Attraktivität, hätte der Roman mich jenseits von Theresias Schicksal nicht gefesselt. Aber Betty Boras erzählt auch vom Druck, sich ständig beweisen zu müssen, weil Zugehörigkeit eine Leihgabe sein kann, bei der jederzeit Widerruf droht. Das Thema Außenseitertum hat auf beiden Zeitebenen Gewicht, im Kleinen wie im Großen. Das angenommene Enkelkind, das geliebt wird, aber doch nicht „Omama“ sagen darf – und sein Glück darin findet, stattdessen eine „Besl Nanni“ zu haben –, hat mich ebenso sehr bewegt wie die die Schilderungen von Vios Ankommen in Deutschland:
„Für ihre Freiheit waren [meine Eltern] in ein Land gegangen, das ihre Vorfahren mehr als zweihundert Jahre vorher verlassen hatten, mit dem sie sich verbunden fühlten, in dem sie aber Fremde waren. Sie waren Aussiedler und würden es immer bleiben. Sie spürten den Rückstand zu den Hiesigen und strampelten sich ab, ihn aufzuholen, auch wenn das unmöglich war. Das, was andere über sie und ihre Tochter dachten, gab ihnen eine Antwort darauf, ob sich die Flucht, das Zurücklassen der Heimat, ob sich diese ganze Anstrengung gelohnt hatte. […] ‚Ich habe meinen Kollegen erzählt, dass meine Tochter aufs Gymnasium soll. Dass ihr Lehrer das unbedingt möchte. – Ah, hast du schlaue Tochter, haben sie gesagt.‘ Vios Vater lachte über das schlechte Deutsch seiner Kollegen, mit denen er bei Daimler am Band arbeitete. Er tat Vio leid, weil sie wusste, dass genügend andere sich über seinen Dialekt lustig machten und dass ihr Vater seinen Stolz hinter diesem Lachen verbarg.“
DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN ist die kraftvolle Visitenkarte, mit der Betty Boras der deutschen Literatur sagt: Ich bin jetzt da!
Betty Boras erzählt so ruhig und eindringlich, dass man fast meint, den dritten, vierten Roman einer erfahrenen Autorin zu lesen und kein Debüt. Sie schreibt über Hoffnung und deren Abwesenheit, über Durchhaltewillen und ein Fallen, bei dem man weiß, dass man nach dem Aufprall nicht wieder auf die Beine kommen wird; sie webt den biblischen Mythos von Deborah und Jaël in ihre Geschichte, in der wir christlichem Hass und männlicher Gewalt begegnen, aber auch einer grandiosen Nebenfigur wie Josepha (über die ich sofort einen ganzen Romanzyklus lesen möchte, bitte schön!), den Erinnerungen an einen Lindenbaum und an ein glückliches Leben, das sich für die Hauptfigur anfühlt wie ein Konjunktiv, der von der Gegenwart gefressen wird – denn Vio fühlt sich auch durch ihre Herkunft in einer Dunkelheit, in der ihr Mann sie nicht finden kann. „Eine schöne Tochter ist auch immer das Werk der Mutter“, heißt es an einer Stelle; hat sie also selbst dann, wenn ihr Kind seinen Weg trotz der Narben gehen wird, eine ihrer wichtigsten Lebensaufgaben nicht erfüllt?
Vielleicht sollte nicht unerwähnt bleiben, dass neben Vio und Theresia auch noch eine dritte Erzählebene dazukommt, die der Banater Erde selbst; das hätte so richtig in die Hose gehen können, hat mir zu meiner eigenen Verblüffung aber wirklich gut gefallen, da die Autorin so noch einmal eine ganz andere Tonlage anschlägt: Auch der Boden, der sich so dagegen wehrt, besiedelt zu werden, ist eine Mutter – so wie Vio in all ihrem Schmerz und ihrer Überforderung und wie diejenige, die Theresia nicht schützen konnte.
Es gibt jede Menge Grund für Applaus – worauf warten wir noch?
DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN ist ein Roman, der sich zu lesend lohnt – bei dem es für mich Leser von geringem Verstand allerdings wichtig war, den dadurch entstandenen Eindruck ruhen zu lassen und mich erst einige Wochen nach der Lektüre wieder mit dem Text (und diesem hier, den ihr gerade lest) zu beschäftigen. Betty Boras hat einen Roman geschrieben, der sich meiner Meinung nach sehr empfiehlt für Leseclubs, und wenn der Slogan „Deutschland liest ein Buch“ gerade doch so gut verfängt, könnte man ihn eigentlich auch auf diesen hübschen Schutzumschlag kleben. Zumal die Autorin uns auf den gerade einmal 238 Seiten immer wieder Momente schenkt, die zumindest mich unmittelbar treffen – ins Herz wegen ihrer Emotionalität, ja, aber auch aufgrund der schlauen emotionalen Konstruktion:
„Eine Woche später ist die Beerdigung. Meine Mutter und ich haben einen Eichensarg mit geschnitzten Rosenelementen gewählt. Kurz hatten wir über Lindenholz nachgedacht, aber ich glaube nicht, dass meine Oma gewollt hätte, dass eine Linde für ihren Sarg geopfert wurde. Dann lieber deutsche Eiche. Ein bisschen Deutschland darf auch für meine Oma sterben, nachdem sie so viel dafür aufgegeben hat. Den Sargdeckel wird ein Gesteck aus rosafarbenen Dahlien und weißen Gladiolen zieren, ich sehe sie noch zwischen diesen Blumen in ihrem Garten in Rumänien stehen.“
Aber man kann das wirklich auch viel kürzer fassen, wie ich es ganz am Anfang meiner Gedankensammlung getan habe: „Beide Daumen hoch“ für Betty Boras und DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEN.
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Ich habe dieses Buch nicht gekauft, sondern als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Bei meiner Rezension handelt es sich trotzdem nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Betty Boras: DAS SCHÖNSTE ALLER LEBEB. HanserBlau, 2026.


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