Die Autorin Regina Dempf fordert in ihrem neuen Essay, dass wir alle mehr REDEN MÜSSEN, und schenkt uns – mit zum Teil ruppigen Charme – schlaue Denkanstöße.
„Bemerkenswert wird oft mit bewundernswert verwechselt, und diese Bewunderung für ihr Tun hat dazu geführt, dass meine Großmutter erst in meiner Mutter und dann, brückenschlagend, in mir einen schrecklichen Drang, ihr und der Welt gefallen zu wollen, gepflanzt hat. Man wollte es ihr recht machen, man wollte gefallen, wusste nur nicht so recht, wie, weil sie ja kaum geredet hat, nicht über Gefühle, Träume. Weil nie jemand erfahren hat, wie es hinter dieser harten Schale aussah, innen drin in dieser faltigen Walnuss. – Sie war und ist nicht die einzige harte Nuss in meiner Familie. Bis heute sind wir eine Nussfamilie, alle ungeknackt. So habe ich früh gelernt, nicht zu reden, sondern zu raten. Was könnte richtig sein? Was könnte man wollen, von mir, von der Welt, vom Leben?“
Wir schreiben, lesen und reden den ganzen Tag. Zumindest denken wir das, oder? Aber es ist eine Sache, zwanzig E-Mails zu schreiben – oder einen Brief, einen Tagebucheintrag, einen Text, der seinen Sinn nicht dadurch bekommt, dass er eine offensichtliche Frage stellt oder Antwort gibt. Und lesen tun viele von uns wirklich nonstop: Digitalpost, Nachrichtenfeeds, Instagram-Captions; bleibt da noch Energie, um sich auf die Sprache eines Romans zu konzentrieren, der nicht in unserer „Comfort Zone“ liegt? Und reden, ja klar, das tun wir immerzu, wenn wir uns im Job austauschen, wenn wir hinter das allgegenwärtige „Mit Karte“ noch ein „bitte“ setzen oder am Abend kurz abgleichen: „Und, wie war dein Tag?“ – Anders ausgedrückt: Oft schreiben, lesen und reden wir so viel, dass wir vergessen, was wirklich damit gemeint ist.
Umso bereichernder und inspirierender ist es, einer klugen Frau zuhören zu dürfen, die sich ihre Gedanken zu einem dieser Themen macht – was uns nun nach der möglicherweise ausufernden Einführung schnurstracks zu Regina Denk bringt und zu ihrem Essay REDEN MÜSSEN.
Wie nähert sich Regina Denk in REDEN MÜSSEN ihrem Thema?
Die Autorin, bekannt für ihre Neo-History-Noirs DIE SCHWARZGEHERIN und DER FÄHRMANN, hat vor ihrer Verlagskarriere Literaturwissenschaften und Soziologie studiert, also die Analyse des Erzählens und die Wissenschaft dessen, was unser Zusammenleben bestimmt. Ihr im Verlag Wasser veröffentlichter Essay, von dem sie betont, dass er gar nichts anderes sein will als subjektiv geprägt, ist eine Einladung, über das Reden ins Gespräch zu kommen. Und darum auch: ein Appell, hinzuhören, zu fühlen, zu denken; damit geht einher, Verantwortung zu übernehmen für uns selbst und andere. Was nun hochgestochen klingen mag, aber barrierefrei und dankenswert unakademisch aufbereitet wird, zum Beispiel so:
„Was ich gelernt habe: ‚It’s never too late‘ ist eine Lüge, es ist schneller zu spät, als man glaubt. – ‚Reden ist Silber, Schweigen ist Gold‘ ist eine Lüge, miteinander reden ist Gold, alles andere ist Scheiße. – ‚Die Zeit heilt alle Wunden‘ ist eine Lüge, aktives Sich-mit-Dingen-Auseinandersetzen heilt viele Wunden. Die Zeit macht Gräben nur tiefer.‘
Auf gerade einmal 123 Seiten stellt Regina Dempf sich und uns allgemeingültige Fragen, die im ersten Moment irritieren können, aber vortrefflich zum Nachdenken anregen: Hat ISDN zur Entzauberung der Telekommunikation geführt, waren die frühen Chatrooms des noch jungen Internets die ersten New-Adult-Romance-Serien (inklusive unzuverlässiger Erzähler*innen)?
