Die Skrupellosigkeit des Kapitalismus und der Fatalismus einer Dorfbevölkerung: Mit WIE SCHÖN WIR WAREN hat Imbolo Mbue einen Roman geschrieben, der gewaltig und gewaltvoll ist – und zu den Büchern gehört, von denen man sich wünscht, dass sie „bleiben“ werden.
„Eines Tages, wenn du alt bist, wirst du begreifen, dass es zwischen denen, die kamen, um uns zu töten, und jenen, die jetzt zu unserer Rettung eilen, keinen Unterschied gibt. Ganz egal, was sie vorgeben, sie alle sind überzeugt, dass sie die Macht besitzen, uns das zu nehmen oder zu geben, was ihr unendliches Bedürfnis stillt.“
Ein großer Wurf, ein ganz, ganz großer, und ein Buch, für dass ich Leser von geringem Verstand mir sehr wünsche, die richtigen Worte zu finden – denn ich empfinde WIE SCHÖN WIR WAREN als besonderes Erlebnis. Wenn Literatur sich dadurch definiert, dass sie unseren Blick auf die Welt weitet, wenn sie uns niederschmettert und gleichzeitig auffängt, wenn sie komplexe Wahrheit mit den Mitteln der Poesie zu etwas wandelt, das nahbar ist und tief schneidet: Ja, dann hat die in Kamerun geborene amerikanische Schriftstellerin Imbolo Mbue applauswürdige Literatur geschrieben. Oder doch eher eine griechische Tragödie, die sich in die Farben eines afrikanischen Dorfes hüllt, dessen Boden von Hoffnung, Blut und Öl getränkt ist?
Thula und ihre Freunde werden 1970 in einem Dorf geboren, zwei Tagesreisen mit dem Bus von der Hauptstadt entfernt, eingebettet in unberührte Natur – bis zu dem Tag, als man unweit von Kosawa Öl entdeckt und der amerikanische Konzern Pexton beginnt, es zu fördern, ohne Gedanken an die Anwohner zu verschwenden: Das Abwasser, das aus lecken Pipelines austretende Öl, die abgefackelten Gase, all das vergiftet den Fluss, den Boden und die Luft, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis immer mehr Kinder krank werden und sterben. Es gibt Beschwerden, die – wenn überhaupt wahrgenommen – beschwichtigt werden; es gibt Proteste, auf die mit Gewalt reagiert wird; es folgt nach einer brutalen Eskalation ein Moment der Hoffnung, von dem man ahnt, dass er flüchtig sein wird.
WIE SCHÖN WIR WAREN von Imbolo Mbue: ein Roman wie ein Faustschlag!
Auf 439 Seiten entfaltet sich ein Panoptikum, das in einem nicht näher definierten Land auf dem afrikanischen Kontinent spielt: Mal sind wir ganz nah bei den erzählenden Figuren wie Thula und ihrer Familie (Sahel und Yaya, wie sehr liebe ich euch!), mal hält uns der raunende Chor der „Kinder“ mit einem gewissen Abstand über das Geschehen auf dem Laufenden.
Was die Figuren eint – vielleicht mit Ausnahme von Thula, die später nach Amerika gehen wird, um dort zu studieren – ist die oft irritierende, aber gerade deswegen richtige Entscheidung der Autorin, ihre Charaktere nicht den Bedürfnissen westlicher Leser*innen anzupassen, sondern sich authentisch in ihre Perspektive zu versetzen. Die ist geprägt vom dörflichen Leben und Wertekosmos, den wir eventuell als rückständig empfinden, nebst patriarchaler „Ordnung“. Zum tief verwurzelten Glauben an das Übersinnliche kommt eine Grundhaltung, die ich in Ermangelung besserer Worte als stoisch bezeichnen würde: die gestorbenen Kinder werden betrauert, aber als Teil der Situation hingenommen; Unrecht wird beklagt, aber als gegeben akzeptiert; jene kleinen – für uns oft so naheliegenden – Schritte, die dabei helfen würden, eine Situation zu verbessern, werden vielleicht kurz angedacht, aber schnell als zu ungeheuer verworfen.
Wer zahlt den Preis für unser privilegiertes Leben?
Diese Be- und Verharren piekst und sticht deswegen so sehr, weil die Situation, in der die Menschen von Kosawa leben – und vielen anderen Dörfern, wie wir in einem kurzen Nebenabsatz erfahren –, schon seit Jahrhunderten so schrecklich aussichtslos ist, dass sie uns „westliche“, zentralheizungsverwöhnten Supermarktkunden mit ohnmächtigem Entsetzen würgt; schließlich bedarf es keiner Transferleistung zu erkennen, für wessen privilegiertes Leben hier ein schrecklicher Preis bezahlt wird.