Die Autorin tippt das Paradox des Kommunikationskosmos an, der sich hinter den Wörtern „Geht’s dir gut“ öffnen kann, macht einen kurzen Abstecher zum Ablasshandel der katholischen Kirche, und wenn sie sich – die stets so eloquent Sprechende, Schreibende, Denkende – mit einem Barockbauwerk vergleicht, staunen wir über dieses Bild … zumal sie neben den vergoldeten Schwüngen auch die Krypta mit dem Steinsarg erwähnt, in dem etwas verrottet. Nur den Unterschied zwischen einem Papagei und den Sirenen, den hat Regina Denk in diesem schnellfeuernden Gedankenfeuerwerk möglicherweise nicht ganz treffsicher zum Einsatz gebracht.
Ein Essay ist immer eine persönliche Annäherung an ein Thema – weswegen man sich fragen darf, wie es um den Haussegen der Autorin bestellt ist …
REDEN MÜSSEN ist noch dazu ein persönliches Buch, irgendwo zwischen Selbsterkenntnis und Anklage, weswegen die Frage gestellt werden darf, ob Regina Denk zu hart ins Gericht geht mit ihrer Mutter, mal direkt und mal indirekt:
„Ich habe ein Talent entwickelt, das schimpft sich heute people pleasing. Es ist der Versuch, es anderen recht zu machen, ohne Fragen zu stellen, ohne infrage zu stellen. Ich schreibe deswegen Talent, weil ich es nicht nur sehr gut kann, sondern weil es mir jahrelang als Stärke verkauft wurde. Weil mein halbes Leben passieren musste, bevor ich selbst erkannt habe, dass das keine Stärke, sondern eine Schwäche, ja eine Krankheit ist: zu pleasen, anstatt zu reden, anstatt zu sagen, was man selbst will, was man braucht. Anstatt mich das Reden und richtige Kommunizieren zu lehren, hat man es mir ausgetrieben. Von außen wirkte ich schweigsam und still, so hat nie jemand das Chaos und die vielen Frage- und Ausrufezeichen in meinem Inneren bemerkt. Nicht einmal ich selbst.“
Regina Denk spricht außerdem die dunkle Seite der modernen Kommunikation an, das laute Gegeneinandersetzen von Aussagen im Internet – und zeigt immer wieder ihre eigene Verletzlichkeit, wenn sich beispielsweise die Kommentarspalte unter einem ihrer Artikel füllte. Kommunikation kann Halt und Sicherheit geben – und das genaue Gegenteil bewirken: Mit ihrem Buch fordert Regina Denk uns auf, unsere Haltung zur Kommunikation zu überdenken, den Austausch zwischen mindestens zwei Menschen, den man ein Leben lang immer wieder neu lernen, weil üben muss. Und sie hat Ideen, wie es für uns leichter werden kann, die Kommunikation mit anderen zuzulassen.
REDEN MÜSSEN ist ein schmaler Band, in dem Regina Denk – wie bereits erwähnt – nicht den Anspruch erhebt, ihr Thema in allen Facetten zu durchleuchten. Gerade deswegen hat mir das Buch gut gefallen: als Zäsur im Alltag, als Impulsgeber für das eigene Denken, natürlich auch als sympathische, weil eigene Probleme benennende Selbstdarstellung einer Frau, deren Strahlkraft mich immer wieder bereichert. Und die ich deswegen abschließend so zitieren möchte:
„Man kann sehr gut eine Sache sagen, aber eine andere meinen, man kann auch sehr wohl eine Sache hören und eine andere verstehen. Und man kann sogar Dinge sagen und schreiben, die in einigen Monaten, Jahren, Jahrzehnten vielleicht etwas völlig anderes bedeuten. Worte benutzen, die in neuem Kontext eine andere Färbung erhalten, aus dem Kontext heraus nicht mehr funktionieren, nicht mehr in Ordnung sind oder vielleicht ordentlicher werden. Sprache lebt, weil wir leben. An manchen Stellen intensiver, an anderen entspannter. Mal hitzig, mal erotisch, mal emotional, mal trocken, kühl, neutral, mal ernst, mal albern – laut und leise. Das ist Sprache. Das ist Reden. Solange wir reden, leben wir. Ich liebe es. Bis dass der Tod uns scheidet – so lange dürfen wir alles, nur eines sollten wir nicht: schweigen.“
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Ich habe dieses Buch selbst gekauft, auf der Leipziger Buchmesse, direkt von der Verlegerin. Bei meiner Rezension handelt es sich nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Regina Denk: REDEN MÜSSEN. Wasser, 2026


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