Imbolo Mbue zeigt ohne einen Hauch Sentimentalität für ihre Figuren, was passiert, wenn Hoffnung und Wut mit einem totalitären System kollidieren. Und ja, man möchte dieses Buch – ich sage dies nun bewusst freundlich und aggressionsfrei – jeder gottverfickten Querdenk-Arschgeige in die strunzblöde Fresse dreschen, wenn sie im Zusammenhang mit Covid wieder von Diktatur und Unterdrückung in der Demokratie Deutschland faselt.
In Ermangelung der Originalkenntnis kann ich die Übersetzung von Maria Hummitzsch nur eingeschränkt beurteilen, möchte sie aber trotzdem lauthals preisen: WIE SCHÖN WIR WAREN hat einen ganz eigenen, für mich regelrecht hypnotischen Klang. Wenn ich nun mit einigen Tagen Abstand noch einmal die vielen mit Eselsohren gekrönten Seiten lese, wird mir einmal mehr bewusst, wie unbarmherzig dieses Buch in seiner Schilderung der Realität ist – und wie die Schläge, die uns die Autorin verpasst, doch durch ihren sprachlichen Samt zu etwas gewandelt werden, was zwar ungemein druckvoll ist, aber uns trotzdem atemlos weiterlesen lässt:
Sei es die brutale Entmenschlichung, mit der Schwache sich immer des Schwächeren bedienen, um ihre eigene Überlegenheit zu spüren, sei es der verführerische Glanz der Selbstbedienung in einem korrupten (oder auch nur kapitalistischen) System, seien es vergleichsweise harmlose Überzeugungen wie
„Ihr könnt allein sein, sagen die Männer. Ihr seid Frauen, ihr seid so gemacht, dass ihr Schmerzen ertragt“.
Gleichzeitig gibt es inmitten all der Schrecken, für die man mehr als eine Handvoll Triggerwarnungen brauchen würde, auch immer wieder Momente von solcher Zartheit, die sie sich wie Balsam über die geschundene Seelen von uns Lesenden legen.
Kann man den großen Roman von Imbolo Mbue neben einen bekannten Bestseller stellen – und wie ordnet man dieses Buch richtig ein?
Unter den Romanen, die mich in den letzten Jahren begeistert haben, nimmt WIE SCHÖN WIR WAREN eine besondere Stellung ein; wenn ich es mit einem anderen Werk vergleichen wollte, wäre dies DAS ACHTE LEBEN: FÜR BRILKA von Nino Haratischwili. Beide Autorinnen schreiben mit entfesseltem Talent für den großen Atem über Menschen in menschenfeindlichen Systemen, beide arbeiten sich an Machtmissbrauch der unterschiedlichsten Art ab, beide schenken uns Figuren, denen wir zujubeln wollen, die aber zu gut gezeichnet sind, um nur als einfache HeldInnen zu begeistern. (Man – und die große Buch-Verführerin Maria Christina Piwowarski – möge(n) mir nachsehen, wenn ich sage, dass ich das letzte Drittel von BRILKA leider schwach fand im Gegensatz zum furiosen Anfang; Mbue hat mich, außer vielleicht bei den etwas länglichen Briefen von Thula, durchgehend begeistert.)
„Die griechische Tragödie behandelt die schicksalhafte Verstrickung des Protagonisten, der in eine so ausweglose Lage geraten ist, dass er durch jedwedes Handeln nur schuldig werden kann“, kann man auf Wikipedia nachlesen: „Die sich immer deutlicher abzeichnende Katastrophe lässt sich trotz großer Anstrengungen nicht abwenden.“ Ob, wie Aristoteles für die Tragödie festlegt, dieser Roman auch eine Katharsis für das Publikum bedeuten kann, eine „Läuterung der Seele von diesen Erregungszuständen“? Vielleicht verrät dies schon die im brillant gewählten Titel mitschwingende Mischung aus Melancholie und Aufbegehren.
Brauchen wir in rauen Zeiten ebensolche Bücher? Vielleicht nicht. Vielleicht ist der Winter 2021 die richtige Zeit für Heiteres, Besinnliches, Erhebendes. Und doch, und ACH, und BITTE: Lest dieses Buch, das ein großes Publikum so sehr verdient hat. Und wenn ihr dann irgendwann in einer kalten Nacht ein „Wie schön wir waren“ in die Dunkelheit flüstert, als Kopfneigen vor den fiktiven und leider allzu realen Schicksalen, dann werdet ihr genau das Gefühl haben, dass ich für immer mit diesem Roman verbinden werde.
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Ich veröffentliche diese korrekturgelesene Rezension aus dem Dezember 2021 neu auf dem Blog, und zwar im Dezember 2025 – und habe keinerlei Erinnerung mehr, ob ich dieses Buch selbst gekauft oder als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten habe. Bei meiner Rezension handelt es sich so oder so nicht um eine beauftragte oder bezahlte Werbung: Sie gibt lediglich meine subjektive und unbeeinflusste Meinung wieder.
Imbolo Mbue: WIE SCHÖN WIR WAREN. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Kiepenheuer & Witsch, 2021.


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